Dies ist der wahn­sin­nigs­te Ro­man des Jah­res

Dans la tête d’une au­xi­l­i­ai­re de san­té dé­calée, le ro­man de Cle­mens J. Setz

Vocable (Allemagne) - - Sommaire -

Avec „Les femmes sont des gui­t­ares (dont on ne dev­rait pas jou­er)“, Cle­mens J. Setz por­te un coup lit­tér­ai­re à l’in­té­grité psychi­que du lec­teur. Il l’ent­raî­ne au co­eur d’une re­la­ti­on tri­an­gu­lai­re fa­sci­nan­te et sa­di­que dans une mai­son mé­di­ca­li­sée pour per­son­nes souf­frant de han­di­caps phy­si­ques et men­taux. Un ré­cit me­né de main de maît­re par l’au­teur autri­chi­en.

Die­ses Buch hat mir den Kopf ver­dreht. Darf man so be­gin­nen? „Die St­un­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re“von Cle­mens J. Setz will et­was mit dem Le­ser an­stel­len, will ihm den Schlaf und den letz­ten Nerv rau­ben, will ihn auf die Fol­ter span­nen, Ekel aus­lö­sen, ja ihn quä­len. Da­bei liebt er den Le­ser doch und will nur zu­rück­ge­liebt, ja er­kannt wer­den. Die­ser Ro­man, der so vie­le Spiel­ar­ten des Wahns ver­sam­melt, will sei­nen Le­ser wahn­sin­nig ma­chen.

2. Da­zu ver­wen­det er zu­nächst ei­nen schein­bar sim­plen er­zäh­le­ri­schen Trick: Er schal­tet den Le­ser mit dem Be­wusst­sein ei­ner jun­gen Frau kurz, die selbst stän­dig, be­ruf­lich wie pri­vat, an den Ab­bruch­kan­ten der Nor­ma­li­tät ent­lang­ba­lan­ciert. Die frisch di­plo­mier­te Son­der­päd­ago­gin Na­ta­lie tritt ih­re ers­te Stel­le in ei­ner Ein­rich­tung für geis­tig Be­hin­der­te an – ei­ne Sphä­re mit sehr spe­zi­el­len Re­geln und Ri­tua­len.

3. Ne­ben den höchst in­di­vi­du­el­len Be­dürf­nis­sen der Pa­ti­en­ten, die hier „Kli­en­ten“hei­ßen, gibt es auch die end­lo­sen Rang- und Macht­kämp­fe un­ter den Be­treue­rin­nen, die frei­lich hin­ter ei­nem kum­pel­haf­ten Soz-Päd-Jar­gon ver­schlei­ert wer­den. (Setz ist be­kannt als ein groß­ar­ti­ger Imi­ta­tor bei­läu­fig und harm­los klin­gen­der, in Wahr­heit bru­ta­ler Dia­lo­ge.)

4. Na­ta­lie, äu­ßer­lich hart und zu­pa­ckend, in­ner­lich hoch­sen­si­bel und mit syn­äs­the­ti­scher Wahr­neh­mung be­gabt, ist nun selbst nicht ge­ra­de das Ur­me­ter ju­gend­li­cher Nor­ma­li­tät. Als Kind hat­te sie re­gel­mä­ßig un­ter Grand-mal-An­fäl­len zu lei­den; von der Epi­lep­sie ist ihr ei­ne Nei­gung zu ek­sta­ti­schen Zu­stän­den ge­blie­ben, die sie mit Ta­blet­ten und Al­ko­hol be­feu­ert; auch ei­ne Sek­te hat­te sie mal in den Fän­gen.

BLÜ­HEN­DE NEUROSEN

5. Hin­zu kom­men ei­ni­ge kras­se Neurosen. Bei­spiels­wei­se der Zwang, zur Er­hal­tung des see­li­schen Gleich­ge­wichts Live­sen­dun­gen im Netz oder Fernsehen ver­fol­gen zu müs­sen:

„Bei ei­ner auf­ge­zeich­ne­ten Sen­dung war man da­ge­gen zu­gleich in der Ver­gan­gen­heit und in der Ge­gen­wart, und das war nie ei­ne gro­ße Hil­fe; im Ge­gen­teil, man wur­de da­durch nur in­ner­lich as­tro­nau­tig und ein­sied­le­risch.“

6. Am liebs­ten aber streunt sie nachts durch die al­ter­na­ti­ve Sze­ne der Stadt (un­schwer als Setz’ Hei­mat Graz zu iden­ti­fi­zie­ren), ver­passt Män­nern wahl­los Blo­wjobs, schnei­det al­les mit ih­rem iPho­ne mit und mixt sich dar­aus sinn­freie Sound­tracks vol­ler Keuch- und Sab­ber­ge­räu­sche und Dir­ty Talk.

