DAS GE­ZER­RE UM GU­TE SCHÜ­LER

La ba­gar­re pour les bons élè­ves

Vocable (Allemagne) - - À La Une - VON CHRIS­TOPH FARKAS

A Göt­tin­gen, l’éco­le in­té­grée est plus de­man­dée que les ly­cées sélec­tifs. Vic­time de son ex­cel­len­te ré­pu­ta­ti­on, l’éco­le Ge­org Chris­toph Lich­ten­berg se re­trouve ob­li­gée de re­fu­ser plu­sieurs cen­tai­nes d’élè­ves pour main­tenir son mo­dè­le édu­ca­tif de la réus­si­te pour tous, ce qui a éga­le­ment des ré­per­cus­sions dans les “Gym­na­si­en”. Un cas d’éco­le dans la hié­r­ar­chi­que ar­bo­re­scence sco­lai­re allemande.

Kei­ne Schu­le, auch kein Gym­na­si­um in der Aka­de­mi­ker­stadt Göt­tin­gen hat so vie­le Be­wer­ber. Kin­der aus al­len Schich­ten und Stadt­tei­len wol­len sich hier an­mel­den, 40 Pro­zent ha­ben schon Ge­schwis­ter an der Ge­samt­schu­le oder Ehe­ma­li­ge als El­tern. Leh­rer aus ganz Deutsch­land wol­len an der IGS ar­bei­ten, und seit sie 2011 den Deut­schen Schul­preis ge­won­nen hat, un­ter­neh­men Päd­ago­gen aus ganz Eu­ro­pa Bil­dungs­rei­sen nach Geis­mar. Drei­ßig Pro­zent al­ler Schü­ler, die mit schwa­chen No­ten an die IGS kom­men, ver­las­sen sie mit dem Abitur. Ihr Schnitt ist mit 2,2 bes­ser als der der nie­der­säch­si­schen Abitu­ri­en­ten ins­ge­samt (2,5).

2. Ein un­ge­wöhn­li­cher Er­folg für ei­ne Ge­samt­schu­le. Er fällt in ei­ne Zeit, in der mehr Schü­ler aufs Gym­na­si­um ge­hen als je zu­vor, in man­chen Groß­städ­ten ist das mehr als die Hälf­te ei­nes Jahr­gangs. Zwar steigt die Zahl von Ge­samt­schu­len. Doch ihr Ruf ist meist mi­se­ra­bel. Al­lein der Be­griff „Ge­samt­schu­le“scheint so an­rü­chig, dass man sol­che Schu­len heu­te lie­ber Stadt­teil-, Ober- oder Ge­mein­schafts­schu­len nennt. „Schu­le für al­le“, das heißt in vie­len Köp­fen: Res­ter­am­pe. An­ders­wo un­ter­neh­men El­tern vie­les, da­mit ihr Kind nicht auf ei­ne Ge­samt­schu­le muss, son­dern aufs Gym­na­si­um darf. In Göt­tin­gen ist es an­ders­her­um.

3. „Schu­le muss sich an die Kin­der an­pas­sen, nicht um­ge­kehrt“, sagt der Lei­ter der IGS, Wolf­gang Vo­gel­sa­en­ger, 65, wäh­rend er durchs Ge­bäu­de führt, vor­bei am Spring­brun­nen und an der Thea­ter­büh­ne. Ein Mann, der Leh­rer wur­de, um Schu­le ge­rech­ter zu ma­chen. Schü­ler win­ken ihm zu wie ei­nem freund­li­chen Kö­nig. Für ihn hat der Er­folg vor al­lem mit Kon­ti­nui­tät zu tun. „Wir zie­hen un­ser Kon­zept seit über 40 Jah­ren durch. Und ver­tei­di­gen es.“Denn die IGS sorgt für Streit un­ter den Göt­tin­ger Schu­len. Von ei­nem Schul­krieg spre­chen man­che.

