Je­de Sei­te hat ih­re Wahr­heit

Nah­ost Pünkt­lich zu Is­ra­els 70. Ge­burts­tag er­reicht der Kon­flikt zwi­schen Ju­den und Pa­läs­ti­nen­sern ei­nen neu­en Hö­he­punkt. 60 Men­schen ster­ben, Tau­sen­de wer­den ver­letzt. Ein klei­nes Dorf zwi­schen Je­ru­sa­lem und Tel Aviv zeigt, dass es auch an­ders geht. Von

Alb Bote (Münsingen) - - HINTERGRUND -

Fast wä­re das ein­zig­ar­ti­ge Pro­jekt ge­schei­tert. Weil für die ei­nen der 14. Mai ein Freu­den­tag ist. Und für die an­de­ren der Tag, an dem die Ka­ta­stro­phe be­gann. Die Kri­se nahm ih­ren Lauf, als die jun­gen Is­rae­lis am Vor­abend die­ses 14. Mai 1982 ein gro­ßes Fest plan­ten. Ei­nes, wie es am Tag der Un­ab­hän­gig­keit in Is­ra­el im­mer ge­fei­ert wird: mit Pick­nick, Tanz, Mu­sik und ei­nem Meer von blau-wei­ßen Flag­gen.

Doch die Hälf­te der Dorf­be­woh­ner schlug die Ein­la­dung aus. Mehr noch: Je­de Fah­ne, die ge­schwenkt wer­de, je­des Freu­den­feu­er sei ei­ne Be­lei­di­gung, sag­ten die Pa­läs­ti­nen­ser. Sie ver­flu­chen den Tag, den sie Nak­ba (ara­bisch für „Ka­ta­stro­phe“) nen­nen und mit dem ih­re Ver­trei­bung be­gann. Et­wa 750 000 Men­schen muss­ten im Kampf um das Land ih­re Dör­fer ver­las­sen, ver­lo­ren ihr Hab und Gut.

„Die Exis­tenz un­se­res Dor­fes stand da­mals auf dem Spiel“, sagt die in der Schweiz ge­bo­re­ne Jü­din Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta über den Streit vor 36 Jah­ren. Das Dorf, von dem sie spricht, heißt Wa­hat al-Sa­lam Ne­ve Sha­lom (WASNS). Ne­ve Sha­lom ist he­brä­isch, Wa­hat al-Sa­lam ist ara­bisch, die Be­deu­tung ist die glei­che: Oa­se des Frie­dens. Er steht für ein Pro­jekt, das Mit­te der 70er Jah­re zwi­schen Tel Aviv und Je­ru­sa­lem ge­grün­det wur­de und bis heu­te ein­zig­ar­tig ist. Hier wird im Klei­nen prak­ti­ziert, was im Gro­ßen schei­tert: die fried­li­che Ko­exis­tenz zwi­schen Is­rae­lis und Pa­läs­ti­nen­sern.

We­nig hoff­nungs­voll

Fried­lich war es im Dorf auch am 14. Mai in die­sem Jahr. Aber nur knapp 50 Ki­lo­me­ter ent­fernt es­ka­lier­te die Ge­walt: Im Ga­za­strei­fen star­ben bei Pro­tes­ten ge­gen die Er­öff­nung der US-ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaft nach Je­ru­sa­lem 60 Pa­läs­ti­nen­ser, Tau­sen­de sol­len ver­letzt wor­den

sein. Noch am 18. April ( der jü­di­sche Ka

len­der gab das Da­tum vor) hat­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu bei den Fei­er­lich­kei­ten zum 70. Ge­burts­tag des Lan­des nicht nur von ei­ner glän­zen­den Zu­kunft Is­ra­els ge­spro­chen, son­dern auch von Frie­den: „Un­se­re Hand ist in Frie­den aus­ge­streckt für al­le je­ne un­se­rer Nach­barn, die ihn wol­len.“Die­ser je­doch scheint wei­ter ent­fernt als je­mals.

