Al­ko­hol

L’al­cool n’est pas bon du tout pour la san­té, une vé­rité qui a du mal à pas­ser

Vocable (Allemagne) - - Édito | Sommaire - HEL­MUT SEITZ pro­fes­seur à l’uni­ver­sité de mé­de­ci­ne et di­rec­teur du cent­re de re­cher­che sur l’al­cool d’Hei­del­berg STE­VEN DOOLEY pro­fes­seur à la fa­cul­té de mé­de­ci­ne de Mannheim, di­rec­teur de la fon­da­ti­on pour la re­cher­che en bio­mé­de­ci­ne sur l’al­cool

ZEITmagazin: Herr Dooley, Sie er­for­schen in Mannheim die Wir­kung von Al­ko­hol auf die Le­ber. Herr Seitz, Sie sind Di­rek­tor des Al­ko­holf or schungs­zent ru ms de rU ni ver­si­tät Hei­del­berg und be­han­deln seit 30 Jah­ren in der Kli­nik Sa­lem Le­ber­pa­ti­en­ten. So gut wie Sie bei­de weiß kaum ei­ner, was der Al­ko­hol im Kör­per an­rich­tet. Trin­ken wir al­le zu viel?

Hel­mut Seitz: Lei­der ja. Al­ko­hol ge­hört in al­len Ge­sells ch afts­sc hi ch tenz­um Le­bens­stil. In man­chen Krei­sen gilt es als schick, Al­ko­hol un­be­fan­gen zu kon­su­mie­ren. Das be­rei­tet mir gro­ße Sor­gen. Ste­ven Dooley: Fast je­der un­ter­schätzt die Ge­fah­ren und die Men­ge, die kon­su­miert wer­den kann, oh­ne dass das Fol­gen hat. Ich kann das, was Herr Seitz sagt, aus mei­nem Um­feld da­her nur be­stä­ti­gen. Man trifft sich mitt­ler­wei­le täg­lich bei ei­nem Gläs­chen oder Fläsch­chen, beim Af­ter-Work-Drink oder in der Vi­no­thek um die Ecke, manch­mal auch schon mit­tags, und meis­tens wird Wein ge­trun­ken. Oft be­stellt ei­ner ei­ne Fla­sche, und dann ist der Nächs­te dran. Am En­de trin­ken drei Leu­te drei

Fla­schen am Abend. Das ist viel zu viel, als dass die Le­ber auf Dau­er nicht Scha­den näh­me.

2. Seitz: Al­ko­hol wird vor al­lem in der Wer­bung mit Ju­gend, Le­bens­freu­de und Schön­heit ver­knüpft. Im All­tag sieht es dann ganz an­ders aus. Ich wür­de Sie gern mal mit­neh­men auf

ei­ne Vi­si­te in mei­ner Kli­nik. Da ster­ben Men­schen an al­ko­ho­li­scher Le­ber­zir­rho­se und an durch Al­ko­hol ver­ur­sach­ten Krebs­er­kran­kun­gen. Dooley: Ich ken­ne Leu­te, die zehn Fla­schen Wein in der Wo­che trin­ken und sich gut da­bei füh­len. Und wenn ich in mei­nem Freun­des­kreis sa­ge, ich trin­ke ei­ne Wo­che lang mal aus­schließ­lich Was­ser, dann ist das sehr schwie­rig. Der Druck mit­zu­ma­chen ist groß.

3. ZEIT: Vor Kur­zem hat das Münch­ner In­sti­tut für The­ra­pie­for­schung neue Zah­len zum Alkoholkonsum ver­öf­fent­licht, sie be­ru­hen auf Be­fra­gun­gen aus dem Jahr 2015. Et­wa je­der Sechs­te trinkt dem­nach re­gel­mä­ßig so viel, dass er sei­ner Ge­sund­heit scha­det. Aus­ge­rech­net die Ge­bil­de­ten sind ganz vorn — Leu­te mit Hoch­schul­ab­schluss oder Meis­ter­ti­tel. Se­hen Sie sich be­stä­tigt? Dooley: Ja, die Ge­bil­de­ten se­he ich in der größ­ten Ge­fahr.

4. ZEIT: Bis­her dach­te man, es sind eher die ein­fa­chen Leu­te, die sau­fen. War­um nun die Aka­de­mi­ker? Dooley: Das ist die Ge­ne­ra­ti­on der Ba­by­boo­mer, de­nen ging es im­mer gut. Sie fin­den es ganz nor­mal, zu Hau­se abends ei­ne Fla­sche Wein auf­zu­ma­chen oder dies nach der Ar­beit im Stamm­lo­kal mit Freun­den zu tun.

5. ZEIT: Es hieß doch mal, ein Gläs­chen Al­ko­hol sei ei­gent­lich ganz ge­sund. Auch weil man da­bei so schön ent­spannt. Stimmt das et­wa gar nicht? Seitz: Lei­der nein.

