„Beim Klet­tern er­kennt man das We­sent­li­che“

Grim­per, se dé­pas­ser pour mieux pro­fi­ter de la vie

Vocable (Allemagne) - - Édito | Sommaire - Grim­peur de l’ex­trê­me IN­TER­VIEW PHIL­IPP LABERENZ STE­FAN GLOWACZ

Grim­per don­ne un sens à sa vie. A 51 ans, le cham­pi­on d’esca­la­de Ste­fan Glowacz s’at­taque tou­jours aux vo­ies les plus dif­fi­ci­les, aux fa­lai­ses les plus im­prenables. Une phi­lo­so­phie de vie sous for­me de quête de sens : sor­tir de sa zo­ne de con­fort, af­fron­ter ses peurs, ri­en de mieux pour cet ac­cro au ris­que pour se sen­tir bi­en vi­vant !

FOCUS: Herr Glowacz, die­ses Jahr sind Sie für ei­ne Erst­be­stei­gung 350 Ki­lo­me­ter durch die ark­ti­sche Eis­wüs­te von Baf­fin Is­land ge­lau­fen. War­um flie­hen Sie aus dem All­tag? Ste­fan Glowacz: Ich flüch­te nicht. Mein Le­ben ist ei­ne Er­fül­lung. Aber ich kann die An­nehm­lich­keit des All­tags nur ge­nie­ßen, wenn ich Ent­beh­run­gen er­fah­re. Und auf ei­ner Ex­pe­di­ti­on muss man ent­beh­ren kön­nen, sonst lei­det man end­los vor sich hin.

2. FOCUS: Was er­fah­ren Sie da­bei über sich selbst? Glowacz: Man setzt sein Le­ben ins Ver­hält­nis, er­kennt das We­sent­li­che, kann da­nach die schö­nen Din­ge wie­der ge­nie­ßen. 3. FOCUS: Ei­ne Sinn­su­che in un­wirt­li­cher Ge­gend al­so? Glowacz: Im Le­ben braucht es Ge­gen­sät­ze. Glück fin­de ich nicht im Über­fluss, son­dern in in­ten­si­ven Mo­men­ten – ein ganz klei­nes Stück Scho­ko­la­de nach ei­nem Mo­nat im Zelt et­wa, ei­ne Freu­de wie zu Weih­nach­ten. Wer nie aus der Kom­fort­zo­ne her­aus­kommt, er­kennt nicht, in wel­chem pri­vi­le­gier­ten Um­feld er lebt…

4. FOCUS: Rei­ni­gung durch Re­duk­ti­on? Glowacz: Wenn wir ehr­lich sind, brau­chen wir nicht viel in un­se­rem Le­ben – das so­zia­le Um­feld, die war­me Mahl­zeit, die si­che­re Schlaf­stel­le. Al­les an­de­re ist Lu­xus. Der Er­folg ei­ner Ex­pe­di­ti­on hängt maß­geb­lich vom La­ger­platz ab. Er muss si­cher sein vor Ge­fah­ren wie St­ein­schlag oder Eis­bä­ren. In dem Mo­ment, wenn wir ei­nen Platz ge­fun­den ha­ben, löst sich die An­span­nung, und wir kön­nen die See­le bau­meln las­sen.

5. FOCUS: Was treibt ei­nen Men­schen da­zu, sein Le­ben frei­wil­lig zu ris­kie­ren? Glowacz: Je­der Mensch de­fi­niert sich über das, was er tut. In mei­nem Fall muss ich mir na­tür­lich die Fra­ge stel­len, ob ich mei­ne Lei­den­schaft schon zu sehr dem Ge­schäft ge­op­fert ha­be. Ich darf Sie aber be­ru­hi­gen: Für mich macht das al­les noch Sinn.

6. FOCUS: Ha­ben Sie denn mit jetzt 51 Jah­ren im­mer noch nicht ge­nug? Glowacz: Mein An­trieb ist per­ma­nen­te Neu­gier. Die be­zieht sich auf Län­der und Re­gio­nen, aber genau­so dar­auf zu er­fah­ren, ob ich in der La­ge bin, dort zu be­ste­hen. Ich be­sit­ze

„Mein An­trieb ist per­ma­nen­te Neu­gier.“

den per­ma­nen­ten Drang, wei­ter­zu­kom­men, zu prü­fen, ob ich gut ge­nug bin und die Din­ge so funk­tio­nie­ren, wie ich sie mir vor­ge­stellt ha­be. Das über­trägt sich bei mir auf al­le Be­rei­che.

