Köln ha­dert mit dem Karneval

Urin, Streit und Müll: Vie­le sind em­pört

Acher- und Bühler Bote - - Blick In Die Welt - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jo­nas-Erik Schmidt

Köln. Mau­re­en Wolf ver­gleicht es mit dem An­sturm ei­ner Hor­de Un­to­ter. Als sie am 11. No­vem­ber – dem elf­ten Elf­ten – aus dem Fens­ter ih­rer Gast­stät­te „Bei Oma Klein­mann“ge­schaut ha­be, sei es wie bei „The Wal­king De­ad“ge­we­sen, ei­ner US-Zom­bie­se­rie: schwan­ken­de Ge­stal­ten, nicht mehr Herr ih­rer Sin­ne. „Die ver­rich­ten da drau­ßen mitt­ler­wei­le ein­fach al­le Ge­schäf­te. Es geht schon lan­ge nicht mehr nur um das Pin­keln“, sagt Wolf. „Wenn wir mor­gens kom­men, lie­gen die schon in den Haus­ein­gän­gen in ih­rem Er­bro­che­nen.“Man könn­te an die­ser Stel­le hin­zu­fü­gen: Will­kom­men im Köl­ner Karneval!

Der 11. No­vem­ber ist der tra­di­tio­nel­le Auf­takt für die Kar­ne­vals­zeit, die in den kom­men­den Ta­gen mit Wei­ber­fast­nacht (8. Fe­bru­ar), Kar­ne­vals­sonn­tag (11. Fe­bru­ar) und Ro­sen­mon­tag (12. Fe­bru­ar) ih­ren Hö­he­punkt er­reicht. Das Fest ge­hört in vie­len Re­gio­nen Deutsch­lands zum fes­ten Kul­tur­gut, vor al­lem in Köln, ei­ner Mil­lio­nen­stadt mit Kon­fet­ti in den Adern. Doch spä­tes­tens seit dem 11. No­vem­ber 2017 ru­mort es ge­wal­tig in der Schun­kel-Me­tro­po­le. Aus­lö­ser wa­ren die über­bor­den­den Ex­zes­se an die­sem Tag. Men­schen be­tran­ken sich hem­mungs­los, pin­kel­ten in gro­ßer Zahl in je­de freie Ecke, er­bra­chen sich, hin­ter­lie­ßen Müll­ber­ge oder la­gen als Schnaps­lei­che da­zwi­schen. Die Köl­ner Ver­kehrs-Be­trie­be (KVB) muss­ten zeit­wei­se den Be­trieb stop­pen, weil Men­schen auf den Glei­sen wa­ren.

Man könn­te ent­geg­nen: Das ist doch nichts Neu­es. Aber vie­le Köl­ner sind der Mei­nung: So schlimm war es noch nie. Und es müs­se sich än­dern.

„Hier spie­len so vie­le Pro­ble­me in­ein­an­der“, sagt Clau­dia Uer­lich von der ört­li­chen In­ter­es­sen­ge­mein­schaft „Kwar­tier Lat­äng“. Es sind zu vie­le Men­schen, die an Karneval kom­men und mit ih­nen kom­men Urin, Streit, Müll. Auf der Su­che nach den Grün­den für die Es­ka­la­ti­on am elf­ten Elf­ten gilt als Ar­gu­ment, dass der Tag auf ei­nen Sams­tag fiel. Vie­le Leu­te hat­ten Zeit, vie­le woll­ten nach Köln.

Aus Sicht des Psy­cho­lo­gen Ste­phan Grü­ne­wald wirk­te das zu­sam­men mit ei­nem all­ge­mei­nen Phä­no­men, dem Trend zum Drau­ßen­fei­ern. „Drau­ßen ist man ganz an­ders wild“, er­klärt er. Und war­um aus­ge­rech­net Köln? Nun, sagt Grü­ne­wald, es sei auf­fäl­lig, dass sich die schlimms­ten Ex­zes­se an Stel­len er­eig­ne­ten, die „ziem­lich ver­wahr­lost“ge­we­sen sei­en. Vom öf­fent­li­chen Raum ge­he dann „kei­ne er­zie­he­ri­sche Wir­kung aus. Nach dem Mot­to: Ist der Ruf erst rui­niert, uri­niert es sich völ­lig un­ge­niert.“Für den Rest der Re­pu­blik dürf­te es gleich­wohl skur­ril wir­ken, dass Köln plötz­lich mit sei­nem Karneval ha­dert. Grü­ne­wald, Lei­ter des Markt­for­schungs­in­sti­tuts Rhein­gold, wun­dert sich we­ni­ger. Gera­de Köln sei sen­si­bler ge­wor­den. „Vor neun Jah­ren stürz­te das Stadt­ar­chiv ein, dann gab es die Sil­ves­ter­nacht mit se­xu­el­len Ge­walt- und Dieb­stah­lex­zes­sen“, sagt er. „Man fragt sich heu­te: Ist Köln ein ver­läss­li­cher und sta­bi­ler Grund?“

Zu­letzt wa­ren die Ex­zes­se auf den Stra­ßen schlimm

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