EI­NE LEI­DEN­SCHAFT ÜBER TAU­SEND MEI­LEN

All About Italy (Germany) - - Editorial - Eli­sa­bet­ta Pas­ca

Die Be­geis­te­rung für die­ses his­to­ri­sche Au­to­ren­nen ist über die Jah­re nicht ver­blasst. Die „Mil­le Miglia“(Tau­send Mei­len) bringt auf der klas­si­schen Stre­cke Rom-bre­scia, hin und zu­rück, die ein­zig­ar­ti­ge Ele­ganz der bes­ten Old­ti­mer auf die ita­lie­ni­schen Stra­ßen.

Ra­sen, ra­sen, bis man das an­mu­ti­ge und leich­te Ge­fühl ver­spürt, sich vom be­hin­dern­den Mo­rast des All­tags zu lö­sen und wie auf ei­nem kraft­vol­len Flug aus völ­li­ger und be­rau­schen­der Frei­heit zu schwe­ben. Im Her­zen des Man­nes hat der Kick der Ge­schwin­dig­keit sei­nen pri­vi­le­gier­ten Platz und be­setzt sei­ne Vor­stel­lung mit dem Ge­fühl, dem Le­ben je­nen Schwung aus wa­ge­mu­ti­gem Hel­den­tum zu ver­lei­hen, der dar­auf ab­zielt, den all zu grau­en Nuan­cen des All­tags und der Nor­ma­li­tät Far­be zu ge­ben. In den ers­ten Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts wird die­ses Be­dürf­nis so stark, dass es ei­ne Kunst­be­we­gung her­vor bringt, den Fu­tu­ris­mus, der sich ge­nau durch die­ses Be­to­nen von Be­we­gung und Ge­schwin­dig­keit aus­zeich­net.

Er ze­le­briert das Au­to­mo­bil als höchs­ten und wich­tigs­ten Aus­druck der Span­nung in Rich­tung Fort­schritt.

Wäh­rend der röh­ren­den Zwan­zi­gern war die all­ge­mei­ne Stim­mung für neue Ide­en und neue Ri­tua­le be­reit. In je­nen Jah­ren wur­de in den Woh­nun­gen auch das elek­tri­sche Licht ein­ge­führt, die ers­ten Haus­halts­ge­rä­te tauch­ten auf, 1924 wur­de der ita­lie­ni­sche Rund­funk­dienst er­öff­net, und die Fas­zi­na­ti­on für Au­tos be­gann ih­re le­gen­dä­re Trag­wei­te zu er­rich­ten. Ein Fi­at 508 kos­te­te da­mals 10.800 Li­re, bei ei­nem durch­schnitt­li­chen Mo­nats­lohn von le­dig­lich 35 Li­re, aber es wa­ren Au­to­mo­bil-wett­be­wer­be, die auf je­den Fall au­ßer­or­dent­li­che Wo­gen von En­thu­si­as­mus und Neu­gier her­vor­rie­fen. Im fer­nen De­zem­ber 1926 be­schloss der Con­te Ay­mo Mag­gi di Gra­del­la, ein am­bi­tio­nier­ter Ver­tre­ter der da­ma­li­gen Aris­to­kra­tie mit ei­ner bren­nen­den Lei­den­schaft für Ge­schwin­dig­keit, zu­sam­men mit Ren­zo Cas­ta­gne­to, dem Vi­ze­se­kre­tär des AC Bre­scia, Gio­van­ni Ca­ne­stri­ni, Jour­na­list bei der „Gaz­zet­ta del­lo Sport“und wich­ti­ger Au­to­ex­per­te, so­wie Fran­co Maz­z­ot­ti, Sohn ei­nes rei­chen Un­ter­neh­mers und Prä­si­dent des Au­to­mo­bil­clubs von Bre­scia, ein nie da­ge­we­se­nes Au­to­ren­nen zu or­ga­ni­sie­ren. Es soll­te die von der öf­fent­li­chen Mei­nung ge­teil­te Auf­merk­sam­keit für Au­tos auf­neh­men, um ei­ne Re­ak­ti­on und ei­ne Be­tei­li­gung auch der Au­to­bau­er zu er­zie­len. Mag­gi, Cas­ta­gne­to, Ca­ne­stri­ni und Maz­z­ot­ti sind die vier Hel­den, die „vier Mus­ke­tie­re“, die die­sen Wett­be­werb er­mög­lich­ten, der zum „schöns­ten Ren­nen der Welt“wer­den soll­te, wie es En­zo Fer­ra­ri glück­lich be­zeich­ne­te. Es star­tet in der Stadt Bre­scia, mit der die vier we­gen der Her­kunft und ge­fühls­mä­ßig ver­bun­den sind, führt dann hin­un­ter bis Rom, „Ca­put Mun­di“und sym­bol­träch­ti­ger Ort schlecht­hin, und dann auf ei­ner Stre­cke von ins­ge­samt

Die „Mil­le Miglia“ist ei­ne der welt­weit er­folg­reichs­ten Mar­ken, die man in ei­nen Le­bens­stil ab­lei­ten kann, die Ten­denz, das Er­be des Ren­nens mit ei­nem un­ter­halt­sa­men, an­spruchs­vol­len, um­fas­sen­den und mo­der­nen Le­bens­stil ver­bin­den zu kön­nen.

