Wind­kraft­rä­der auf Mist­hau­fen

“Bran­de­bourg”, la nou­vel­le fres­que rura­le de Ju­li Zeh

Vocable (Allemagne) - - Sommaire -

Un­ter­leu­ten, un vil­la­ge dans le Bran­den­bourg, c’est ici que nous em­mè­ne Ju­li Zeh dans son der­nier ro­man épony­me (“Bran­de­bourg” en français). El­le dres­se le por­trait de tous ses ha­bi­tants : un pe­tit coup­le plein de pro­jets, un ga­ra­gis­te es­quin­té, un pro­prié­taire qui a fait une af­fai­re. El­le ad­op­te tour à tour la per­spec­tive de cha­cun. Au fur et à me­su­re, les choix des uns mè­nent au mal­heur des au­tres et la fres­que rura­le vi­re au cau­che­mar.

Das bran­den­bur­gi­sche Land ist so­wohl Sehn­suchts- als auch Kul­mi­na­ti­ons­ge­biet. Hier, im wei­ten, fla­chen Gür­tel der Haupt­stadt, pral­len Vor­stel­lungs­wel­ten und Le­bens­ent­wür­fe auf­ein­an­der. Ju­li Zeh, 1974 in Bonn ge­bo­ren, pro­mo­vier­te Ju­ris­tin, Ab­sol­ven­tin des Deut­schen Li­te­ra­tur­in­sti­tuts in Leip­zig, weiß, wo­von sie spricht und wor­über sie schreibt: Vor ei­ni­gen Jah­ren hat sie ein Haus in ei­nem Dorf in Bran­den­burg ge­kauft und lebt dort mit Mann und Kind. Der Wei­ler Un­ter­leu­ten, der ih­rem neu­en Ro­man den Ti­tel gibt, dürf­te al­so ei­ne Zu­spit­zung von ei­ge­ner Er­fah­rung und trotz­dem rei­ne Fik­ti­on sein. Das ist im Grun­de für ei­nen Ro­man nicht wich­tig, aber es er­klärt die größ­te Stär­ke, die Zehs mehr als 600 Sei­ten di­cken Ro­man aus­zeich­net: Je­de Fi­gur ist in ei­ner un­ge­heu­ren Ge­nau­ig­keit, Dif­fe­ren­ziert­heit und Plas­ti­zi­tät auf­ge­baut und ge­zeich­net. 2. Das ist um­so be­mer­kens­wer­ter, als dass es in „Un­ter­leu­ten“kei­ne Haupt- und Ne­ben­fi­gu­ren gibt, son­dern ein knap­pes Dut­zend gleich­be­rech­tig­ter Er­zähl­stim­men, die das Ge­sche­hen wech­sel­wei­se und aus je­weils streng sub­jek­ti­ver Per­spek­ti­ve im­mer wie­der neu be­leuch­ten. Das ist der Clou des Ro­mans und gleich­zei­tig die Grund­la­ge des Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­dells, von dem Zeh aus­geht. Spra­che dient den Men­schen in Un­ter­leu­ten nicht der Ver­stän­di­gung, son­dern trägt im­mer nur zum Miss­ver­ständ­nis bei, bis sich die fein bis in die DDR-Ver­gan­gen­heit hin­ein­ge­spon­ne­nen Er­zähl­fä­den zu ei­nem der­art un­über­sicht­li­chen Knäu­el ver­wirrt ha­ben, dass nur noch ein Mit­tel hilft, das Cha­os auf­zu­lö­sen: Ge­walt.

ER­WAR­TUNG EI­NER EN­GA­GIER­TEN HAL­TUNG

3. An Ju­li Zeh, die ganz be­wusst den aus der Mo­de ge­kom­me­nen Ha­bi­tus der po­li­ti­schen Schrift­stel­le­rin im klas­si­schen so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Stil pflegt, wird mit je­dem neu­en Buch die Er­war­tung ei­ner en­ga­gier­ten Hal­tung her­an­ge­tra­gen. Zu­nächst ein­mal aber ist „Un­ter­leu­ten“enorm un­ter­halt­sam und hand­werk­lich raf­fi­niert ge­macht. Ein Ge­sell­schafts­ro­man, wie der Ver­lag behauptet. Ja, auch das. In ers­ter Li­nie aber ein Ro­man über ein Dorf, an des­sen Struk­tu­ren sich ge­sell­schaft­li­che Phä­no­me­ne ab­le­sen las­sen.