6. ZEIT: Ein Glas Rot­wein am Tag soll gut für die Ge­fä­ße sein und ei­nem Herz­in­farkt vor­beu­gen. Ha­ben Wis­sen­schaft­ler im­mer wie­der be­haup­tet. Seitz: Es ist un­ge­fähr 20 Jah­re her, dass die Be­haup­tung auf­kam und sich her­um­sprach. Die Er­geb­nis­se vie­ler Stu­di­en, auf de­nen sie be­ruh­te, müs­sen aber kri­tisch hin­ter­fragt wer­den. Das Pro­blem wa­ren die Kon­troll­grup­pen, mit de­nen man die Al­ko­hol­trin­ker ver­g­li­chen hat. Es ist näm­lich sehr schwer, Leu­te zu fin­den, die gar nicht trin­ken. In den Kon­troll­grup­pen wa­ren vie­le ehe­ma­li­ge Al­ko­ho­li­ker, die nicht mehr trin­ken durf­ten und nicht ge­sund wa­ren – sie star­ben frü­her, und das hat die Er­geb­nis­se ver­zerrt. Mor­mo­nen oder Sie­ben-Ta­ge-Ad­ven­tis­ten da­ge­gen, die sehr ge­sund le­ben und kei­nen Al­ko­hol trin­ken, le­ben län­ger als Mä­ßig­trin­ker. Das zeigt: Kein Al­ko­hol ist ganz si­cher bes­ser, als re­gel­mä­ßig auch nur klei­ne Men­gen zu trin­ken. 7. ZEIT: An­geb­lich ist der Fran­zo­se doch so ge­sund, weil er sich täg­lich zum Es­sen Rot­wein gönnt. Ist das auch ein My­thos? Seitz: Ja. Es stimmt zwar, dass fran­zö­si­sche Män­ner sel­te­ner an Herz­er­kran­kun­gen lei­den als an­de­re Eu­ro­pä­er, aber gleich­zei­tig ha­ben sie hö­he­re Ra­ten an Le­ber­zir­rho­sen und Spei­se­röh­ren­kar­zi­no­men.

8. ZEIT: In Frank­reich sind die emp­foh­le­nen Grenz­wer­te hö­her als in Deutsch­land (12 Gramm rei­ner Al­ko­hol am Tag für ei­ne Frau 24 Gramm für ei­nen Mann): 30 Gramm am Tag, für Frau­en ge­nau­so wie für Män­ner. Ver­tra­gen Fran­zo­sen mehr als Deut­sche? Seitz: Wein ist in Frank­reich ein gro­ßer Wirt­schafts­fak­tor, Hun­dert­tau­sen­de ar­bei­ten in der Wein­in­dus­trie. Die EU ver­sucht vie­les zu ver­ein­heit­li­chen. Bei den Al­ko­hol-Grenz­wer­ten ist ihr das noch nicht ge­lun­gen.

9. ZEIT: Vor­hin ha­ben Sie ge­sagt, Al­ko­hol sei in je­der Men­ge schäd­lich. Bin ich wirk­lich auf der si­che­ren Sei­te, wenn ich mich an Ih­re Emp­feh­lung hal­te? 7. an­geb­lich à ce que l’on dit / sich etw gön­nen s’offrir qqch / sel­ten ra­re­ment / die Herz­er­kran­kung la ma­la­die car­di­aque / an ei­ner Sa­che lei­den(i,i) souf­frir de qqch / gleich­zei­tig en mê­me temps / die Ra­te le taux / das Spei­se­röhr­kar­zi­nom(e) la tu­meur car­ci­noï­de du tu­be di­ges­tif. 8. emp­foh­len re­com­man­dé / der Grenz­wert(e) le pla­fond, la li­mi­te / rein pur / ge­nau­so wie tout com­me / ver­tra­gen(u,a,ä) sup­por­ter / ver­ein­heit­li­chen uni­fier, har­mo­niser / es ist ge­lun­gen on a réus­si. 9. vor­hin tout à l’heu­re / schäd­lich sein êt­re no­cif, fai­re du tort / auf der si­che­ren Sei­te sein mett­re tou­tes les chan­ces de son côté / sich an etw hal­ten (ie,a,ä) re­spec­ter qqch / die Emp­feh­lung la re­com­man­da­ti­on /

Dooley: Das ist lei­der schwer zu sa­gen. Seitz: Je­der Mensch ver­stoff­wech­selt Al­ko­hol an­ders, was auch ge­ne­ti­sche Ur­sa­chen hat. Man­che Men­schen trin­ken enor­me Men­gen an Al­ko­hol und ent­wi­ckeln nur ei­ne Fett­le­ber, le­dig­lich ei­ner von zehn schwe­ren Trin­kern hat ei­ne Zir­rho­se. Woran das ge­nau liegt, wis­sen wir nicht ge­nau.

10. ZEIT: Ei­gent­lich müss­ten Sie al­so emp­feh­len, gar nichts zu trin­ken. Seitz: Das ist uto­pisch und si­cher auch nicht wün­schens­wert. Den­ken Sie nur an die Zei­ten der Pro­hi­bi­ti­on in den USA mit ih­ren schreck­li­chen Kon­se­quen­zen. Dooley: Ich tue mich schwer da­mit, das so strikt zu for­mu­lie­ren. Vi­el­leicht kann sich je­mand bes­ser ent­span­nen mit ei­nem Glas Wein. Vi­el­leicht ist das für ihn bes­ser, als nichts zu trin­ken.