ER­BIT­TER­TE SCHULSTREITS

4. Der Kon­flikt zwi­schen den Schul­for­men reicht zu­rück in die sech­zi­ger Jah­re. Seit Ge­samt­schu­len als Al­ter­na­ti­ve zum drei­glied­ri­gen Schul­sys­tem getestet wur­den, fühl­ten sich Gym­na­si­en und Ge­samt­schu­len ab­wech­selnd be­nach­tei­ligt: Re­gier­te die SPD in den Län­dern, fürch­te­ten Gym­na­si­en um ih­re Pri­vi­le­gi­en, herrsch­te die CDU, wähn­ten sich die Ge­samt­schu­len vor dem Aus. De­bat­ten um Finanzen oder Lehr­plä­ne wur­den ideo­lo­gisch, je­der Re­form­ver­such wur­de als An­griff auf die­se oder je­ne Schul­form in­ter­pre­tiert. So kam es in den letz­ten Jah­ren zu er­bit­ter­ten Schulstreits in Ham­burg, Schles­wig-Hol­stein, Nord­rhein-West­fa­len, Hes­sen oder eben Nie­der­sach­sen. Es wur­den schon Wah­len an Schu­len ent­schie­den.

5. An­fang der sieb­zi­ger Jah­re ent­wi­ckel­te ei­ne Grup­pe aus jun­gen Wis­sen­schaft­lern, Leh­rern, El­tern, Ar­chi­tek­ten und Po­li­ti­kern die In­te­gra­ti­ve Ge­samt­schu­le Geis­mar als Ge­gen­ent­wurf zum drei­glied­ri­gen Schul­sys­tem aus Haupt­schu­le, Re­al­schu­le, Gym­na­si­um. Auf Bil­dern von damals sieht man die Re­for­mer mit lan­gen Haa­ren, dis­ku­tie­rend auf ei­ner Wie­se. Die Grün­der fan­den das be­ste­hen­de „stän­disch-ob­rig­keits­staat­li­che“Bil­dungs­sys­tem un­ge­recht und un­de­mo­kra­tisch. Ih­re Ide­en prä­gen die Schu­le bis heu­te: Star­ke und schwa­che Schü­ler wer­den bis zur zehn­ten Klas­se nicht nach Leis­tung ge­trennt un­ter­rich­tet, son­dern in Tisch­grup­pen­Teams.

6. Das Prin­zip: Je­de Klas­se be­steht aus meh­re­ren Tisch­grup­pen un­ter­schied­lich

be­gab­ter Schü­ler, die bei ge­mein­sa­men Auf­ga­ben von­ein­an­der ler­nen. Es gibt kei­ne No­ten bis zur ach­ten Klas­se, kein Sit­zen­blei­ben, da­für fle­xi­ble St­un­den­plä­ne. „Wer sich für Di­nos in­ter­es­siert, soll­te je­der­zeit ein Re­fe­rat über Di­nos hal­ten kön­nen“, sagt Wolf­gang Vo­gel­sa­en­ger. Im Ide­al­fall ist je­des Kind ir­gend­wo er­folg­reich, hat ir­gend­et­was, wor­auf es sich am Mor­gen freu­en kann. Des­halb gibt es nach­mit­tags Zir­kus, Schach und Ro­bo­tik.

WEL­CHE LÖ­SUN­GEN SIND IN SICHT?

7. Dass das al­les in Geis­mar funk­tio­niert, ist ei­ne Aus­nah­me. „Die meis­ten Ge­samt­schu­len kran­ken dar­an, nach Leis­tung tren­nen zu müs­sen“, sagt Vo­gel­sa­en­ger. So wür­den die Schü­ler al­le paar Mo­na­te um­sor­tiert und müss­ten sich an neue Mit­schü­ler und Leh­rer ge­wöh­nen. „Das bringt so­zia­le Pro­ble­me.“ Dar­un­ter lit­ten vor al­lem die vie­len neu­en Ge­samt­schu­len, die in den letz­ten Jah­ren aus Haupt- und Re­al­schu­len ent­stan­den sind. „Da steht dann oft In­te­grier­te Ge­samt­schu­le drauf, aber es gibt null In­te­gra­ti­on.“

8. Die meis­ten El­tern, die an ei­nem Tag En­de April an die IGS Geis­mar kom­men, um ihr Kind an­zu­mel­den, schwär­men von de­ren Kon­zept. Vom Mit­ein­an­der, dem fä­cher­über­grei­fen­den Un­ter­richt. Nur ein Va­ter sorgt sich, dass sei­ne Toch­ter auf der IGS nicht ge­nug ge­for­dert wer­den könn­te. Ein be­rech­tig­tes Vor­ur­teil, fin­det Wolf­gang Vo­gel­sa­en­ger. Ge­samt­schu­le sei zu oft an schwä­che­ren Schü­lern aus­ge­rich­tet.

