BE­SORG­TE BÜR­GER

Ci­toy­ens in­quiets

Vocable (Allemagne) - - À La Une -

Plu­sieurs se­mai­nes après s’êt­re af­fi­ché aux côtés de Re­cep Er­do­gˇan et après la dé­fai­te cui­s­an­te de la Mann­schaft en Rus­sie, Me­sut Özil a an­non­cé qu’il quit­tait l’équi­pe na­tio­na­le d’Al­le­ma­gne, dé­nonçant les pro­pos ra­cis­tes dont il au­rait été vic­time. Un séis­me qui a pro­vo­qué un vé­ri­ta­ble dé­bat sur le ra­cis­me gran­dis­sant dans une so­cié­té al­le­man­de où les lan­gues de ceux qui prô­nent le re­pli sur soi ont une fâcheu­se ten­dance à se dé­lier.

Ei­ne gro­ße Mehr­heit der Deut­schen zeigt sich be­sorgt. Laut ei­ner Um­fra­ge, die der SPIE­GEL in Auf­trag ge­ge­ben hat, be­kla­gen mehr als zwei Drit­tel der Bür­ger ei­ne Ver­ro­hung in der po­li­ti­schen De­bat­te. Eben­so vie­le Be­frag­te stel­len ei­nen Rechts­ruck in der Po­li­tik fest.

2. Die Ve­r­un­si­che­rung ist über­all im Land zu spü­ren – in Fa­mi­li­en, wo sich El­tern und

1. die Mehr­heit la ma­jo­rité / die Um­fra­ge le son­da­ge / in Auf­trag ge­ben com­man­der / be­kla­gen dé­plo­rer / die Ver­ro­hung la dé­gra­da­ti­on, le durcis­se­ment / eben­so vie­le le mê­me nom­bre de / der Be­frag­te la per­son­ne in­ter­ro­gée / fest-stel­len cons­ta­ter / der Rechts­ruck le glis­se­ment à droi­te. 2. die Ve­r­un­si­che­rung le sen­ti­ment d’in­sé­cu­rité / spü­ren res­sen­tir / Kin­der über Asyl­po­li­tik zer­strei­ten, in Schu­len, die mit An­ti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus kämp­fen, in baye­ri­schen Amts­stu­ben, wo das Kreuz neu­er­dings als Sym­bol für Leit­kul­tur her­hal­ten muss. Mit der Dis­kus­si­on um Me­sut Özil ist die Ve­r­un­si­che­rung noch ein Stück grö­ßer ge­wor­den.

3. „Ich bin Deut­scher, wenn wir ge­win­nen, aber ich bin ein Im­mi­grant, wenn wir ver­lie-

sich über etw zer­strei­ten(i,i) se dis­pu­ter à pro­pos de qqch / mit … kämp­fen se batt­re cont­re, êt­re con­fron­té à … / die Amts­stu­be le bu­reau de l’ad­mi­nis­tra­ti­on / das Kreuz(e) la croix, le cru­ci­fix / neu­er­dings de­pu­is peu / als … her­hal­ten müs­sen de­voir ser­vir de … / die Leit­kul­tur la cul­tu­re de ré­fé­rence / ein Stück + com­par. un peu plus. ren“, hat­te der Pro­fi­fuß­bal­ler En­de Ju­li ge­schrie­ben. In we­ni­gen Ta­gen ist er zu ei­ner Pro­jek­ti­ons­flä­che ge­wor­den: ein ver­wöhn­ter Mil­lio­när und Au­to­kra­ten­freund für die ei­nen; ein Op­fer von Res­sen­ti­ments für die an­de­ren.

IST DEUTSCH­LAND EIN EIN­WAN­DE­RUNGS­LAND?

4. Die meis­ten Bür­ger se­hen Özil in­zwi­schen kri­tisch. 58 Pro­zent neh­men ihm laut SPIE- 3. Pro­fi- pro­fes­si­onnel / die Pro­jek­ti­ons­flä­che la sur­face de pro­jec­tion / ver­wöhnt gâ­té / das Op­fer la vic­time. 4. die meis­ten … la plu­part des … / in­zwi­schen au­jourd’hui / jdm nicht ab-neh­men, zu ne pas cro­i­re que qqn … /

GEL-Um­fra­ge nicht ab, re­spekt­los und ras­sis­tisch be­han­delt wor­den zu sein. Und nur 27 Pro­zent be­dau­ern sei­nen Rück­zug aus der Na­tio­nal­elf.

