Der Krieg, die Trau­er und die Wut

His­toire de la Gran­de Gu­er­re et des ci­catri­ces qu’el­le a lais­sées de part et d’aut­re du champ de ba­tail­le

Vocable (Allemagne) - - Édito Sommaire - VON KERSTEN KNIPP

Le 11 no­vem­bre 1918 a son­né le glas d’un con­flit sang­lant de quat­re lon­gues an­nées. Si l'ar­mis­ti­ce a mis fin au rou­leau com­pres­seur de la Gran­de gu­er­re il n’a pas pour au­tant en­rayé la souf­fran­ce de part et d’aut­re de la li­g­ne de front. Une souf­fran­ce om­ni­pré­sen­te qui a ali­men­té le ter­reau d'un deu­xiè­me con­flit mon­di­al à ve­nir.

Fi­nie la gu­er­re?“, „Ist der Krieg zu En­de?“Der Wa­gen der deut­schen Un­ter­händ­ler, der am 6. No­vem­ber aus Bel­gi­en kom­mend die Gren­ze nach Frank­reich über­quer­te, ver­setz­te die fran­zö­si­schen Sol­da­ten in Hoch­stim­mung. Noch stan­den sich die Hee­re ge­gen­über, doch der über vier Jah­re an­dau­ern­de Krieg schien sich nun sei­nem En­de zu nä­hern. Viel­leicht brach­ten die aus Ber­lin an­ge­reis­ten Po­li­ti­ker als Vor­ge­schmack des Frie­dens ja so­gar ein paar Zi­ga­ret­ten mit? Doch Ma­thi­as Erz­ber­ger, der Lei­ter der deut­schen De­le­ga­ti­on, muss pas­sen. „Als Nicht­rau­cher“, be­rich­tet er in sei­nen Me­moi­ren, „konn­te ich den Wunsch nicht er­fül­len.“

2. Um­so mehr aber ent­spra­chen er und sein fran­zö­si­sches Ge­gen­über, Mar­schall Fer­di­nand Foch, den Sehn­süch­ten von Mil­lio­nen Eu­ro­pä­ern, als sie we­nig spä­ter, am frü­hen Mor­gen des 11. No­vem­ber 1918, in ei­nem Ei­sen­bahn­zug im Wald von Com­pièg­ne, rund 90 Ki­lo­me­ter nord­öst­lich von Pa­ris, ih­re Un­ter­schrif­ten un­ter den so­eben aus­ge­han­del­ten Waf­fen­still­stand zwi­schen Deutsch­land und den Al­li­ier­ten setz­ten. Deutsch­land hat­te ka­pi­tu­liert. Meh­re­re Mo­na­te spä­ter, im be­rühm­ten Spie­gel­saal des Schlos­ses von Ver­sailles, un­ter­schrie­ben bei­de Sei­ten dann of­fi­zi­ell den Frie­dens­ver­trag.

DIE LETZ­TE DEUT­SCHE OF­FEN­SI­VE

3. Bis in den Som­mer 1918 hin­ein war das deut­sche Heer an der West­front noch vor­ge­rückt, hat­te zum Teil er­heb­li­che Ge­län­de­ge­win­ne er­zielt – ob­wohl die Hee­res­stär­ke al­lein zwi­schen März und Ju­li von 5,1 auf 4,2 Mil­lio­nen Mann zu­rück­ge­gan­gen war. Trotz­dem kann das Kai­ser­reich sei­ne Lü­cken bis zum Som­mer 1918 schlie­ßen, wenn auch nur durch Rück­griff auf ehe­mals ver­wun­de­te, nun wie­der ge­ne­se­ne Sol­da­ten. Hin­zu kom­men die ers­ten Re­kru­ten des Jahr­gangs 1900, die nach und nach ein­ge­zo­gen wer­den.

„EI­NE RUI­NE REIH­TE SICH AN DIE AN­DE­RE“

4. Doch die Deut­schen se­hen sich nun ei­nem ganz neu­en Feind ge­gen­über: den Ame­ri­ka­nern. Nach­dem US-Prä­si­dent Wil­son Deutsch­land im April 1917 den Krieg er­klärt hat­te, rü­cken sie über den At­lan­tik. Im Früh­herbst 1918 sind es rund 10.000 Sol­da­ten – täg­lich. Letzt­end­lich sind es die gut aus­ge­rüs­te­ten US-Ein­hei­ten, die den Krieg zu­guns­ten der Al­li­ier­ten ent­schei­den. Die obers­te deut­sche Hee­res­lei­tung muss im Herbst ein­se­hen, dass der Krieg nicht mehr zu ge­win­nen ist, dass ein völ­li­ger Zu­sam­men-

bruch der deut­schen Front nur durch ei­nen Waf­fen­still­stand ver­hin­dert wer­den kann.

