DAS STECKT HIN­TER DEM GLO­BA­LEN HY­PE UMS WAN­DERN

Ce qui ce cache der­riè­re l’en­gou­e­ment uni­ver­sel pour la mar­che

Vocable (Allemagne) - - Société -

La ran­don­née à la cote, chez les jeu­nes et chez les in­tel­lec­tu­els. El­le ne pré­ser­ve pas seu­le­ment de l’hy­per­ten­si­on et du burn out. El­le ai­de aus­si à réflé­chir, de­pu­is l'An­ti­quité des phi­lo­so­phes mar­chent pour don­ner for­me à leurs idées. Com­ment ce sport très an­ci­en est-il re­de­venu ten­dance ?

Die phi­lo­so­phischs­te al­ler Fra­gen: Wie geht’s? Die ab­grün­digs­te al­ler Ant­wor­ten: Geht so. Nir­gend­wo bes­ser als auf Deutsch lässt sich der Sinn und das Ge­lin­gen der Exis­tenz aufs Wan­dern re­du­zie­ren. Das ist mehr als ein lin­gu­is­ti­scher Zu­fall. Und das Da­sein als lan­gen Marsch ins Of­fe­ne zu be­schrei­ben, läuft kei­nes­wegs auf plat­ten Re­li­gi­ons­er­satz hin­aus, der al­le Pro­ble­me und Freu­den mys­tisch ver­brämt.

2. Das Ge­gen­teil ist wahr: Wan­dern ist ganz re­al seit ei­ni­gen Jah­ren ein Trend­sport der In­tel­lek­tu­el­len, der Dy­na­mi­schen und der Jun­gen. Vor­bei die Zei­ten, als der Marsch über Wald­pfa­de Frei­zeit­freu­de von Grei­sen aus dem Sau­er­län­di­schen Ge­birgs­ver­ein war. Wan­dern – das klang frü­her nach ka­rier­ten Schwitz­hem­den, spie­ßi­gen Hüt­ten­aben­den, La­ger­feu­er­ro­man­tik, Grup­pen­ex­kur­sio­nen mit all den sem­i­mi­li­tä­ri­schen Zu­ta­ten, die

nach ei­nem Deutsch­land ro­chen, das ei­gent­lich bes­ser schnell auss­ter­ben soll­te: Wan­der­ta­ge, Wan­der­na­deln, Wan­der­lie­der, Wan­der­füh­rer.

3. Heu­te le­ben gan­ze struk­tur­schwa­che, doch herr­li­che Land­stri­che von der Lü­ne­bur­ger Hei­de bis zum Bay­er­wald vom neu­en Wan­der­boom. Statt fül­li­ger Her­ren in Knie­bund­ho­sen und Trach­ten­ja­cke lau­fen hip­pe Stadt­girls in bun­ter Funk­ti­ons­klei­dung über zer­ti­fi­zier­te Top Trails, die Bonn mit Wies­ba­den (Rhein­steig), Ham­burg mit Cel­le (Hei­dschnu­cken­weg) oder Tri­er mit Bop­pard (Saar-Huns­rück-Steig) ver­bin­den. Her­stel­ler von Wan­der­klei­dung, Stö­cken, Na­vi­ga­ti­ons­sys­te­men wach­sen ra­san­ter als die Au­to­in­dus­trie.

DEN­KEN, OH­NE ZU GE­HEN?

4. Aber was hat das Phä­no­men mit Phi­lo­so­phie zu tun? Braucht man heu­te et­wa ein Kom­pen­di­um abend­län­di­schen Den­kens für die denk­bar geist­lo­se Be­schäf­ti­gung des Schrei­tens? Na­tür­lich kann je­der­mann oh­ne Bü­cher und Ma­gis­ter wan­dern, die­se Ein­fach­heit ist ja ge­ra­de das Schö­ne und De­mo­kra­ti­sche. Um­ge­kehrt aber wird die Fra­ge in­ter­es­san­ter: Kann man über­haupt auf ho­hem Ni­veau den­ken, oh­ne zu ge­hen?