5. Aber Özils Rück­tritt ist nur der An­lass für ei­ne not­wen­di­ge De­bat­te, in der es um Aus­gren­zung und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt geht.

6. Seit­dem in den Fünf­zi­ger- und Sech­zi­ger­jah­ren die ers­ten Ar­bei­ter aus Ita­li­en und der Tür­kei ka­men, dis­ku­tiert die Bun­des­re­pu­blik, ob sie ein Ein­wan­de­rungs­land ist. Spä­tes­tens mit der Re­form des Staats­an­ge­hö­rig­keits­rechts im Jahr 2000, die hier ge­bo­re­nen Kin­dern aus­län­di­scher El­tern ei­nen deut­schen Pass er­mög­lich­te, schien die Fra­ge mit Ja be­ant­wor­tet.

7. Und nun? Die Krän­kung und der Frust, die aus Özils Rück­tritts­er­klä­rung spre­chen, sind vie­len Men­schen aus­län­di­scher Her­kunft ver­traut. Ein­wan­de­rer­kin­der müs­sen nach wie vor er­fah­ren, dass sie in der Schu­le, bei der Woh­nungs­su­che und auf dem Ar­beits­markt be­nach­tei­ligt wer­den. Hin­zu kommt, dass mit dem fort­wäh­ren­den Streit um die Flücht­lings­po­li­tik Ab­wehr­re­fle­xe ge­gen­über Mi­gran­ten eher zu- als ab­ge­nom­men ha­ben.

8. Es gibt ei­ne dop­pel­te Ent­frem­dung: Mi­gran­ten ent­frem­den sich von Deutsch­land, weil sich ein Teil Deutsch­lands von Mi­gran­ten ent­frem­det hat. be­han­deln trai­ter / be­dau­ern re­g­ret­ter / der Rück­zug le dé­part / die Na­tio­nal­elf l’équi­pe na­tio­na­le de foot­ball. 5. der Rück­tritt la dé­mis­si­on, le dé­part / der An­lass für etw sein don­ner lieu à qqch / die Aus­gren­zung l’ex­clu­si­on / der ge­sell­schaft­li­che Zu­sam­men­halt la cohé­si­on so­cia­le. 6. die Fünf­zi­ger­jah­re les an­nées 50 / das Ein­wan­de­rungs­land le pays d’im­mi­gra­ti­on / spä­tes­tens au plus tard / das Staats­an­ge­hö­rig­keits­recht le droit de la na­tio­na­lité / aus­län­disch étran­ger / der Pass(¨e) le pas­se­port / er­mög­li­chen per­mett­re. 7. die Krän­kung l’of­fen­se, la bles­su­re / der Frust la frus­tra­ti­on / die Her­kunft l’ori­gi­ne / jdm ver­traut sein êt­re fa­mi­lier à, bi­en con­nu de qqn / der Ein­wan­de­rer l’im­mi­gré / nach wie vor tou­jours / er­fah­ren fai­re l’ex­pé­ri­ence / be­nach­tei­li­gen dé­fa­vo­ri­ser / hin­zu-kom­men s’ajou­ter (à ce­la) / fort­wäh­rend per­pé­tu­el / der Streit um la que­rel­le à pro­pos de / der Flücht­ling(e) le ré­fu­gié / die Ab­wehr la dé­fen­se / zu-neh­men aug­men­ter / ab-neh­men di­mi­nu­er, se ré­du­i­re. 8. dop­pelt dou­ble / die Ent­frem­dung le dé­tour­ne­ment, l’éloi­g­ne­ment.

SO­LI­DA­RI­TÄT UND WILLKOMMENSKULTUR VS. RES­SEN­TI­MENTS GE­GEN FREM­DE

9. In den Talk­shows wird mehr und mehr über Mus­li­me als Be­dro­hung ge­spro­chen, es geht um „Asyl­tou­ris­mus“und ei­ne ver­meint­li­che „An­ti-Ab­schie­be-In­dus­trie“. Wenn in Dres­den, wie neu­lich, Pe­gi­da-De­mons­tran­ten skan­die­ren, Flücht­lin­ge soll­ten „ab­sau­fen“, sorgt das kaum noch für Em­pö­rung.

