DIE LÜ­GE HAT KUR­ZE BEI­NE, DIE WAHR­HEIT BRAUCHT LAN­GE SÄT­ZE

Le men­son­ge se con­tente de peu de mots, la vé­rité re­quiert de lon­gues phra­ses

Vocable (Allemagne) - - À La Une - VON STE­FAN BERG

Dans cet es­sai pu­blié dans le Spie­gel, Ste­fan Berg for­mu­le un plai­doy­er pour la vé­rité. Il s’in­quiè­te de la tournu­re que prend l’ac­tua­lité, le goût du pu­blic pour le men­son­ge qui as­som­brit les lu­miè­res de la rai­son. La réa­lité est com­ple­xe, el­le a be­so­in de lon­gues phra­ses et de temps pour êt­re ap­pré­hen­dée.

In die­sem Jahr ha­be ich ein al­tes Fa­mi­li­en­ri­tu­al auf­ge­ge­ben. Ich ha­be auf­ge­hört, den Tag da­mit zu be­gin­nen, Nach­rich­ten zu hö­ren. Die ru­hi­ge Stim­me des Man­nes vom Deutsch­land­funk war jahr­zehn­te­lang mein Be­glei­ter. Es war die Stim­me der Wahr­heit, mit der mei­ne El­tern in Ost­ber­lin den Tag be­gan­nen, in der Hoff­nung auf Hoff­nung, auf Wor­te des Wan­dels, auf Wor­te des Man­nes, dem sie ih­re Stim­me gern ge­ge­ben hät­ten, Wil­ly Brandt, der ih­rer Hoff­nung ei­ne Stim­me gab. 2. So saß auch ich vor dem Ra­dio­ge­rät, in grau­er Uni­form, mit kurz ge­scho­re­nem Haar, Sol­dat oh­ne Waf­fe, kal­ter Ost­see­wind. Der Deutsch­land­funk er­reich­te mich und mei­ne nach

Wahr­haf­tig­keit dürs­ten­de See­le. Ich glaub­te an die Kraft der Wahr­heit.

3. Fast je­den Tag mel­det der Deutsch­land­funk Stau bei Eus­kir­chen. Das ist der letz­te Rest Kon­ti­nui­tät in ei­ner Welt vol­ler Un­ru­he. Mein Va­ter konn­te mir die Welt noch er­klä­ren, ich kann sie mei­nen Kin­dern nicht mehr er­klä­ren. Ich fürch­te die Wahr­hei­ten, die aus dem Ra­dio kom­men. Und die Lü­gen. Und die Lü­gen im Ge­wand der Wahr­heit.

JE­DES GE­FÜHL BRAUCHT ZEIT

4. Ich mag den Tag nicht mit ei­ner Aus­sa­ge des rus­si­schen Au­ßen­mi­nis­ters be­gin­nen, die in Wahr­heit ei­ne Lü­ge ist. Und ich mag den Tag nicht mit ei­nem Satz Frank-Wal­ter St­ein­mei­ers be­gin­nen, der in Wahr­heit lei­der nichts be­wir­ken kann. Mei­ne Er­in­ne­rung an die Hoff­nung auf Hoff­nung ist zu prä­zi­se, um mich ge­gen die Vor­stel­lung zu weh­ren, wie es sein muss, sol­che Sät­ze in ei­nem Kel­ler­loch zu hö­ren.

5. Wenn die Obe­ren von Frie­den re­den, schrieb Ber­tolt Brecht, weiß das ge­mei­ne Volk, dass es Krieg gibt. Ich ver­ste­he von der Welt mehr, wenn ich Brecht le­se, als wenn ich die Nach­rich­ten hö­re.

6. „Kei­ne Angst vor der Wahr­heit“, wirbt der SPIE­GEL, mein SPIE­GEL. Aber ich, seit 20 Jah­ren Teil die­ser Wahr­heits-Mann­schaft, fürch­te mich vor den Dut­zen­den Wahr­hei­ten, die mei­ne See­le über­for­dern, die vom Li­ve­ti­cker von Tat­ort zu Tat­ort ge­ru­fen, ge­zerrt, ge­trie­ben wird.

7. Ich spü­re den drei­fa­chen Zwei­fel: in die­sem Tem­po die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den, in die­sem Tem­po die Wahr­heit for­mu­lie­ren zu kön­nen und sie in die­sem Tem­po ver­ste­hen zu kön­nen. Ganz zu schwei­gen da­von, was ich nun tun soll. Was soll ich tun als Chris­ten­mensch, für den es kein frem­des Leid gibt? Wie soll ich mei­ne An­teil­nah­me por­tio­nie­ren, auf Alep­po, die Ukrai­ne, Eri­trea, Irak und nun auch auf Ber­lin, oh­ne am En­de jeg­li­che An­teil­nah­me zu ver­lie­ren?