11. ZEIT: Was pas­siert im Kör­per, wenn wir Al­ko­hol kon­su­mie­ren? Dooley: Die Le­ber ist ei­ne Art Puf­fer. Al­le Gift­stof­fe, die ich auf­neh­me, wer­den dort ver­stoff­wech­selt. Durch Al­ko­hol ent­steht Stress in den Le­ber­zel­len. En­zy­me wan­deln den Al­ko­hol um, vor al­lem in Ace­tal­de­hyd und an­de­re ag­gres­si­ve Rest­sub­stan­zen. Durch die­se Stof­fe kön­nen Le­ber­zel­len ab­ster­ben. Ei­ne to­te Zel­le in der Le­ber müs­sen Sie sich vor­stel­len wie ei­ne ver­letz­te Zel­le der Haut, und meh­re­re to­te Zel­len sind wie ei­ne Wun­de. Das ist, als ob man sich schnei­det.

12. ZEIT: Die meis­ten Män­ner hal­ten es für völ­lig nor­mal, drei gro­ße Bie­re am Abend zu trin­ken. Seitz: Es ist vi­el­leicht nor­mal, aber trotz­dem falsch. War­um wol­len Sie über­haupt drei Bier trin­ken? 13. ZEIT: Weil es Spaß macht. Weil ich mich dann lo­cke­rer füh­le. So, wie ich im­mer gern wä­re. Seitz: Ich will Al­ko­hol ja auch nicht ab­schaf­fen, das wür­de nie­man­dem ge­fal­len. Er ist Teil un­se­rer Kul­tur, un­ter an­de­rem ein so­zia­les Schmier­mit­tel. Aber wenn Sie Al­ko­hol heu­te als Me­di­ka­ment auf den Markt brin­gen woll­ten, wür­de kei­ne Ge­sund­heits­be­hör­de der Welt dies zu­las­sen – viel zu to­xisch!

14. ZEIT: Wie stel­le ich fest, dass ich zu viel trin­ke? Dooley: Wenn der Arzt Ih­nen sagt, dass Ih­re Le­ber­wer­te er­höht sind. Das heißt nichts an­de­res, als dass be­stimm­te Le­be­ren­zy­me ins Blut ge­lan­gen, weil die sie her­stel­len­den Zel­len in der Le­ber durch den Al­ko­hol­stress ka­putt­ge­gan­gen sind. 15. ZEIT: Es gibt kei­ne Warn­si­gna­le des Kör­pers, die ich sel­ber spü­re? Dooley: Nein. Selbst wenn es der Le­ber be­reits sehr schlecht geht, mer­ken Sie kaum et­was. Es gibt kei­ne Ner­ven für Schmerz­emp­fin­den in der Le­ber. Vi­el­leicht sind Sie et­was mü­der. Wenn Sie war­ten, bis Sym­pto­me auf­tre­ten, ist es in der Re­gel zu spät.

16. ZEIT: Gibt es ei­ne Al­ko­hol-Lob­by, die ver­hin­dert, dass Sie ge­hört wer­den? Seitz: Es wird zu­min­dest viel ge­leug­net. Ich saß mal im Haus des Deut­schen Wei­nes, die hat­ten mich ge­be­ten, ei­nen Vor­trag zu hal­ten. Da war ein so­ge­nann­ter Ex­per­te, der be­haup­te­te, 120 Gramm Al­ko­hol am Tag wür­den die Le­ber nicht schä­di­gen. Da bin ich auf­ge­stan­den und raus­ge­gan­gen. Ich war­ne ja schon lan­ge, auch als Prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen Al­ko­hol­for­schungs­ge­sell­schaft. Un­se­re Bot­schaft wird nicht auf­ge­nom­men. Man möch­te sie nicht ha­ben. Sie stört.

„In man­chen Krei­sen gilt es als schick, Al­ko­hol un­be­fan­gen zu kon­su­mie­ren. Das be­rei­tet mir gro­ße Sor­gen.“H. Seitz

(©Is­tock)

Bier un­ter Freun­den - Al­ko­hol ge­hört in al­len Ge­sell­schafts­schich­ten zum Le­bens­stil. Un ver­re de vin par jour, c’est bon pour la san­té ? Faux, af­fir­ment deux cher­cheurs spé­cia­lis­tes de la ques­ti­on. Ils poin­tent du doigt not­re rap­port cul­tu­rel à l’al­cool. Les uni­ver­si­taires, par­ti­cu­liè­re­ment les jeu­nes femmes, sont con­sidé­rés, com­me la tran­che de po­pu­la­ti­on la plus ex­po­sée. Un dis­cours qui in­ter­pel­le et dé­ran­ge.

Ob­wohl die meis­ten Men­schen es glau­ben, ist ein Glas Rot­wein am Tag gar nicht ge­sund.(©Is­tock)

(©Is­tock)

Jun­ge Aka­de­mi­ke­rin sind am meis­ten in Ge­fahr.

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