EZIO BOSSO: MU­SIK UND KREA­TI­VI­TÄT JEN­SEITS DER KRANK­HEIT

Mu­sik und Krea­ti­vi­tät jen­seits der Krank­heit

All About Italy (Germany) - - Editorial - Da­vi­de Zac­ca­ret­ti

Ezio Bosso ist Mu­si­ker, Pia­nist, Kom­po­nist, Kon­tra­bas­sist und Orches­ter­lei­ter mit Auf­trit­ten in ganz Eu­ro­pa, Asi­en, Ame­ri­ka und Aus­tra­li­en.

Am Abend des 10. Fe­bru­ars 2016, wäh­rend sei­nes Auf­tritts am zwei­ten Tag des Fes­ti­vals von San­re­mo, blie­ben Mil­lio­nen Per­so­nen re­gel­recht am Bild­schirm kle­ben. Sie wa­ren ver­zau­bert von den mit­rei­ßen­den Emo­tio­nen und der Vi­ta­li­tät von „Fol­lo­wing a Bird“, dem Kla­vier­so­lo, die die Her­zen des Pu­bli­kums des Thea­ters Aris­ton höher schla­gen ließ. Ein be­rüh­ren­der Mo­ment der­je­ni­gen, die Ein­druck hin­ter­las­sen. Mit höchs­ten Ein­schalt­quo­ten (über 55%) und den So­zia­len Me­di­en, die im wahrs­ten Sin­ne ver­rückt spiel­ten, konn­te man ei­ne wah­re Lek­ti­on über die Mu­sik und das Le­ben se­hen. Sie ließ über die in­ners­te und tiefs­te Be­deu­tung un­se­res Da­seins sin­nie­ren, doch vie­le Fern­seh­zu­schau­er frag­ten sich auch, wer Ezio Bosso über­haupt sei. Vor dem Fes­ti­val kann­ten die meis­ten we­der sein Ta­lent, noch sei­ne Ge­schich­te. Man den­ke nur dar­an, dass die „Ge­fällt mir“sei­nes Face­book-pro­fils in we­ni­gen St­un­den von 5000 auf über 200 Tau­send an­ge­stie­gen sind. Der am 13. Sep­tem­ber 1971 in Tu­rin zur Welt ge­kom­me­ne Ezio Bosso ist Mu­si­ker, Pia­nist, Kom­po­nist, Kon­tra­bas­sist und Orches­ter­lei­ter mit Auf­trit­ten in ganz Eu­ro­pa, Asi­en, Ame­ri­ka und Aus­tra­li­en. Prei­se und Aus­zeich­nun­gen auf der gan­zen Welt. Sein Le­bens­lauf ist viel län­ger und de­tail­lier­ter, als man sich vor­stel­len kann, und er­hält Hö­he­punk­te wie die Lei­tung des Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra, The Lon­don Strings, des Orches­ter des Tea­tro Re­gio in Tu­rin, der Fi­lar­mo­ni­ca ‘900 und des Orches­ters der Ac­ca­de­mia Na­zio­na­le von San­ta Ce­ci­lia. Ezio Bos­sos Ta­lent war früh­reif und kris­tall­klar: Sein Zu­sam­men­tref­fen mit der Mu­sik als ganz Klei­ner, mit nur vier Jah­ren, sei­nem De­büt als So­lo­pi­anist mit 16, dann die Stu­di­en zur Kom­po­si­ti­on und Orches­ter­lei­tung an der Wie­ner Aka­de­mie. Als her­vor­ra­gen­der Kom­po­nist klas­si­scher Mu­sik zeich­ne­te er auch für Film­sound­tracks wie „Ich ha­be kei­ne Angst“von Ga­b­rie­le Sal­va­to­res oder „Ros­so co­me il cie­lo” („Rot wie der Him­mel“) von Cris­tia­no Bor­to­ne ver­ant­wort­lich, so­wie für Thea­ter- und Tanz­mu­sik bis hin zu Ex­pe­ri­men­ten mit zeit­ge­nös­si­schen Rhyth­men. Ein ra­san­ter Auf­stieg, der 2011 brüsk zu En­de schien. Nach ei­nem Ein­griff am Hirn, re­sul­tier­te bei ihm die Amyo­tro­phen La­te­ral­skle­ro­se (ALS), ei­ne fort­schrei­ten­de, neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ve Krank­heit, die Ner­ven­zel­len be­fällt, die für die Mo­bi­li­tät ver­ant­wort­lich sind. Es ist ein un­er­bitt­li­cher und un­auf­halt­ba­rer Ver­lauf, der zur Läh­mung und schließ­lich zum Tod führt.

Ein Por­trät des viel­sei­ti­gen Turiner Kom­po­nis­ten, un­ter den be­lieb­tes­ten so­wohl in Ita­li­en als auch im Aus­land. 2011 er­reich­te ihn die Dia­gno­se Amyo­tro­phe La­te­ral­skle­ro­se (ALS), dies war der Be­ginn ei­nes lan­gen Re­ha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­ses. Doch sein Ta­lent, sei­ne Lie­be zum Le­ben, sind stär­ker denn je.