Das Dorf Wa­hat al-Sa­lam Ne­ve Sha­lom ist ein Ge­gen­ent­wurf zu all dem. Den Grund­stein für die­ses fried­li­che Mit­ein­an­der zwi­schen den heu­te ins­ge­samt 300 Pa­läs­ti­nen­sern und Ju­den leg­te Pa­ter Bru­no Has­sar, ein Do­mi­ni­ka­ner, der vom jü­di­schen zum ka­tho­li­schen Glau­ben kon­ver­tiert war und vom na­he­ge­le­ge­nen Trap­pis­ten-Klos­ter Land ge­pach­tet hat­te. Ein Ju­gend­la­ger, an dem die da­mals 22-jäh­ri­ge Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta teil­nahm, mach­te den An­fang. „Wir wa­ren die Kern­grup­pe.“Nach und nach ka­men mehr Leu­te. Man leb­te in Ba­ra­cken oh­ne Strom und flie­ßend Was­ser.

„Wir muss­ten die In­fra­struk­tur selbst fi­nan­zie­ren und bau­en“, sagt die heu­te 63-jäh­ri­ge Psy­cho­the­ra­peu­tin. Im Ge­gen­satz zu den jü­di­schen Sied­lern im West­jor­dan­land ha­be das Dorf zu kei­nem Zeit­punkt staat­li­che Un­ter­stüt­zung be­kom­men. Statt­des­sen wur­de es mit Arg­wohn be­trach­tet. Was sich in WASNS ab­spiel­te, war für Au­ßen­ste­hen­de un­denk­bar. Krieg, Tod und Ver­trei­bung hat­ten da­zu ge­führt, dass kei­ner et­was mit dem an­de­ren zu tun ha­ben woll­te. „Wir ha­ben ge­gen Dog­ma­tis­mus und Un­ver­ständ­nis auf bei­den Sei­ten ge­kämpft.“

Die­ses Un­ver­ständ­nis herrsch­te auch im Dorf. „Ich war ein Mensch vol­ler Wut über die Un­ge­rech­tig­keit, die mei­nem Volk an­ge­tan wor­den war“, sag­te Ray­ek Ri­zik, ein pa­läs­ti­nen­si­scher Christ aus Na­za­reth, einst in ei­nem In­ter­view. Das Pro­blem: Kei­ner wuss­te et­was vom an­de­ren. Selbst die welt­of­fe­nen Ju­den in WASNS hat­ten kei­ne Ah­nung von der Ge­schich­te, den Tra­di­tio­nen und der Kul­tur der ara­bi­schen Be­völ­ke­rung. Auch nicht Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta. Ob­wohl sie ein aus­ge­präg­tes Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den für Min­der­hei­ten hat­te, war ihr nach ih­rer Ein­wan­de­rung nicht be­wusst, „dass in Is­ra­el auch Pa­läs­ti­nen­ser le­ben“.

Die­se An­sicht gilt heu­te um­so mehr. Dank der Dog­men ei­ner sich im­mer wei­ter nach rechts be­we­gen­den is­rae­li­schen Re­gie­rung und ei­ner schwa­chen, il­le­gi­ti­men Pa­läs­ti­nen­ser­füh­rung sind Kon­tak­te im All­tag zwi­schen den bei­den Be­völ­ke­rungs­grup­pen na­he­zu ver­siegt. Vor der Zwei­ten In­ti­fa­da (2000 bis 2005) wa­ren Aus­flü­ge der Pa­läs­ti­nen­ser ans Meer nor­mal. Um­ge­kehrt be­such­ten vie­le jü­di­sche Fa­mi­li­en am Wo­che­n­en­de ei­nes der zahl­rei­chen Ca­fés in Ra­mal­lah.

Heu­te ist das un­denk­bar. Statt­des­sen herr­schen Miss­trau­en und Angst. Fast noch schlim­mer: Vie­le Is­rae­lis blen­den die Be­sat­zung aus. Das ist ein­fach, denn wer in Tel Aviv wohnt, muss sich mit Check­points nicht aus­ein­an­der­set­zen. Und der pa­läs­ti­nen­si­sche Bau­er, der bei Je­ri­cho et­wa ei­ne schlech­te Ern­te we­gen Was­ser­man­gels ein­fährt, ist na­tür­lich auf den Be­sat­zer wü­tend und nicht auf sei­ne kor­rup­te Füh­rung, die seit Jah­ren För­der­gel­der ein­sackt, an­statt in die In­fra­struk­tur zu in­ves­tie­ren.

