Der Mann mit den „Slots“

Ver­wal­ter Lu­cas Flö­ther zwi­schen Air Ber­lin, Stu­den­ten und Fa­mi­lie

Acher- und Bühler Bote - - Wirtschaft -

Hal­le/Ber­lin. Egal, ob er gera­de mit Air Ber­lin, Ni­ki, Mi­fa oder Unis­ter be­schäf­tigt ist – der Mon­tag­mor­gen ist im Ter­min­ka­len­der fest re­ser­viert. Erst ein Mal ließ Lu­cas Flö­ther die Vor­le­sung an der Uni­ver­si­tät sei­ner Hei­mat­stadt Hal­le aus­fal­len, wie er be­tont. Ab 8 Uhr dis­ku­tiert der Sa­nie­rungs­ex­per­te als Ju­ra-Pro­fes­sor mit sei­nen Stu­den­ten Fra­gen des In­sol­venz­rechts. An ei­nem die­ser Mon­ta­ge geht es um An­fech­tun­gen. „Was muss der Ver­wal­ter tun?“, fragt er oh­ne Mi­kro­fon und die Trep­pe zwi­schen den Gän­gen hoch- und run­ter­lau­fend. Er kennt die Ant­wort nicht nur aus den Bü­chern. Seit 20 Jah­ren braucht er sie – auch bei ei­ner gan­zen Rei­he von spek­ta­ku­lä­ren Fäl­len.

Flö­ther wur­de qua­si das Ge­sicht des in­sol­ven­ten Leip­zi­ger In­ter­net-Kon­zern Unis­ter, nach­dem der Fir­men­grün­der bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz ge­stor­ben war. Er ret­te­te zwei Mal bin­nen zwei Jah­ren den ost­deut­schen Fahr­rad­bau­er Mi­fa, such­te für die Flug­li­nie Ni­ki ver­schie­de­ne Zu­kunfts­op­tio­nen. „Seit Mit­te Au­gust bin ich ehr­lich ge­sagt re­la­tiv we­nig in Hal­le“, sagt Flö­ther. Als er zum Sach­wal­ter bei Air Ber­lin be­ru­fen wur­de, wur­de ein Ber­li­ner Ho­tel sei­ne Blei­be. Ein Fall, den die „Wirt­schafts­wo­che“als „ei­ne der spek­ta­ku­lärs­ten Groß­in­sol­ven­zen der deut­schen Wirt­schafts­ge­schich­te“be­zeich­ne­te – und mit dem sich Flö­ther end­gül­tig in der Öf­fent­lich­keit ei­nen Na­men mach­te.

Wenn der ge­bür­ti­ge Leip­zi­ger ei­nen Fall über­nimmt, sucht er of­fen­siv die Öf­fent­lich­keit. In den Me­di­en, in den Be­trie­ben. Re­gel­mä­ßig schil­dert er sei­ne Sicht auf den Stand des Ver­fah­rens, so weit es ihm die Ver­trau­lich­keits­re­geln des Bu­si­ness er­lau­ben. Da­bei be­wei­se Flö­ther auch Fein­ge­fühl im Um­gang mit den Be­schäf­tig­ten, heißt es von Ge­werk­schaf­tern, die bei der Mi­fa-Plei­te mit ihm zu­sam­men­ar­bei­te­ten. Flö­ther und sein Team hät­ten trotz der Gläu­bi­ger­inter­es­sen stets auch ei­ne gu­te Lö­sung für die Mit­ar­bei­ter im Blick und ein of­fe­nes Ohr für ih­re An­lie­gen ge­habt, sagt die IG-Me­tall-Ge­schäfts­füh­re­rin in Hal­le-Des­sau, Al­mut Kap­per-Lei­be. „Das ken­nen wir von an­de­ren Ver­wal­tern auch an­ders.“

Zu­min­dest am Wo­che­n­en­de ver­su­che er zu­hau­se in Hal­le zu sein, sagt der 44-Jäh­ri­ge. Doch Fäl­le wie Air Ber­lin zwin­gen ihn auch dann in Te­le­fon­kon­fe­ren­zen. Sei­ne fünf und zehn Jah­re al­ten Kin­der ken­nen ihn durch­aus noch, auch wenn sie si­cher gern mehr von ihm hät­ten, sagt er. „Ich ver­su­che das hin­zu­krie­gen, oder in der Flug­zeugspra­che aus­ge­drückt: mög­lichst vie­le Slots zu ha­ben.“Der ha­ge­re Mann mit der run­den Bril­le tippt auf sein Ta­blet und sagt: Das sei sein Schreib­tisch, egal, wo er sei. Er star­te je­den Tag vor sechs Uhr mor­gens. „Das ist 365 Ta­ge im Jahr so. Ers­tens bin ich ein Früh­auf­ste­her, zwei­tens ha­be ich im­mer gut zu tun.“Die Ta­ge, in de­nen die Zeit für ei­ne Lö­sung drängt, nennt er „hei­ße Pha­se“. Sie be­an­spru­che ihn auch höchst­per­sön­lich be­son­ders.

Da­bei ist der 44-Jäh­ri­ge ein al­ter Ha­se im Ge­schäft: Mit 25 Jah­ren und frisch an der Uni Hal­le pro­mo­viert, über­nahm er den Fall ei­ner klei­nen Flei­sche­rei in Sach­sen-An­halts Sü­den. Schon an der Uni in­ter­es­sier­te er sich für die Sa­nie­rung in Ei­gen­ver­wal­tung, wie es sie schon in an­de­ren Län­dern gab. Seit ei­ne Rechts­re­form das auch in Deutsch­land zu­lässt, ist Flö­thers Wis­sen be­son­ders ge­fragt. Auch das Ma­nage­ment von Air Ber­lin nutz­te die Op­ti­on Ei­gen­ver­wal­tung. Bun­des­wei­te Auf­merk­sam­keit zog Flö­ther (Fo­to: dpa) schon vor­her auf sich. Et­wa 2006, als ihm das Ver­fah­ren für die Leip­zi­ger Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft West – und da­mit ei­ner der größ­ten deut­schen An­le­ger­skan­da­le – über­tra­gen wur­de. Heu­te spricht er für den Gra­ven­bru­cher Kreis, den Zu­sam­men­schluss füh­ren­der In­sol­venz­ver­wal­ter.

Im gera­de ver­öf­fent­lich­ten Ran­king der „Wirt­schafts­wo­che“lan­de­te Flö­ther mit Blick auf die Zahl der Ver­fah­ren in der Ein­zel­wer­tung auf Rang fünf. Sei­ne Kanz­lei Flö­ther & Wis­sing ran­giert mit 62 Ver­fah­ren im ver­gan­ge­nen Jahr auf Platz 22. Auch nach Air Ber­lin will Flö­ther sei­ne Kanz­lei nicht ver­grö­ßern. Sein Team be­steht aus mehr als 100 Leu­ten, „die al­le mit­kämp­fen und die Kern­auf­ga­ben über­neh­men“. Bei gro­ßen Fäl­len ho­le er sich ex­ter­ne Be­ra­ter da­zu. Und auch die klei­ne­ren Fäl­le über­neh­me die Kanz­lei, ja, sie le­be so­gar da­von. „Dar­auf bin ich auch an­ge­wie­sen, denn es gibt die Zeit nach Ver­fah­ren wie Air Ber­lin, das ganz nor­ma­le Ge­schäft.“Fran­zis­ka Höhnl

Lu­cas Flö­ther

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