5. Die the­ra­peu­ti­sche Wir­kung des Wan­derns ist von Ärz­ten al­ler Kas­sen zur Ge­nü­ge nach­ge­wie­sen wor­den. Wan­dern hilft, von Blut­hoch­druck und Burn-out über Ar­thro­se bis De­pres­sio­nen ge­gen so ziem­lich al­le Zi­vi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten. Wan­dern ent­schleu­nigt und ord­net die ge­quetsch­te Pe­ris­tal­tik neu. Vor al­lem aber macht Wan­dern den Kopf frei – was of­fen­bar ge­ra­de dem Kri­sen­mo­dell ei­ner sys­te­ma­tisch-phi­lo­so­phi­schen Welt­er­klä­rung ganz neue We­ge und Per­spek­ti­ven er­öff­net. Und was das Über­ra­schen­de ist: Im deut­schen Wan­der­land der Ro­man­ti­ker und der hei­deg­gersch-schwarz­wäl­di­schen Holz­we­ge gab es im­mer schon Ein­stie­ge ins Geis­tes­t­rek­king.

6. Doch längst ist der Wan­der­boom der Phi­lo­so­phen über Deutsch­land hin­aus zu ei­ner glo­ba­len Be­we­gung ge­wor­den. Nicht ge­ra­de ein deut­sches Ex­port­pro­dukt, aber ei­ne Denk­schu­le mit ge­wal­ti­gem Re­spekt für ei­ni­ge Pio­nie­re des ge­hen­den Den­kens wie Goe­the, Nietz­sche, Hei­deg­ger. Auf den ver­schlun­ge­nen Pfa­den der Wan­der­phi­lo­so­phie ent­deckt das ver­kopf­te Den­ken sei­ne Wur­zeln ganz neu: bei den Fü­ßen.

ARISTOTELES LEHR­TE IM GE­HEN

7. Ein nam­haf­ter Den­ker wie den Phi­lo­so­phen Duc­cio De­me­trio lie­fert die ita­lie­ni­sche Theo­rie des Wan­derns gleich mit: Er setzt an bei der äl­tes­ten Phi­lo­so­phen­schu­le in Athen, wo Aristoteles sei­ne Schü­ler als Pe­ri­pa­te­ti­ker – al­so beim Auf- und Ab­ge­hen – un­ter­rich­te­te.

8. Für den Ita­lie­ner De­me­trio ist der bei Rom in sei­ner Ide­al­land­schaft an­ge­kom­me­ne Goe­the der Ur­wan­de­rer, der als Bin­de­glied zwi­schen dem Mit­tel­meer und den dunk­len Wäl­dern der Ro­man­tik taugt. Nach Goe­the wa­ren es dann die tra­gi­schen deut­schen In­tel­lek­tu­el­len, die in den Wäl­dern ih­re Ge­gen­welt zur schmut­zi­gen In­dus­trie wie zur auf­klä­re­ri­schen Lo­gik fan­den.

9. Je­an-Lou­is Hue zeigt, dass das Wan­dern als äs­the­ti­sche Pra­xis kein eu­ro­päi­sches, son­dern am ehes­ten ein fern­öst­li­ches Pa­tent hat: Bei chi­ne­si­schen Mön­chen, die auf der Su­che nach Er­we­ckung durch Dra­chen­ber­ge stie­feln. Oder im klas­si­schen Ja­pan, wo man be­reits vor Jahr­hun­der­ten zehn Wan­der­land­schaf­ten klas­si­fi­zier­te und je nach Son­nen­stand, Jah­res­zeit und Wet­ter den Ken­nern zum Er­wan­dern vor­schrieb. Was sind ge­gen sol­che Sys­te­ma­tik die neu­zeit­li­chen Rou­ten­pla­ner, Wan­der­na­deln und Ge­päck­trans­port­pau­scha­len?

Doch längst ist der Wan­der­boom der Phi­lo­so­phen über Deutsch­land hin­aus zu ei­ner glo­ba­len Be­we­gung ge­wor­den.

KEI­NE AUSGELATSCHTEN WE­GE

10. Man sieht: Die welt­wei­te Wan­der­phi­lo­so­phie be­schrei­tet kei­ne ausgelatschten We­ge. Die ka­li­for­ni­sche Kunst­kri­ti­ke­rin und Fe­mi­nis­tin Re­bec­ca Sol­nit hat das Gen­re gar in ei­nem Land­strich ver­an­kert, wo der Exi­lant Gün­ther An­ders 1940 noch ver­haf­tet wur­de, weil er in Los An­ge­les ei­nen Spa­zier­gang wag­te.

