ALS ITA­LI­EN ENT­DECK­TE, DASS ES DIE MA­FIA GIBT. UND MAN SIE BE­KÄMP­FEN KANN

All About Italy (Germany) - - Editorial - Pao­lo Bor­sel­li­no und Gio­van­ni Fal­co­ne Fran­co Del Pan­ta

Seit den At­ten­ta­ten von Ca­pa­ci und der Via d’ame­lio, bei de­nen Gio­van­ni Fal­co­ne und Pao­lo Bor­sel­li­no ihr Le­ben ver­lo­ren ha­ben, sind 25 Jah­re ver­gan­gen. Die bei­den sind zwei Sym­bo­le des Kamp­fes ge­gen die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät, der sich über die Jah­re, auch dank ih­rer Auf­op­fe­rung, zu ei­nem von den Ita­lie­nern an­er­kann­ten An­lie­gen ge­wor­den ist.

„Ita­lie­ner? Piz­za, Man­do­li­ne, Ma­fia!“Die­ser häss­li­che Re­frain wur­de über die Zeit zu ei­nem Hin­ter­grund­ge­räusch, das die Oh­ren der Ita­lie­ner im Aus­land ge­gen ih­ren Wil­len im­mer wie­der an­hö­ren muss­ten. Trotz der Er­fol­ge vie­ler il­lus­trer Lands­män­ner in künst­le­ri­schen, wis­sen­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ge­bie­ten, ha­ben die­se Miss­tö­ne aus un­ver­gäng­li­chen Vor­ur­tei­len das An­se­hen ei­ner gan­zen Na­ti­on in der Welt wie ein ge­frä­ßi­ger und bös­ar­ti­ger Pa­ra­sit be­ein­flusst. Vor al­lem der letz­te Teil: „Ita­lie­ner gleich Ma­fio­si!“Lan­ge war die Re­ak­ti­on auf die­ses Vor­ur­teil völ­li­ges Leug­nen: Nein, die Ma­fia gibt es nicht, die Ma­fia ist nur ei­ne Über­trei­bung, ei­ne Ge­schich­te, die vom Ki­no auf­ge­bauscht wird, ein Phan­tom­bild, ein Schre­ckens­bild, es ge­be sie nur in Mär­chen, die je­ne er­zäh­len, die auf die Ita­lie­ner ei­fer­süch­tig sind. Es stimmt, dass sich das Phä­no­men Ma­fia oft hin­ter ei­ner ro­man­haf­ten Fas­sa­de ver­ber­gen konn­te. Der Hang zur My­s­ti­fi­zie­rung mal­te de­ren Mit­glie­der manch­mal in viel zu schö­nen Far­ben, als Ver­tei­di­ger der Schwächs­ten, als Ver­tre­ter des Vol­kes, um die Ab­we­sen­heit des Staa­tes zu kom­pen­sie­ren. Der ho­he Preis aus ge­ziel­ten Über­grif­fen und Ge­walt wur­de da­bei nie er­wähnt. Für ei­ne sehr lan­ge Zeit, die heu­te wie ein tie­fer Schlaf des Ge­wis­sens er­scheint, durf­te man in Ita­li­en von der Ma­fia nicht ein­mal spre­chen, so­mit konn­te man sie auch nicht an­er­ken­nen. Die we­ni­gen De­tails ih­rer Exis­tenz, die fast heim­lich ans Ta­ges­licht ka­men, wa­ren für die Mehr­heit der Öf­fent­lich­keit un­ver­ständ­lich, sie wa­ren Fremd­kör­per, die oh­ne jeg­li­che Über­le­gung ab­ge­lehnt und ver­sto­ßen wer­den muss­te. An ei­nem ge­wis­sen Punkt hat sich aber ein tie­fer Spalt in die­sem Schwei­gen auf­ge­tan. Nach den Sech­zi­ger- und Sieb­zi­ger­jah­ren hat sich ei­ne schwa­che Stim­me ge­gen die Ma­fia zu er­he­ben be­gon­nen. Noch war es der Kampf ei­ner Min­der­heit, zün­de­te aber ein klei­nes Leucht­feu­er im Dun­kel des Un­mög­li­chen, des Ver­schwei­gens, des Dul­dens an. Aus je­ner Zeit stammt denn auch der Vor­schlag, die Be­sitz­tü­mer der Ma­fia zu ent­eig­nen. Dies wur­de in ei­nem „Si­zi­lia­ni­schen Ma­ni­fest“vor­ge­schla­gen. Er wur­de aber erst 1982 nach dem Mord an Ge­ne­ral Al­ber­to Dal­la Chie­sa im neu­en An­ti­ma­fia-ge­setz auf­ge­nom­men. Es war ein ers­ter Schritt auf dem Weg in Rich­tung Be­wusst­sein, dass es die Ma­fia gibt, sie aber nicht un­be­sieg­bar ist und an­ge­gan­gen, be­kämpft und be­siegt wer­den kann. Der Kampf wird äu­ßerst hart und ge­fähr­lich sein, das wuss­te auch Gi­u­sep­pe Im­pas­ta­to sehr ge­nau. Der Sohn und En­kel von Ma­fio­si wur­de am 9. Mai 1978 we­gen sei­ner mu­ti­gen Aus­sa­gen er­mor­det. Er wur­de zum Op­fer ei­ner zu­neh­men­den Iso­lie­rung, zu der ihn sei­ne ei­ge­nen Ta­ten ver­damm­ten, wie der Mo­bi­li­sie­rung von Stu­den­ten, Bau­ern und Ar­bei­tern der Re­gi­on Ci­ni­si, ei­nem Dreh­kreuz des in­ter­na­tio­na­len Dro­gen­han­dels un­ter der Kon­trol­le von Gae­ta­no Ba­da­l­a­men­ti.

