Das deut­sche Na­tur­vo­ka­bu­lar ist ein Wun­der der Sprach

L’éven­tail co­lo­ré du vo­ca­bu­lai­re de la na­tu­re in­spi­re de­pu­is long­temps les poè­tes al­le­man­ds

Vocable (Allemagne) - - Sommaire -

Le vo­ca­bu­lai­re des cris et chants d’oi­seaux est très ri­che, sur­tout chez nos vois­ins ger­mains : les au­teurs ger­ma­no­pho­nes dis­po­sent d'une ex­tra­or­di­nai­re pa­let­te de mots et de ver­bes pour par­ler de la na­tu­re. Un vi­vier mé­lo­dieux qui pour­rait avoir lar­ge­ment cont­ri­bué à leur in­ven­ti­vité.

Mit zahl­lo­sen Ver­ben kann man im Deut­schen den Nach­ti­gal­len­ge­sang be­schrei­ben. Ka­denz­te sie? Flö­te­te, schmet­ter­te, russ­te oder girr­te sie? Ti­ri­lier­te sie gar, wie es E.T.A. Hoff­mann nennt, wäh­rend Schub­art glu­cken be­vor­zugt? Auch mit tril­lern, wir­beln, schluch­zen, rol­len, pfei­fen, dich­ten und knar­ren hat man ver­sucht, die Lau­te zu be­schrei­ben, die die Nach­ti­gall von sich gibt.

RES­TE DER PARADIESSPRACHE

2. Der be­son­de­re Reich­tum des Deut­schen an sol­chen laut­ma­len­den Wör­tern galt den Dich­tern und Gram­ma­ti­kern, die im Ba­rock­zei­tal-

ter den Rang un­se­rer Spra­che ge­gen Fran­zö­sisch und Latein ver­tei­dig­ten, als Be­weis für ih­ren Wert. Justus Ge­org Schot­te­li­us schrieb, dass sich in der deut­schen Spra­che „die Na­tur völ­lig und al­ler din­ges aus­ge­ar­bei­tet hat“, die deut­schen Wör­ter hät­ten „den ge­hö­ri­gen Laut“, al­so die­je­ni­ge Lau­tung, die auch den be­zeich­ne­ten Ge­gen­stän­den ei­gen ist.

3. Dem lag die Idee ei­ner Paradiessprache zu­grun­de. Im Gar­ten Eden, so ar­gu­men­tier­te man, hät­ten sich sämt­li­che Ei­gen­schaf­ten ei­nes Ge­gen­stan­des ge­wis­ser­ma­ßen na­tur­sprach­lich

in den Sprach­zei­chen mit­ge­teilt. Das Deut­sche, so mein­ten die Ge­lehr­ten, sei nä­her dran an die­sem Ur­zu­stand als das damals die Welt be­herr­schen­de Fran­zö­sisch, wel­ches ja doch nur ein „ver­derb­tes“Latein sei.

4. Der Ger­ma­nist und Schrift­stel­ler Pe­ter Krauss stützt nun die al­te Gr­und­an­nah­me der Ba­rock­gram­ma­ti­ker, wo­nach das Deut­sche be­son­ders vie­le Ono­ma­to­poe­ti­ka ha­be, zu­min­dest in ei­nem Be­reich. Zwar heißt sein Hand­wör­ter­buch der Vo­gel­lau­te „Singt der Vo­gel, ruft er oder schlägt er?“, aber in der Ein­lei­tung schreibt Krauss, dass in Wahr­heit ei­gent­lich er­staun­lich we­ni­ge Vö­gel sin­gen, schrei­en, ru­fen oder schla­gen: „Die meis­ten ha­ben ih­re prä­zi­sen Ver­ben, die hier zum ers­ten Ma­le sys­te­ma­tisch er­fasst wor­den sind.“

