PIS­TOIA IST KUL­TUR­HAUPT­STADT ITA­LI­ENS 2017

All About Italy (Germany) - - Editorial - Mar­ti­na Mo­rel­li

Ein klei­nes Ju­wel, das nur we­ni­ge ken­nen, schon im­mer Kreu­zungs­punkt von Zu­sam­men­tref­fen und Aus­tausch: Die Stadt ist heu­te be­reit, von Be­su­chern aus der gan­zen Welt ent­deckt zu wer­den.

Pis­toia ist die ita­lie­ni­sche Kul­tur­haupt­stadt des Jah­res 2017. Die Stadt mit rö­mi­schen Ur­sprün­gen, im Nor­den von den Ber­gen um­schlos­sen und in das Grün sei­ner Baum­schu­len ein­ge­bet­tet, wur­de nicht nur we­gen ih­res rei­chen Kunst- und Ar­chi­tek­tur­schat­zes mit die­ser ge­wich­ti­gen An­er­ken­nung aus­ge­zeich­net, son­dern auch we­gen des Ein­sat­zes, mit der die Stadt­ver­wal­tung Initia­ti­ven un­ter­stützt, die die Iden­ti­tät und die Tra­di­tio­nen för­dern. In die­sem Jahr kön­nen die­se Ei­gen­schaf­ten und Be­son­der­hei­ten, die die Stadt kost­bar ma­chen, ins rech­te Licht ge­rückt wer­den: Von der Kunst bis zur Mu­sik, von der An­thro­po­lo­gie bis zum Thea­ter, von der Be­le­bung des städ­ti­schen Raums bis zu den An­läs­sen für die Kleins­ten oder dem Ent­de­cken der grü­nen Land­schaft. Die Ak­ti­vi­tä­ten wur­den or­ga­ni­siert, um Bür­ger und Be­su­cher in die Über­le­gun­gen ein­zu­be­zie­hen und um neu­en Mo­del­len kul­tu­rel­ler Pro­duk­ti­on Le­ben ein­zu­hau­chen.

EIN GRÜ­NES HERZ

Der ro­te Fa­den des Pro­jek­tes Pis­toia 2017 ist die Stadt­er­neue­rung, um ei­ne um­welt­freund­li­che Nut­zung des Bo­dens zu för­dern. Sie ist die wich­ti­ge Aus­gangs­la­ge, so­wohl vom Standpunkt der Bi­o­di­ver­si­tät, als auch der Ver­gan­gen­heit der Stät­ten und der Ori­gi­na­li­tät der Land­schaft aus be­trach­tet, ein kost­ba­res Er­be, das voll­stän­dig und le­ben­dig an die neu­en Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wer­den muss. Es gibt nur we­ni­ge Zen­tren in Ita­li­en, die sich wie Pis­toia land­wirt­schaft­li­cher Ge­bie­te rüh­men kön­nen, die bis an die Gren­zen der Alt­stadt rei­chen: Dies ist ei­ner der wich­tigs­ten Wer­te, die be­wahrt wer­den sol­len. Al­lei­ne in den letz­ten drei Jah­ren wur­den 40.719m² Land­wirt­schafts­zo­ne und 11.330 m² pri­va­te Grün­flä­che zu­rück­ge­won­nen, al­so über fünf Hekt­ar Bo­den (51.509 m²), wel­che der Über­bau­ung ent­zo­gen wur­den.

RAUM FÜR GE­SCHICH­TE UND AR­CHI­TEK­TUR

Wie schon im Ri­nasci­men­to zieht Pis­toia auch heu­te noch die Künst­ler an. Es ist ein frucht­ba­rer Aus­tausch mit der in­ter­na­tio­na­len Kunst­welt. Dies be­zeugt die Samm­lung „Go­ri“in der „Fat­to­ria di Cel­le“. Es ist ein krea­ti­ves La­bor für Um­welt­kunst, wo schon Al­ber­to Bur­ri, Da­ni­el Bu­ren, Je­an-mi­chel Fo­lon, An­selm Kie­fer, Ro­bert Mor­ris, Clau­dio Par­mig­gia­ni oder Sol Le­witt ih­re Zei­chen ge­setzt ha­ben.