8. Je­des Ge­fühl braucht Zeit. Aber be­vor es ent­steht, rollt schon die nächs­te Nach­rich­ten­wel­le über mich hin­weg, Push­mails, Mor­gen­la­gen, wie­der Li­ve­ti­cker ...

VOM PRO­JEKT AUF­KLÄ­RUNG ZUM PRO­JEKT AUF­RE­GUNG

9. Ich weiß, dass vie­le Kol­le­gen ihr Bes­tes ge­ben. Es gibt noch im­mer Pfad­fin­der, die aus dem La­by­rinth der Lü­gen füh­ren. Aber die An­zahl der Meldungen, die mich täg­lich er­rei­chen, steigt, wäh­rend die An­zahl der Pfad­fin­der sinkt. Ich glaub­te im­mer an das Pro­jekt Auf­klä­rung: er­klä­ren, er­ken­nen, han­deln. Es ist schwer, die­sen Glau­ben zu be­wah­ren.

10. Das Pro­jekt Auf­klä­rung, fürch­te ich, könn­te zu ei­nem Pro­jekt Auf­re­gung ver­kom­men, in der gro­ßen Ver­hap­pungs­ver­knap­pungs­ma­schi­ne­rie der an­geb­lich so­zia­len Netz­wer­ke.

11. Ich be­gin­ne den Tag jetzt im­mer mit ei­nem Text, der aus lan­gen Sät­zen be­steht. Bei Tho­mas Mann fin­de ich sol­che Sät­ze oder bei Ste­fan Zweig. Es ist ei­ne Übung, wie sie ein Sol­dat vor dem Ernst­fall macht. Ich su­che De­ckung vor

den her­um­flie­gen­den Wort­fet­zen und Wort­hül­sen. Ich su­che Un­ter­schlupf zwi­schen den Kom­ma­ta von Tho­mas Mann und Ste­fan Zweig.

12. An Grau­en hat es in ih­rem Le­ben nicht ge­man­gelt. Aber ih­re Spra­che war ei­ne Form des Wi­der­stands ge­gen die des herr­schen­den Kläf­fers, den es glück­li­cher­wei­se noch nicht im Li­ve­ti­cker gab.

13. Ich be­wun­de­re, wie sie in schwe­rer Not den Wort­schatz pfleg­ten. Es macht mir Mut. Ich freue mich, dass sie sich Zeit ge­nom­men ha­ben, Ge­dan­ken zu ent­wi­ckeln, und sie mir die Zeit las­sen, ih­ren Ge­dan­ken zu fol­gen. Ich will mei­ne Spra­che vor der Ver­ro­hung schüt­zen.

14. Ich ha­be noch nie das ge­schrie­ben, was „Tweet“ge­nannt wird, und ich ha­be bei kei­nem Text ei­nen Li­ke-But­ton ge­drückt. Es hat ei­nen ein­fa­chen Grund: Die Lü­ge hat kur­ze Bei­ne, die Wahr­heit aber braucht lan­ge Sät­ze.

15. Ich muss mei­ne Sin­ne schär­fen. Ich will mich sen­si­bi­li­sie­ren, ge­gen die gro­ße De­sen­si­bi­li­sie­rung des Trum­pis­mus. Manch­mal le­se ich

Wör­ter wie ein Kind, das sich noch von Buch­sta­be zu Buch­sta­be tas­tet. Ich emp­feh­le je­dem, ein­mal Wör­ter wie „Mei­nungs­bil­dung“oder „Wort­schatz“mor­gens ganz lang­sam aus­zu­spre­chen. Erst da­nach hö­re ich die Nach­rich­ten.

16. Ich weiß, dass kein Nach­rich­ten­spre­cher den jüngs­ten Stand des Dra­mas von Sy­ri­en oder Ber­lin in der Spra­che Ste­fan Zweigs prä­sen­tie­ren kann. Aber manch­mal stel­le ich mir vor, man müss­te die Nach­rich­ten so for­mu­lie­ren. Die Wahr­heit braucht lan­ge Sät­ze. Der An­stand braucht lan­ge Sät­ze.

