„PLÖTZ­LICH GIBT ES EI­NE LE­GI­TI­MI­TÄT DER VOR­UR­TEI­LE”

“Sou­da­in les préju­gés de­vi­en­nent lé­giti­mes”

Vocable (Allemagne) - - À La Une -

En ré­fé­rence au mou­ve­ment #Me­Too et sui­te à l’an­non­ce de Me­sut Özil, le hash­tag #MeTwo s’est ré­pan­du sur les ré­seaux so­ci­aux. Lan­cé par un jeu­ne Al­le­mand is­su de l’im­mi­gra­ti­on, il in­ci­te à dé­non­cer les dis­cri­mi­na­ti­ons su­bies en rai­son de son nom ou de sa cou­leur de peau. L’eth­no­lo­gue Wolf­gang Ka­schuba nous don­ne les clés pour com­prend­re le dé­bat sur le ra­cis­me qui se­coue l’Al­le­ma­gne de­pu­is plu­sieurs se­mai­nes. Da her­aus­zu­kom­men und die De­bat­te auf die in­di­vi­du­el­le Ebe­ne zu zie­hen, fällt uns nicht leicht.

2. FAZ: War­um ha­ben wir da­mit Pro­ble­me? Ka­schuba: Wir ha­ben in Deutsch­land we­nig ge­lernt und we­nig ge­übt, dass in­di­vi­du­el­le Ge­schich­ten zen­tral sind und nicht eth­ni­sche, na­tio­na­le oder re­li­giö­se. Wenn je­mand dann von sei­nen per­sön­li­chen Er­fah­run­gen spricht, schal­ten vie­le auf Ab­wehr. Dann geht es um die Dis­kri­mi­nie­rung von „uns Deut­schen“, al­so ei­ner Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit, über die man sich selbst als Op­fer sti­li­sie­ren möch­te.

3. FAZ: Hat die Schwie­rig­keit, „Ras­sis­mus“zu be­nen­nen, auch mit un­se­rer Ge­schich­te zu tun? Ka­schuba: Wir ha­ben na­tür­lich, ge­ra­de in Deutsch­land, be­son­ders vie­le ras­sis­ti­sche

her­aus-kom­men en sor­tir / die Ebe­ne le ni­veau / zie­hen(o,o) ti­rer / leicht-fal­len(ie,a,ä) êt­re fa­ci­le. 2. üben pra­ti­quer / auf … schal­ten pas­ser en mo­de … / die Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit l’ap­par­ten­an­ce à un grou­pe / über par l’in­ter­mé­di­ai­re de / sich als Op­fer sti­li­sie­ren se po­ser en vic­time. 3. be­nen­nen nom­mer / ge­ra­de sur­tout / Bil­der. Das hängt mit der Ge­schich­te des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu­sam­men. Es gibt ei­ne re­gel­rech­te Iko­no­gra­phie des Ras­sis­mus, al­so ei­ne Sym­bol- und Bild­leh­re, mit Li­te­ra­tur, Pla­ka­ten, Fil­men. Das ha­ben wir nach 1945 in Deutsch­land kaum auf­ge­ar­bei­tet, da­her ge­hen wir mit sol­chen Din­gen noch sehr un­be­wusst um. Gleich­zei­tig muss man dif­fe­ren­zie­ren: Alltagsrassismus tritt im Ver­hält­nis sel­te­ner in gro­ßen Städ­ten und bei jun­gen Leu­ten auf, son­dern öf­ter auf dem Land und bei der äl­te­ren Be­völ­ke­rung.

4. FAZ: Al­so ist Ras­sis­mus vor al­lem ein Pro­blem äl­te­rer Men­schen, die in länd­li­chen Re­gio­nen le­ben. Ka­schuba: Das hat häu­fig mehr mit neu­en Frei­hei­ten und der Angst vor ei­nem Kon­troll­ver­lust zu tun als mit ras­sis­ti­schen Vor­ur- mit … zu­sam­men-hän­gen(i,a,) êt­re lié à … / re­gel­recht vé­ri­ta­ble / die Leh­re la doc­tri­ne, l’idéo­lo­gie / das Pla­kat(e) l’af­fi­che / un­be­wusst in­con­sciem­ment / etw auf-ar­bei­ten fai­re un tra­vail sur qqch / da­her par con­séquent / der Alltagsrassismus le ra­cis­me or­di­nai­re / auf-tre­ten(a,e,i) ap­pa­raît­re, se ma­ni­fes­ter / im Ver­hält­nis pro­por­ti­on­nel­le­ment. 4. länd­lich rural / der Ver­lust la per­te / das Vor­ur­teil(e) le préju­gé /

