DO­LO­MI­TEN Ci­ma dei Las­tei, 2 844 Me­ter, Per­laNe­ra, 6a, 750 Me­ter.

Aus der Nä­he be­trach­tet, sind die Do­lo­mi­ten wei­test­ge­hend kaum be­kannt. Die meis­ten Berg­stei­ger fin­den sich re­gel­mä­ßig an den viel fre­quen­tier­ten Top-Spots ein. Wer aber be­reit ist, ab­seits aus­ge­tre­te­ner Pfa­de zu klet­tern, stößt schnell auf fel­si­ge Schätz

Vertical (German) - - VERTICAL KLASSIKER -

Text und Fo­tos: Phil­ip­pe Brass. Auf der letz­ten Seil­län­ge holt uns der Ne­bel ein. Nach ei­nem son­ni­gen Tag zeich­net sich ein düs­te­rer Nach­mit­tag ab, der von di­cken, un­durch­dring­li­chen Schwa­den be­stimmt wird. Oh­ne sie zu Ge­sicht zu be­kom­men, wis­sen wir, dass auch noch an­de­re Berg­stei­ger auf dem Weg zum Gip­fel des Ci­ma dei Las­tei sind. Schon ei­ni­ge Zeit ha­ben wir ih­re Stim­men ge­hört, als wir sie am Be­ginn des Ab­stiegs tref­fen. -„ Wo kommt ihr her?“-„ Aus der Per­la Ne­ra, herr­lich, und ihr?“-„ Der Cap­pel­ari-Lot­to, ziem­lich lang! Wo­her stammt ihr?“Als sie er­ken­nen, dass wir, Va­ter und Sohn, aus Frank­reich stam­men, ge­ra­ten sie ins Stau­nen. Ei­gent­lich ist un­se­re Rou­te nur un­ter den Lo­cals be­kannt. Fran­zo­sen trifft man meist nur an den be­rühm­ten Rou­ten der Drei Zin­nen oder der Mar­mo­la­ta! Schon selt­sam, welch gro­ße Rol­le die Be­kannt­heit ei­ner Rou­te spielt. Hier ins Val­lo­ne del Le­de beim Pa­le di San Mar­ti­no ver­lau­fen sich nur we­ni­ge, und wenn, dann eher für be­kann­te­re und bes­ser do­ku­men­tier­te Zie­le, al­len vor­an der Spi­go­lo del Ve­lo. Be­mer­kens­wert ist, dass dies aber nicht nur für die aus­län­di­schen Klet­te­rer gilt, son­dern auch für vie­le ita­lie­ni­sche Berg­stei­ger, die das Mas­siv kaum ken­nen. Es scheint, als wür­de der Sek­tor an über­mä­ßi­ger Dis­kre­ti­on und der Be­schei­den­heit sei­ner Rou­ten­ein­rich­ter lei­den.Vi­el­leicht ist es aber auch der Man­gel an Neu­gier, der an­de­re Klet­te­rer von die­sen Tou­ren ab­hält. Da­zu kommt si­cher­lich, dass die ak­tu­el­len Aus­wahl­füh­rer, ob auf Eng­lisch, Deutsch oder Fran­zö­sisch, im­mer wie­der nur die ewi­gen Klas­si­ker neu auf­le­gen, die seit je­her den Do­lo­mi­ten-My­thos be­herr­schen. Mein In­ter­es­se an der Per­la Ne­ra ist be­reits Jah­re zu­vor ent­stan­den, als ich ein To­po in der Tre­vi­so-Hüt­te fand. Der aus­kunfts­freu­di­ge Hüt­ten­wart Tul­lio hat­te den schö­nen Fels und die Qua­li­tät der Klet­te­rei eben­so ge­lobt wie die tol­len Si­che­rungs­mög­lich­kei­ten: „ tut­ta cles­sid­re“(al­les mit Sand­uh­ren)! Wie meist in den Pa­le gibt es kei­ne Ris­se. Die Klet­te­rei fin­det aus­schließ­lich an löch­ri­gem und wa­ben­über­sä­tem Fels statt. Ha­ken sind sel­ten, und die Si­che­rung er­folgt haupt­säch­lich an ge­fä­del­ten Reep­schnü­ren, was auch für die Stän­de gilt. Die Per­la Ne­ra er­hebt sich in di­rek­ter Li­nie von der Ba­sis zum Gip­fel, wäh­rend die an­de­ren Rou­ten sich weit ver­schlun­ge­ner