10. Stim­men aus der Mit­te der Ge­sell­schaft hin­ge­gen gin­gen im me­dia­len Dis­kurs un­ter. Im­mer­hin: Selbst die CSU-Scharf­ma­cher ha­ben das Pro­blem nun er­kannt. Sie be­teu­ern, ih­re Spra­che künf­tig mä­ßi­gen zu wol­len. 11. Das Schlag­wort von den „be­sorg­ten Bür­gern“be­zog sich fast aus­schließ­lich auf je­ne, die Res­sen­ti­ments ge­gen Frem­de ha­ben und sich kon­se­quent ab­schot­ten wol­len. Da­bei sind auch an­de­re Bür­ger be­sorgt, um Wer­te wie So­li­da­ri­tät, Welt­of­fen­heit und die zu­wei­len maß­los dis­kre­di­tier­te Willkommenskultur.

12. Die Hil­fe für Flücht­lin­ge ist nach dem Will­kom­mens­som­mer bun­des­weit zu­rück­ge­gan­gen. Sie ist je­doch nicht ero­diert, wie die De­bat­ten der ver­gan­ge­nen Wo­chen ver­mu­ten las­sen wür­den. Laut ei­ner Al­lens­bach-Stu­die für das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um en­ga­giert sich noch im­mer ein Fünf­tel der Deut­schen in der Flücht­lings­hil­fe; man­che spen­den, an­de­re hel­fen ak­tiv, et­wa durch Sprach­un­ter­richt. Seit 2015 ha­ben sich laut Al­lens­bach ins­ge­samt 55 Pro­zent der Be­völ­ke­rung ab 16 Jah­ren in ir­gend­ei­ner Form en­ga­giert.

13. Da­bei schien Deutsch­land lan­ge Zeit auf ei­nem gu­ten Weg zu sein. Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der führ­te ein Zu­wan­de­rungs­ge­setz ein, das die In­te­gra­ti­on erst­mals zur Auf­ga­be des Bun­des mach­te. Un­ter An­ge­la Mer­kel wur­den die Is­lam­kon­fe­renz ge­grün­det, die Hür­den für den Zu­zug von Fach­kräf­ten aus Nicht-EUStaa­ten ge­senkt, gut in­te­grier­ten Ju­gend­li­chen und spä­ter auch Lang­zeit­ge­dul­de­ten wur­de ein Blei­be­recht er­mög­licht. „In den rund an­dert­halb Jahr­zehn­ten seit der Jahr-

ver­mu­ten sup­po­ser / Al­lens­bach in­sti­tut de son­da­ge d’opi­ni­on / Bun­des- fédé­ral / das Fünf­tel(-) le cin­quiè­me / spen­den fai­re des dons / et­wa par ex­emp­le / der Sprach­un­ter­richt les cours de lan­gue / ir­gend­ein quel­con­que. 13. ein-füh­ren in­tro­du­i­re / das Zu­wan­de­rungs­ge­setz(e) la loi sur l’im­mi­gra­ti­on / die Auf­ga­be la mis­si­on / der Bund l’Etat fédé­ral / grün­den créer / die Hür­den sen­ken ré­du­i­re les obst­a­cles / der Zu­zug l’ar­ri­vée, l’im­mi­gra­ti­on / die Fach­kräf­te le per­son­nel qua­li­fié / der Ju­gend­li­che l’ado­lescent, le jeu­ne / der Lang­zeit­ge­dul­de­te la per­son­ne ayant un per­mis de séjour to­lé­ré à long ter­me / das Blei­be­recht l’au­to­ri­sa­ti­on de séjour / an­dert­halb Jahr­zehn­te une dé­cen­nie et de­mi / SUR LE BOUT DE LA LAN­GUE

Özils Rück­tritt war der An­lass für ei­ne not­wen­di­ge De­bat­te

hun­dert­wen­de wur­de in Sa­chen Mi­gra­ti­ons­und In­te­gra­ti­ons­po­li­tik mehr ge­stal­tet als in den vier Jahr­zehn­ten zu­vor“, bi­lan­zier­te der Mi­gra­ti­ons­for­scher Klaus Ba­de.

HEILSAMER SCHOCK

14. Grup­pen wie die „DeuKi­sche Ge­ne­ra­ti­on“, ein Zu­sam­men­schluss von tür­kisch­stäm­mi­gen Ju­gend­li­chen, sorgten da­für, dass Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund in der Öf­fent­lich­keit sicht­ba­rer wur­den. Mit Me­sut Özil, ei­nem En­kel tür­ki­scher Gas­t­ar­bei­ter, ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen in Gel­sen­kir­chen, Na­tio­nal­spie­ler, Welt­meis­ter, hat­te das bun­te Deutsch­land ei­nen Pos­ter­boy. 2010 wur­de ihm der „In­te­gra­ti­ons“-Bambi ver­lie­hen.