4. Um in ei­nem Dorf et­was in Be­we­gung zu brin­gen, braucht es ei­nen Kon­flikt. Des­sen Herd tritt in Un­ter­leu­ten auf in Gestalt ei­nes west­li­chen Grund­stücks­spe­ku­lan­ten, der still und heim­lich ei­nen nicht un­be­trächt­li­chen Teil der zum Ver­kauf

Brach­flä­chen ge­kauft hat. Und in Per­son ei­nes jun­gen Man­nes, der auf ei­ner Bür­ger­ver­samm­lung die Plä­ne zur Er­rich­tung von zehn Wind­rä­dern ober­halb von Un­ter­leu­ten er­läu­tert. Das bringt die Din­ge ins Rut­schen.

5. Der Ro­man um­fasst ei­nen Zei­t­raum von noch nicht ein­mal zwei Mo­na­ten im Ju­li und Au­gust 2010. Da­nach wird das Dorf Un­ter­leu­ten ein an­de­res sein. Ob das gut oder schlecht ist, mag of­fen­blei­ben. „Un­ter­leu­ten“, so heißt es, „war das reins­te Pa­n­op­ti­kum.

6. Wenn sich Da­ten­schüt­zer in der Zei­tung we­gen Über­wa­chung im In­ter­net er­ei­fer­ten, muss­te Kron re­gel­mä­ßig la­chen. Man muss­te nur ein han­dels­üb­li­ches Dorf be­su­chen, um zu ver­ste­hen, was der glä­ser­ne Mensch tat­säch­lich war.“Die­se Ge­dan­ken stam­men von dem al­ten Kron, ein ehe­ma­li­ger Kom­mu­nist und ei­nes der bei­den Al­pha­männ­chen in Un­ter­leu­ten. Kron ist ein klei­ner, schma­ler, ver­bit­ter­ter Kerl mit zer­schla­ge­nem Bein (die Hin­ter­grün­de die­ses an­geb­li­chen Un­falls vor rund 20 Jah­ren bil­den den Ur­grund für die Kon­flikt­li­ni­en), der nach der Wen­de al­les ver­lo­ren hat und nun ei­nen er­bit­ter­ten Klein­krieg führt ge­gen sei­nen al­ten Kon­tra­hen­ten Gom­brow­ski, Al­pha- männ­chen Num­mer zwei; kör­per­lich das ex­ak­te Ge­gen­teil, mas­sig, schlau, macht­be­wusst.

EIN OST-WEST-DEUT­SCHER MENTALITÄTSAUFPRALL

7. Gom­brow­ski hat den ehe­ma­li­gen LPGBe­trieb in ein pri­vat­wirt­schaft­li­ches Un­ter­neh­men um­ge­wan­delt und ist nicht nur der größ­te Ar­beit­ge­ber, son­dern auch der mäch­tigs­te Strip­pen­zie­her in Un­ter­leu­ten. Sei­del, der Bür­ger­meis­ter, ist nur Bür­ger­meis­ter von Gom­brow­skis Gna­den, und auch Sei­del hat ei­ne Be­schä­di­gung aus DDR-Zei­ten: Sei­ne an Krebs ge­stor­be­ne Ehe­frau hat im Di­enst der Staats­si­cher­heit ihn und das ge­sam­te Dorf be­spit­zelt, was Sei­del aber erst nach der Be­er­di­gung durch Zu­fall her­aus­ge­fun­den hat. So hängt al­les mit al­lem zu­sam­men in „Un­ter­leu­ten“, hat Ju­li Zeh die bio­gra­fi­schen und ver­wandt­schaft­li­chen Ver­bin­dun­gen und die öko­no­mi­schen Ab­hän­gig­kei­ten straff mit­ein­an­der ver­knüpft. Und sie in­sze­niert De­mar­ka­ti­ons­li­ni­en, die durch Un­ter­leu­ten ver­lau­fen, auch als ost-west-deut­schen Mentalitätsaufprall.

8. Denn in Un­ter­leu­ten gibt es, ver­steht sich, auch die Zu­ge­zo­ge­nen. Die Bes­ser­wis­ser, wie es ein­mal heißt, die ge­kom­men sind, um zu sa­gen, was ih­nen al­les nicht passt. Die, die nicht mit dem Nach­barn re­den, son­dern gleich den An­walt ein­schal­ten. Herr Fließ ist der Schlimms­te von al­len. Ver­krach­ter Uni­ver­si­täts­do­zent mit jün­ge­rer Frau und klei­nem Kind. Vor drei Jah­ren nach Un­ter­leu­ten ge­zo­gen. Vo­gel­ste­hen­den

schüt­zer. Und na­tür­lich ei­ner, dem die Um­welt am Her­zen liegt – aber nicht, wenn Wind­kraft­rä­der in Sicht­wei­te auf­ge­baut wer­den sol­len.

