Das deutsche Natur­vok­ab­u­lar ist ein Wun­der der Sprach

Le vo­cab­u­laire de la na­ture en alle­mand est un mir­a­cle de la langue

Vocable (All English) - - Édito | Sommaire - VON MATTHIAS HEINE

L’éven­tail col­oré du vo­cab­u­laire de la na­ture in­spire depuis longtemps les poètes alle­mands

Le vo­cab­u­laire des cris et chants d’oiseaux est très riche, surtout chez nos voisins ger­mains : les au­teurs ger­manophones dis­posent d'une ex­traor­di­naire pal­ette de mots et de verbes pour par­ler de la na­ture. Un vivier mélodieux qui pour­rait avoir large­ment con­tribué à leur in­ven­tiv­ité.

Mit zahllosen Ver­ben kann man im Deutschen den Nachti­gal­lenge­sang beschreiben. Kaden­zte sie? Flötete, schmetterte, russte oder gir­rte sie? Tir­ilierte sie gar, wie es E.T. A. Hoff­mann nennt, während Schubart glucken bevorzugt? Auch mit trillern, wirbeln, schluchzen, rollen, pfeifen, dichten und knar­ren hat man ver­sucht, die Laute zu beschreiben, die die Nachti­gall von sich gibt.

RESTE DER PARADIESSPRACHE

2. Der beson­dere Re­ich­tum des Deutschen an solchen laut­mal­en­den Wörtern galt den Dichtern und Gram­matik­ern, die im Barockzeital- ter den Rang un­serer Sprache gegen Franzö­sisch und Latein vertei­digten, als Beweis für ihren Wert. Jus­tus Ge­org Schot­telius schrieb, dass sich in der deutschen Sprache „die Natur völ­lig und aller dinges aus­gear­beitet hat“, die deutschen Wörter hät­ten „ den gehöri­gen Laut“, also diejenige Lau­tung, die auch den beze­ich­neten Ge­gen­stän­den eigen ist.

3. Dem lag die Idee einer Paradiessprache zu­grunde. Im Garten Eden, so ar­gu­men­tierte man, hät­ten sich sämtliche Ei­gen­schaften eines Ge­gen­standes gewis­ser­maßen natur- sprach­lich in den Sprachze­ichen mit­geteilt. Das Deutsche, so mein­ten die Gelehrten, sei näher dran an diesem Urzu­s­tand als das damals die Welt be­herrschende Franzö­sisch, welches ja doch nur ein „verderbtes“Latein sei.

4. Der Ger­man­ist und Schrift­steller Peter Krauss stützt nun die alte Grun­dan­nahme der Barock­gram­matiker, wonach das Deutsche beson­ders viele Ono­matopo­et­ika habe, zu­min­d­est in einem Bere­ich. Zwar heißt sein Hand­wörter­buch der Vo­gel­laute „ Singt der Vo­gel, ruft er oder schlägt er?“, aber in der Ein­leitung schreibt Krauss, dass in Wahrheit eigentlich er­staunlich wenige Vögel sin­gen, schreien, rufen oder schla­gen: „Die meis­ten haben ihre präzisen Ver­ben, die hier zum er­sten Male sys­tem­a­tisch er­fasst wor­den sind.“

Vor allem aber ver­schwinden die Vögel selbst und mit ih­nen ihr Ge­sang.

DER NA­TURE WRITER HER­MANN LÖNS

5. Krauss’ Buch ist das, was in den Natur­wis­senschaften unter dem Ti­tel „Me­tas­tudie“in Mode gekom­men ist. So sys­tem­a­tisch wie möglich hat er Quellen durch­forstet (sel­ten war das Verb so am Platz wie hier) – von den na­he­liegen­den Klas­sik­ern wie „Brehms Tier­leben“, dem „ Adelung“oder dem „Deutschen Wörter­buch“der Grimms und ihrer Nach­fol­ger über Fach­bücher von Vo­gelkundlern und Jägern bis hin zur schö­nen Literatur.

6. Wenig über­raschend ist, dass unter den Schrift­stellern der einst pop­ulärste deutsche Na­ture Writer Her­mann Löns am häu­fig­sten zi­tiert wird, aber auch Thomas Mann kommt vor. Mit seiner Meth­ode folgt Krauss den Ratschlä­gen, die Got­tfried Wil­helm Leib­niz, der auch ein Sprachre­former war, Ende des 17. Jahrhun­derts in seiner „Ermah­nung an die Deutschen“und den „Un­vor­grei­flichen Gedanken“for­muliert hatte: Man müsse die Wörter­bücher der Berufs- und Son­der­sprachen un­ter­suchen, um den deutschen Wortschatz zu mehren. Beson­ders emp­fahl er die Jagdlexika.

7. Es hätte den Fran­zosen­fre­und Leib­niz ver­mut­lich er­freut, den Pa­tri­oten Schot­telius hinge­gen be­trübt, dass in Krauss’ Bre­vier jetzt Werke, die im verderbten Franzö­sisch ver­fasst sind, na­hezu genauso häu­fig zi­tiert wer­den wie deutsche. Aber bei einem Au­tor, der seit 1970 franzö­sis­cher Staats­bürger ist und in der vo­gel­re­ichen Ca­mar­gue lebt, ist das natür­lich na­he­liegend.

