AN­EK­DO­TEN UND GE­SCHICH­TEN AUS DEM QUIRINALSPALAST

All About Italy (Germany) - - Editorial - Ma­ria Cris­ti­na Ba­go­lan

Wir prä­sen­tie­ren die ers­te Fol­ge, die sich mit die­sem sym­bo­li­schen Ort der ita­lie­ni­schen Ge­schich­te be­schäf­tigt, der trotz sei­nes fei­er­li­chen Aus­se­hens zahl­rei­che An­ek­do­ten über die Fi­gu­ren kennt, die durch sei­ne Kor­ri­do­re ge­gan­gen sind.

Es war an ei­nem kal­ten und be­son­ders düs­te­ren Tag En­de De­zem­ber 1870, als Kö­nig Vit­to­rio Ema­nue­le II ei­nes Mor­gens früh um vier Uhr am Quirinalspalast an­kam. Wenn es auch sehr früh am Tag war, er­war­te­ten ihn die Bür­ger Roms ent­lang sei­nes Wegs vom Bahn­hof Ter­mi­ni zum Quirinalspalast. Der Mon­arch er­wi­der­te die Zu­nei­gungs­be­kun­dun­gen, in­dem er in ei­ner of­fe­nen Ka­ros­se fuhr. Ge­mäß der of­fi­zi­el­len kö­nig­li­chen Chronik soll der Kö­nig, nach sei­ner lan­gen Zug­rei­se in der we­gen des Ti­ber-hoch­was­sers voll­stän­dig un­ter Was­ser ste­hen­den Stadt Rom an­ge­kom­men, aus der Kut­sche aus­ge­stie­gen sein und fei­er­lich ver­kün­det ha­ben: „Hier sind wir und hier wer­den wir blei­ben!“Es sind die sel­ben Wor­te, die schon Fu­rio Ca­mil­lo wäh­rend des „Sac­co di Ro­ma“, der In­va­si­on der Gal­li­er 390 v. Chr., aus­rief. Die Wahr­heit ist aber, dass der Kö­nig von der Rei­se völ­lig er­schöpft und vom Re­gen kom­plett durch­nässt war. Der wah­re Aus­ruf war näm­lich „ai­fin i su­ma!“, Pie­mon­te­sisch für „End­lich sind wir an­ge­kom­men“, Zeug­nis der nicht wirk­lich gro­ßen Lie­be des ita­lie­ni­schen Mon­ar­chen für den rö­mi­schen Sitz des Rei­ches. Er war von eher in­tro­ver­tier­tem Cha­rak­ter und ziem­lich all­er­gisch ge­gen mon­dä­nes Ver­gnü­gen. Nach ei­ner kur­zen Ru­he­pau­se und dem Be­such der am meis­ten be­trof­fe­nen Vier­tel der Stadt, reis­te der Kö­nig noch am sel­ben Abend nach Flo­renz und ließ sich in Rom bis am 2. Ju­li 1871 nicht mehr bli­cken. „Am pi­as nen, a l’è na ca’ d’prei­ve” (er ge­fällt mir nicht, er ist ein Hort von Pries­tern) soll er an­geb­lich über den Quirinalspalast ge­sagt ha­ben. Da das Geld für den Neu­bau ei­nes Sa­voy­er Kö­nigs­pa­last aber fehl­te, muss­te er sich da­mit ab­fin­den, im Pa­last zu woh­nen. Er wähl­te al­ler­dings ei­ne Blei­be im Erd­ge­schoss mit Gar­ten­an­schluss und in ei­ner ab­ge­schie­de­nen La­ge, um oft aus je­nem Rom „flie­hen“zu kön­nen, das ihn an­wi­der­te. Sei­ne Woh­nung kann man heu­te be­sich­ti­gen, sie ist teil­wei­se noch mit Ori­gi­nal­mö­beln aus­ge­stat­tet.

