Ein Kol­laps, der die Welt er­schüt­tert

Abendzeitung München - - WIRTSCHAFT -

Am An­fang steht ein we­nig be­ach­te­tes Pro­blem am US-Im­mo­bi­li­en­markt: Käu­fer kön­nen Kre­di­te nicht be­die­nen. Doch dann folgt ein Do­mi­no-Ef­fekt – mit Welt­wirt­schafts­kri­se. Kann sich das wie­der­ho­len?

Das Un­heil schlich sich auf lei­sen Soh­len an – selbst von Fach­leu­ten und Po­li­ti­kern un­be­merkt und un­ter­schätzt: Al­les sieht im Früh­jahr 2007 nach ei­ner auf die USA be­grenz­ten Kri­se des dor­ti­gen Im­mo­bi­li­en­markts aus. Selbst als am 15. Sep­tem­ber 2008 – vor zehn Jah­ren – die tra­di­ti­ons­rei­che US-In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers un­ter­geht, hält man­cher die Fol­gen für be­herrsch­bar.

Am En­de steht die ge­wal­tigs­te Wirt­schafts­kri­se seit der gro­ßen De­pres­si­on der 1930erJah­re. Wann genau das Dra­ma be­gann, weiß nie­mand. Der letz­te Akt, zu dem Nied­rig­zin­sen mit Fol­gen für Spa­rer ge­hö­ren, ist bis heu­te nicht zu En­de. 1. AKT: DER US-TRAUM VOM EI­GEN­HEIM BIS 2007 Be­güns­tigt von nied­ri­gen Zin­sen kau­fen im­mer mehr Ame­ri­ka­ner, die es sich nicht leis­ten kön­nen, Häu­ser auf Pump. Fi­nan­ziert wird das von Ban­ken, die oft bei­de Au­gen zu­drü­cken. Ex­per­ten spre­chen von „Sub­pri­me“-Hy­po­the­ken. Ban­ken ent­le­di­gen sich des Ri­si­kos oft, in­dem sie die For­de­run­gen in al­le Welt ver­kau­fen – mit dem Se­gen von Ra­ting­agen­tu­ren.

Das Ge­schäft mit sol­chen Fi­nanz­de­ri­va­ten gilt als ent­schei­den­der Brand­be­schleu­ni­ger – eben­so wie Lü­cken in Auf­sicht der Fi­nanz­in­dus­trie.

2. AKT: DIE BLA­SE PLATZT – ERS­TE PLEI­TEN 2007 Ers­te Pro­ble­me zei­gen sich im Früh­jahr 2007. Mehr und mehr Haus­be­sit­zer kön­nen ih­re Ra­ten nicht mehr be­zah­len. Die Im­mop­rei­se ge­ra­ten ins Rut­schen. Spe­zia­lis­ten für Hy­po­the­ken­kre­di­te ma­chen dicht. Doch der da­ma­li­ge US-No­ten­bank­chef Ben Bernan­ke sieht kei­ne Ge­fahr, dass die Hy­po­the­ken­markt­schwä­che auf die Ge­samt­wirt­schaft über­springt. 3. AKT: DER ZU­SAM­MEN­BRUCH VON LEH­MAN 2008 Die Hy­po­the­ken­markt­kri­se wächst sich zu ei­ner Ban­ken­kri­se aus. Am 15. Sep­tem­ber folgt das Be­ben: Die In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers (ge­grün­det von ei­nem un­ter­frän­ki­schen Brü­der-Trio jü­di­scher Her­kunft, das im 19. Jahr­hun­dert in die USA aus­ge­wan­dert war) er­klärt In­sol­venz und wird nicht vom Staat ge­ret­tet.

Ak­ti­en­märk­te bre­chen ein, vie­le Top-Ma­na­ger se­hen kei­nen an­de­ren Aus­weg und be­ge­hen Sui­zid. Die Leh­man-Plei­te trifft 50 000 deut­sche Pri­vat­an­le­ger – sie hat­ten Zer­ti­fi­ka­te der Leh­man-Toch­ter ge­kauft.

Noch im­mer be­ru­hi­gen Ex­per­ten, es sei kein Über­sprin­gen der Kri­se auf die Re­al­wirt­schaft zu er­war­ten. IW-Di­rek­tor Micha­el Hüt­her er­klärt: „Die Fi­nanz­markt­kri­se be­fin­det sich nicht im drit­ten Akt des Dra­mas, son­dern im Schluss­akt, der aber län­ger dau­ern kann, wie bei ei­ner Wa­gner­schen Oper.“

Ei­ni­ge Geld­häu­ser brau­chen Hil­fen vom Steu­er­zah­ler. So hat­te sich die Bay­ernLB ver­spe­ku­liert und muss mit zehn Mil­li­ar­den Eu­ro ge­stützt wer­den. Bei der Com­merz­bank springt auch der Staat ein, eben­so wie beim Im­mo­bi­li­en­fi­nan­zie­rer Hy­po Re­al Esta­te. 4. AKT: ES BRENNT LICHTERLOH 2008/09 Die Nach­we­hen der Leh­manP­lei­te ma­chen je­de Hoff­nung auf ein ra­sches En­de des Dra­mas zu­nich­te. Wach­sen­de Ver­wer­fun­gen las­sen den Geld­strom in­ner­halb des Fi­nanz­sek­tors ver­sie­gen, weil Ban­ken ein­an­der nicht mehr über den Weg trau­en. Zen­tral­ban­ken pum­pen Mil­li­ar­den in die Märkte und sen­ken Leit­zin­sen.