„Das Le­ben be­steht aus zwölf Zim­mern. Zwölf Zim­mer, an die wir uns er­in­nern, wenn wir im letz­ten an­ge­kom­men sind.“

Es war ei­ne düs­te­re Pe­ri­ode, in der er ver­lernt hat­te, zu spre­chen und zu mu­si­zie­ren: „Ab ei­nem ge­wis­sen Zeit­punkt hat­te ich al­les ver­lo­ren, die Spra­che, die Mu­sik. Ich konn­te mich an sie er­in­nern, aber ich ver­stand sie nicht mehr. Ich mu­si­zier­te und wein­te, mo­na­te­lang ha­be ich nichts zu­stan­de ge­bracht. Die Mu­sik ge­hör­te nicht zu je­nem Le­ben, sie war weit weg, ich schaff­te es nicht, sie fest­zu­hal­ten. Aber so ha­be ich ge­merkt, dass ich auch oh­ne sie aus­kom­me. Und es war nicht ein­mal schreck­lich. Ich lern­te, dass Mu­sik zwar ein Teil von mir ist, aber dass sie nicht ‘ich’ ist. Ich ste­he der Mu­sik höchs­tens zu Di­ens­ten.“Trotz­dem brach­te ihn sei­ne gren­zen­lo­se und in­ni­ge Lie­be für die Mu­sik da­zu, sein Le­ben wie­der in die Hand zu neh­men, zu kämp­fen und zu rin­gen, je­de No­te, je­de Pau­se und je­den Takt ei­ner Par­ti­tur wie­der zu er­ler­nen. Ezio Bosso lässt sich nicht auf­hal­ten, und er will nicht auf­hö­ren: We­ni­ger als ein Jahr nach dem Fes­ti­val von San­re­mo ging er in ganz Ita­li­en auf ei­ne Tour­née, die von über neun­zig­tau­send Per­so­nen be­sucht wur­de. Er wur­de auch als Gast­di­ri­gent ans Tea­tro Co­mu­na­le in Bo­lo­gna ein­ge­la­den und er un­ter­stützt mit Kon­zer­ten und Ver­an­stal­tun­gen an vor­ders­ter Front auch die Op­fer der Erd­be­ben. Er ist ein kon­kre­tes Bei­spiel da­für, wie die Wil­lens­kraft al­les sein kann, vor al­lem in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen. Denn „le­ben wie auch Mu­sik ma­chen kann man nur auf ei­ne Art. Ge­mein­sam“. 2015 wur­de sein ers­tes Werk mit dem Ti­tel „The 12th Room“ver­öf­fent­licht. Zwei Plat­ten (56 und 45 Mi­nu­ten) mit Kla­vier­kon­zer­ten, Stü­cken und un­ter­schied­li­chen Tem­pi, die auf me­ta­pho­ri­sche Wei­se für al­le Pha­sen des Le­bens ste­hen, die wir durch­lau­fen. So de­fi­niert denn der Ma­e­s­tro auch sei­ne Ar­beit: „Die Stü­cke spie­geln ei­nen klei­nen me­ta-er­zäh­le­ri­schen Ver­lauf wi­der. Je­ne des Re­per­toires zei­gen auch auf, wo­her ich kom­me, wo die Wur­zeln mei­ner Mu­sik lie­gen, die ich schrei­be. Sie of­fen­ba­ren die bei­den Mu­si­ker in mir: Den Kom­po­nis­ten und den In­ter­pre­ten. Es sind haupt­säch­lich Ge­schich­ten von Zim­mern. Es wird be­haup­tet, dass ein Le­ben aus zwölf Zim­mern be­steht. Zwölf Zim­mer, in de­nen wir et­was zu­rück­las­sen, wel­che an uns er­in­nern. Zwölf Zim­mer, an die wir uns er­in­nern wer­den, wenn wir im letz­ten an­ge­kom­men sind. Nie­mand er­in­nert sich ans ers­te Zim­mer, in dem er war, aber of­fen­bar soll man sich im letz­ten dar­an er­in­nern. Das Zim­mer steht hier für In­ne­hal­ten, aber es be­deu­tet auch sich be­haup­ten. Ich muss­te ima­gi­nä­re Zim­mer durch­ge­hen, ich hat­te die­ses Be­dürf­nis. Denn in mei­nem Le­ben gibt es Mo­men­te, in de­nen ich in ein Zim­mer ein­tre­te, das mir, um ehr­lich zu sein, nicht wirk­lich sym­pa­thisch ist. Ein Zim­mer, in dem ich mich für ei­ne lan­ge Pe­ri­ode blo­ckiert bin, ein Zim­mer, das dun­kel und sehr klein wird, gleich­zei­tig aber auch rie­sig und un­mög­lich, zu durch­schrei­ten. In den Zei­t­räu­men, in de­nen ich mich in ihm auf­hal­te, gibt es ich Mo­men­te, wo es mir scheint, dass ich nie­mals mehr aus ihm hin­aus ge­lan­gen wer­de. Doch auch die­ses Zim­mer hat mir et­was ge­schenkt, es hat mich neu­gie­rig ge­macht, hat mich an mein Glück er­in­nert. Es ließ mich mit ihm spie­len. Ja, denn das Zim­mer ist auch ei­ne Poe­sie.“

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