Im Jah­re 1977 ent­steht das si­zi­lia­ni­sche Do­ku­men­ta­ti­ons­zen­trum, das 1980 eben je­nem Im­pas­ta­to ge­wid­met wird, we­gen der Kraft und der Kom­ple­xi­tät sei­nes Ein­grei­fens und der Ein­zig­ar­tig­keit sei­nes mensch­li­chen An­lie­gens. Er war der ein­zi­ge Ge­fal­le­ne der An­ti­ma­fia­be­we­gung, der selbst aus ei­ner Ma­fia­f­a­mi­lie

stamm­te. Die­ser ima­gi­nä­re Schlei­er ist nun zer­ris­sen, doch die Ris­se sind of­fe­ne Wun­den, aus de­nen Blut strömt. An­fang der Acht­zi­ger­jah­re for­der­te ei­ne ein­drucks­vol­le Se­rie von An­schlä­gen hoch­ran­gi­ge Op­fer wie den schon er­wähn­ten Ge­ne­ral Dal­la Chie­sa, den Prä­si­den­ten der Re­gi­on Si­zi­li­en San­ti Mat­ta­rel­la oder den si­zi­lia­ni­schen Re­gio­nal­se­kre­tär der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Ita­li­ens, Pio La Tor­re. Die Lis­te der Mär­ty­rer wur­de täg­lich län­ger. Doch Co­sa Nos­tra irr­te sich ge­wal­tig, wenn sie dach­te, ih­re Fein­de zum Schwei­gen brin­gen und je­nes blei­er­ne Schwei­gen wie­der­her­stel­len zu kön­nen, das sie ge­wohnt war. Denn je­ne un­schul­di­gen Op­fer wur­den zu strah­len­den Zeu­gen, sie wur­den zum Sprach­rohr ei­ner Re­ak­ti­on, ei­ner Auf­ga­be, ei­ner Hin­ga­be zur Le­ga­li­tät, die man nicht nur auf das ge­fü­gi­ge Ak­zep­tie­ren des Ist-zu­stan­des zu­rück­füh­ren kann. Es wer­den im­mer mehr De­mons­tra­tio­nen or­ga­ni­siert, an de­nen tau­sen­de Leu­te teil­neh­men. Es bil­den sich Zen­tren und Ver­bän­de, wir er­in­nern an die „As­so­cia­zio­ne del­le don­ne si­ci­lia­ne per la lot­ta con­tro la ma­fia“(Ver­ei­ni­gung der si­zi­lia­ni­schen Frau­en für den Kampf ge­gen die Ma­fia), die auf Vor­schlag des „Cen­tro Im­pas­ta­to“die ers­te An­ti­ma­fia­ko­or­di­nie­rung ins Le­ben ruft, die ei­ne ein­heit­li­che Ar­beit auf­neh­men soll­te. Na­tür­lich ist der Weg im Kampf ge­gen die Ma­fia kein ge­sund­heits­för­dern­der Spa­zier­gang, und er wird es nie sein. Die Zwi­schen­fäl­le un­ter­wegs sind zahl­reich, wie auch die Hin­der­nis­se. Auch nach der Er­mor­dung von Li­be­ro Gras­si in Pa­ler­mo, der sich of­fen ge­gen Er­pres­ser zur Wehr setz­te, ge­lingt es nicht, ei­ne Ver­ei­ni­gung von Un­ter­neh­mern und Händ­lern zu grün­den, die sich der Ma­fia wi­der­set­zen.