Die Lö­sung, die die Be­woh­ner in die­ser kri­ti­schen Nacht im Jahr 1982 für sich ge­fun­den ha­ben und an der „je­den Tag aufs Neue ge­ar­bei­tet wer­den muss“, wie Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta sagt: „Wir sind uns ei­nig, dass wir uns nicht ei­nig sind.“Das klingt ba­nal. Aber da­hin­ter ste­cken meh­re­re Er­kennt­nis­se: Je­der hat vom an­de­ren ste­reo­ty­pe Bil­der im Kopf, die es auf­zu­bre­chen gilt. Es gibt noch ei­ne an­de­re Wahr­heit au­ßer der ei­ge­nen, und kei­ner kann dem an­de­ren sei­ne Ge­schich­te ab­spre­chen. Bei­de sind vol­ler Schmerz. Bei den Ju­den ist es der Ho­lo­caust, bei den Pa­läs­ti­nen­sern die Nak­ba. Trotz­dem: „Wir müs­sen auf­hö­ren, um die grö­ße­re Op­fer­rol­le zu kon­kur­rie­ren. So ein Wett­be­werb führt in ei­ne Sack­gas­se“, sagt Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta. Die Ma­xi­me lau­te, dem an­de­ren zu­zu­hö­ren.

Leu­te wie wir sind in Is­ra­el ei­ne Min­der­heit ge­wor­den. Heut­zu­ta­ge wer­den wir tot­ge­schwie­gen.

Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta

Lang­jäh­ri­ge Be­woh­ne­rin des Dor­fes

Vie­le Fra­gen ent­stan­den

Aus die­ser kom­ple­xen Si­tua­ti­on sind da­mals Fra­gen ent­stan­den: Was be­deu­tet es, auf Au­gen­hö­he zu le­ben? Wie po­li­tisch sind wir? Und wie er­zie­hen wir un­se­re Kin­der? Die Kon­se­quenz aus der letz­ten Fra­ge: ein Bil­dungs­sys­tem, das die Gleich­be­rech­ti­gung, den Re­spekt und das fried­li­che Mit­ein­an­der von Klein auf prägt. Kin­der­gar­ten und Schu­le sind bi­lin­gu­al, die Kin­der spre­chen ara­bisch und he­brä­isch. Sie ler­nen die Tra­di­tio­nen des an­de­ren ken­nen. Fes­te wer­den ge­mein­sam ge­fei­ert. Oder auch nicht.

Ir­gend­wann war das Pro­blem mit dem 14. Mai, der Staats­grün­dung Is­ra­els und dem Tag der Ka­ta­stro­phe für die Pa­läs­ti­nen­ser ge­löst: „Je­der be­geht ihn so wie er will“, sagt Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta. Ei­ne In­sel der Glück­se­li­gen ist das Dorf den­noch nicht. „Was hier pas­siert, et­wa die Vor­komm­nis­se an der Gren­ze zum Ga­za­strei­fen der­zeit, be­trifft uns auch.“

Es kos­te Kraft, sich täg­lich da­mit aus­ein­an­der­zu­set­zen. Bit­ter sei zu­dem, wie weit weg die Re­gie­ren­den von ei­ner Lö­sung des Nah­ost-Kon­flik­tes ge­rückt sei­en. Nur manch­mal glimmt Hoff­nung auf, sagt Evi Gug­gen­heim-Sh­be­ta. Wenn Leu­te das Dorf be­su­chen und sa­gen: Wenn es im Klei­nen funk­tio­niert, kann es im Gro­ßen doch auch ge­hen.

Fo­tos: WASNS

Wäh­rend Pa­läs­ti­nen­ser und Is­rae­lis im Gro­ßen im­mer wei­ter aus­ein­an­der­drif­ten, le­ben sie in die­sem klei­nen Dorf fried­lich mit­ein­an­der.

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