1.600 Ki­lo­me­tern wie­der zu­rück: Mei­ne Da­men und Her­ren, die „Mil­le Miglia“ist er­öff­net, öff­nen Sie ihr Herz für die Fas­zi­na­ti­on für brum­men­de Mo­to­ren, die Stre­cken, Li­ni­en und Ge­schwin­dig­kei­ten be­schrei­ben, Ge­schich­ten er­zäh­len und nach Neu­heit rie­chen.

Der 28. März 1927 ist die of­fi­zi­el­le Feu­er­tau­fe des Ren­nens. Die bes­ten ita­lie­ni­schen Pi­lo­ten und ein paar öf­fent­lich be­kann­te Mann­schaf­ten neh­men am Wett­be­werb teil, ins­ge­samt 77 ita­lie­ni­sche und nur zwei aus­län­di­sche Fahr­zeu­ge. Das Ex­pe­ri­ment hat­te trotz ei­ni­ger tech­ni­schen Pan­nen gro­ßen Er­folg, es war der Be­ginn ei­ner Le­gen­de, die lan­ge le­ben soll­te. Die Grün­der woll­ten ein ein­zig­ar­ti­ges Ge­schwin­dig­keits-stra­ßen­ren­nen ver­an­stal­ten, mit ei­nem mo­der­nen, bahn­bre­chen­den For­mat im Zei­chen des Aben­teu­ers. Vor al­lem wenn man den sehr schlech­ten Zu­stand des Stra­ßen­net­zes be­denkt, das in je­nen Jah­ren aus Eng­päs­sen und pre­kä­ren Stre­cken aus tro­cke­ner Er­de be­stand. Tat­säch­lich lief von An­fang an ein Schau­er über den Rü­cken der Lieb­ha­ber. Was wäh­rend der ers­ten „Mil­le Miglia“die Öf­fent­lich­keit am meis­ten be­ein­druck­te, war

die tat­säch­lich sehr ho­he Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von 77,238 km/h. Sie wur­de von Fer­di­nan­do Mi­no­ja und Gi­u­sep­pe Moran­di er­zielt, die das ers­te Ren­nen in 21 St­un­den, vier Mi­nu­ten und 48 Se­kun­den auf ei­ner „OM 665 Su­per­ba“ge­wan­nen. Die An­zahl teil­neh­men­der Teams und ei­ne un­er­war­te­te und be­trächt­li­che Men­ge Zu­schau­er, die sich ge­spannt der Stre­cke ent­lang dräng­ten, mach­ten es mög­lich, dass die Ver­an­stal­tung im dar­auf­fol­gen­den Jahr wie­der­holt wur­de. Doch die­se Zu­ga­be reich­te der „Mil­le Miglia“nicht, und so wie­der­hol­te sich ihr un­glaub­li­ches Schau­spiel noch und noch, bis 1941, dem un­glück­se­li­gen Ein­tritt Ita­li­ens in das Ge­met­zel des Zwei­ten Welt­kriegs. Nach dem Krieg nimmt 1947 das Ren­nen aber sei­nen Lauf wie­der auf. Trotz der Wirt­schafts­kri­se der Nach­kriegs­zeit in­ves­tie­ren die Kon­struk­teu­re im­mer mehr in die Ver­an­stal­tung. Dies trägt ei­ner­seits po­si­tiv zur Ent­wick­lung der Au­to­mo­bil­tech­no­lo­gie bei, er­höht aber gleich­zei­tig die ma­xi­ma­le Ge­fähr­lich­keit des Ren­nens. Die Gren­zen wur­den über das Ver­nünf­ti­ge hin­aus aus­ge­reizt, ein dau­ern­der Ver­such, die Lat­te im­mer hö­her zu le­gen. Stra­ßen aus Er­de oder As­phalt, an­stei­gend oder ab­fal­lend, im Re­gen oder bei Son­nen­schein, tech­ni­sche und sport­li­che Kämp­fe zwi­schen Pi­lo­ten und Kon­struk­teu­ren, be­son­ders ita­lie­ni­schen und deut­schen, wie je­ne his­to­ri­sche zwi­schen dem Al­fa Ro­meo von Ta­zio Nu­vo­la­ri und dem Mer­ce­des von Ru­dolf Ca­rac­cio­la, tra­gen da­zu bei, je­ne sym­bo­li­sche Mi­schung zu er­schaf­fen, die ei­ne mensch­li­che