„Die Ma­fia ist über­haupt nicht un­be­sieg­bar. Sie ist ei­ne mensch­li­che Tat­sa­che, und wie al­le mensch­li­chen Tat­sa­chen hat sie ei­nen An­fang und ein En­de. Man muss sich viel mehr be­wusst wer­den, dass sie ein schreck­lich erns­tes und sehr gra­vie­ren­des Phä­no­men ist. Man kann sie nicht be­sie­gen, wenn man von wehr­lo­sen Bür­gern Hel­den­ta­ten ver­langt, son­dern wenn man in die­ser Schlacht die al­ler­bes­ten Kräf­te der In­sti­tu­tio­nen ein­setzt.“ Gio­van­ni Fal­co­ne

1980 wur­de der so­ge­nann­te An­ti­ma­fia-pool ge­schaf­fen, der Co­sa Nos­tra end­lich ei­ne Rei­he von Nie­der­la­gen, Me­ga-pro­zes­sen und vor al­lem har­te Ver­ur­tei­lun­gen be­schert, die das Macht­ge­fü­ge der kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­ti­on un­ter­gra­ben und auf lan­ge Sicht zum En­de des Ter­ror­re­gimes rück­sichts­lo­ser Bos­se wie To­tò Ri­i­na und Ber­nar­do Pro­venz­a­no füh­ren. Der An­ti­ma­fia-pool und der Me­ga­pro­zess stel­len in die­ser Schlacht ei­nen Wen­de­punkt dar und sind das meis­ter­li­che Re­sul­tat des Rich­ters Gio­van­ni Fal­co­ne. Ge­mein­sam mit dem Rich­ter Pao­lo Bor­sel­li­no ver­fass­te er in glü­hen­den Buch­sta­ben das Vor- und das Nach­her des Kamp­fes. Bei­de 1939 bzw. 1940 in Pa­ler­mo ge­bo­ren, stam­men aus dem Kal­sa-vier­tel in Pa­ler­mo. Als Kin­der spiel­ten sie zu­sam­men Fuß­ball, und un­ter ih­ren Ka­me­ra­den wa­ren wahr­schein­lich auch ei­ni­ge Jun­gen, die spä­ter zu Eh­ren­män­nern an der Spit­ze der Ma­fia wur­den.

„Wenn die Ju­gend ihr die Un­ter­stüt­zung ver­wei­gert, wird auch die all­mäch­ti­ge und ge­heim­nis­vol­le Ma­fia ver­schwin­den, so wie ein Alp­traum.“

Beim Me­ga­pro­zess von Pa­ler­mo, der am 10. Fe­bru­ar 1986 er­öff­net und am 30. Ja­nu­ar 1992 mit dem Ur­teil des Kas­sa­ti­ons­ge­richts­hofs in drit­ter In­stanz be­en­det wur­de, sa­ßen 475 Per­so­nen auf der An­kla­ge­bank. Er schließt in ers­ter In­stanz mit 19 mal Le­bens­läng­lich so­wie wei­te­ren Haft­stra­fen, ins­ge­samt 2665 Jah­re Ge­fäng­nis. Prak­tisch al­le Ur­tei­le wur­den vom Kas­sa­ti­ons­ge­richt be­stä­tigt. An der Ur­teils­ver­kün­dung konn­ten lei­der we­der Fal­co­ne noch Bor­sel­li­no teil­neh­men. Fal­co­ne kam am 23. Mai 1992 zu­sam­men mit sei­ner Frau Fran­ce­sa Mor­vil­lo und den drei Leib­wäch­tern, An­to­nio Mon­ti­na­ro, Roc­co Di Cil­lo e Vi­to Schi­fa­ni, auf der Au­to­bahn A29 in der Nä­he von Ca­pa­ci in