zei­gen. Hier ist die Klet­te­rei je­den­falls oh­ne Rück­sicht auf leich­te­re Al­ter­na­ti­ven tech­nisch und grad­li­nig. Ein ech­tes Meis­ter­werk der mo­der­nen Zei­ten der Pa­le-Er­schlie­ßung. Die Schwie­rig- kei­ten sind nicht ex­trem, aber durch­gän­gig. Eben hoch ge­nug, um den Klet­te­rer in den schwie­ri­gen Pas­sa­gen or­dent­lich zu for­dern. Hier ent­schei­den das tech­ni­sche Kön­nen des Ein­zel­nen und sein Ori­en­tie­rungs­sinn über die Si­cher­heit. Seit der Erst­be­ge­hung durch Wiess­ner, Si­mon und Kees 1927 sind fünf wei­te­re Rou­ten in der Süd­wand ent­stan­den. Per­la Ne­ra bil­det ge­wis­ser­ma­ßen das Fi­na­le, ei­nen herr­li­chen Schluss­punkt. Initia­tor war Sil­vio Cam­pa­gno­la, ein Chir­urg aus Ve­ro­na, der so be­geis­tert vom Val­lo­ne del Le­de war, dass er ab 1995 sei­ne gan­ze Frei­zeit hier ver­brach­te. Dank sei­ner gründ­li­chen Er­kun­dung der Gip­fel ge­lan­gen ihm be­mer­kens­wer­te, an­spruchs­vol­le Tou­ren. Schließ­lich ver­fass­te er auch das To­po des Val­lo­ne, in dem sich prä­zi­se Be­schrei­bun­gen der Rou­ten über das kaum be­kann­te Ge­biet fin­den. Mein ers­ter Ver­such schei­ter­te schnell an ei­ner was­ser­über­spül­ten ers­ten Seil­län­ge und di­ckem Ne­bel, der so­gar den ei­ge­nen Seil­part­ner nach we­ni­gen Me­tern ver­schluck­te. Bei sol­chen Be­din­gun­gen wird die Ori­en­tie­rung in der ge­wal­ti­gen Wand äu­ßerst schwie­rig, vom Klet­ter­spaß gar nicht zu re­den. Doch dies­mal ist die Son­ne an­we­send, und selbst die Feuch­tig­keit in den bei­den ers­ten Seil­län­gen kann den En­thu­si­as­mus un­se­res Fa­mi­li­en­teams nicht brem­sen. Wir klet­tern durch den grau­en und schwar­zen Oze­an der Wand, in der sich herr­li­che Über­hän­ge, klei­ne Dä­cher und stei­le Plat­ten an­ein­an­der­rei­hen. Hier gilt es, den rich­ti­gen Weg auf­zu­spü­ren und in­stink­tiv die rich­ti­ge Griff­fol­ge zu er­tas­ten: ein Traum für je­den Klet­te­rer. Den­noch darf die Freu­de nicht die Rea­li­tät ver­drän­gen: Die Wand ist ge­wal­tig, der Zustieg lang und führt ent­lang der „ ca­na­li nas­co­ti“(ver­steck­ten Cou­loirs). Die Wild­heit des Ge­län­des trägt zu der Schön­heit der Rou­te bei. Die An­kunft am Vor­gip­fel si­gna­li­siert das En­de der Schwie­rig­kei­ten und ver­setzt den Klet­te­rer in ein al­pi­nes Uni­ver­sum, in dem Cou­loirs und leich­te Gra­te an­stel­le der vor­he­ri­gen Aus­ge­setzt­heit zum Gip­fel füh­ren. Das gro­ße Cou­loir zwi­schen Ci­ma dei Las­tei und Ci­ma del­la Man­stor­na ist tro­cken und schnee­frei und öff­net uns den Weg zum Val Ca­na­li und der Tre­vi­so-Hüt­te. Ein Ab­stieg, be­glei­tet vom ge­heim­nis­vol­len Am­bi­en­te der ne­bel­ver­han­ge­nen Pa­le, der in ei­ner Ge­gend en­det, die auch Di­no Buz­za­ti lieb und teu­er ist – und die, die ent­spre­chen­de Neu­gier­de vor­aus­ge­setzt, auch bei an­de­ren bald auf dem Plan ste­hen wird.

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