Im Sep­tem­ber 2008 sagt Fi­nanz­mi­nis­ter Peer St­ein­brück (SPD), er hal­te die Aus­wir­kun­gen der Kri­se auf Deutsch­land für be­grenzt. Nur Wo­chen spä­ter sieht er sich zu ei­nem dra­ma­ti­schen Auf­tritt mit Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) ge­zwun­gen: Um zu ver­hin­dern, dass die Deut­schen in Pa­nik ih­re Kon­ten räu­men, er­klä­ren bei­de: „Wir sa­gen den Spare­rin­nen und Spa­rern, dass ih­re Ein­la­gen si­cher sind.“ „Schwar­zer Mon­tag“an den Bör­sen: Am 15. Sep­tem­ber 2008 hat Leh­man Bro­thers (links) In­sol­venz an­ge­kün­digt.

5. AKT: DIE WELT STÜRZT 2009 IN DIE RE­ZES­SI­ON Auch bei der Kre­dit­ver­ga­be klemmt es. Des­halb springt die Fi­nanz­kri­se auf die Wirt­schaft über: Al­le wich­ti­gen Volks­wirt­schaf­ten stür­zen in ei­ne Re­zes­si­on. Kon­junk­tur­pa­ke­te wer­den auf­ge­legt. Der Wirt­schafts­ein­bruch ist tief. Mit Kurz­ar­beit und Mil­li­ar­den wer­den in Deutsch­land 1,5 Mil­lio­nen Am 5. Ok­to­ber 2008 ver­kün­den Mer­kel und St­ein­brück, dass die Ein­la­gen der Spa­rer si­cher sind. Jobs ge­ret­tet. Die Fol­ge aber sind ge­sell­schaft­li­che Ris­se: Wäh­rend ver­ant­wort­li­che Ban­ker kaum be­langt wer­den, zahlt die Be­völ­ke­rung die Ze­che. Als An­ti-Eu­ro-Par­tei grün­det sich die AfD, sie ver­kör­pert die Un­si­cher­heit vie­ler. 6. AKT: HIL­FE­RUF AUS GRIE­CHEN­LAND 2010 Die Fol­gen der Re­zes­si­on – weg­bre­chen­de Steu­er­ein­nah­men, stei­gen­de Ar­beits­lo­sig­keit und So­zi­al­aus­ga­ben – be­las­ten die Haus­hal­te be­son­ders in den schwä­che­ren Volks­wirt­schaf­ten des Eu­ro­raums wie Grie­chen­land, Por­tu­gal oder Zy­pern. Die­se Län­der müs­sen hö­he­re Zin­sen auf­brin­gen, um Käu­fer für An­lei­hen zu fin­den, was die Schul­den in die Hö­he treibt – ein Teu­fels­kreis. Für die Staa­ten müs­sen Hilfs­pro­gram­me auf­ge­legt wer­den – ge­gen stren­ge Re­form­auf­la­gen.

7. AKT: EZB-CHEF DRAGHI EILT 2012 ALS RET­TER HER­BEI Hilfs­pro­gram­me und Nied­rig­zin­sen rei­chen nicht, um die aus der Fi­nanz­kri­se her­vor­ge­gan­ge­ne Eu­ro-Schul­den­kri­se bei­zu­le­gen – bis EZB-Prä­si­dent Ma­rio Draghi im Ju­li 2012 ein Macht­wort spricht: Sei­ne Bank wer­de al­les tun, um den Eu­ro zu ret­ten („Wha­te­ver it ta­kes“).

Die EZB be­schließt, not­falls un­be­grenzt Staats­an­lei­hen von Kri­sen­län­dern zu kau­fen. Das Pro­gramm kommt zwar nie zum Ein­satz – die EZB kauft aber bis heu­te in an­de­rem Rah­men Staats­an­lei­hen. 8. AKT: DIE LEH­REN AUS DER FI­NANZ­KRI­SE Ist der Fi­nanz­sek­tor heu­te kri­sen­fes­ter auf­ge­stellt? Öko­no­men welt­weit sind über­zeugt, dass die Wirt­schaft ih­res Lan­des bes­ser ge­wapp­net ist. Mehr als 75 Pro­zent der Ex­per­ten aus ent­wi­ckel­ten Staa­ten ge­ben dies bei ei­ner ifo-Um­fra­ge an.

Kri­ti­ker se­hen trotz neu­er Ge­set­ze noch zu we­nig Schutz – vor al­lem, weil die Ban­ken nicht zu mehr Rück­la­gen ver­pflich­tet wür­den, die staat­li­che Ret­tungs­maß­nah­men nicht mehr er­for­der­lich ma­chen wür­den. Die wohl gra­vie­rends­te Fol­ge für Spa­rer sind heu­te aber die nied­ri­gen Zin­sen. Tho­mas Kauf­ner, Ot­to Zellmer

Fo­tos: dpa

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