ALS MAN FINKEN DIE AUGEN AUSSTACH

8. Außer­dem wäre es schade, eine Sprache, die für die Nachti­gall ein so er­heben­des Wort wie Ros­sig­nol hat, in einem Buch zu ig­nori­eren, in dem es um die Schön­heit der Tier­welt und die Schön­heit des Aus­drucks geht. Zum Ver­gle­ich: Die zwei chi­ne­sis­chen Schriftze­ichen für die Nachti­gall be­deuten ein­fach nur Nacht Vo­gel.

9. Man müsste selbst zur Nachti­gall oder wenig­stens zu ihrem Fast-schon-Dop­pel­gänger, der Lerche, wer­den, um dieses Buch angemessen zu würdi­gen: „Ach, wo ist dat schön! Schön is dat! Schön, schön!“(diese Wörter wer­den dem Ge­sang der Lerche laut dem Grimm gele­gentlich von men­schlichen Ohren un­ter­legt, im Glauben, der Vo­gel ergötze sich am eige­nen Ge­sang). Ein beglück­enderes Buch als dieses wird der deutsche Lit­er­atur­markt in diesem Som­mer, ja vielle­icht im ganzen Jahr 2017 nicht mehr her­vor­brin­gen.

10. Dazu trägt nicht allein die Wis­sens- und Zi­taten­fülle, son­dern auch die Gestal­tung bei: wie im­mer bei Matthes & Seitz schön gebun­den auf an­genehmem Pa­pier und gespickt mit Re­pro­duk­tio­nen aus al­ten Vo­gel­büch­ern. Diese sind übri­gens beze­ich­nen­der­weise alle britis­chen Ur­sprungs; die Na­tion der Birdspot­ter kommt also über das Op­tis­che auch noch in diesem wahrhaft eu­ropäis­chen Werk vor.

11. Was da gefeiert wird, ist aber gle­ich in mehrfacher Hin­sicht die Schön­heit einer un­terge­hen­den Welt: So wun­der­voll wie die al­ten Briten ze­ich­net im Zeital­ter von Dig­i­tal­fo­tografie und Teleob­jek­tiv keiner mehr Vögel. Und so genau wie die Vorväter will heute auch gar nie­mand mehr deren Ge­sang beschreiben.

12. Es gilt schließlich nicht mehr, sie anzu­locken oder ihre Nester zu finden, um sie zu ver­speisen – in Er­lan­gen soll 1904 ein Händler an einem einzi­gen Tag 170 frische Kieb­itzeier als De­likates- se verkauft haben und ein Jahr später warnt der „Große Larousse“vor dem „öli­gen Geschmack“des Rohrdom­melfleis­chs. Es hält sich auch kaum noch je­mand Finken oder an­dere Wild­vögel im Kä­fig, wie es in den Zeiten vor Ra­dio, Schallplatte und In­ter­net üblich war – den Finken stach man sogar die Augen aus, weil sie dann ange­blich schöner san­gen.

13. Vor allem aber ver­schwinden die Vögel selbst und mit ih­nen ihr Ge­sang. Win­dräder zer­hacken sie, Au­tos zer­matschen sie, Umwelt­gifte machen sie weniger wider­stands­fähig und re­duzieren die einst schier uner­messliche Zahl der Insek­ten, von de­nen sie sich ernähren, und eine monokul­turelle Land­wirtschaft zer­stört ihre Leben­sräume. Krauss’ Buch ist be­wusst oder un­be­wusst der Ver­such, et­was festzuhal­ten, bevor es möglicher­weise vergeht. Der Au­tor dieses Ar­tikels hat als Kind regelmäßig Eisvögel gese­hen. Durch die Be­gradi­gung von Flus­släufen und Bächen ist auch diesem beson­ders schillern­den Tier die Lebens­grund­lage ent­zo­gen wor­den.

KEINE AUSREDE MEHR FÜR ÜBERSETZER

14. Nun haben zwar die Übersetzer dank Krauss keine Ausrede mehr, zu den ewig gle­ichen Ver­ben sin­gen, schla­gen, rufen zu greifen, wenn sie Vo­gelge­sangs­beschrei­bun­gen aus möglicher­weise wortärmeren Sprachen über­tra­gen. Nur wird man dafür zu­min­d­est in der Ge­gen­wart­slit­er­atur vielle­icht gar keinen Bedarf mehr haben.

15. Aber wenn der let­zte Vo­gel und der let­zte Natur­dichter ver­s­tummt sind, wird man im­mer noch dieses Büch­lein in die Hand nehmen kön­nen und staunen über das, was es alles mal gab. Es ist ein säku­lares Ge­bet an die Wun­der der Natur und die Wun­der der Sprache.

(CC Pix­abay)

Pfeifen kleine Meisen?

(CC Pix­abay)

Knarrt der Fink?

(CC Pix­abay)

Trillert die Nachti­gall?

Newspapers in English

Newspapers from France

© PressReader. All rights reserved.