5. Mit der Waf­fen­ru­he vom 11. No­vem­ber la­gen vier Jah­re un­ge­heu­ren Blut­ver­gie­ßens und nie ge­kann­ter Zer­stö­rung hin­ter Eu­ro­pa. Von den Ver­wüs­tun­gen hat­te sich Erz­ber­ger wäh­rend der Rei­se durch Bel­gi­en und Frank­reich ein ei­ge­nes Bild ma­chen kön­nen: „Kein ein­zi­ges Haus stand mehr; ei­ne Rui­ne reih­te sich an die an­de­re“, no­tier­te er.

6. Erz­ber­ger um­riss die Bi­lanz ei­nes Krie­ges, der so töd­lich war wie kei­ner zu­vor. Der tech­ni­sche Fort­schritt und die In­dus­tria­li­sie­rung hat­ten ein Waf­fen­ar­se­nal ent­ste­hen las­sen, das in Quan­ti­tät und Qua­li­tät al­les zu­vor Da­ge­we­se­ne in den Schat­ten stell­te: Un­zer­stör­bar schei­nen­de Pan­zer, un­ter­halb der Was­ser­ober- flä­che ma­nö­vrie­ren­de Boo­te, Ar­til­le­rie mit gi­gan­ti­schen Reich­wei­ten, töd­li­che Ga­se.

6000 TO­TE PRO KRIEGSTAG

7. Mi­li­tär­his­to­ri­ker schät­zen, dass im Ers­ten Welt­krieg rund 850 Mil­lio­nen Ar­til­le­rieGra­na­ten ver­schos­sen wur­den. Das Tö­ten in die­sem Mas­sen­krieg war in­dus­tria­li­siert, im Ge­schoss­ha­gel der Ka­no­nen und im Feu­er der Ma­schi­nen­ge­weh­re star­ben bis zu elf Mil­lio­nen Sol­da­ten. Fast 56 Mil­lio­nen Re­kru­ten wa­ren in al­len krieg­füh­ren­den Na­tio­nen zu­sam­men­ge­rech­net zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wor­den. Im Durch­schnitt fie­len pro Kriegstag 6000 Sol­da­ten. Hin­zu ka­men mehr als 21 Mil­lio­nen ver­letz­te Sol­da­ten – Men­schen, die ih­re Glied­ma­ßen ganz oder in Tei­len ver­lo­ren hat­ten, die ge­lähmt oder bett­lä­ge­rig wa­ren, die Am­pu­ta­tio­nen hat­ten hin­neh­men müs­sen, die blind oder taub ge­wor­den wa­ren.

„DER GAN­ZE LEIB WAR WEG“

8. Ent­spre­chend ver­stö­rend die Er­fah­run­gen an der Front: „Es ist furcht­bar, wenn Gra­nat­split­ter mit die­ser Ge­walt in Weich­tei­le hin­ein­ge­hen“, er­in­nert sich et­wa der deut­sche Sol­dat Karl Bai­nier, Jahr­gang 1898. „Un­se­re zwei Be­fehls­läu­fer ha­ben nachts auch ei­nen Voll­tref­fer ge­kriegt. Die gan­ze Brust, der an­de­re der gan­ze Leib weg. Der mit dem Leib war so­fort tot. Der an­de­re hat noch ge­schrien.“

9. So ist es nicht er­staun­lich, dass vor al­lem die Sol­da­ten das En­de des Krie­ges her­bei­sehn­ten. Es sei „nichts Un­ge­wöhn­li­ches mehr“, no­tier­te der Heer­füh­rer Prinz Rupp­recht von Bay­ern be­reits im Mai 1918, dass „bis zu 20 von Hun­dert der Mann­schaf­ten sich un­er­laub­ter­wei­se ent­fer­nen, wo­für sie, wenn wie­der auf­ge­grif­fen, meist mit zwei bis vier Mo­na­ten Ge­fäng­nis be­straft wer­den. Dies ist aber ge­ra­de, was man­che wol­len, da sie so der ei­nen oder an­de­ren Schlacht ent­ge­hen.“In den fol­gen­den Mo­na­ten wird die Front auf­sei­ten der Mit­tel­mäch­te im­mer brü­chi­ger: Zahl­lo­se Sol­da­ten ver­wei­gern den Kampf, an­de­re ma­chen sich auf ei­ge­ne Faust auf den Weg nach Hau­se.

