Wind­krafträder auf Misthaufen

Eoli­ennes sur tas de fu­mier

Vocable (All English) - - Édito | Sommaire - VON CHRISTOPH SCHRÖDER

“Bran­de­bourg”, la nou­velle fresque ru­rale de Juli Zeh

Un­ter­leuten, un vil­lage dans le Bran­den­bourg, c’est ici que nous em­mène Juli Zeh dans son dernier ro­man éponyme (“Bran­de­bourg” en français). Elle dresse le por­trait de tous ses habi­tants : un petit cou­ple plein de pro­jets, un garag­iste es­quinté, un pro­prié­taire qui a fait une af­faire. Elle adopte tour à tour la per­spec­tive de cha­cun. Au fur et à mesure, les choix des uns mè­nent au mal­heur des autres et la fresque ru­rale vire au cauchemar.

Das

bran­den­bur­gis­che Land ist sowohl Sehn­suchts- als auch Kul­mi­na­tion­s­ge­biet. Hier, im weiten, fl achen Gür tel der Haupt s t adt , p ra l len Vorstel­lungs wel­ten und Lebensen­twürfe aufeinan­der. Juli Zeh, 1974 in Bonn ge­boren, pro­movierte Juristin, Ab­sol­ventin des Deutschen Lit­er­a­turin­sti­tuts in Leipzig, weiß, wovon sie spricht und worüber sie schreibt: Vor eini­gen Jahren hat sie ein Haus in einem Dorf in Bran­den­burg gekauft und lebt dort mit Mann und Kind. Der Weiler Un­ter­leuten, der ihrem neuen Ro­man den Ti­tel gibt, dürfte also eine Zus­pitzung von eigener Er­fahrung und trotz­dem reine Fik­tion sein. Das ist im Grunde für einen Ro­man nicht wichtig, aber es erk­lärt die größte Stärke, die Zehs mehr als 600 Seiten dicken Ro­man ausze­ich­net: Jede Figur ist in einer unge­heuren Ge­nauigkeit, Dif­feren­ziertheit und Plas­tiz­ität aufge­baut und geze­ich­net. 2. Das ist umso be­merkenswerter, als dass es in „Un­ter­leuten“keine Haupt- und Neben­fig­uren gibt, son­dern ein knappes Dutzend gle­ich­berechtigter Erzählstim­men, die das Geschehen wech­sel­weise und aus jew­eils streng sub­jek­tiver Per­spek­tive im­mer wieder neu beleuchten. Das ist der Clou des Ro­mans und gle­ichzeitig die Grund­lage des Kom­mu­nika­tion­s­mod­ells, von dem Zeh aus­geht. Sprache di­ent den Men­schen in Un­ter­leuten nicht der Ver­ständi­gung, son­dern trägt im­mer nur zum Missver­ständ­nis bei, bis sich die fein bis in die DDR-Ver­gan­gen­heit hineinge­sponnenen Erzählfä­den zu einem de­r­art unüber­sichtlichen Knäuel ver­wirrt haben, dass nur noch ein Mit­tel hilft, das Chaos aufzulösen: Ge­walt.

ERWARTUNG EINER ENGAGIERTEN HALTUNG

3. An Juli Zeh, die ganz be­wusst den aus der Mode gekomme­nen Habi­tus der poli­tis­chen Schrift­stel­lerin im klas­sis­chen sozialdemokratis­chen Stil pflegt, wird mit je­dem neuen Buch die Erwartung einer engagierten Haltung herange­tra­gen. Zunächst ein­mal aber ist „Un­ter­leuten“enorm un­ter­halt­sam und handw­erk­lich raf­finiert gemacht. Ein Ge­sellschaft­sro­man, wie der Ver­lag be­hauptet. Ja, auch das. In er­ster Linie aber ein Ro­man über ein Dorf, an dessen Struk­turen sich gesellschaftliche Phänomene able­sen lassen.

4. Um in einem Dorf et­was in Bewe­gung zu brin­gen, braucht es einen Kon­flikt. Dessen Herd tritt in Un­ter­leuten auf in Gestalt eines west­lichen Grund­stücksspeku­lanten, der still und heim­lich einen nicht un­be­trächtlichen Teil der zum Verkauf

ste­hen­den Brach­flächen gekauft hat. Und in Per­son eines jun­gen Mannes, der auf einer Bürg­erver­samm­lung die Pläne zur Er­rich­tung von zehn Win­drädern ober­halb von Un­ter­leuten er­läutert. Das bringt die Dinge ins Rutschen.

5. Der Ro­man um­fasst einen Zeitraum von noch nicht ein­mal zwei Monaten im Juli und August 2010. Danach wird das Dorf Un­ter­leuten ein an­deres sein. Ob das gut oder schlecht ist, mag of­fen­bleiben. „Un­ter­leuten“, so heißt es, „war das re­in­ste Panop­tikum.

6. Wenn sich Daten­schützer in der Zeitung we­gen Überwachung im In­ter­net ereifer­ten, musste Kron regelmäßig lachen. Man musste nur ein han­del­sübliches Dorf be­suchen, um zu ver­ste­hen, was der gläserne Men­sch tat­säch­lich war.“Diese Gedanken stam­men von dem al­ten Kron, ein ehe­ma­liger Kom­mu­nist und eines der bei­den Al­phamän­nchen in Un­ter­leuten. Kron ist ein kleiner, schmaler, ver­bit­terter Kerl mit zer­schla­genem Bein (die Hin­ter­gründe dieses ange­blichen Un­falls vor rund 20 Jahren bilden den Ur­grund für die Kon­flik­tlin­ien), der nach der Wende alles ver­loren hat und nun einen er­bit­terten Kleinkrieg führt gegen seinen al­ten Kon­tra­hen­ten Gom­browski, A lpha- män­nchen Num­mer zwei; kör­per­lich das ex­akte Ge­gen­teil, mas­sig, schlau, macht­be­wusst.