tei­len. Die­se neu­en Mög­lich­kei­ten, die et­wa die ei­ge­nen Söh­ne und Töch­ter jetzt wahr­neh­men, ma­chen vie­len Sor­gen – für die man „die An­de­ren“am ein­fachs­ten zum Sün­den­bock ma­chen kann. Da­bei ist die­se Angst vor dem Neu­em et­was, das den mus­li­mi­schen Fa­mi­li­en­va­ter, der sein Kind nicht wirk­lich in die Welt ent­las­sen will, mit dem 55 Jah­re al­ten säch­si­schen Va­ter ver­bin­det, des­sen Toch­ter in Wi­en Me­di­zin stu­diert. Es sind die­sel­ben Ängs­te vor dem Ver­lust der Kon­trol­le. Die Le­bens­rea­li­tä­ten ge­hen da gar nicht so weit aus­ein­an­der.

5. FAZ: War­um fehlt uns dann das Ver­ständ­nis für­ein­an­der? Ka­schuba: Wir sind es ge­wohnt, in Dif­fe­renz­bil­dern zu den­ken, zu schau­en, was an­ders ist bei an­de­ren. Statt­des­sen soll­ten wir uns auf die Ge­mein­sam­kei­ten kon­zen­trie­ren. Am ein­fachs­ten, das sagt die AfD, wä­re es, wenn wir die Frem­den raus­schmei­ßen wür­den, dann wür­den wir uns ver­ste­hen, in gu­tem Deutsch, und be­hiel­ten die Kon­trol­le. Das ist die ein­fachs­te Lö­sung – aber nur schein­bar. Es wird im­mer Un­ter­schie­de ge­ben, wenn nicht zwi­schen „uns“und den Mi­gran­ten, wahr-neh­men pro­fi­ter de / jdm Sor­gen ma­chen in­quié­ter qqn / jdn zum Sün­den­bock ma­chen fai­re de qqn son bouc émis­sai­re / da­bei pour­tant / mus­li­misch musul­man / ent­las­sen li­bé­rer, lâcher / mit jdm ver­bin­den lier à qqn / weit aus­ein­an­der-ge­hen di­ver­ger forte­ment. 5. das Ver­ständ­nis für­ein­an­der la com­pré­hen­si­on mu­tu­el­le / es ge­wohnt sein, zu êt­re ha­b­itué à / schau­en re­gar­der / statt­des­sen au lieu de ce­la / die Ge­mein­sam­keit le po­int com­mun / die AfD = Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land (par­ti po­pu­lis­te, an­ti-im­mi­gra­ti­on et eu­ros­cep­tique) / der Frem­de l’étran­ger / raus-schmei­ßen(i,i) flan­quer à la por­te / be­hal­ten(ie,a,ä) gar­der / die Lö­sung la so­lu­ti­on / schein­bar en ap­pa­rence / SUR LE BOUT DE LA LAN­GUE dann zwi­schen „uns“und ei­ner an­de­ren ge­sell­schaft­li­chen Grup­pe. Wir soll­ten lie­ber ver­su­chen, die ge­mein­sa­men Räu­me zu se­hen und nicht ne­ben­ein­an­der­her zu le­ben. Die De­bat­te um den Alltagsrassismus ist al­so auch ei­ne De­bat­te um die Art der Ge­sell­schaft, in der wir le­ben wol­len, und um die Frei­heit, mit der wir le­ben wol­len.

6. FAZ: Nimmt Alltagsrassismus durch so­zia­le Me­di­en zu? Ka­schuba: Durch die so­zia­len Netz­wer­ke neh­men erst ein­mal auch Hys­te­rie und Über­trei­bung zu, je­der Shits­torm wird hoch­ge­zo­gen. Die An­ony­mi­tät im In­ter­net ist ent­schei­dend. Ei­ni­ge Aus­sa­gen, von rechts­ex­tre­men bis hin zu ter­ro­ris­ti­schen, wür­de man in je­dem an­de­ren Zu­sam­men­hang po­li­zei­lich ver­fol­gen. Zu­dem ha­ben die­je­ni­gen, die frü­her viel­leicht eher nicht zur Wahl ge­gan­gen sind, nun ein Sprach­rohr ge­fun­den. Plötz­lich gibt es so et­was wie ei­ne Le­gi­ti­mi­tät der Vor­ur­tei­le.