DER NA­TU­RE WRITER HER­MANN LÖNS

5. Krauss’ Buch ist das, was in den Na­tur­wis­sen­schaf­ten un­ter dem Ti­tel „Me­ta­stu­die“in Mo­de ge­kom­men ist. So sys­te­ma­tisch wie mög­lich hat er Qu­el­len durch­fors­tet (sel­ten war das Verb so am Platz wie hier) – von den na­he­lie­gen­den Klas­si­kern wie „Brehms Tier­le­ben“, dem „Ade­lung“oder dem „Deut­schen Wör­ter­buch“der Grimms und ih­rer Nach­fol­ger über Fach­bü­cher von Vo­gel­kund­lern und Jä­gern bis hin zur schö­nen Li­te­ra­tur.

6. We­nig über­ra­schend ist, dass un­ter den Schrift­stel­lern der einst po­pu­lärs­te deut­sche Na­tu­re Writer Her­mann Löns am häu­figs­ten zi­tiert wird, aber auch Tho­mas Mann kommt vor. Mit sei­ner Me­tho­de folgt Krauss den Rat­schlä­gen, die Gott­fried Wil­helm Leib­niz, der auch ein Sprach­re­for­mer war, En­de des 17. Jahr­hun­derts in sei­ner „Er­mah­nung an die Deut­schen“und den „Un­vor­greif­li­chen Ge­dan­ken“for­mu­liert hat­te: Man müs­se die Wör­ter­bü­cher der Be­rufs- und Son­der­spra­chen un­ter­su­chen, um den deut­schen Wort­schatz zu meh­ren. Be­son­ders emp­fahl er die Jagd­le­xi­ka.

7. Es hät­te den Fran­zo­sen­freund Leib­niz ver­mut­lich er­freut, den Pa­trio­ten Schot­te­li­us hin­ge­gen be­trübt, dass in Krauss’ Bre­vier jetzt Wer­ke, die im ver­derb­ten Fran­zö­sisch ver­fasst sind, na­he­zu ge­nau­so häu­fig zi­tiert wer­den wie deut­sche. Aber bei ei­nem Au­tor, der seit 1970 fran­zö­si­scher Staats­bür­ger ist und in der vo­gel­rei­chen Ca­mar­gue lebt, ist das na­tür­lich na­he­lie­gend.

ALS MAN FINKEN DIE AU­GEN AUSSTACH

8. Au­ßer­dem wä­re es scha­de, ei­ne Spra­che, die für die Nach­ti­gall ein so er­he­ben­des Wort wie Ros­si­gnol hat, in ei­nem Buch zu igno­rie­ren, in dem es um die Schön­heit der Tier­welt und die Schön­heit des Aus­drucks geht. Zum Ver­gleich: Die zwei chi­ne­si­schen Schrift­zei­chen für die Nach­ti­gall be­deu­ten ein­fach nur Nacht Vo­gel.

9. Man müss­te selbst zur Nach­ti­gall oder we­nigs­tens zu ih­rem Fast-schon-Dop­pel­gän­ger, der Ler­che, wer­den, um die­ses Buch an­ge­mes­sen zu wür­di­gen: „Ach, wo ist dat schön! Schön is dat! Schön, schön!“(die­se Wör­ter wer­den dem Ge­sang der Ler­che laut dem Grimm ge­le­gent­lich von mensch­li­chen Oh­ren un­ter­legt, im Glau­ben, der Vo­gel er­göt­ze sich am ei­ge­nen Ge­sang). Ein be­glü­cken­de­res Buch als die­ses wird der deut­sche Li­te­ra­tur­markt in die­sem Som­mer, ja viel­leicht im gan­zen Jahr 2017 nicht mehr her­vor­brin­gen.