Ei­ne der wich­tigs­ten Ein­rich­tun­gen der Stadt ist „Pa­laz­zo Fa­bro­ni“, ein wah­res Mu­se­um des 20. Jahr­hun­derts und der Ge­gen­wart. Es be­her­bergt u.a. die Aus­stel­lun­gen „Prêt-à-por­ter“des Ma­lers Gio­van­ni Fran­gi, be­treut von Gio­van­ni Ago­s­ti (5. Fe­bru­ar bis 2. April), so­wie „Ma­ri­no Ma­ri­ni. Pas­sio­ni vi­si­ve“, ein­ge­rich­tet von Fla­vio Fer­gon­zi e Bar­ba­ra Ci­nel­li (16. Sep­tem­ber 2017 bis 7. Ja­nu­ar 2018). Die Be­son­der­heit der Ers­te­ren be­steht im Am­bi­en­te des Pa­las­tes selbst, der selbst­re­dend den Rhyth­mus und die An­ord­nung der Ausstellung ge­lie­fert hat. Letz­te­re durch­forscht die Werk­statt der plas­ti­schen Er­fin­dun­gen von Ma­ri­ni und setzt sie in ei­ne di­rek­te Be­zie­hung mit den gro­ßen Skulp­tur­mo­del­len des 20. Jahr­hun­derts und ei­ni­gen Ex­em­pla­ren der ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­te.

Zwei an­de­re Aus­stel­lun­gen wer­den sich wei­te­ren em­ble­ma­ti­schen Fi­gu­ren Pis­toi­as wid­men: Dem Ar­chi­tek­ten mit Welt­ruhm Gio­van­ni Mi­che­luc­ci und dem Je­sui­ten und Mis­sio­nar Ip­po­li­to De­si­de­ri. “Le Cit­tà di Mi­che­luc­ci” (Die Städ­te von Mi­che­luc­ci), vom 25. März bis 21. Mai in den Fres­ko­sä­len des Pa­laz­zo Co­mu­na­le zu se­hen, ist in vier Be­rei­che auf­ge­teilt. Sie er­mög­licht, Zeich­nun­gen, Pro­jek­te, Skiz­zen und Ar­chi­tek­tur­mo­del­le des viel­sei­ti­gen Ar­chi­tek­ten ken­nen­zu­ler­nen.

Ei­ne Ausstellung und ei­ne Kon­fe­renz er­kun­den die Fi­gur von Ip­po­li­to De­si­de­ri, aus An­lass sei­ner An­kunft in Lha­sa vor drei­hun­dert Jah­ren. Als Mis­sio­nar in Ti­bet tauch­te er so sehr in die ört­li­che Kul­tur ein, dass ihn der da­ma­li­ge Da­lai La­ma als Vor­rei­ter des in­ter­re­li­giö­sen Dia­lo­ges be­zeich­ne­te, zu ei­ner Zeit, als die­ses Kon­zept noch nicht ein­mal exis­tier­te.