GE­BURT DER „DOLCHSTOSSLEGENDE“

10. Die Rei­hen der Deut­schen lich­ten sich. Die Obers­te Hee­res­füh­rung stiehlt sich aus der Ver­ant­wor­tung. Am 19. Sep­tem­ber 1918 no­tier­te der Ers­te Ge­ne­ral­quar­tier­meis­ter Erich Lu­den­dorff: „Ich ha­be Sei­ne Ma­jes­tät ge­be­ten, jetzt auch die­je­ni­gen Krei­se an die Re­gie­rung zu brin­gen, de­nen wir es in der Haupt­sa­che zu ver­dan­ken ha­ben, dass wir so weit ge­kom­men sind. Wir wer­den al­so die­se Her­ren jetzt in die Mi­nis­te­ri­en ein­zie­hen se­hen. Die sol­len nun den Frie­den schlie­ßen, der jetzt ge­schlos­sen wer­den muss. Sie sol­len die Sup­pe jetzt es­sen, die sie uns ein­ge­brockt ha­ben.“

11. Mit „die­sen Her­ren“mein­te Lu­den­dorff die Po­li­ti­ker je­ner Reichs­tags­frak­tio­nen, die be­reits im Som­mer 1917 für ei­nen Frie­dens­schluss plä­diert hat­ten – So­zi­al­de­mo­kra­ten, Links­li­be­ra­le und die ka­tho­li­sche Zen­trums­par­tei.

12. Die Be­haup­tung des an­geb­li­chen Ver­rats durch die kriegs­mü­de Hei­mat griff auch Ge­ne­ral­feld­mar­schall Paul von Hin­den­burg auf, der rang­höchs­te Mi­li­tär des deut­schen Kai­ser­reichs. Er zi­tier­te den Satz ei­nes „eng­li­schen Ge­ne­rals“, der wo­mög­lich nie­mals ge­fal­len ist: „Die deut­sche Ar­mee ist von hin­ten er­dolcht wor­den.“Der ge­mein­te Ge­ne­ral, Fre­de­rick Mau­rice, be­stritt zwar ve­he­ment, sich je­mals so ge­äu­ßert zu ha­ben. Doch sei­ne Er­klä­rung be­wirk­te we­nig: Die „Dolch­stoß­le­gen­de“, die Be­haup­tung, der Krieg sei al­lein durch „Ver­rat“im In­ne­ren ver­lo­ren wor­den, war ge­bo­ren. Sie soll­te we­sent­lich da­zu bei­tra­gen, dass die Wei­ma­rer Re­pu­blik spä­ter schei­tern soll­te.

„WUT, WUT, WUT UND NOCH LAN­GE KEIN SINN“

13. Doch zu­nächst bringt der 11. No­vem­ber 1918 das mil­lio­nen­fach her­bei­ge­sehn­te En­de des Krie­ges. Ein En­de des Lei­dens bringt er al­ler­dings nicht. Ent­beh­rung, Not und Trau­er ha­ben die Men­schen wei­ter im Griff. Hin­zu kommt das um sich grei­fen­de Ge­fühl, um­sonst ge­kämpft, um­sonst ge­lit­ten zu ha­ben. „Sinn­lo­sig­keit, auf ih­rem höchs­ten Punkt an­ge­langt, ist Wut, Wut, Wut, und noch lan­ge kein Sinn“, fasst der Schrift­stel­ler Wal­ter Ser­ner den Zorn sei­ner Lands­leu­te zu­sam­men. Vor al­lem die Deut­schen er­greift die­ses gif­ti­ge Ge­fühl. Es soll­te zum Nähr­bo­den wer­den für den po­li­ti­schen Auf­stieg ei­nes ehe­ma­li­gen Front­sol­da­ten na­mens Adolf Hit­ler.

Ent­beh­rung, Not und Trau­er ha­ben die Men­schen wei­ter im Griff.

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Fran­zö­si­scher Schüt­zen­gra­ben in Ver­dun, 1915.

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25.644 Sol­da­ten lie­gen auf dem Sol­da­ten­fried­hof Vlads­lo im bel­gi­schen Ypern be­gra­ben.

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Der ers­te Waf­fen­still­stand von Com­pièg­ne wur­de am 11. No­vem­ber 1918 zwi­schen dem Deut­schen Reich und den bei­den West­mäch­ten Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en ge­schlos­sen.

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1984 de­mons­trier­ten Frank­reichs Prä­si­dent François Mit­ter­rand und der deut­sche Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl über den Grä­bern von Ver­dun Ver­söh­nung.

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