9. Oder Lin­da Fran­zen (ein Na­me als de­zen­te Ver­beu­gung), die Pfer­de­frau, die in Un­ter­leu­ten die so­ge­nann­te Vil­la Kun­ter­bunt ge­kauft und ihr Den­ken und Han­deln nach den Ma­xi­men des Ma­na­ger­mo­ti­va­tors Man­fred Gortz (den es wirk­lich gibt) aus­ge­rich­tet hat. Des­sen Weis­hei­ten hat Zeh als ko­mi­sche Leit­mo­ti­ve ein­ge­baut: „Der ei­ge­ne Schat­ten ver­schließt das Tor zum rich­ti­gen Weg.“Aha.

KAPITALISMUSKRITISCHE JU­LI-ZEH-SÄT­ZE

10. „Un­ter­leu­ten“hat durch­aus Schwä­chen. So dy­na­misch und über­ra­schend der stän­di­ge Per­spek­ti­ven­wech­sel ist, so sta­tisch sind mit­un­ter die Zu­schrei­bun­gen der Rol­len und Be­deu­tun­gen in Be­zug auf die ein­zel­nen Häu­ser und An­we­sen im Dorf. Stel­len­wei­se kommt man sich wie in ei­ner vir­tu­os ge­mach­ten So­ap Ope­ra vor. Und häu­fig legt die Au­to­rin ih­ren Fi­gu­ren wohl­fei­le ka­pi­ta­lis­mus- und selbst­op­ti­mie­rungs­kri­ti­sche Ju­li-Zeh-Sät­ze in den Mund, die man so oder ähn­lich schon ge­hört hat: „Seit die Wirt­schaft ge­lernt hat­te, die Spra­che der Moral zu spre­chen, lag das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment im Ko­ma.“

11. Die­se Ein­wän­de fal­len aber nicht son­der­lich ins Ge­wicht, weil es Ju­li Zeh tat­säch­lich ge­lun­gen ist, in ei­nem ra­san­ten (und trotz sei­nes Um­fan­ges nicht zu lan­gen) Text Ge­gen­wartsphä­no­me­ne und mo­ra­li­sche Fra­gen dar­zu­stel­len: Die Idea­li­sie­rung des als au­then­tisch emp­fun­de­nen Land­le­bens. Die Tat­sa­che, dass hin­ter dem Um­zug aufs Land oft ein ver­dräng­ter Kon­flikt schwelt. Die Über­le­gung, wem man ver­pflich­tet ist: der Ge­mein­schaft oder sich selbst?

12. Es gibt in Zehs Un­ter­leu­ten kei­ne Gu­ten und kei­ne Bö­sen, nur Men­schen, die et­was Gu­tes wol­len und da­bei Un­heil an­rich­ten. Je­der un­ter­stellt sei­nem Ge­gen­über et­was – und stets, das ist die Po­in­te, liegt er oder sie da­mit falsch. Es ist ver­blüf­fend, wie per­fi­de Zeh ih­ren Le­sern Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bo­te mit ih­ren Fi­gu­ren macht, mit die­sen Klein­geis­tern, Stur­köp­fen, Ver­lie­rern und Ge­win­nern – um die­se kurz dar­auf wie­der zu re­vi­die­ren.

13. Das Bö­se, so lau­tet ein Sprich­wort, sei ein Mist­hau­fen. Je­der sit­ze auf sei­nem und quat­sche über den des an­de­ren. Ju­li Zeh führt ih­ren Ro­man in ein er­staun­lich blu­ti­ges und düs­te­res Fi­na­le. War­um es so viel Ge­walt auf der Welt ge­be, fragt sich Fließ und gibt gleich die Ant­wort: „Weil Ge­walt ver­dammt ein­fach war.“

Es gibt in Zehs Un­ter­leu­ten kei­ne Gu­ten und kei­ne Bö­sen, nur Men­schen, die et­was Gu­tes wol­len und da­bei Un­heil an­rich­ten.

(©Tho­mas Mül­ler)

Ju­lie Zeh, Schrift­stel­le­rin.

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