10. Da­zu trägt nicht al­lein die Wis­sens- und Zi­ta­ten­fül­le, son­dern auch die Gestal­tung bei: wie im­mer bei Mat­thes & Seitz schön ge­bun­den auf an­ge­neh­mem Pa­pier und ge­spickt mit Re­pro­duk­tio­nen aus al­ten Vo­gel­bü­chern. Die­se sind üb­ri­gens be­zeich­nen­der­wei­se al­le bri­ti­schen Ur­sprungs; die Na­ti­on der Bird­spot­ter kommt al­so über das Op­ti­sche auch noch in die­sem wahr­haft eu­ro­päi­schen Werk vor.

11. Was da ge­fei­ert wird, ist aber gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht die Schön­heit ei­ner un­ter­ge­hen­den Welt: So wun­der­voll wie die al­ten Bri­ten zeich­net im Zeit­al­ter von Di­gi­tal­fo­to­gra­fie und Te­le­ob­jek­tiv kei­ner mehr Vö­gel. Und so ge­nau wie die Vor­vä­ter will heu­te auch gar nie­mand mehr de­ren Ge­sang be­schrei­ben.

12. Es gilt schließ­lich nicht mehr, sie an­zu­lo­cken oder ih­re Nes­ter zu fin­den, um sie zu ver­spei­sen – in Er­lan­gen soll 1904 ein Händ­ler an ei­nem ein­zi­gen Tag 170 fri­sche Kie­bitz­ei­er als De­li­ka­tes- se ver­kauft ha­ben und ein Jahr spä­ter warnt der „Gro­ße La­rous­se“vor dem „öli­gen Ge­schmack“des Rohr­dom­mel­fleischs. Es hält sich auch kaum noch je­mand Finken oder an­de­re Wild­vö­gel im Kä­fig, wie es in den Zei­ten vor Ra­dio, Schall­plat­te und In­ter­net üb­lich war – den Finken stach man so­gar die Au­gen aus, weil sie dann an­geb­lich schö­ner san­gen.

13. Vor al­lem aber ver­schwin­den die Vö­gel selbst und mit ih­nen ihr Ge­sang. Wind­rä­der zer­ha­cken sie, Au­tos zer­mat­schen sie, Um­welt­gif­te ma­chen sie we­ni­ger wi­der­stands­fä­hig und re­du­zie­ren die einst schier un­er­mess­li­che Zahl der In­sek­ten, von de­nen sie sich er­näh­ren, und ei­ne mo­no­kul­tu­rel­le Land­wirt­schaft zer­stört ih­re Le­bens­räu­me. Krauss’ Buch ist be­wusst oder un­be­wusst der Ver­such, et­was fest­zu­hal­ten, be­vor es mög­li­cher­wei­se ver­geht. Der Au­tor die­ses Ar­ti­kels hat als Kind re­gel­mä­ßig Eis­vö­gel ge­se­hen. Durch die Be­gra­di­gung von Fluss­läu­fen und Bä­chen ist auch die­sem be­son­ders schil­lern­den Tier die Le­bens­grund­la­ge ent­zo­gen wor­den.

KEI­NE AUSREDE MEHR FÜR ÜBER­SET­ZER

14. Nun ha­ben zwar die Über­set­zer dank Krauss kei­ne Ausrede mehr, zu den ewig glei­chen Ver­ben sin­gen, schla­gen, ru­fen zu grei­fen, wenn sie Vo­gel­ge­sangs­be­schrei­bun­gen aus mög­li­cher­wei­se wort­är­me­ren Spra­chen über­tra­gen. Nur wird man da­für zu­min­dest in der Ge­gen­warts­li­te­ra­tur viel­leicht gar kei­nen Be­darf mehr ha­ben.

15. Aber wenn der letz­te Vo­gel und der letz­te Na­tur­dich­ter ver­stummt sind, wird man im­mer noch die­ses Büch­lein in die Hand neh­men kön­nen und stau­nen über das, was es al­les mal gab. Es ist ein sä­ku­la­res Ge­bet an die Wun­der der Na­tur und die Wun­der der Spra­che.

(CC Pixabay)

Pfei­fen klei­ne Mei­sen?

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Knarrt der Fink?

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Tril­lert die Nach­ti­gall?

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