Sehn­sucht nach Sinn

Et si seu­le la phi­lo­so­phie per­met­tait d’ap­pré­hen­der la com­ple­xité du mon­de ?

Vocable (Allemagne) - - Édito | Sommaire -

Com­ment con­ci­lier l’aug­men­ta­ti­on de la po­pu­la­ti­on mon­dia­le et la lut­te cont­re le ré­chauf­fe­ment cli­ma­tique ? Peut-on en­di­guer la me­nace is­la­mis­te sans por­ter att­ein­te aux li­ber­tés in­di­vi­du­el­les ? Nous vi­vons dans un mon­de com­ple­xe et la po­li­tique n'est pas tou­jours à mê­me de re­le­ver les dé­fis de cet­te com­ple­xité. Dans ce con­tex­te, la phi­lo­so­phie peut offrir des clés de com­pré­hen­si­on, trans­for­mer les réfle­xes en réfle­xi­on.

So­bald in jüngs­ter Zeit von ei­ner neu­en Sehn­sucht nach Sinn die Re­de ist, von ei­nem ra­pi­de wach­sen­den In­ter­es­se an Phi­lo­so­phie, fällt mir ei­ner mei­ner Lieb­lings­wit­ze ein. Und der geht so: In ei­ner glück­li­chen Fa­mi­lie wächst ein glück­li­ches Klein­kind her­an, ge­sund, le­bens­lus­tig, aber lei­der stumm. Die El­tern ge­hen zu den bes­ten Ärz­ten, doch die kön­nen nichts fin­den. Je­den Mor­gen beim Früh­stück be­kommt das Kind Nu­tel­la- Brot und Ka­kao. Das Kind isst, trinkt und ist fröh­lich. Bis die El­tern ei­nes Mor­gens das Nu­tel­la-Brot ver­ges­sen und zum Früh­stück nur Ka­kao hin­stel­len. Da ist das Kind em­pört, haut auf den Tisch und fragt: „Wo bleibt mein Nu­tel­la-Brot?“Die El­tern sind völ­lig aus dem Häu­schen und ru­fen: „Du kannst ja re­den! War­um hast du denn nie was ge­sagt?“Das Kind zuckt mit den Schul­tern: „Bis jetzt war al­les in Ord­nung.“

2. Zu­ge­ge­ben, bis jetzt war in der Welt nicht al­les in Ord­nung. Sie war im­mer schon vol­ler Rät­sel, vol­ler un­be­ant­wort­ba­rer Fra­gen. Aber die­ser Welt­zu­stand war der ge­wohn­te, man kann­te sich aus da­mit.

EHER TEIL DES PRO­BLEMS ALS TEIL DER LÖ­SUNG

3. Doch seit ei­ni­gen Jah­ren scheint der fes­te Bo­den, auf dem wir stan­den, in Be­we­gung ge­ra­ten. Es wirkt, als wür­den sich die ver­trau­ten Ide­en­land­schaf­ten vor un­se­ren Au­gen auf­lö­sen. Kein Wun­der, wenn jetzt ei­ner auf den Tisch hau­en und sein ge­wohn­tes Nu­tel­la-Brot ha­ben will. Je­des Kind kann in­zwi­schen die Stich­wör­ter an sei­nen scho­ko­la­de­ver­schmier­ten Fin­ger­chen auf­zäh­len: Ter­ror, Trump, Tür­kei, Br­ex­it, To­tal­über­wa­chung welt­weit, Fi­nanz­dau­er­kri­se, Flücht­lings­furcht, Kli­ma­wan­del.

4. Ja, sind wir denn noch zu ret­ten? Mit Rat­ge­ber-Bü­chern, die Tipps für die Op­ti­mie­rung des ei­ge­nen Le­bens ge­ben, ist es da nicht mehr ge­tan. Plötz­lich ist die Zeit des Stumm­seins vor­über, und der Ruf nach Sinn, nach Ori­en­tie­rung, nach Wer­ten wird laut und lau­ter.

5. Aber die Po­li­tik, die doch für Ord­nung in der Welt sor­gen soll, scheint im­mer rat­lo­ser. Die Re­li­gio­nen, die qua Exis­tenz für Sinn­stif­tung zu­stän­dig sind, fin­den in un­se­rer ra­tio­na­lis­ti­schen Welt im­mer we­ni­ger Echo – und fa­na­ti­sche Re­li­giö­se sind eher Teil des Pro­blems als Teil der Lö­sung. Selbst Ar­beit und Wirt­schaft, in de­nen vie­le Men­schen

lan­ge Er­fül­lung fan­den, tra­gen mit ra­sen­dem Res­sour­cen­ver­brauch nicht eben zur Ret­tung des Pla­ne­ten und zu ei­nem gu­ten Ge­wis­sen bei.