7. Was da­bei so al­les – buch­stäb­lich – ab­läuft, sei schon des­we­gen nicht wei­ter kon­kre­ti­siert, weil das man­chem nichts ah­nen­den Früh­stücks­zei­tungs­le­ser das Crois­sant aus der Hand fal­len las­sen wür­de. Gren­zen des gu­ten Ge­schmacks ha­ben in Cle­mens J. Setz im­mer schon den Im­puls aus­ge­löst, sie mit al­ler Dras­tik zu über­schrei­ten. Und war­um soll­te auch die Li­te­ra­tur prü­der als das In­ter­net sein?

VERSTÖRENDE DREIECKSBEZIEHUNG

8. Doch nicht dar­in liegt die Zu­mu­tung die­ses Ro­mans. Na­ta­lie ist Be­zugs­be­treue­rin des we­gen ei­ner Geh­be­hin­de­rung im Roll­stuhl sit­zen­den Alex­an­der Dorm, ei­nes ver­ur­teil­ten Stal­kers, der mit sei­nen Nach­stel­lun­gen vor Jah­ren die Ehe­frau sei­nes Op­fers Chris­to­pher Holl­berg in den Selbst­mord trieb. In­zwi­schen hat sich ei­ne verstörende Be­zie­hung zwi­schen den bei­den Män­nern ent­wi­ckelt. 9. Holl­berg, ein do­mi­nan­ter, cha­ris­ma­ti­scher, schlag­fer­ti­ger Typ, kommt sei­nen eins­ti­gen Nach­stel­ler nun mehr­mals in der Wo­che be­su­chen, was die­sen na­tür­lich stets aufs Neue be­glückt und ver­zückt; Na­ta­lie wird, nach ei­ner kom­pli­zier­ten Initia­ti­on, zur teil­neh­men­den Be­ob­ach­te­rin an die­sem ärzt­lich ab­ge­seg­ne­ten „Ar­ran­ge­ment“, des­sen Sinn nie­mand an­zu­zwei­feln scheint.

10. Wel­che Mo­ti­ve trei­ben Holl­berg? Ba­det er in sei­nem ei­ge­nen Un­glück und be­treibt ei­ne per­ver­se Form von Trau­er­ar­beit? War­tet er auf die Ge­le­gen­heit zur Ra­che? Ist sei­ne Zu­wen­dung ei­ne sub­ti­le Form von Sa­dis­mus? Über Hun­der­te von Sei­ten stei­gert Setz die Bin­nen­span­nung die­ses Drei­ecks­ver­hält­nis­ses ins – nicht nur für Na­ta­lie – Un­er­träg­li­che. Im kam­mer­spiel­haf­ten, klaus­tro­pho­bi­schen Set­ting wer­den nach und nach al­le Flucht­mög­lich­kei­ten – vir­tu­el­le Räu­me, ein al­ter­na­ti­ves Kul­tur­zen­trum – be­schnit­ten.

11. Ir­gend­wann scheint hier je­der je­den zu stal­ken: „Be­treu­tes Woh­nen“gilt nicht nur für die „Be­zu­gis“, son­dern auch für die Be­treu­er selbst. „Oh ja, Gott liebt al­le Stal­ker. Er ist sel­ber ei­ner“, scherzt ei­ne von Na­ta­lies pro­fes­sio­nell de­for­mier­ten Kol­le­gin­nen ein­mal.

12. Über­haupt, der Hu­mor: Ob­wohl vie­le Sze­nen von dunk­ler Ko­mik sind, ist La­chen bei Setz’ Fi­gu­ren stets ein In­di­ka­tor ent­we­der für ei­nen Täu­schungs­ver­such oder für blan­kes Ent­set­zen.

13. Der Psy­cho­ter­ror, den der Ex-Stal­ker Dorm heu­te nur noch an den Be­treue­rin­nen aus­las­sen kann, ist hoch­gra­dig mi­so­gyn. Frau­en sind für den Rund­um-Pho­bi­ker nur „ver­klei­de­te Gi­tar­ren“, Hohl­kör­per mit run­den For­men. Na­ta­lie wird gleich dop­pelt zum In­stru­ment ge­macht: von Dorm zur pri­va­ten Di­enst­bo­tin und von Holl­berg zur Schach­fi­gur in ei­nem la­tent sa­do­ma­so­chis­ti­schen Macht­spiel.