7. FOCUS: Als Ju­gend­li­cher wa­ren Sie Baye­ri­scher Meis­ter im Renn­ro­deln. Trotz­dem hat Sie der Auf­stieg an der Berg­wand mehr fas­zi­niert als die ra­san­te Schuss­fahrt durch den Eis­ka­nal. War­um? Glowacz: Mich ha­ben al­le Sport­ar­ten in­ter­es­siert, ich woll­te aber stets zu den Bes­ten ge­hö­ren. Wenn ich merk­te, dass ich das nicht schaff­te, flach­te für mich die At­trak­ti­vi­tät ei­nes Sports schnell ab. Klet­tern war dann für mich ei­ne Of­fen­ba­rung: Es ver­eint vie­le Kom­po­nen­ten an­de­rer Sport­ar­ten – Kraft, Kon­zen­tra­ti­on, Kör­per­be­herr­schung. Ich ha­be so­fort da­für ge­brannt.

8. FOCUS: Klingt nach: Ich klet­te­re, al­so bin ich! Glowacz: So se­he ich das, ja. Von An­fang an ha­be ich die Ver­ant­wor­tung für mein ei­ge­nes Stre­ben über­nom­men, han­gel­te mich stets von Ziel­set­zung zu Ziel­set­zung. Das hat mir ei­ne gro­ße in­ne­re Frei­heit ver­schafft, und die­se Frei­heit prägt mein Han­deln bis heu­te.

9. FOCUS: Sie be­zeich­nen sich als „Jä­ger des Au­gen­blicks”. Wie groß ist Ih­re Un­ge­duld, bis die nächs­te Ex­pe­di­ti­on los­geht? Glowacz: Ich füh­le mich nie ge­hetzt, trotz­dem brau­che ich den An­ker des nächs­ten Ziels, sonst wer­de ich schnell un­ru­hig. An das neue Ziel tas­te ich mich be­reits auf dem Rück­marsch in die Zi­vi­li­sa­ti­on ge­dank­lich her­an und ge­ra­te bei mei­ner Rück­kehr nicht in ein Va­ku­um. Das gibt mir Si­cher­heit.

10. FOCUS: Mo­ment! Sie brau­chen stets ein Ziel, um sich si­cher zu füh­len? Glowacz: Es kann sich be­droh­lich an­füh­len. Bei­spiels­wei­se war ich drei Jah­re lang von ei­ner Ex­pe­di­ti­on zum Cer­ro Mu­ral­lón in Pa­ta­go­ni­en be­herrscht. Je­des Jahr ka­men wir er­folg­los zu­rück, und es rat­ter­te im Kopf: Was ha­ben wir falsch ge­macht, was müs­sen wir beim nächs­ten Mal bes­ser ma­chen? Das Pro­jekt ließ mich nicht mehr los. Je­der Klimm­zug, je­der Ki­lo­me­ter auf dem Rad brach­te mich die­sem Ziel im Kopf nä­her. Ich war be­ses­sen da­von, end­lich wie­der auf­bre­chen zu kön­nen, mir zu be­wei­sen, dass wir es schaf­fen wür­den. Doch dann kom­men wir wie­der nicht hoch, weil wir er­neut ele­men­ta­re Feh­ler mach­ten. Wir ha­ben es ums Ver­re­cken nicht ge­schafft. Nach drei Jah­ren Schin­de­rei pack­ten wir end­lich die Rou­te – und statt ab­so­lu­ter Eu­pho­rie bre­che ich völ­lig in mir zu­sam­men, er­le­be Trau­er statt pu­rer Freu­de. Das Ziel war er­reicht, und mir fehl­te von ei­nem auf den an­de­ren Mo­ment mei­ne Be­stim­mung. Das Le­ben, für das ich über drei Jah­re ge­lebt hat­te, war weg. Erst dann ka­men auch lang­sam wie­der an­de­re Zie­le in mein Be­wusst­sein. 11. FOCUS: Sie ha­ben die Welt­kar­te fast ab­ge­ar­bei­tet. Wel­che Klet­ter ex­pe­di­tio­nen pla­nen Sie noch? Glowacz: Es ist nicht ein­fach, das nächs­te Ex­pe­di­ti­ons­ziel zu fin­den. Nach 40 Jah­ren Klet­tern wer­den es im­mer we­ni­ger Ge­gen­den, in de­nen ich noch nicht war. Da bin ich ge­ra­de auf der Su­che. Aber ich wer­de noch nichts ver­ra­ten.

(©Klaus Feng­ler)

Ste­fan Glowacz in der Ver­don­schlucht

(©Klaus Feng­ler)

An den Se­ven Gi­ants.

(©Klaus Feng­ler)

Am Wand­fuss des Mount Rorai­ma, Gu­ya­na.

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