6. Al­so soll­te nie­mand über­rascht sein, wenn Phi­lo­so­phie plötz­lich Kon­junk­tur hat und es po­pu­lä­rer ge­wor­den ist, in Wer­ken al­ter (manch­mal auch jun­ger) Meis­ter­den­ker nach trag­fä­hi­gen Sinn-Fun­da­men­ten zu stö­bern, die neue Ori­en­tie­rung schen­ken könn­ten. Erst­mals sicht­bar wur­de der Trend mit dem Er­folgs­buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie vie­le“von Richard Da­vid Precht, das zwi­schen 2008 und 2012 sa­gen­haf­te vier­ein­halb Jah­re auf der Best­sel­ler­lis­te stand. 7. Seit­her sind mit dem „Phi­lo­so­phie Ma­ga­zin“und „Ho­he Luft“gleich zwei le­sens­wer­te phi­lo­so­phi­sche Pu­bli­kums­zeit­schrif­ten ge­star­tet wor­den. Mit der phil.Co­lo­gne gibt es seit 2013 in Köln ein Phi­lo­so­phie-Fes­ti­val, das jähr­lich rund 10 000 Be­su­cher an­lockt. Das deut­sche Fern­se­hen wid­met sich mit For­ma­ten wie „Precht“und „Sco­bel“ent­spre­chen­den The­men, das Schwei­zer Fern­se­hen hat „Stern­stun­de Phi­lo­so­phie“ins Pro­gramm ge­nom­men. In Jour­na­len und Zei­tun­gen wim­melt es von Ko­lum­nen über kla­res Den­ken, klu­ges Han­deln oder mo­ra­li­sche Ge­wis­sens­fra­gen.

AUS REFLEXEN SOLL RE­FLE­XI­ON WER­DEN

8. Aber na­tür­lich wä­re es al­bern zu glau­ben, die Phi­lo­so­phie sei ein Lie­fe­rant von Pa­tent­re­zep­ten, die im Hand­um­dre­hen ei­ne aus den Fu­gen ge­ra­te­ne Wel­t­ord­nung wie­der auf Zack brin­gen könn­te. „Im Ge­gen­teil“, sagt die künf­ti­ge Chef­re­dak­teu­rin des „Phi­lo­so­phie Ma­ga­zins“, Sven­ja Flaß­pöh­ler, „zu­nächst ein­mal geht es in der Phi­lo­so­phie dar­um, die schein­ba­ren Ge­wiss­hei­ten ein­stür­zen zu las­sen. Sie will die all­täg­li­chen Denk­mus­ter, an die wir uns fast au­to­ma­tisch klam­mern, be­sei­ti­gen und un­se­ren Blick wei­ten. Aus Reflexen soll Re­fle­xi­on wer­den.“

9. Vi­el­leicht ist dies das Bes­te, was Phi­lo­so­phie dem Sinn­su­cher heu­te bie­ten kann: an den ge­wohn­ten Denk­mus­tern ra­di­kal zu zwei­feln, für ei­nen Mo­ment aus dem täg­li­chen Ra­dau der po­li­ti­schen Recht­ha­be­rei aus­zu­sche­ren und ak­tu­el­le Fra­gen oh­ne ideo­lo­gi­sche Scheu­klap­pen von Grund auf neu zu durch­den­ken.

10. Neh­men wir ei­ne Ide­en-Bau­stel­le, auf der neu­er­dings Hoch­be­trieb herrscht: die par­la­men­ta­ri­sche Par­tei­en-De­mo­kra­tie. Lan­ge galt sie – zu­mal im Wes­ten – als der Weis­heit letz­ter Schluss un­ter den Re­gie­rungs­for­men. Aber ist sie das wirk­lich? Ist sie nicht drin­gend ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig?

11. Das Le­gi­ti­ma­ti­ons­pro­blem hat sich in jüngs­ter Zeit ver­stärkt, re­sü­miert Bar­ba­ra Bleisch, die in der so de­mo­kra­tie­er­fah­re­nen Schweiz die Sen­dung „Stern­stun­de Phi­lo­so­phie“mo­de­riert, nach­dem Ent­schei­dun­gen von größ­ter Trag­wei­te mit hauch­dün­nen Mehr­hei­ten ge­trof­fen wur­den. „Die Wahl von Trump, die Ent­schei­dung für den Br­ex­it wa­ren ex­trem knapp. Vie­le Län­der des Wes­tens, auch die Schweiz, schei­nen tief ge­spal­ten zu sein. Die öf­fent­li­chen De­bat­ten po­la­ri­sie­ren, an­statt dass nach Kom­pro­mis­sen ge­sucht wird.“Das führt die de­mo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung an die Gren­zen ih­rer Le­gi­ti­ma­ti­on. Die bei der Wahl knapp Un­ter­le­ge­nen kön­nen sich mit dem po­li­ti­schen Wil­len der knap­pen Mehr­heit nicht mehr iden­ti­fi­zie­ren.