„FOL­GEN SIE DIE­SEM HEISSLUFTBALLON!“

14. Der Ro­man ist ein ein­zi­ger Rei­gen der Ma­ni­pu­la­ti­on. Schon sein ers­ter Satz ist ein Be­fehl, an ei­nen Ta­xi­fah­rer ge­rich­tet: „Fol­gen Sie die­sem Heiß­luft­bal­lon!“

15. Sym­pa­thisch ist die­se Na­ta­lie nicht, auch wenn sie sich in ih­rer wach­sen­den Em­pö­rung über die Abar­tig­keit des „Ar­ran­ge­ments“zwi­schen Dorm und Holl­berg von der zy­ni­schen In­dif­fe­renz und der ver­quas­ten Schön­red­ne­rei ih­rer Kol­le­gin­nen ent­fernt. Fas­zi­nie­rend ist Na­ta­lie, weil Setz sie nicht nur mit al­ler­lei Ma­cken, son­dern auch mit sei­nem en­zy­klo­pä­di­schen Wis­sen und der ei­ge­nen stau­nens­wer­ten bild- und sprach­schöp­fe­ri­schen Fan­ta­sie aus­ge­stat­tet hat.

16. Na­ta­lie ist da­her nicht in ei­nem psy­cho­lo­gisch-wahr­schein­li­chen Sin­ne rea­lis­tisch, son­dern eher ei­ne Schnitt­men­ge von Dis­kur- sen, von Per­spek­ti­ven auf die Rea­li­tät. Vor al­lem ist sie so sehr ge­prägt von vir­tu­el­len Wel­ten, von Ga­mes, Por­no­clips oder Chat­rooms, dass ihr die Wirk­lich­keit nur noch als ei­ne (gar nicht mal per­fek­te) Hin­ter­grund­gra­fik er­scheint. „Hin­ter den lee­ren Flä­chen stan­den Hoch­häu­ser, zwi­schen de­nen sich ein­zel­ne Vö­gel hin und her be­weg­ten wie Mous­e­cur­sors“. In die­ser „Ma­trix“-Welt soll­te auch der Tod kei­ne End­gül­tig­keit be­sit­zen.

IM GEDANKENSPERRFEUER

17. Wahr­nehm­bar wird so kei­ne Au­ßen­welt, son­dern ein hy­per­ak­ti­ves, hoch­ge­tun­tes, mit al­ler­lei che­mi­schen Ad­di­ti­va ver­setz­tes Be­wusst­sein, des­sen Gedankensperrfeuer nicht weit ent­fernt von den ver­kap­sel­ten In­nen­wel­ten der be­treu­ten Kli­en­ten ist. Je­der ist hier ei­ne In­sel.

18. An Holl­bergs Vor­ge­hen zeigt sich, wie ma­ni­pu­la­tiv auch das Er­zäh­len sein kann, und Na­ta­lie ist in die­ser Hin­sicht ei­ne äu­ßerst ge­leh­ri­ge Schü­le­rin. Cle­mens J. Setz er­zählt auf tau­send Sei­ten ei­ne Ge­schich­te über die Wahn­haf­tig­keit un­se­rer Welt­bil­der und über das un­ver­meid­li­che Schei­tern al­ler Ver­su­che, ei­nen fes­ten Bo­den un­ter den Fü­ßen zu ge­win­nen, auf dem ein tritt­si­che­res Mit­ein­an­der, vul­go: Lie­be, mög­lich wä­re. Am En­de ha­ben al­ler Scharf­sinn und al­le Wut Na­ta­lie nicht da­vor be­wahrt, die Ver­hält­nis­se fa­tal zu ver­ken­nen. Das Ein­zi­ge, was un­zwei­fel­haft re­al ist, ist dann eben doch der Tod.

19. „Die St­un­de zwi­schen Frau und Gi­tar­re“ist ein phi­lo­so­phi­scher Psy­cho-Thril­ler, der den Le­ser mit dem un­an­ge­neh­men Ge­fühl zu­rück­lässt, von ir­gend­et­was ver­folgt zu wer­den. Von ir­gend­et­was? Es ist der Ro­man selbst, der uns stalkt. „Du soll­test jetzt ge­hen, wie­der­hol­te Holl­berg. Das. Ist der nutz­lo­ses­te Satz, den es gibt. Auf der gan­zen Welt. Du kannst ihn sa­gen. Aber. (Er stell­te ei­nen Zei­ge­fin­ger auf.) Er wirkt nie.“

(© Paul Schirn­ho­fer)

Cle­mens J. Setz, Schrift­stel­ler.

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