DER HEIMATROMAN

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Völ­lig über­ra­schend erbt Fran­zis­ka die Hälf­te ei­nes Ho­tels in den Ti­ro­ler Ber­gen. Ei­nen Ha­ken hat die Sa­che je­doch: Ihr Mi­ter­be ist ein höchst at­trak­ti­ver, aber lei­der auch ziem­lich schwie­ri­ger Zeit­ge­nos­se … Fran­zis­ka ließ ver­träumt ih­ren Blick an der Fas­sa­de des Al­pen­ho­tels ent­lang­glei­ten. Es war Lie­be auf den ers­ten Blick. Sie war froh, dass sie so­fort ent­schie­den hat­te, hier­her­zu­kom­men und sich ihr Er­be an­zu­se­hen. Sie konn­te es im­mer noch kaum glau­ben. Sie – ei­ne Ho­tel­be­sit­ze­rin! Auch Se­bas­ti­an, ihr Freund, war to­tal be­geis­tert, als sie ihm von der Neu­ig­keit er­zählt hat­te. Doch als Fran­zis­ka über­leg­te, ih­ren lang­wei­li­gen Job bei der Bank zu kün­di­gen, um im Ho­tel ein­zu­stei­gen, war sei­ne Eu­pho­rie schlag­ar­tig ver­flo­gen. Auch ihr Vor­schlag, dass er ja mit­kom­men kön­ne, war bei ihm auf tau­be Oh­ren ge­sto­ßen. Doch sie woll­te sich das Ho­tel auf je­den Fall an­se­hen, be­vor sie ei­ne end­gül­ti­ge Ent­schei­dung traf. Und hier stand sie nun – und das, was sie sah, hat­te sie sich in ih­ren kühns­ten Träumen nicht vor­zu­stel­len ge­wagt. Das klei­ne Ho­tel „Zur Trau­be“war ganz im al­pi­nen Stil ge­hal­ten und be­saß vier­zehn Zim­mer, ei­nen Schwimm­teich und ei­ne Pan­ora­ma­ter­ras­se. Al­le Zim­mer wa­ren mit Zir­ben­holz-Mö­beln ein­ge­rich­tet, und die Bal­ko­ne bo­ten ei­nen herr­li­chen Blick auf die Gip­fel der Ti­ro­ler Ber­ge.

Wäh­rend Fran­zis­ka noch vor dem Ho­tel stand und sich gar nicht satt­se­hen konn­te, trat ihr ei­ne Frau um die sech­zig mit Flecht­fri­sur und Dirndl ent­ge­gen. „Grüß Gott! Sie sind be­stimmt die Frau Gru­ber?“„Rich­tig“, be­stä­tig­te Fran­zis­ka, „dann müs­sen Sie Frau Tan­ner sein. Die gu­te See­le des Ho­tels.“„Wie man’s nimmt, gell!“Frau Tan­ner lä­chel­te ver­le­gen. „Und sa­gen Sie bit­te Br­uni zu mir.“Die bei­den Frau­en wa­ren sich auf An­hieb sym­pa­thisch. Doch Fran­zis­kas gu­te Lau­ne be­kam ei­nen Dämp­fer, als sie er­fuhr, dass ihr Mi­ter­be Ma­xi­mi­li­an Kies­lin­ger be­reits ge­äu­ßert hat­te, das Ho­tel al­lei­ne füh­ren zu wol­len. Er hat­te schon ein Zim­mer in der „Trau­be“be­zo­gen. Fran­zis­ka war wü­tend und schwor sich, die­sem ihr bis­lang un­be­kann­ten Her­ren zu be­wei­sen, dass sie sich durch­aus weh­ren konn­te. Sie hat­te auch schon ei­ne Idee, wie sie es dem selbst­er­nann­ten Chef be­wei­sen wür­de. Gleich am nächs­ten Mor­gen be­gann Fran­zis­ka – ge­tarnt als Ur­lau­be­rin – die Re­zep­ti­on mit Be­schwer­den zu über­hau­fen. Die Da­me am Emp­fang gab schließ­lich ent­nervt auf und rief ih­ren neu­en Chef. Aber als Ma­xi­mi­li­an Kies­lin­ger auf sie zu­kam und sich nach ih­ren Wün­schen er­kun­dig­te, hät­te Fran­zis­ka ih­ren Ra­che­plan am liebs­ten auf­ge­ge­ben: Sie hat­te ein Ekel­pa­ket er­war­tet, statt­des­sen stand ein äu­ßerst at­trak­ti­ver Mann vor ihr! Doch Fran­zis­ka ließ sich nicht un­ter­krie­gen und setz­te ih­ren Plan fort. Den gan­zen Tag nör­gel­te sie über al­les und nichts. Am Abend platz­te Ma­xi­mi­li­an Kies­lin­ger schließ­lich der Kra­gen. Er bat sie, das Ho­tel zu ver­las­sen.

„Tja, das Pro­blem ist aber, dass Sie nur fünf­zig Pro­zent des Haus­rechts be­sit­zen“, ent­geg­ne­te Fran­zis­ka. Und nach ei­ner Pau­se füg­te sie tri­um­phie­rend hin­zu: „Mir ge­hört näm­lich die an­de­re Hälf­te.“„Aber … dann sind Sie ja …“„Fran­zis­ka Gru­ber, Ih­re Mi­ter­bin!“„Kru­zi­tür­ken, mit Ih­nen hab ich net ge­rech­net.“Er war wü­tend und fas­sungs­los zu­gleich. In­zwi­schen be­reu­te Fran­zis­ka längst, nicht ehr­lich ge­we­sen zu sein, und sie woll­te

ret­ten, was zu ret­ten war.