SE­HENS­WER­TE MU­SE­EN UND BI­B­LIO­THE­KEN

Das Aus­maß des lo­ka­len Kul­tur­reich­tums spie­gelt sich auch im rei­chen An­ge­bot des städ­ti­schen Mu­se­ums­an­ge­bot wi­der. In ers­ter Li­nie das Stadt­mu­se­um, das die be­deu­tends­ten Kunst­zeug­nis­se von Pis­toia vom 13. bis zum 20. Jahr­hun­dert um­fasst. Es zeigt vom 28. Ok­to­ber 2017 bis zum 7. Ja­nu­ar 2018 ei­ne Ausstellung rund um das Werk „Die Darstel­lung des Herrn im Tem­pel“des flo­ren­ti­ni­schen Ma­lers An­ton Do­me­ni­co Gab­bia­ni aus dem 18. Jahr­hun­dert. Pa­laz­zo Fa­bro­ni wird 2017 die noch­mals er­wei­ter­ten Aus­stel­lungs­räu­me sei­ner per­ma­nen­ten Samm­lung ein­wei­hen. Tra­gen­de Säu­len des städ­ti­schen Kul­tur­le­bens, die im Jahr der No­mi­nie­rung ver­mehrt Ak­ti­vi­tä­ten an­bie­ten wer­den, sind die Bi­b­lio­the­ken San Gior­gio und For­te­gu­er­ria­na. Ers­te­re ist nicht nur ei­ne post­in­dus­tri­el­le Kon­struk­ti­on, aus­ge­stat­tet mit zeit­ge­nös­si­schen Kunst­wer­ken wie dem orts­spe­zi­fi­schen „Il gran­de ca­ri­co“von An­selm Kie­fer, son­dern auch ein Mit­tel­punkt der In­no­va­ti­on. For­te­gu­er­ria­na ist ei­ne der äl­tes­ten und re­nom­mier­tes­ten Bi­b­lio­the­ken Ita­li­ens. Sie be­hü­tet ei­nen Schatz aus Ar­chi­ven und Bü­chern von gro­ßem An­se­hen, der et­wa 220.000 Vo­lu­men um­fasst.

BEWUNDERNSWERTE NA­TUR

Die Pro­vinz Pis­toia ist das Herz der Obst­kul­tu­ren Ita­li­ens. Es ent­stand vor 150 Jah­ren in den Gär­ten in­ner­halb der Stadt­mau­ern, um Früch­te zu züch­ten, die die wach­sen­de Nach­fra­ge der Stadt be­frie­di­gen soll­ten. Heu­te ist die Pro­vinz Pis­toia füh­rend in Eu­ro­pa: Es han­delt sich um ein ein­zig­ar­ti­ges Ge­biet, wo man Pflan­zen aus der gan­zen Welt fin­den kann. Die Ak­ti­vi­tä­ten der schmü­cken­den Baum­schu­len kon­zen­trie­ren sich im „Val­le dell’om­bro­ne pis­to­ie­se“und er­stre­cken sich über 5.200 Hekt­ar, 1.500 Be­trie­be und 5.500 di­rek­te An­ge­stell­ten. Pis­toi­as Ti­tel als ita­lie­ni­sche Kul­tur­haupt­stadt ist ei­ne gu­te Ge­le­gen­heit, um die Wich­tig­keit der Pro­duk­ti­on und der Krea­ti­vi­tät der Baum­schu­len von Pis­toia auf­zu­zei­gen. Der Schlüs­sel­mo­ment, um die­se Land­schaft zu er­kun­den, ist vom 11. bis 17. Ju­ni die Ver­an­stal­tung „Die Land­schaft ein­klei­den“(Ve­sti­re il pa­e­sag­gio). In die­ser vier­ten Aus­ga­be wer­den die Grün­flä­chen der Stadt zu ei­nem Ort der Aus­ein­an­der­set­zung und Dis­kus­si­on. Zwei Ta­gen mit Kon­fe­ren­zen schlie­ßen sich zwei wei­te­re an, um die Baum­schu­len di­rekt zu er­le­ben, die die Tü­ren öff­nen und ih­re Ra­ri­tä­ten und Her­stel­lungs­ge­heim­nis­se zei­gen.

Auf dem Pro­gramm ste­hen zu­dem Rund­gän­ge in den Parks, Gär­ten und Klös­tern der Stadt, dann ei­ne „grü­ne Rad­tour“so­wie ei­ne Hommage an den in­ter­na­tio­nal be­kann­ten Kon­tra­bas­sis­ten aus Pis­toia, Fran­co Pe­trac­chi.