9. In Geis­mar sol­len aber die Stär­ke­ren die Schwä­che­ren mit­zie­hen. Des­halb sit­zen an je­dem Sech­ser­tisch min­des­tens drei gu­te Schü­ler. Ih­re neu­en Schü­ler lost die IGS im­mer nach Quo­te aus dem Be­wer­ber­topf aus: 60-20-10-10. Sech­zig Pro­zent aus der Leis­tungs­spit­ze der Grund­schu­len, zwan­zig aus der Mit­te, zehn von den Schwa­chen, zehn Pro­zent In­klu­si­ons­kin­der. Dass die Ge­samt­schu­le 60 Pro­zent der Bes­ten ab­schöpft, frus­triert die Gym­na­si­en.

10. Denn auf ih­nen lan­det, wer beim An­mel­de­ver­fah­ren kein Los­glück hat – ob­wohl er dort aus Sicht man­cher Rek­to­ren nicht hin­ge­hört. „Es ist schon über­ra­schend, dass wir Gym­na­si­en uns jetzt für die schwa­chen Schü­ler stark­ma­chen müs­sen“, sagt Ge­org Bar­telt, 59. Der drah­ti­ge Di­rek­tor des Hain­berg-Gym­na­si­ums zö­gert im Ge­gen­satz zu sei­nen Kol­le­gen an den an­de­ren Göt­tin­ger Gym­na­si­en nicht, die Pro­ble­me zu be­nen­nen. Er sagt: Die at­trak­ti­ven städ­ti­schen Ge­samt­schu­len wür­den ein­fach zu we­ni­ge schwä­che­re Schü­ler auf­neh­men. Ab­ge­lehn­te gin­gen eher aufs Gym­na­si­um als auf die vier­te Ge­samt­schu­le nörd­lich der Stadt, die zwar noch freie Plät­ze ha­be, aber nicht den bes­ten Ruf. „Die Ge­samt­schu­len kön­nen nicht be­haup­ten, ei­ne Schu­le für al­le zu sein, und sich dann hin­ten­rum ei­ne ziem­lich gym­na­sia­le Schü­ler­schaft zu­sam­men-

su­chen“, är­gert sich Bar­telt. Die Fol­ge: mehr Ar­beit für die Leh­rer, Frust bei den Schü­lern. Das Här­tes­te sei, den Kin­dern beim Schei­tern zu­zu­se­hen, er­zählt ei­ne jun­ge Leh­re­rin.

11. Wel­che Lö­sun­gen sind in Sicht? Fürs nächs­te Schul­jahr nimmt die IGS mehr Schü­ler auf, die frü­her auf ei­ne Haupt­schu­le ge­gan­gen wä­ren, da­für we­ni­ger po­ten­zi­el­le Re­al­schü­ler. 60 Pro­zent sind aber Leis­tungs­star­ke, dar­an wur­de nicht ge­rüt­telt. Die Gym­na­si­en könn­ten doch he­te­ro­ge­ner, „ganz­tags­schu­li­ger“wer­den, sagt Wolf­gang Vo­gel­sa­en­ger la­ko­nisch.

12. Ei­ne an­de­re Lö­sung des Schul­kon­flikts könn­te die Auf­lö­sung des Zwei-Säu­len-Mo­dells aus Gym­na­si­en und Ge­samt­schu­len sein. Vo­gel­sa­en­ger setzt sich für die Wie­der­er­öff­nung ei­ner Ober­schu­le ein, an der frü­he­re Haupt- und Re­al­schü­ler un­ter­rich­tet wer­den könn­ten.

13. Falls das al­les nicht klappt, hat Vo­gel­sa­en­ger ei­ne noch sim­ple­re Lö­sung. „Ei­gent­lich

soll­ten wir“, sagt er ver­schmitzt und schaut aus dem Fens­ter auf die Hü­gel um Göt­tin­gen, „al­le Gym­na­si­en in Ge­samt­schu­len um­wan­deln.“

(© Istock)

Aus­ge­rech­net in der Uni­stadt Göt­tin­gen ist ei­ne Ge­samt­schu­le be­gehr­ter als die Gym­na­si­en.

Die IGS sorgt für Streit un­ter den Göt­tin­ger Schu­len. Von ei­nem Schul­krieg spre­chen man­che.

(© Istock)

So geht Aus­wen­dig­ler­nen.

„Die meis­ten Ge­samt­schu­len kran­ken dar­an, nach Leis­tung tren­nen zu müs­sen“sagt Wolf­gang Vo­gel­sa­en­ger

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