Dank der Auf­lis­tung der Gü­ter, die nach sei­nem Tod mit 58 Jah­ren am 9. Ja­nu­ar 1878 vor­ge­nom­men wur­de, wis­sen wir, dass Vit­to­rio Ema­nue­le II Mo­schus-par­füms lieb­te, Feuille­ton­ro­ma­ne las, sport­li­che Klei­dung be­vor­zug­te und Maß­neh­men für Klei­der hass­te. Und er war auch ein gro­ßer Lieb­ha­ber. Sei­ne schüch­ter­ne Part­ne­rin, Adel­heid Ma­rie von Ös­ter­reich, starb mit nur 32 Jah­ren, nach acht Schwan­ger­schaf­ten. Doch der Kö­nig hat­te auch ei­ne Be­zie­hung mit Ro­sa Ver­cel­la­na, „la bel­la Ro­si­na“ge­nannt, sei­ne Be­glei­te­rin wäh­rend des gan­zen Le­bens, mit der er zwei Söh­ne hat­te. Aber er hin­ter­ließ wäh­rend an­de­ren nächt­li­chen Aus­flü­gen wei­te­re „Früch­te sei­ner glü­hen­den Lei­den­schaft“. Da sie nicht an­er­kannt wer­den konn­ten, ließ er ih­nen aber stän­dig Auf­merk­sam­keit zu­teil wer­den. Wie man sieht, zeig­te er sich als wah­rer „Va­ter ...sei­nes Lan­des!“Trotz die­ser Es­ka­pa­den war sein Ver­hält­nis zu Papst Pi­us IX ziem­lich gut. Der Papst war Pa­te der Toch­ter Ma­ria Pia. Er schrieb dem Kö­nig oft, und zahl­reich wa­ren auch die Be­su­che des kö­nig­li­chen Se­kre­tärs Na­ta­le Ag­her­no, ei­nem ver­trau­ens­wür­di­gen und von der „bel­la Ro­si­na“emp­foh­le­nen Ver­wand­ten, beim Se­kre­tär des Paps­tes, Kar­di­nal An­to­nel­li. Oft­mals konn­te Pi­us IX vie­le Pro­ble­me lö­sen, weil sich der Kö­nig da­für ein­setz­te. In je­nem De­zem­ber 1870 muss­te das In­ne­re des Pa­las­tes je­doch ei­ne gro­ße Ent­täu­schung ge­we­sen sein, als Vit­to­rio Ema­nue­le II an­kam: Von Papst Pi­us IX nach dem Ein­marsch im Sep­tem­ber durch die Bre­sche bei der „Por­ta Pia“ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ver­las­sen, war er fast voll­stän­dig leer­ge­räumt, es gab nur noch ei­ni­ge Sitz­tru­hen mit dem Papst­wap­pen und et­was Haus­rat. Der Quirinalspalast ist nicht nur ein Schatz an Schön­hei­ten und ein his­to­ri­sches Zeug­nis oh­ne Sei­nes­glei­chen, von der rö­mi­schen Archäo­lo­gie bis zur heu­ti­gen Re­si­denz des Staats­prä­si­den­ten, son­dern hat im Lau­fe der Jahr­hun­der­te un­zäh­li­ge Ge­schichts­an­läs­se be­her­bergt. Dies führ­te zu zahl­rei­chen Zeug­nis­sen von Künst­lern, aber auch zu ei­ner Rei­he un­ter­halt­sa­mer An­ek­do­ten, die da­zu bei­tra­gen, den fei­er­li­chen Ein­druck, den der Pa­last noch heu­te bei sei­nen Be­su­chern hin­ter­lässt, et­was auf­zu­lo­ckern.

DER „CORTILE D’ONORE“

Der „Qui­ri­na­le“er­hebt sich an Roms höchst­ge­le­ge­nem Punkt. An die­sem Ort wur­den we­gen der er­höh­ten La­ge und der be­son­de­ren Rein­heit der Luft seit frü­hes­ter Zeit ele­gan­te Re­si­den­zen so­wie öf­fent­li­che und re­li­giö­se Bau­ten er­rich­tet. Wir wis­sen, dass in die­sem Ge­biet im 4. Jahr­hun­dert vor Chris­tus der Tem­pel des Got­tes Qui­ri­no, der dem Hü­gel sei­nen Na­men gab, und der Tem­pel der Göt­tin Sa­lus ge­baut wur­den, in dem Fei­ern ab­ge­hal­ten wur­den, um das Wohl­er­ge­hen des Staa­tes zu er­bit­ten. Hier be­fan­den sich auch die Ther­men des Costan­ti­no und der Tem­pel von Se­ra­pis, er­baut von Kai­ser Ca­ra­cal­la 217 n. Chr. Von die­sem alt­rö­mi­schen Tem­pel stam­men denn auch die bei­den rie­si­gen Skulp­tu­ren der Di­o­sku­ren, die man heu­te auf dem Platz vor dem Pa­last se­hen kann. Da sie sich schon seit der An­ti­ke an die­sem Ort be­fin­den, ga­ben sie dem Hü­gel den Na­men „Pfer­de-berg“. Die bei­den Fi­gu­ren, wel­che stamp­fen­de Pfer­de an den Zü­geln hal­ten, sind Kas­tor und Pol­lux, zwei Fi­gu­ren der grie­chi­schen und rö­mi­schen My­tho­lo­gie, Zwil­lings­söh­ne von Zeus und Le­da. Ih­re heu­ti­ge Po­si­ti­on ver­dan­ken sie Papst Pi­us VI, der die Sta­tu­en 1786 seit­lich des Obe­lis­ken an­brin­gen ließ, wäh­rend Pi­us VII dann das ori­gi­na­le Was­ser­be­cken durch ei­nes aus Gra­nit aus dem Fo­rum Ro­ma­num er­set­zen ließ.

