Wah­re Ge­schich­te

“Das schwei­gen­de Klas­sen­zim­mer”: Lars Krau­me pré­sen­te son nou­veau film dans la sec­tion Ber­li­na­le Spe­cial

Vocable (Allemagne) - - Édito | Sommaire -

Ei­ne Schu­le war das leer­ste­hen­de Ge­bäu­de gleich ne­ben dem heu­ti­gen Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum für DDR-All­tags­kul­tur in Ei­sen­hüt­ten­stadt nie. Doch für ei­nen Ki­no­film ist das ehe­ma­li­ge Kin­der­wo­chen­heim zum „schwei­gen­den Klas­sen­zim­mer“um­ge­baut wor­den. Der gleich­na­mi­ge Ki­no­film, der auf ei­ner wah­ren Ge­schich­te ba­siert, wird in der Ber­li­na­le-Spe­cial-Rei­he die­ses Jahr zu se­hen sein. In den Haupt­rol­len agie­ren vie­le Nach­wuchs­schau­spie­ler, Ne­ben­cha­rak­te­re sind mit nam­haf­ten Darstel­lern wie Michael Gwis­dek, Flo­ri­an Lu­kas oder Ro­nald Zehr­feld be­setzt.

2. Ein grau­es Schild am Ein­gang des Ge­bäu­des weist auf die fik­ti­ve „Cla­ra-Zet­kin-Schu­le“. Ta­fel, Schul­bän­ke, Lam­pen und Gar­di­nen – al­les stammt aus den 1950er Jah­ren. Auch der ge­sam­te Ei­sen­hüt­ten­städ­ter Wohn­kom­plex II, in dem vie­le der Au­ßen­auf­nah­men ge­dreht wur­den, deu­tet auf die An­fangs­jah­re der DDR. Die tat­säch­li­che Ge­schich­te, die Dietrich Garst­ka und sei­ne 19 Mit­schü­ler im Herbst 1956 er­leb­ten, trug sich al­ler­dings nicht hier, son­dern in Stor­kow (Oder-Spree) süd­öst­lich von Berlin zu.

ZWEI SCHWEIGEMINUTEN FÜR DIE OP­FER

3. Als Re­ak­ti­on auf den von so­wje­ti­schen Trup­pen blu­tig nie­der­ge­schla­ge­nen Un­garnAuf­stand hat­ten die Ne­unt­kläss­ler im Herbst 1956 spon­tan zwei Schweigeminuten für die Op­fer ein­ge­legt. Die Ak­ti­on hat­te gra­vie­ren­de Fol­gen: Erst schal­te­te sich das Kreis­schul­amt ein, spä­ter auch der DDRBil­dungs­mi­nis­ter.

4. Die SED-Funk­tio­nä­re such­ten den An­stif­ter, die Schü­ler hiel­ten dicht und wur­den al­le vom Abitur aus­ge­schlos­sen. 16 von ih­nen flo­hen zu­nächst nach West-Berlin und wur­den spä­ter pro­pa­gan­da­t­räch­tig in die Bun­des­re­pu­blik aus­ge­flo­gen. In Hes­sen mach­ten sie schließ­lich 1958 ihr Abitur, un­ter ih­nen auch Garst­ka. Der heu­te 78-Jäh­ri­ge hat die Ge­schich­te auf­ge­schrie­ben und das Buch mit dem Ti­tel „Das schwei­gen­de Klas­sen­zim­mer“vor 12 Jah­ren ver­öf­fent­licht.