11. Heu­te ist das po­li­ti­sche Trek­king in Sol­nits Fuß­stap­fen bei den pa­zi­fi­schen Öko­freaks über­aus an­ge­sagt. Schon der ori­gi­na­le Ti­tel ih­res wun­der­vol­len Kom­pen­di­ums ist frei-

lich ei­ne Hom­mage ans mit­tel­ge­bir­gi­ge Mus­ter­land: Wan­der­lust. Die­ser ro­man­ti­sche An­gang passt zur Pra­xis des De­mons­trie­rens, der kri­ti­schen Orts­be­ge­hung, des kör­per­li­chen Wi­der­stands, den die Fe­mi­nis­tin Sol­nit aus dem re­fe­renz­lo­sen Ge­hen ent­wi­ckelt. Man müs­se nur zu­rück zur Weis­heit des Klein­kinds, das sein Schrei­ten aus dem be­stän­di­gen Fal­len ent­wi­ckelt.

SPORT? NIE UND NIMMER

12. Die­ses po­li­ti­sche Ge­hen lie­ße sich wei­ter­schrei­ben von Gandhis an­ti­ko­lo­nia­len Mas­sen­wan­de­run­gen bis zur wi­der­spens­ti­gen Ur­ba­nis­ten­grup­pe der „Stal­ker“um den ita­lie­ni­schen Stadt­phi­lo­so­phen Fran­ces­co Care­ri. Sie mes­sen die Qua­li­tät von Raum nach den her­ren­lo­sen In­dus­trie­bra­chen, den Bau­lö­chern und den Grün­strei­fen ent­lang von As­phalt, Glei­sen und Be­ton.

13. Care­ris Leh­re vom Wan­der­pfad durchs Di­ckicht der Stadt passt zu den Rap­pern, die über Brü­cken­ge­län­der und durch Un­ter­füh­run­gen free­style tur­nen, oder zu den Wild­gol­fern, die Parks und U-Bah­nen be­spie­len. Sport hin­ge­gen, da ist sich der Fou­cault-Ex­per­te Frédé­ric Gros traum­wand­le­risch si­cher, nie und nimmer.

14. Die­se per­sön­li­che, nicht mess­ba­re und nicht kom­mer­zia­li­sier­ba­re Ent­schleu­ni­gung hat der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph in sei­nem auch auf Deutsch über­setz­ten Werk „Un­ter­wegs – ei­ne klei­ne Phi­lo­so­phie des Ge­hens“ meis­ter­lich be­schrie­ben. In sei­nen poe­ti­schen Wan­de­run­gen stellt Gros das Gen­re end­gül­tig vom Kopf auf die Fü­ße. Mit ihm ent­wirft das mä­an­dern­de Den­ken en pas­sant ei­ne Ge­gen­welt zum ra­sen­den Still­stand der di­gi­ta­len Be­we­gung. Wo die Nerds ih­re künst­li­che Welt mit dem Da­ten­hand­schuh be­tre­ten und sich durch die Soft­ware kämp­fen, blei­ben sie doch im Si­li­kon­ge­häu­se der Post­mo­der­ne ste­cken.

15. Rea­le Wan­de­rer ris­kie­ren tat­säch­lich das Ver­lau­fen, ste­hen vor Holz­we­gen, las­sen sich nass­reg­nen und wis­sen zu­wei­len mit Bla­sen an den Fü­ßen nicht wei­ter. Die­se Re­la­ti­vie­rung durch Wirk­lich­keit tut dem Den­ken nur gut, wäh­rend die Bild­schirm­pro­phe­ten eben­so am Ses­sel kle­ben blei­ben wie die ent­sinn­lich­ten Lo­gi­ker.

16. Er ha­be sein Le­ben lang, schreibt Je­anLou­is Hue, ge­wan­dert, um es nun im Al­ter, da die Fü­ße schwer wer­den, end­lich zu kön­nen. Das passt zu Lao­t­ses Hin­weis, dass auch die wei­tes­te Rei­se im­mer mit ei­ner kur­zen Schritt­län­ge be­ginnt. Und ist die­ser schein­ba­re Wi­der­spruch nicht die Quint­es­senz der Weis­heit? Wenn man nach lan­gen We­gen end­lich lau­fen lernt, ist es in der Tat so weit: Zeit zu ge­hen.

(©Istock)

Wan­dern ist in, bei Jun­gen und Klu­gen.

(©Istock)

Wan­dern hilft auch beim Den­ken, wie schon die An­ti­ke wuss­te.

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