Einst über­rag­te der Qui­ri­nal-hü­gel al­les, er war der Hü­gel Roms schlecht­hin und hat­te ei­ne gro­ße stra­te­gi­sche Be­deu­tung, da­her war er seit frü­hes­ten Zei­ten ei­ne Fe­s­tung und wur­de spä­ter in den Mau­er­gür­tel um die Stadt, der „Ser­via­na“ge­nannt wird, ein­ge­fügt (4. Jahr­hun­dert v. Chr.). Die Haupt­stra­ße (heu­te Via del Qui­ri­na­le und Via XX. Set­tem­bre) führ­te ge­nau auf dem höchs­ten Punkt in Rich­tung Os­ten in die Re­gi­on Sa­bi­na. Im Lau­fe der Zeit wur­de das Ge­biet, wie schon ge­sagt reich an Tem­peln und Ther­men, zu ei­nem herr­schaft­li­chen Wohn­ge­biet, mit vie­len be­rühm­ten An­we­sen (von Pom­po­ni­us At­ti­cus, ei­nem Freund Ci­ce­ros, der Gens Fla­via, der Clau­dier oder dem Dich­ter Mar­ti­al).

Im Mit­tel­al­ter wur­de er mit Kir­chen, klei­nen Adels­pa­läs­ten und Tür­men be­sie­delt, wäh­rend die an­ti­ken Bau­wer­ke zu Rui­nen wur­den und de­ren Mar­mor für den Bau neu­er Kon­struk­tio­nen ver­wen­det wur­de.

Mit dem Be­ginn des 16. Jahr­hun­derts ent­stan­den ent­lang des Plat­zes und der Stra­ße des Qui­ri­na­le Pa­läs­te und Vil­len von Ad­li­gen und re­li­giö­sen Wür­den­trä­gern wie dem Kar­di­nal Oli­vie­ro Ca­ra­fa, der ei­ne Vil­la mit ei­nem schö­nen Wein­berg be­saß, der ers­te Kern­punkt des Pa­las­tes. 1550 wur­de Ca­ra­f­as Vil­la vom Kar­di­nal Ip­po­li­to d’es­te ge­mie­tet, der auch Be­sit­zer der Vil­la d’es­te in Ti­vo­li war. Er ge­stal­te­te den Wein­berg zu ei­nem raf­fi­nie­ren Gar­ten mit Fon­tä­nen, Was­ser­spie­len und an­ti­ken Sta­tu­en um.

Die Schön­heit die­ses Gar­tens be­ein­druck­te be­son­ders Papst Gregor XIII (1572-85), der die klei­ne Vil­la auf ei­ge­ne Kos­ten aus­bau­te und den Ar­chi­tek­ten Ot­ta­via­no Mas­ca­ri­no da­mit be­auf­trag­te. Die­ser rea­li­sier­te zwi­schen 1583 und 1585 ei­ne ele­gan­te Vil­la mit ei­ner Fas­sa­de mit Säu­len­gang und Vor­hal­le, die im In­nern ei­ne wun­der­vol­le el­lip­ti­sche Säu­len­trep­pe ver­band. Er plan­te auch den so­ge­nann­ten „Tor­ri­no“, den Aus­sichts­punkt, der den klei­nen Pa­last krön­te. Die ers­te Vil­la ent­stand al­so aus ei­nem Be­dürf­nis der See­le, „aus ei­nem Wunsch nach Er­fri­schung, dem Ge­nuss, in ein Meer aus Pflan­zen und Wohl­ge­fal­len ein­zu­tau­chen, an ei­nem Ort, wo es mög­lich war, die gan­ze Stadt und ih­re „Ein­fas­sung“zu do­mi­nie­ren, nicht nur mit dem Blick.“