7. FAZ: Wo­her kommt die­se Le­gi­ti­mi­tät? Ka­schuba: Zum Bei­spiel aus der Me­di­en­welt, in der plötz­lich be­stimm­te Be­grif­fe wie­der ei­ne Rol­le spie­len dür­fen. Schreck­li­che Wor­te, wie der „Asyl­tou­ris­mus“des baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Sö­der. Als ob Leu­te ein­fach so her­um­rei­sen wür­den und gu­cken, wo es ih­nen am bes­ten ge­fällt. ge­sell­schaft­lich so­ci­al / der Raum(¨e) l’es­pace / ne­ben­ein­an­der­her côte à côte / die Art le mo­de, le gen­re. 6. zu-neh­men aug­men­ter / erst ein­mal d’ab­ord / die Über­trei­bung l’exa­gé­ra­ti­on / hoch-zie­hen(o,o) mon­ter en éping­le / ent­schei­dend dé­ter­mi­nant / die Aus­sa­ge le mes­sa­ge / der Zu­sam­men­hang le con­tex­te / po­li­zei­lich par vo­ie po­li­ciè­re / ver­fol­gen pour­sui­v­re / zu­dem de sur­croît / eher plu­tôt / zur Wahl ge­hen al­ler vo­ter / das Sprach­rohr le por­te-voix / so et­was wie une sor­te de. 7. be­stimmt cer­tain / der Be­griff(e) le mot / schreck­lich hor­ri­b­le / her­um-rei­sen voya­ger de-ci de-là, cour­ir le mon­de / gu­cken re­gar­der / jdm ge­fal­len(ie,a,ä) plai­re à qqn. 8. FAZ: Spie­gelt die De­bat­te den tat­säch­li­chen Zu­stand der Ge­sell­schaft wi­der? Ka­schuba: Im Mo­ment ist Ras­sis­mus vor al­lem ein aku­tes Pro­blem des öf­fent­li­chen Dis­kur­ses. Der trägt vor­ur­teils­be­haf­te­te und alar­mie­ren­de Nach­rich­ten und dis­kri­mi­nie­ren­de Bil­der von der Po­li­tik über die Me­di­en bis in die so­zia­len Netz­wer­ke hin­ein. Das schließt ei­nen In­nen­mi­nis­ter ein, der rea­li­täts­fer­ne Bil­der zeich­net. Flücht­lin­ge kos­ten na­tür­lich Geld, brin­gen aber auch Geld. Die De­bat­te ist we­sent­lich dra­ma­ti­scher als die Si­tua­ti­on. Aber die Art, wie die De­bat­te in­zwi­schen ge­führt wird, macht es schwer, mit Fak­ten noch durch­zu­drin­gen. Ver­ant­wort­lich da­für sind die Po­li­tik, die Me­di­en und auch die Wis­sen­schaft. Wir müs­sen deut­li­cher sa­gen, wo die Pro­ble­me, aber auch die Chan­cen ei­ner viel­fäl­ti­gen Ge­sell­schaft lie­gen. 8. wi­der-spie­geln re­flé­ter / tat­säch­lich réel / der Zu­stand la si­tua­ti­on, l’état / akut ai­gu / der öf­fent­li­che Dis­kurs le dé­bat pu­b­lic / in … hin­ein-tra­gen(u,a,ä) ap­por­ter, in­tro­du­i­re dans … / vor­ur­teils­be­haf­tet char­gé de préju­gés / die Nach­richt(en) l’in­for­ma­ti­on / ein-schlie­ßen(o,o) in­clu­re / der In­nen­mi­nis­ter le mi­nist­re de l’In­té­ri­eur / rea­li­täts­fern éloi­g­né de la réa­lité / ein Bild zeich­nen dres­ser un ta­bleau / der Flücht­ling(e) le ré­fu­gié / we­sent­lich + com­par. beau­coup plus / die Art, wie la fa­çon dont / in­zwi­schen au­jourd’hui / mit … durch-drin­gen(a,u) par­ve­nir à im­po­ser … / ver­ant­wort­lich re­s­ponsa­ble / viel­fäl­tig plu­ri­el, mul­ti­cul­tu­rel.

(©Do­re­en Eg­gers)

Ali Can, Initia­tor der Kam­pa­gne „#MeTwo“über Alltagsrassismus, die bun­des­weit für Fu­ro­re sorg­te.

(©Sipa)

De­mo ge­gen Rechts in Ber­lin.

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