NOCH GEHT ES UNS GUT

12. Hin­zu kommt das Kom­pe­tenz-Pro­blem. Po­li­ti­sche Fra­gen ha­ben in­zwi­schen oft ei­nen Kom­ple­xi­täts­grad er­reicht, dem nur noch we­ni­ge Ex­per­ten ge­wach­sen sind. Wie kön­nen sich die Wäh­ler da­zu ei­ne Mei­nung bil­den? Si­cher, sol­che Fra­gen hat es im­mer ge­ge­ben, die Par­tei­en lie­fer­ten ih­ren An­hän­gern, die ih­nen ver­trau­ten, vor­ge­fer­tig­te Ar­gu­men­te für die Ent­schei­dung. Doch was, wenn Par­tei­en – wie zum Bei­spiel bei der Br­ex­it-Ab­stim­mung – aus Macht­in­ter­es­se mit Halb­wahr­hei­ten oder ganz ge­fälsch­ten Zah­len ope­rie­ren? Oder wenn, wie in Un­garn oder Po­len, Par­tei­en ab­so­lu­te Mehr­hei­ten er­rei­chen und da­mit die Macht ha­ben, die Ver­fas­sungs- und Rechts­ord­nun­gen zu zer­stö­ren.

13. Wo man hin­schaut, wel­che Zei­tung man auf­schlägt – über­all lau­ern plötz­lich phi­lo­so­phi­sche Pro­ble­me. Steckt hin­ter der Dis­kus­si­on über Fa­ke News nicht die al­te er­kennt­nis­theo­re­ti­sche Fra­ge: Was ist Wahr­heit? Das, was die Mehr­heit für wahr hält? Oder gibt es ob­jek­ti­ve Kri­te­ri­en? Und wel­che sind das? Wel­che Wer­te brau­chen wir für un­se­re glo­ba­li­sier­te Ge­gen­wart?

14. Oder die Wahl­kampf-Slo­gans, die Gleich­heit und Ge­rech­tig­keit gleich­set­zen wol­len. Si­cher, glei­che Chan­cen und glei­che Rech­te für al­le sind Vor­be­din­gung für Ge­rech­tig­keit. Doch wenn je­der sein Le­ben nach sei­nen ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen füh­ren darf, kön­nen die Le­bens­er­geb­nis­se nicht gleich sein. Ist es dann al­so ge­recht, wenn der ei­ne rei­cher oder ge­sün­der oder glück­li­cher ist als ein an­de­rer?

15. Kurz, wir sind her­aus­ge­for­dert. Wir wer­den uns ein paar Ge­dan­ken ma­chen müs­sen. Die Phi­lo­so­phie kann da­bei hel­fen. Noch geht es uns gut. Oder eher: Noch geht es uns her­vor­ra­gend, wir ha­ben Nu­tel­la und Ka­kao zum Früh­stück. Aber wenn wir wei­ter stumm zu­schau­en, könn­te sich das än­dern. Bald.

Wo man hin­schaut, wel­che Zei­tung man auf­schlägt – über­all lau­ern plötz­lich phi­lo­so­phi­sche Pro­ble­me.

(©Is­tock)

Wie kann man sich vor Fa­ke-News in un­se­rer glo­ba­li­sier­ten Ge­gen­wart schüt­zen?

(CC Mar­tha de Jong-Lan­tink)

Eis­bä­ren in Spitz­ber­gen sind von der Er­der­wär­mung ge­fähr­det.

(©Ma­nish Swa­rup/AP/SIPA)

Ro­hin­gya Flücht­lin­ge im La­ger Ku­tu­pa­long in der Nä­he von Cox's ba­zar, Ban­gla­desh.

(SIPA)

Br­ex­it: Der bis­he­ri­ge Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen hat deut­lich ge­zeigt, dass die Kom­ple­xi­tät ei­nes Aus­tritts aus der EU un­ter­schätzt wur­de.

(CC pixabay)

Groß­städ­te zie­hen im­mer mehr Men­schen an, das führt über­all zur Gen­tri­fi­zie­rung.

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