Sport­li­cher Br­ex­it

Die Ent­täu­schung bei den „Th­ree Li­ons“nach dem völ­lig über­flüs­si­gen Halb­fi­nal-Aus ge­gen Kroa­ti­en ist rie­sen­groß. Der Mann­schaft von Trai­ner Ga­reth Sou­th­ga­te wird aber schon in na­her Zu­kunft viel zu­ge­traut.

Alb Bote (Münsingen) - - FUSSBALL−WM IN RUSSLAND - Sid/ beb

Im Mo­ment völ­li­ger Lee­re und tiefs­ten Schmer­zes konn­ten sich En­g­lands WM-Fuß­bal­ler auf ih­re Fans bis hin­ein ins Kö­nigs­haus ver­las­sen. „Ich weiß, wie ent­täuscht Ihr jetzt sein müsst. Aber ich könn­te nicht stol­zer sein auf die­se Mann­schaft, und Ihr soll­tet es auch sein“, schrieb Prinz Wil­li­am via Twit­ter. Auf den Rän­gen des Mos­kau­er Lu­sch­ni­ki-Sta­di­ons fei­er­ten die An­hän­ger ih­re ge­stürz­ten Hel­den noch Mi­nu­ten nach dem Ab­pfiff ei­nes sport­lich dra­ma­ti­schen Abends für das Fuß­ball-Mut­ter­land, durch die Laut­spre­cher dröhn­te der „Oa­sis“-Klassiker „Don‘t Look Back In An­ger“(Schau nicht in Wut zu­rück).

„Ich bin un­glaub­lich stolz auf das, was sie ge­leis­tet ha­ben“, sag­te Trai­ner Ga­reth Sou­th­ga­te. Die Stim­me stock­te manch­mal, auch er muss­te um Fas­sung rin­gen. Die Au­gen ver­rie­ten die Ge­müts­la­ge des 47-Jäh­ri­gen nach dem 1:2 im WM-Halb­fi­na­le nach Ver­län­ge­rung ge­gen den Sen­sa­ti­ons-Fi­na­lis­ten Kroa­ti­en: „Im Mo­ment füh­len wir nur den Schmerz.“Ein Sie­ger­team zu wer­den, das tue aber auch mal weh. „Wir dach­ten, wir könn­ten es schaf­fen, aber es hat nicht sol­len sein“, sag­te Ka­pi­tän Harry Ka­ne.

„Es war, als ob man zu­schaut, wie ein wun­der­schö­nes Ge­mäl­de vor dei­nen ei­ge­nen Au­gen zer­ris­sen wird“, schrieb die eng­li­sche Zei­tung „The Guar­di­an“. Die frü­he Füh­rung durch Kier­an Trip­pier in der fünf­ten Mi­nu­te, wir­kungs­lo­se Kroa­ten, Bier­par­tys im Hy­de­Park – al­les lief zu­nächst per­fekt für die En­g­län­der auf ih­rem Weg, den ers­ten WM-Ti­tel nach 52 Jahren zu ho­len. „Ei­ne bes­se­re Chan­ce, die Jah­re des Lei­dens zu be­en- den, wer­den wir vi­el­leicht nie mehr be­kom­men“, klag­te der „Mir­ror“.

Ivan Pe­ri­sic und Ma­rio Mand­zu­kic zer­stör­ten mit ih­ren To­ren al­le Träu­me­rei­en der Bri­ten – der kol­lek­ti­ve Rausch war jäh vor­bei. „Der Trai­ner hat kurz zu uns in der Ka­bi­ne ge­spro­chen: Wir sol­len uns nicht schlecht füh­len, son­dern stolz sein“, er­zähl­te Ka­ne.

An­ge­führt vom bis­her sechs­ma­li­gen WM-Tor­schüt­zen hat die­se eng­li­sche Mann­schaft nicht nur den Fans in der Hei­mat viel ge­ge­ben. Für man­che wur­de sie zum Sinn­bild ei­nes neu­en Ge­mein­schafts­ge­fühls. Ähn­lich wie 2006 die deut­sche Mann­schaft und ih­re Fans eben­falls trotz ei­ner Nie­der­la­ge im Halb­fi­na­le dem Land ei­ne neue, freund­li­che und welt­of­fe­ne Iden­ti­tät ga­ben, wäh­nen man­che auch Sou­th­ga­tes Schütz­lin­ge auf eben die­sem Weg.

„In ei­ner Zeit, in der un­se­re po­li­ti­schen An­füh­rer ein solch er­bärm­li­ches Ge­fühl an Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit hin­ter­las­sen – ego­is­tisch, un­nah­bar und hoff­nungs­los ge­spal­ten – zeig­te sich die eng­li­sche Na­tio­nal­mann­schaft er­fri­schend an­ders“, schrieb der „In­de­pen­dent“: „Dan­ke für die er­lö­sen­de Ablen­kung vom Br­ex­it. Wir sind stolz auf Euch. Dan­ke, dass Ihr uns ver­eint habt.“

Sou­th­ga­te, der ehe­ma­li­ge Na­tio­nal­spie­ler, sei das Ide­al ei­nes En­g­län­ders: „Ta­len­tiert und ehr­gei­zig, en­ga­giert, aber auch be­schei­den, höf­lich, re­spekt­voll und wort­ge­wandt, mit ei­nem tro­cke­nen Sinn für Hu­mor.“Nur, dass Sou­th­ga­te an die­sem Abend auch nicht mehr zum La­chen zu­mu­te war. Ei­ne Er­klä­rung, war­um sei­ne Mann­schaft nach ei­nem star- ken Be­ginn die Kon­trol­le über die Par­tie ver­lor, hat­te er auch nicht.

Die Ki­cker und ihr cha­ris­ma­ti­scher Trai­ner ha­ben zu­min­dest viel für die Tex­til­in­dus­trie und den Ge­trän­ke­han­del bei­ge­tra­gen. Die An­zugs­wes­te, die der stets ma­kel­los ge­klei­de­te Sou­th­ga­te selbst bei glü­hen­der Hit­ze nie ab­leg­te, wur­de zum Ver­kaufs­schla­ger der Her­ren­aus­stat­ter. Der Dach­ver­band der eng­li­schen Müll­ab­fuhr kal­ku­liert, dass bei den Spie­len über ei­ne Mil­li­on Fla­schen zu­sätz­lich ent­sorgt wer­den muss­ten. Vie­le Fans konn­ten sich je­doch nicht so no­bel und ge­fasst mit der Nie­der­la­ge ab­fin­den. Die No­t­ruf­zen­tra­le in den West Mid­lands re­gis­trier­te nach dem Ab­pfiff „ei­ne Flut von An­ru­fen we­gen kör­per­li­cher An­grif­fe und häus­li­cher Ge­walt.“

Doch im Gro­ßen und Gan­zen ist die Po­li­zei voll des Lo­bes über das Ver­hal­ten der Fans.

Fo­to: Mla­denAn­to­nov/afp

Coach Ga­reth Sou­th­ga­te trös­tet sei­nen Tor­jä­ger Harry Ka­ne: „Wir kön­nen stolz sein!“

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