„Be­mü­hen Sie sich nicht“, ent­geg­ne­te er kühl. „Das Tes­ta­ment sieht vor, dass wir uns das Ho­tel tei­len. Ab so­fort küm­mern Sie sich um die Zim­mer mit den un­ge­ra­den Zah­len! Ich be­treue da­ge­gen die mit den ge­ra­den Num­mern.“Fran­zis­ka stimm­te über­rum­pelt zu. So­mit war die Ent­schei­dung ge­fal­len: Sie wür­de auf je­den Fall hier blei­ben! In der nächs­ten Zeit spra­chen die bei­den nur ge­schäft­lich mit­ein­an­der. Kei­ner von ih­nen konn­te sich über­win­den, auf den an­de­ren zu­zu­ge­hen. Br­uni ver­such­te zag­haft, die jun­gen Leu­te zu­sam­men­zu­brin­gen. Doch nichts half. Der Ho­tel­be­trieb be­gann dar­un­ter zu lei­den. Die At­mo­sphä­re stimm­te nicht, und das spür­ten die Gäs­te. So konn­te es beim bes­ten Wil­len nicht wei­ter­ge­hen. Nach kur­zer Zeit warf Fran­zis­ka schließ­lich das Hand­tuch. „Se­bas­ti­an“, ge­stand sie klein­laut am Te­le­fon, „ich glau­be nicht, dass ich es schaf­fe.“„Mach dir nichts draus“, er­wi­der­te er iro­nisch.

„Ich hab’s dir ja ge­sagt. Komm heim.“Se­bas­ti­an ver­sprach ihr, sie am nächs­ten Tag ab­zu­ho­len, und Fran­zis­ka pack­te schwe­ren Her­zens ih­re Sa­chen. Br­uni sah die­se Ent­wick­lung mit Sor­ge. So ein Jam­mer! Das Mä­del konn­te doch jetzt nicht so ein­fach auf­ge­ben. Br­uni muss­te han­deln!

„Schö­nes Ho­tel“, mein­te Se­bas­ti­an, als er Fran­zis­ka ab­hol­te. „Dein Teil wird or­dent­lich Geld brin­gen.“

„Mag sein“, er­wi­der­te Fran­zis­ka trau­rig. Ihr Blick glitt ein letz­tes Mal über das lieb ge­won­ne­ne An­we­sen. Im nächs­ten Mo­ment kam Ma­xi­mi­li­an Kies­lin­ger mit sei­nem Jeep her­an­ge­braust. „Wie gut, dass

Br­uni mich an­ge­ru­fen hat. Sie wol­len sich al­so heim­lich aus dem Staub ma­chen“, stieß er ver­ächt­lich her­vor. „Es stimmt of­fen­bar, was

Sie mir über Frau Gru­ber ge­sagt ha­ben“, sag­te er zu Se­bas­ti­an.

„Ihr kennt euch?“Fran­zis­ka schau­te zwi­schen den Män­nern hin und her. „Frei­lich“, er­wi­der­te Ma­xi­mi­li­an grim­mig. „Er hat mich ja gleich kon­tak­tiert, als die Erb­schaft fest­stand!“Fran­zis­ka starr­te ih­ren Freund ent­setzt an. Doch Se­bas­ti­an saß nur mit ver­knif­fe­nem Ge­sicht ne­ben ihr und schwieg. „Ja. Ihr Freund hat mich vor Ih­nen ge­warnt! Sie wä­ren flat­ter­haft und über­haupt nicht an dem Ho­tel in­ter­es­siert!“Fran­zis­ka hol­te tief Luft. „Stimmt das, Se­bas­ti­an?“„Ich ha­be es nur zu dei­nem Bes­ten ge­tan“, ant­wor­te­te er trot­zig.

Fran­zis­ka zit­ter­te vor Wut. „Aber jetzt ist es wohl zu spät für ei­nen neu­en Ver­such?“, frag­te Ma­xi­mi­li­an zer­knirscht. „O nein, ich blei­be hier“, ent­schied Fran­zis­ka. „Wenn du das tust, sind wir ge­schie­de­ne Leu­te.“„Tja, bes­ser jetzt als spä­ter“, er­wi­der­te sie en­er­gisch.

„Dann viel Glück“, rief Se­bas­ti­an gif­tig und ras­te mit dem Wa­gen da­von. „Ein En­de mit Schre­cken ist bes­ser als ein Schre­cken oh­ne En­de“, gab Br­uni tro­cken von sich. Mit zu­frie­de­ner Mie­ne trug sie den ers­ten Kof­fer zu­rück in Fran­zis­kas Kam­mer.

Die bei­den Ho­te­ler­ben sa­hen sich ver­le­gen an. Dann muss­ten sie la­chen. „Wuss­test, dass ich dich von der ers­ten Se­kun­de an be­zau­bernd fand? Sind wir wie­der Freun­de?“„Freun­de“, ent­geg­ne­te sie und lä­chel­te. „Mir ging es ge­nau­so. Ob­wohl ich mir fest vor­ge­nom­men hat­te, dich un­aus­steh­lich zu fin­den.“„Komm‘!“Ma­xi­mi­li­an nahm ih­re Hand. „Wir schaf­fen das schon zu zweit, gell?“Fran­zis­ka sag­te nichts. Doch der über­glück­li­che Ma­xi­mi­li­an las die Zu­stim­mung in ih­ren Au­gen.

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