Der Pe­ters­dom liegt tat­säch­lich auf Hö­he des Ti­bers, in ei­nem Vier­tel, das „Pra­ti di Ca­s­tel­lo“ge­nannt wur­de (Weiden des Schlos­ses, von der En­gels­burg – Cas­tel Sant’an­ge­lo – her­rüh­rend). Es gab dem heu­ti­gen Vier­tel „Pra­ti“den Na­men, und be­fand sich da­mals in ei­nem sump­fi­gen, krank­ma­chen­den Ge­biet, in­dem oft Mala­ria herrsch­te. Aus die­sem Grun­de zo­gen vie­le Päps­te, vor al­lem im Som­mer, ger­ne an tro­cke­ne­re Or­te. Und Gregor XIII war sehr vor­aus­bli­ckend. Doch war es sein Nach­fol­ger, Papst Six­tus V Pe­ret­ti (1585-90), der von den Er­ben des Kar­di­nals Ca­ra­fa die Vil­la auf dem „Mon­te Ca­val­lo“er­warb, um dar­aus den end­gül­ti­gen Som­mer­sitz des Paps­tes zu ma­chen. Weil sie aber zu klein war, um den gan­zen Papst­hof auf­zu­neh­men, be­auf­trag­te er den Ar­chi­tek­ten Do­me­ni­co Fon­ta­na mit ei­ner wei­te­ren Ver­grö­ße­rung des Ge­bäu­des. Ein lan­ger Flü­gel hin zum Platz und ein zwei­ter Pa­last auf der Via del Qui­ri­na­le form­ten ei­nen ge­räu­mi­gen In­nen­hof. Six­tus V. ließ auch den Platz au­ßen her­rich­ten. Er ver­an­lass­te die Re­stau­ra­ti­on der St­ein­skulp­tu­ren der Di­o­sku­ren, die mit dem Hin­zu­fü­gen ei­nes ers­ten Brun­nens ver­voll­stän­digt wur­de. Da aber in der päpst­li­chen Staats­kas­se kein Geld war, ver­füg­te der Papst aus der Re­gi­on Mar­ken schwe­re Stra­fen bis hin zu To­des­ur­tei­len für Steu­er­hin­ter­zie­her. Er be­rief vie­le sei­ner Lands­leu­te nach Rom, die zu Geld­ein­trei­bern wur­den. Sie wa­ren so ge­wis­sen­haft bei ih­rer Ar­beit, dass in Rom der Be­griff „Mar­chi­gia­no“schon bald den­je­ni­gen des „Zöll­ners“er­setz­te. Da­her rührt auch das Sprich­wort: „Lie­ber ei­nen To­ten im Haus, als ei­nen Mar­chi­gia­no an der Tür.“Six­tus V. Starb im Quirinalspalast. Der Pa­las­tum­bau wur­de von sei­nen Nach­fol­gern zu En­de ge­führt. Be­son­ders be­deut­sam war die In­ter­ven­ti­on von Kle­mens VIII (1592-1605). Er op­ti­mier­te den Gar­ten merk­lich und ließ u.a. den mo­nu­men­ta­len Brun­nen „dell’or­ga­no“bau­en, mit Mo­sai­ken, Stucka­tu­ren, Sta­tu­en und an­ge­regt vom Klang ei­ner Was­ser­or­gel.

DER BRUN­NEN „DELL’OR­GA­NO“

Die Ar­chi­tek­tur des Pa­las­tes, wie wir ihn heu­te se­hen, wur­de im Lau­fe des Pon­ti­fi­kats von Paul V Bor­ghe­se (1605-21) zu En­de ge­führt. Der Ar­chi­tekt Fla­mi­nio Pon­zio be­fass­te sich mit dem Bau des Flü­gels zum Gar­ten hin, der u.a. die Eh­ren­trep­pe, den gro­ßen Kon­sis­to­ri­en-saal (heu­te Fest­saal), und die klei­ne Ka­pel­le der An­nun­zi­ata ent­hält, die von Gui­do Re­ni und ei­ni­gen Mit­ar­bei­tern mit Fres­ken ver­ziert wur­de. Nach Pon­zio’s Tod 1613 folg­te der Ar­chi­tekt Car­lo Ma­der­no. Er zeich­net für den gan­zen Flü­gel auf der Via del Qui­ri­na­le ver­ant­wort­lich. Ma­der­no er­rich­te­te in die­sem Teil des Pa­las­tes ei­ni­ge wich­ti­ge Rä­um­lich­kei­ten wie den „Re­gia“saal (heu­te Saal der Küras­sie­re), die pau­li­ni­sche Ka­pel­le und die päpst­li­chen Ge­mä­cher. Paul V woll­te für die­se Räu­me ei­ne wür­di­ge De­ko­ra­ti­on und en­ga­gier­te ei­ne Mann­schaft der bes­ten Ma­ler und Stucka­teu­re Roms. Er er­reich­te ein sehr ho­hes künst­le­ri­sches Ni­veau, z.b. bei den Fres­ken des Re­gia-saals oder den Stucka­tu­ren der Vor­der­sei­te der Pau­li­ni­schen Ka­pel­le.

“Fon­ta­na dei Di­o­s­cu­ri”, Qui­ri­nals­platz in Rom

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