Pao­lo Bor­sel­li­no

Rich­tung Pa­ler­mo bei ei­ner Ex­plo­si­on von 500 kg TNT ums Le­ben. Sie wur­de von Ri­i­na be­foh­len. Bor­sel­li­no wur­de zu­sam­men mit den fünf Leib­wäch­tern Ema­nue­la Loi, Ago­s­ti­no Ca­ta­la­no, Vin­cen­zo Li Mu­li, Wal­ter Ed­die Co­si­na und Clau­dio Trai­na bei ei­ner Bom­ben­ex­plo­si­on zer­fetzt, die in der Via d’ame­lio in ei­nem Fi­at 126 un­ter­halb der Woh­nung sei­ner Mut­ter ver­steckt war. Um zwei Grö­ßen wie die­se bei­den si­zi­lia­ni­schen Rich­ter zu stop­pen, konn­te die Ma­fia nicht an­ders als auf ih­re ge­meins­ten Mit­tel zu­rück­zu­grei­fen. Doch je­ne At­ten­ta­te hat­ten den Ef­fekt, die öf­fent­li­che Mei­nung des Lan­des zu be­stär­ken: Die Ent­rüs­tung nahm zu, und die Teil­nah­men an De­mons­tra­tio­nen für die Ver­tei­di­gung der Le­ga­li­tät er­reich­ten Spit­zen­wer­te. Nach dem Er­lass des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums vom Ok­to­ber 1993 über die Er­zie­hung zur Le­ga­li­tät wer­den in den Schu­len auf na­tio­na­ler Ebe­ne Initia­ti­ven ins Le­ben ge­ru­fen. Die An­ti­kor­rup­ti­ons­be­we­gung wei­tet sich auch in an­de­ren Re­gio­nen Sü­dita­li­ens aus. 1995 wird auf An­re­gung von Pfar­rer Lu­i­gi Ciot­ti „Li­be­ra“ge­grün­det. Die­se Ver­ei­ni­gung wid­met sich dem Kampf ge­gen das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen und ver­zeich­net schon bald hun­der­te Teil­neh­mer. Zu ih­ren wich­tigs­ten Initia­ti­ven ge­hört die Samm­lung von ei­ner Mil­li­on Un­ter­schrif­ten für ein Ge­setz über die Kon­fis­zie­rung der Be­sitz­tü­mer der Ma­fia. Die­ses Ge­setz („Leg­ge 109“) wur­de im Ja­nu­ar 1996 ver­ab­schie­det, es ver­ein­facht die Pro­ze­du­ren für die Be­schlag­nah­mung der Gü­ter und sieht ei­ne Wei­ter­nut­zung durch Ko­ope­ra­ti­ven und Frei­wil­li­gen-or­ga­ni­sa­tio­nen vor. Dank des Mu­tes und der Auf­op­fe­rung von Leu­ten wie Pep­pi­no Im­pas­ta­to, dem Ge­ne­ral Dal­la Chie­sa, den Rich­tern Fal­co­ne und Bor­sel­li­no und hun­der­ten an­de­ren mu­ti­gen Ver­tre­tern der Jus­tiz wie Don Pi­no Pug­li­si, Mau­ro Ros­ta­g­no oder Pip­po Fa­va, hat sich et­was ge­än­dert. Die Ma­fia ist heu­te ein nack­tes Mon­strum, die Ita­lie­ner sind heu­te zu ei­nem ver­ant­wor­tungs­vol­len Volk ge­wor­den, das sich Tag für Tag mit sei­nen Geis­tern aus­ein­an­der­zu­set­zen ver­sucht, oh­ne die Au­gen zu ver­schlie­ßen, oh­ne Angst zu ha­ben.

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