Das Ge­biet um Pis­toia hat noch ei­ne an­de­re Ei­gen­schaft: Es wur­de vom Was­ser ge­zeich­net. Die­sem Ele­ment wid­met sich die Ausstellung “Di­seg­ni d’ac­qua. Ac­que e tras­for­ma­zio­ni del ter­ri­to­rio” (Zeich­nun­gen des Was­sers. Ge­wäs­ser und Um­ge­stal­tun­gen des Ter­ri­to­ri­ums) von Ju­ni bis De­zem­ber. Es ist ein Aus­stel­lungs­rund­gang, der mit mul­ti­me­dia­len Mit­teln die wich­tigs­ten Aspek­te der Ver­wand­lung der Land­schaft in den un­ter­schied­li­chen Epo­chen auf­zeigt. Wäh­rend des gan­zen Jah­res 2017 wird die Stadt von Mes­sen und Aus­stel­lun­gen be­lebt, die den An­ti­qui­tä­ten, dem Es­sen und Trin­ken so­wie den lo­ka­len Köst­lich­kei­ten und Er­zeug­nis­sen ge­wid­met sind. Der Ver­an­stal­tungs­ka­len­der um­fasst auch die Kul­tu­revents der Ge­mein­den der Pro­vinz. Au­ßer­halb der drei Stadt­mau­ern bie­tet das Land dem Be­trach­ter ein groß­ar­ti­ges Sze­na­rio: Die Ber­ge des Apen­nins mit sei­nen Ski­sta­tio­nen, das Na­tur­schutz­ge­biet des Ac­que­ri­no oder das as­tro­no­mi­sche Ob­ser­va­to­ri­um von San Mar­cel­lo. Aber auch die We­ge durch die grü­ne Na­tur, zu den Hü­geln von Mon­tal­ba­no und sei­nen ge­schätz­ten Spe­zia­li­tä­ten, bis hin zum au­ßer­or­dent­li­chen Na­tur­re­ser­vat des „Pa­du­le di Fucec­chio“. Schließ­lich die Ther­mal­an­la­gen und Ho­tels von Mon­te­ca­ti­ni und Val­di­nie­vo­le, und zu gu­ter Letzt das „Haus von Pi­noc­chio“in Col­lo­di.

EIN ERLEBNISREICHES JAHR

Auch die Fes­ti­vals bin­den ih­re Pro­gram­me an das The­ma „Kul­tur­haupt­stadt“. Vom 6. bis 9. April fin­det die fünf­te Aus­ga­be von „Leg­ge­re la cit­tà“(Die Stadt le­sen) statt. Es ist ei­ne jähr­li­che Ver­an­stal­tung, die sich klei­nen und mitt­le­ren Städ­ten Eu­ro­pas wid­met, wo sich die be­deu­tends­ten Pro­zes­se der Ge­gen­wart ma­ni­fes­tie­ren. Die Aus­ga­be von 2017 er­öff­net ei­ne Vor­le­sung des An­thro­po­lo­gen Marc Au­gé, die sich dem The­ma „Kul­tur und Ge­mein­schaft“wid­met. Die 33. Aus­ga­be von „Pis­toia Blues“im Ju­ni und Ju­li, ei­nem der äl­tes­ten Mu­sik­fes­ti­vals Ita­li­ens, er­wei­tert im Lau­fe des Jah­res sein An­ge­bot für die Kul­tur­haupt­stadt. Ein gro­ßer Mo­ment wird je­ner am 23. Fe­bru­ar im Thea­ter Man­zo­ni mit der na­tio­na­len Vor­auf­füh­rung des Kon­zer­tes von John Ma­yall sein, ei­nem der Vä­ter des eu­ro­päi­schen Blues. In Er­war­tung der som­mer­li­chen Haupt­ver­an­stal­tung wer­den wei­te­re Events fol­gen, die in fünf gro­ße Li­ni­en auf­ge­teilt sind: Gleich­zei­tig­keit und Ver­wi­schung; die Ver­bin­dung mit der Tra­di­ti­on; Ex­klu­si­vi­tä­ten; die neu­en Ge­ne­ra­tio­nen; die Di­dak­tik.

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