„Kein Ort zum Woh­nen“

Abendzeitung München - - MÜNCHEN - Von Jas­min Men­rad

. . . sa­gen je­ne, die am Haupt­bahn­hof ein Mo­tel One bau­en wol­len. Doch ei­ni­ge Mie­ter se­hen das an­ders und ge­hen nicht. Sie könn­ten das Recht auf ih­rer Sei­te ha­ben

Sie sind nicht in Deutsch­land ge­bo­ren, spre­chen ein­fa­ches Deutsch und ar­bei­ten in bo­den­stän­di­gen Berufen: Die Mie­ter aus der Schil­ler­stra­ße 3 und 3a wir­ken nicht sehr wehr­haft. Und tat­säch­lich: Die meis­ten der Mie­ter in dem Ge­bäu­de mit dem Sex­ki­no und dem kul­ti­gen Ca­fé Schil­ler sind mit ei­ner Ab­fin­dung von 5000 bis 10 000 Eu­ro aus­ge­zo­gen, nach­dem sie die Kün­di­gung er­hal­ten hat­ten. Doch der Münch­ner Mie­ter­ver­ein stuft die Kün­di­gun­gen als nicht rech­tens ein. Trotz­dem hat die Hand­voll Mie­ter, die nicht aus­ge­zo­gen ist, mitt­ler­wei­le Räu­mungs­kla­gen er­hal­ten.

Das ist pas­siert: Im Früh­jahr 2017 kauft die Münch­ner Con­cre­te Ca­pi­tal I Gm­bH die Schil­ler­stra­ße 3 und 3a. Das Un­ter­neh­men baut der­zeit auch in Per­lach den Pla­za mit 400 Woh­nun­gen. Im Sep­tem­ber er­hal­ten die et­wa 35 Mie­ter der Schil­ler­stra­ße ei­ne schrift­li­che Kün­di­gung, da bei­de Ge­bäu­de ab­ge­ris­sen und das Grund­stück neu be­baut wer­den soll. Con­cre­te Ca­pi­tal, die laut Ei­gen­be­schrei­bung ei­nem „ex­klu­si­ven In­ves­to­ren­kreis Ein­stieg in Pro­jekt­ent­wick­lung“er­mög­licht, ge­hört zu 75 Pro­zent ei­ner Ge­sell­schaft, hin­ter der die Fa­mi­lie Die Schil­ler­stra­ße 3 und 3a mit dem kul­ti­gen Ca­fé Schil­ler und et­wa 35 Woh­nun­gen sol­len ab­ge­ris­sen wer­den, doch ei­ni­ge Mie­ter wol­len nicht wei­chen. des Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mers Hu­bert Haupt steht, und zu 25 Pro­zent Mo­tel One.

Der Kon­zern möch­te im Bahn­hofs­vier­tel sein neun­tes Ho­tel in Mün­chen mit 550 Bet­ten bau­en. Mitt­ler­wei­le ha­ben sich Be­zirks­aus­schuss und Stadt­rä­te ein­ge­schal­tet, da das Bahn­hofs­vier­tel schon jetzt die höchs­te Ho­tel­dich­te Eu­ro­pas hat. In der Lud­wigs­vor­stadt gab es 2017 ins­ge­samt 117 Ho­tels, die meis­ten beim Bahn­hof. Ob­wohl im­mer mehr Tou­ris­ten und im­mer we­ni­ger Münch­ner im Vier­tel le­ben, gibt es Men­schen, die hier blei­ben wol­len. Wie die Mie­ter aus der Schil­ler­stra­ße, die sich an die AZ ge­wandt ha­ben – mit der Bit­te, an­onym zu blei­ben. Erst vor ei­nem Mo­nat wur­de ih­nen der Auf­zug im Haus ab­ge­stellt. Sie be­rich­ten von wei­te­ren Schi­ka­nen, die für die AZ nicht zu be­wei­sen sind. Sie le­ben seit Jah­ren im Bahn­hofs­vier­tel, ar­bei­ten hier oder ha­ben hier ge­ar­bei­tet. Sie zah­len bei­spiels­wei­se 396 Eu­ro Warm­mie­te für 23,5 Qua­drat­me­ter. „Wenn wir hier raus­müs­sen, fin­den wir kei­ne Woh­nung mehr“, sagt ei­ner, der seit der Kün­di­gung nur noch „ein Strich in der Land­schaft“ist, so drückt er selbst es aus.

Die Mie­ter blei­ben, weil ihr An­walt die Kün­di­gung als nicht rech­tens an­sieht. Es han­delt sich um ei­ne Ver­wer­tungs­kün­di­gung, in der der wirt­schaft­li­che Nach­teil laut Mie­ter­ver­ein Mün­chen be­zif­fert wer­den muss. Denn den Mie­tern wird we­gen ei­nes Ab­ris­ses und Neu­baus ge­kün­digt.

Pe­ter Frit­sche, Ge­schäfts­füh­rer von Con­cre­te Ca­pi­tal, sagt: „Wir stüt­zen uns auf Ur­tei­le, in de­nen ei­ne Kün­di­gung wirk­sam ist, wenn man be­weist, dass man das Bau­vor­ha­ben ernst­haft be­treibt.“Al­ler­dings: Ei­ne Bau­ge­neh­mi­gung liegt bis­her nicht vor und die braucht es laut Vol­ker Ra­stät­ter, Ge­schäfts­füh­rer des Mie­ter­ver­eins, wenn bald das Amts­ge­richt über die Räu­mungs­kla­ge ent­schei­det.

Die ei­ni­gen tau­send Eu­ro, die die Con­cre­te Ca­pi­tal den ver­blei­ben­den Mie­tern an­ge­bo­ten hat, kön­nen sie nicht zum Aus­zug be­we­gen. Die Er­satz­woh­nun­gen sind et­wa in der Leo­pold­stra­ße 206 und mit 610 Eu­ro Warm­mie­te teu­rer. Zu­mal sie für die­se Woh­nun­gen nur Un­ter­miet­ver­trä­ge an­ge­bo­ten be­kom­men ha­ben.

Frit­sche er­klärt, dass Con­cre­te Ca­pi­tal die Woh­nun­gen auf dem frei­en Markt an­ge­mie­tet ha­be und nur Un­ter­miet­ver­trä­ge bie­te, weil die Ver­mie­ter die Mie­ter sonst nicht wol­len. „Bei die­ser Kon­struk­ti­on kann es pas­sie­ren, dass die Woh­nung ir­gend­wann weg ist“, sagt Ra­stät­ter vom Mie­ter­ver­ein.

Mie­ter hin oder her: An­fang 2019 soll ein Mo­tel One ge­baut wer­den. „Die rich­ti­ge Idee zum rich­ti­gen Ort. Wir sind nicht der Mei­nung, dass der Haupt­bahn­hof ein Ort zum Woh­nen ist“, ver­tei­digt Frit­sche das Pro­jekt. Da wi­der­spre­chen ihm die wi­der­stän­di­gen Mie­ter aus der Schil­ler­stra­ße ganz si­cher.

Fo­to: Da­ni­el von Lo­eper

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.