VER­RÜCK­TE JAH­RE

Vertical (German) - - EDITORIAL - Clau­de Gar­di­en

1985 taucht in den Re­ga­len der Zeit­schrif­ten­händ­ler ein völ­lig neu­es Ma­ga­zin für den Berg­sport auf – sie­ben Jah­re spä­ter als zwei an­de­re Fach­ma­ga­zi­ne, die zu die­sem The­ma auf den Markt ge­kom­men sind. In die­ser kur­zen Span­ne hat sich aber viel ge­tan, und die­je­ni­gen, die da­mals die Erst­aus­ga­be in den Hän­den hiel­ten, wer­den sich gut dar­an er­in­nern. Ob die Grün­der je­mals zu wa­gen hoff­ten, dass ihr Ba­by einst sein 30. Ju­bi­lä­um fei­ern wür­de? Vie­le der Vä­ter sind selbst längst ver­stor­ben und da­mit auch wie­der Teil der Ge­schich­te von Ver­ti­cal ge­wor­den. In den 1980er Jah­ren blick­te die Al­pin­ge­mein­de nicht in die Zu­kunft, son­dern war stramm im Hier und Jetzt ver­an­kert. Der Mo­ment zähl­te, die nächs­te Ab­fahrt, der nächs­te Gleit­flug und die nächs­te Rou­te – je wil­der, des­to bes­ser. Mit Je­anM­arc Boi­vin be­gann der Tag einst mit der Ab­fahrt durchs Cun­ningham-Cou­loir an der Ai­guil­le du Midi, dann wei­ter in sei­nem Al­fa nach Sü­den für ei­nen Se­gel­flug ir­gend­wo im De­part­ment Sa­vo­ie, um an­schlie­ßend nach Pres­les zu ra­sen, wo es ei­ne Rou­te zu klet­tern galt. Abends, zu­rück in Cha­mo­nix, streck­te sich Je­an-Marc ge­nüss­lich und mein­te: „ Nicht schlecht!“Es war nichts Be­son­de­res, nur ein Tag wie je­der an­de­re. Si­cher­lich mag man heu­te an­ge­sichts sol­cher ab­sur­den Ta­ge den Kopf schüt­teln, den­noch trägt der Al­pi­nis­mus der Ge­gen­wart das Er­be der 1980er Jah­re zwei­fels­frei in sich. Das Sport­klet­tern und der Frei­geist die­ser Zeit ha­ben die ze­men­tier­te Berg­stei­ger­welt mehr als al­les an­de­re durch­ge­rüt­telt. Wir be­ob­ach­te­ten die Klet­te­rer im ach­ten Fran­zo­sen­grad und träum­ten da­von, was sie wohl in den Ber­gen an­stel­len könn­ten. Die Zeit ist ge­kom­men und hat selbst die kühns­ten Träu­me über­trof­fen. In den sorg­lo­sen 1980er Jah­ren kann­te man na­he­zu kei­ne Gren­zen, und mit dem Ber­li­ner Mau­er­fall schien ei­ne neue Ära des Frie­dens und Wohl­stan­des zu be­gin­nen. Die Ber­ge der Welt schie­nen plötz­lich al­len of­fen zu ste­hen. Die Stars der Sze­ne hat­ten be­reits vor­ge­macht, was im Al­pin­stil al­les mög­lich sein wür­de.Aber manch­mal ver­läuft die Ge­schich­te an­ders, als er­war­tet, und die Er­eig­nis­se neh­men ei­nen an­de­ren Ver­lauf, als er­hofft. Den­noch bie­tet das 1985 noch un­zu­gäng­li­che Chi­na heu­te end­lo­se Mög­lich­kei­ten. Das Hog­gar-Ge­bir­ge ent­wi­ckel­te sich zum Klas­si­ker und das Wa­di Rum mau­ser­te sich zum glo­ba­len Hots­pot der Klet­ter­sze­ne. Heu­te gilt es genau ab­zu­wä­gen, ob man ru­hi­gen Ge­wis­sens ei­nes die­ser Zie­le an­steu­ern kann. Auch ei­ni­ge jun­ge Berg­stei­ger muss­ten sich vie­le Fra­gen stel­len, be­vor sie im ver­gan­ge­nen Som­mer letzt­lich doch in den Ka­ra­ko­rum auf­bra­chen. Sie ent­schie­den sich für das Ri­si­ko, weil die Lust auf Neu­land und Aben­teu­er zu groß war. Ihr Be­richt schürt je­den­falls Hoff­nung, dass auch 30 Jah­re nach den Spa­ß­jah­ren nicht al­les bit­te­rer Ernst ist.

Fo­to Vin­cent Mer­cié.

Chris­to­phe Pro­fit so­lo an den Drus:

High­light der 1980er Jah­re.

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