5. „Ich woll­te das The­ma un­be­dingt ver­fil­men, schon da­mals“, sagt Mi­ri­am Düs­sel, Pro­du­zen­tin der Ak­zen­te Film & Fern­seh­pro­duk­ti­on. „Es war ei­ne span­nen­de Zeit, als die DDR noch in ih­ren An­fän­gen steck­te und Ju­gend­li­che mit ei­ner mensch­li­chen Ges­te ei­nen gan­zen Staats­ap­pa­rat ge­gen sich auf­brach­ten“, sagt sie. 6. Zehn Jah­re ha­be es ge­dau­ert, die Film­rech­te zu er­hal­ten und das Dreh­buch zu schrei­ben. Ver­ant­wort­lich da­für war Re­gis­seur Lars Krau­me, der nach dem Po­lit­thril­ler „Der Staat ge­gen Fritz Bau­er“zum zwei­ten Mal Deutsch­lands Ent­wick­lung un­mit­tel­bar nach dem Zwei­ten Welt­krieg ver­filmt. „Ge­ra­de heu­te, wo un­se­re de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­te wie­der in Fra­ge ge­stellt wer­den, sind die­se Er­eig­nis­se be­son­ders auf­schluss­reich“, meint er. Der Ori­gi­nal­schau­platz Stor­kow taug­te al­ler­dings als Film­ku­lis­se nicht, da wa­ren sich Krau­me und Düs­sel ei­nig. Die al­te Schu­le ist längst um­ge­baut und mo­der­ni­siert, und ein Stadt­bild der 1950er Jah­re gibt es dort auch nicht mehr.

DREH­AR­BEI­TEN MIT­TEN IM DENK­MAL

7. Die einst ers­te so­zia­lis­ti­sche Stadt der DDR – da­mals als Stal­in­stadt im Zu­sam­men­hang mit dem Ei­sen­hüt­ten­kom­bi­nat Ost ge­baut – hat hin­ge­gen al­les, was das Herz der Fil­me­ma­cher hö­her schla­gen ließ: Die Wohn­kom­ple­xe I bis III – nach ei­nem Ent­wurf des Ar­chi­tek­ten Kurt W. Leuch­te in ei­nem Bau­mix aus so­wje­ti­schem Vor­bild und Bau­haus­tra­di­ti­on rea­li­siert – gel­ten heu­te als ei­nes der größ­ten Flä­chen­denk­ma­le Deutsch­lands. Da­mals soll­te de­mons­triert wer­den, dass auch die Ar­bei­ter im So­zia­lis­mus kom­for­ta­bel und at­trak­tiv woh­nen. Erst ab den 1960er Jah­ren wur­den hier kos­ten­güns­ti­ge­re Plat­ten­bau­ten er­rich­tet.

8. Im März 2017 hat das Film­team mit­ten im Denk­mal ge­dreht. Das Rat­haus wur­de zum fik­ti­ven DDR-Volks­bil­dungs­mi­nis­te­ri­um, das Fried­rich-Wolf-Thea­ter zum Bahn­hof. Auch das Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum dien­te als Film­ku­lis­se: Auf dem Platz da­vor wur­den Fah­nen­ap­pel­le der fik­ti­ven Film-Schu­le nach­ge­spielt. „Da die Ge­schich­te im Herbst spiel­te, ha­ben die Fil­me­ma­cher ei­ne Wind­ma­schi­ne auf­ge­baut und tro­cke­ne Blät­ter hin­ein­ge­wor­fen“, hat Axel Drie­schner, Ku­ra­tor des Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trums, be­ob­ach­tet.

„Ge­ra­de heu­te, wo un­se­re de­mo­kra­ti­schen Grund­wer­te wie­der in Fra­ge ge­stellt wer­den, sind die­se Er­eig­nis­se be­son­ders auf­schluss­reich“

9. Die Ei­sen­hüt­ten­städ­ter er­tru­gen nicht nur zahl­rei­che Stra­ßen­sper­run­gen oh­ne zu mur­ren. Hun­der­te von ih­nen mach­ten als Kom­par­sen so­gar selbst mit. „Die Un­ter­stüt­zung in der Stadt war groß­ar­tig. Oh­ne sie hät­ten wir den Film nicht ma­chen kön­nen“, lobt Krau­me.

(© Stu­dio­ca­nal Gm­bH / Ju­lia Ter­jung)

Das schwei­gen­de Klas­sen­zim­mer von Lars Krau­me läuft in der Rei­he Ber­li­na­le Spe­cial, v.l.n.r. Jo­nas Dassler, Leo­nard Schei­cher, Le­na Klen­ke, Isaiah Mich­al­ski, Tom Gra­menz.

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