EIN OST-WEST-DEUTSCHER MENTALITÄTSAUFPRALL

7. Gom­browski hat den ehe­ma­li­gen LPGBetrieb in ein pri­vatwirtschaftliches Un­ternehmen umge­wan­delt und ist nicht nur der größte Ar­beit­ge­ber, son­dern auch der mächtig­ste Strip­pen­zieher in Un­ter­leuten. Sei­del, der Bürg­er­meis­ter, ist nur Bürg­er­meis­ter von Gom­browskis Gnaden, und auch Sei­del hat eine Beschädi­gung aus DDR-Zeiten: Seine an Krebs gestor­bene Ehe­frau hat im Dienst der Staatssicher­heit ihn und das gesamte Dorf be­spitzelt, was Sei­del aber erst nach der Beerdi­gung durch Zu­fall her­aus­ge­fun­den hat. So hängt alles mit allem zusam­men in „Un­ter­leuten“, hat Juli Zeh die bi­ografis­chen und ver­wandtschaftlichen Verbindun­gen und die ökonomis­chen Ab­hängigkeiten straff miteinan­der verknüpf t . Und sie in­sze­nier t De­marka­tion­slin­ien, die durch Un­ter­leuten ver­laufen, auch als ost-west- deutschen Mentalitätsaufprall.

8. Denn in Un­ter­leuten gibt es, ver­steht sich, auch die Zuge­zo­ge­nen. Die Besser­wisser, wie es ein­mal heißt, die gekom­men sind, um zu sagen, was ih­nen alles nicht passt. Die, die nicht mit dem Nach­barn re­den, son­dern gle­ich den An­walt ein­schal­ten. Herr Fließ ist der Sch­limm­ste von allen. Verkrachter Univer­sitäts­dozent mit jün­gerer Frau und kleinem Kind. Vor drei Jahren nach Un­ter­leuten gezo­gen. Vo­gel-

schützer. Und natür­lich einer, dem die Umwelt am Herzen liegt – aber nicht, wenn Wind­krafträder in Sichtweite aufge­baut wer­den sollen.

9. Oder Linda Franzen (ein Name als dezente Ver­beu­gung), die Pfer­de­frau, die in Un­ter­leuten die so­ge­nan­nte Villa Kun­ter­bunt gekauft und ihr Denken und Han­deln nach den Maxi­men des Man­ager­mo­ti­va­tors Man­fred Gortz (den es wirk­lich gibt) aus­gerichtet hat. Dessen Weisheiten hat Zeh als komis­che Leit­mo­tive einge­baut: „ Der eigene Schat­ten ver­schließt das Tor zum richti­gen Weg.“Aha.

KAPITALISMUSKRITISCHE JULI-ZEH-SÄTZE

10. „Un­ter­leuten“hat dur­chaus Sch­wächen. So dy­namisch und über­raschend der ständige Per­spek­tiven­wech­sel ist, so statisch sind mi­tunter die Zuschrei­bun­gen der Rollen und Bedeu­tun­gen in Bezug auf die einzel­nen Häuser und An­we­sen im Dorf. Stel­len­weise kommt man sich wie in einer vir­tuos gemachten Soap Opera vor. Und häu­fig legt die Au­torin ihren Fig­uren wohlfeile kap­i­tal­is­mus- und selb­stop­ti­mierungskri­tis­che Juli-Zeh-Sätze in den Mund, die man so oder ähn­lich schon gehört hat: „ Seit die Wirtschaft gel­ernt hatte, die Sprache der Moral zu sprechen, lag das poli­tis­che En­gage­ment im Koma.“

11. Diese Ein­wände fallen aber nicht son­der­lich ins Gewicht, weil es Juli Zeh tat­säch­lich gelun­gen ist, in einem ras­an­ten (und trotz seines Um­fanges nicht zu lan­gen) Text Ge­gen­wart­sphänomene und moralis­che Fra­gen darzustellen: Die Ideal­isierung des als au­then­tisch emp­fun­de­nen Lan­dlebens. Die Tat­sache, dass hin­ter dem Umzug aufs Land oft ein ver­drängter Konfl ikt schwelt. Die Über­legung, wem man verpfl ichtet ist: der Ge­mein­schaft oder sich selbst?

12. Es gibt in Zehs Un­ter­leuten keine Guten und keine Bösen, nur Men­schen, die et­was Gutes wollen und dabei Un­heil an­richten. Jeder un­ter­stellt seinem Ge­genüber et­was – und stets, das ist die Pointe, liegt er oder sie damit falsch. Es ist verblüf­fend, wie per­fide Zeh ihren Le­sern Iden­tifi ka­tion­sange­bote mit ihren Fig­uren macht, mit diesen Kleingeis­tern, Sturköpfen, Ver­lier­ern und Gewin­nern – um diese kurz da­rauf wieder zu re­v­i­dieren.

13. Das Böse, so lautet ein Sprich­wort, sei ein Misthaufen. Jeder sitze auf seinem und quatsche über den des an­deren. Juli Zeh führt ihren Ro­man in ein er­staunlich blutiges und düsteres Fi­nale. Warum es so viel Ge­walt auf der Welt gebe, fragt sich Fließ und gibt gle­ich die Ant­wort: „Weil Ge­walt ver­dammt ein­fach war.“

Es gibt in Zehs Un­ter­leuten keine Guten und keine Bösen, nur Men­schen, die et­was Gutes wollen und dabei Un­heil an­richten.

(©Thomas Müller)

Julie Zeh, Schrift­stel­lerin.

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