15. Das neue deut­sche „Wir“wird nun mehr denn je von rechts her­aus­ge­for­dert. Bis zum An­stieg der Flücht­lings­zah­len 2015 hat­te die Po­li­tik vor al­lem mit der Fra­ge zu tun, wie Fach­kräf­te am bes­ten nach Deutsch­land ge­lockt wer­den kön­nen. Nun muss das Land plötz­lich ei­ne Mil­li­on Neu­an­kömm­lin­ge aus Sy­ri­en, Af­gha­nis­tan und dem Irak in­te­grie­ren.

16. Zu­nächst sah es so aus, als wür­de Deutsch­land den Stress­test be­ste­hen („Wir schaf­fen das“). Da Mer­kel je­doch nicht er­klär­te, wie, hat sie es der AfD leicht ge­macht, das The­ma zu ka­pern. In­zwi­schen hat sich die Stim­mung ver­düs­tert. Mer­kel hat ih­re li­be­ra­le Asyl­po­li­tik aus dem Spät­som­mer 2015 fast ins Ge­gen­teil ver­kehrt, auch wenn sie das nicht öf­fent­lich ein­ge­steht.

17. Der Wunsch, sich ab­zu­schot­ten, führt da­zu, dass die Eu­ro­pä­er mit De­s­po­ten wie Er­doğan zu­sam­men­ar­bei­ten, die mit­tel­fris­tig selbst Men­schen zur Flucht zwin­gen, und mit Län­dern wie Li­by­en, wo Flücht­lin­ge un­mensch­li­chen Be­din­gun­gen aus­ge­setzt sind.

18. Mi­gran­ten ha­ben wie­der häu­fi­ger als frü­her das Ge­fühl, sich für ihr Deutsch­sein sich ver­düs­tern s’as­som­brir / die Stim­mung l’at­mo­s­phè­re / der Spät­som­mer la fin de l’été / ins Ge­gen­teil ver­keh­ren ren­ver­ser, re­tour­ner / öf­fent­lich pu­bli­que­ment / ein-ge­ste­hen ad­mett­re. 17. mit­tel­fris­tig à mo­y­en ter­me / zur Flucht zwin­gen(a,u) forcer à s’en­fuir / un­mensch­lich in­hu­main / die Be­din­gung la con­di­ti­on / ei­ner Sa­che aus­ge­setzt sein êt­re ex­po­sé à qqch. 18. sich für etw recht­fer­ti­gen se ju­s­ti­fier de qqch / das Deutsch­sein la qua­lité d’Al­le­mand / recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Die Ber­li­ner Staats­se­kre­tä­rin Saw­san Cheb­li, Toch­ter pa­läs­ti­nen­si­scher Flücht­lin­ge, schrieb auf Twit­ter: „Wer­den wir je­mals da­zu­ge­hö­ren? Mei­ne Zwei­fel wer­den täg­lich grö­ßer.“

19. In Deutsch­land könn­te Özils Rück­tritt ei­ne Art heil­sa­men Schock be­deu­ten. Soll­te er mit sei­nem State­ment ei­ne nach­hal­ti­ge De­bat­te über Ras­sis­mus und ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt in Gang set­zen, er hät­te da­mit dem Land ei­nen grö­ße­ren Di­enst er­wie­sen als mit all sei­nen To­ren.

Mi­gran­ten ha­ben wie­der häu­fi­ger das Ge­fühl, sich für ihr Deutsch­sein recht­fer­ti­gen zu müs­sen.

* Ma­ik Baum­gärt­ner, An­na Cl­auss, Ge­org Diez, Ma­xi­mi­li­an Popp, Wolf Wied­mann-Schmidt.

(©Ste­fan Bo­ness/Ipon/SIPA)

Am 18. Au­gust ha­ben meh­re­re Tau­send Men­schen in Ber­lin ge­gen ei­nen Auf­marsch von Neo­na­zis pro­tes­tiert.

(©IPON BO­NESS/SIPA)

Seit An­fang des Jah­res pro­tes­tie­ren De­mons­tran­ten ge­gen Zu­wan­de­rung und die Asyl-Po­li­tik der Bun­des­re­gie­rung in Cott­bus (Bran­den­burg).

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