17. Zur Ent­wick­lung des Men­schen ge­hör­te die Aus­dif­fe­ren­zie­rung sei­ner Spra­che. Wir lern­ten kom­pli­zier­te Din­ge, weil wir lern­ten, sie zu be­schrei­ben und zu be­re­den. In ei­nem An­ti­qua­ri­at fand ich ein Buch, ein Lehr­buch des Brie­fe­schrei­bens, es er­klärt auf vie­len Sei­ten, wel­che An­re­de zu wel­chem An­lass und wel­cher Per­son ge­hört. Das Buch stammt aus ei­ner Zeit, in der Brie­fe dik­tiert wur­den. Man schau­te noch ein­mal auf das Ge­schrie­be­ne, vi­el­leicht leg­te man es noch ei­nem an­de­ren Men­schen zur Prü­fung vor. Dann erst wur­de der Brief ver­sandt.

18. Man wür­de den Höh­len­men­schen un­recht tun, wenn man sag­te, das Trüm­mer­deutsch der Tweets füh­re ge­ra­de­wegs zu­rück in die Höh­le. Sie müh­ten sich. Man­che Tweets er­in­nern mich an die Lau­te auf dem Ka­ser­nen­hof mei­ner Ju­gend. Ich war da­mals stolz, län­ge­re Sät­ze be­herr­schen zu kön­nen als die mir Vor-dieNa­se-Ge­setz­ten.

19. Ich bin froh, Brie­fe aus mei­ner Ju­gend zu be­sit­zen: Lan­ge Sät­ze. Lie­be und Lei­den­schaft gibt es nur in lan­gen Sät­zen. Der Hass braucht sie nicht.

ES IST EIN PLÄ­DOY­ER FÜR BEWUSSTSEINSBILDUNG

20. Wir sa­gen manch­mal: Fas­se dich kurz. Es setzt vor­aus, ei­ne Lang­fas­sung zu be­herr­schen. Aber wenn ich mich in der U-Bahn um­hö­re und die zwi­schen Smi­leys klem­men­den Wor­te der Mit­rei­sen­den se­he, zweif­le ich dar­an, dass es zu die­sem Gestam­mel über­haupt ei­ne Lang­fas­sung ge­ben kann. Wir kön­nen mehr, wenn wir wol­len, aber war­um wol­len so vie­le nicht ein­mal das, was sie kön­nen? Wo­her kommt die­se Lust zur Selbst­auf­ga­be?

21. Ich ha­be mich in den letz­ten Jah­ren ein we­nig mit mei­nem Hirn be­schäf­ti­gen müs­sen, ei­ne läs­ti­ge Fehl­schal­tung in ei­nem kom­ple­xen, wun­der­sa­men Sys­tem, die­sem Wel­tall in mei­nem Kopf. Ich ha­be viel über Rei­ze und Reiz­ver­ar­bei­tung ge­lernt, über un­se­re Fä­hig­keit, Rei­ze ein­zu­ord­nen, über das Un­ter­be­wusst­sein, das uns an­geb­lich Ent­schei­dun­gen ab­nimmt, be­vor wir sie tref­fen. Wenn ich das, was ich da ge­lernt ha­be, rich­tig ver­stan­den ha­be, dann muss ich an­neh­men, dass auch ich die vie­len Nach­rich­ten, die mich er­rei­chen, mehr mei­nem in­ne­ren Vor­ur­teils­ras­ter zu­ord­ne als durch­drin­ge.

22. Wenn ich das Wort Sy­ri­en se­he, dann hö­re ich Pu­tin, selbst wenn der Na­me nicht fällt. Wenn ich Grie­chen­land hö­re, dann den­ke ich nicht mehr an Men­schen, son­dern an Geld. Wer nur Über­schrif­ten scrollt, kann die Wahr­heit nie fin­den.

23. Die De­sen­si­bi­li­sie­rung hat vie­le Fa­cet­ten: Durch die neu­es­te Alep­po-Mel­dung flat­tern die Bil­der der neu­es­ten Ikea-Re­kla­me. Und über der Ent­hül­lung zum The­ma Steu­er­hin­ter­zie­hung blin­ken ganz auf­ge­regt An­la­ge­hin­wei­se ei­nes Fi­nanz­dienst­leis­ters.

24. Das soll kein Plä­doy­er für den Rück­zug ins Pri­va­te sein. Es ist ein Plä­doy­er für Bewusstseinsbildung. Ra­dio hö­ren schont üb­ri­gens die Au­gen. Es gibt so­gar Wahr­hei­ten, vor de­nen ich kei­ne Angst ha­ben muss. Man muss sie nur su­chen ler­nen. Ich wer­de den Glau­ben an das Pro­jekt Auf­klä­rung nicht auf­ge­ben.

Lie­be und Lei­den­schaft gibt es nur in lan­gen Sät­zen. Der Hass braucht sie nicht.

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