Hand­lung, ei­ne Ges­te, ei­ne Per­sön­lich­keit di­rekt in ei­nen My­thos ver­wan­deln. Dies ist der Fall bei Stir­ling Moss, dem le­gen­dä­ren For­mel Eins-pi­lo­ten, der 1955 am Steu­er ei­nes Mer­ce­des-benz 300 SLR mit der Num­mer 722 den ab­so­lu­ten Re­kord auf­stell­te, als er die 1.600 Ki­lo­me­ter in zehn St­un­den und acht Mi­nu­ten mit ei­ner un­glaub­li­chen Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit von 157,65 km/h zu­rück­leg­te. Bei der Er­in­ne­rung an je­nes Ren­nens wird er­zählt, dass der See­fah­rer De­nis Jenk­in­son zu­vor die gan­ze Stre­cke er­kun­de­te und die In­for­ma­tio­nen auf ei­ner Pa­pier­rol­le von vier Me­tern Län­ge no­tier­te. Ei­ne Art „Ge­set­zes­rol­le“des Au­to­mo­bil­sports. Die Renn­be­din­gun­gen wur­den aber ex­trem: Die Au­tos ras­ten mit ein­drucks­vol­len Ge­schwin­dig­kei­ten durch Men­schen­men­gen und pre­kä­re Schutz­maß­nah­men hin­durch, in den kühns­ten Kur­ven be­rühr­ten sie bei­na­he die Ecken der Häu­ser. So kam es schließ­lich zur Tra­gö­die, die die Ge­schich­te der „Mil­le Miglia“be­fle­cken soll­te. We­gen ei­nes ge­platz­ten Rei­fens kommt 1957 der Fer­ra­ri 335 S von Al­fon­so De Por­t­a­go in der Nä­he von Gui­diz­zo­lo (Pro­vinz Man­tua) von der Stra­ße ab. Beim Un­fall ka­men De Por­t­a­go, sein Co­pi­lot Ed­mund Nel­son und neun Zu­schau­er, fünf da­von Kin­der, ums Le­ben. Drei Ta­ge spä­ter ver­füg­te die ita­lie­ni­sche Re­gie­rung aus of­fen­sicht­li­chen Si­cher­heits­grün­den das En­de der „Mil­le Miglia“und an­de­ren Stra­ßen­ren­nen. En­zo Fer­ra­ri wur­de der Pro­zess ge­macht, aber ein paar Jah­re spä­ter wur­de er de­fi­ni­tiv frei­ge­spro­chen.

Es war der tra­gi­sche Epi­log ei­ner ein­zig­ar­ti­gen und un­wie­der­hol­ba­ren Epo­che. Der Stopp ist ei­ne bren­nen­de Ohr­fei­ge für die­se hel­den­haf­te Er­zäh­lung, ge­wis­sen­los und aben­teu­er­lich, die den Er­folg der Ver­an­stal­tung über die Jah­re aus­ge­macht hat. Ein My­thos ist al­ler­dings fast im­mer in der La­ge, sich aus sei­ner Asche zu er­he­ben. Und so steigt das schöns­te Au­to­ren­nen der Welt wie ein un­be­sieg­ba­rer Phö­nix aus der Ver­ges­sen­heit her­vor, wie ein Som­mer, der sich vom Grau ei­ni­ger läs­ti­ger Wol­ken nicht be­ein­flus­sen lässt. In den fol­gen­den Jah­ren er­fährt der Wett­be­werb ei­ne Än­de­rung. Ge­schwin­dig­keit und Stre­cken wer­den an­ge­passt, für ein Ren­nen mit frei­ge­wähl­ter Ge­schwin­dig­keit und vor­ge­schrie­be­nen Etap­pen. Seit 1996 neh­men auch äl­te­re und we­ni­ger wett­be­werbs­fä­hi­ge Au­to teil. 2002 wur­de die An­zahl teil­neh­men­der Fahr­zeu­ge de­fi­ni­tiv be­grenzt: 375

his­to­ri­sche Ver­tre­ter des Au­to­mo­bil­sports. Die „Mil­le Miglia“ge­langt so zu ih­rer de­fi­ni­ti­ven Be­stim­mung, die sie zu ei­ner Ver­an­stal­tung mit ei­nem tie­fen und un­aus­lösch­li­chem ge­schicht­li­chen Wert macht. Sie ist heu­te ei­ne auf na­tio­na­ler und in­ter­na­tio­na­ler Ebe­ne ge­schätz­te und an­er­kann­te Schau­büh­ne, ein jähr­lich statt­fin­den­der Par­cours al­ter und ruhm­rei­cher Bo­li­den auf vier Rä­dern, die von ei­ner Ver­gan­gen­heit und ei­ner Lei­den­schaft er­zäh­len, die nie ver­ge­hen wer­den. Sie wird die Zu­kunft auch wei­ter­hin mit ei­ner fes­ten Über­zeu­gung in An­griff neh­men. Die Mo­to­ren, die die lan­ge Li­ta­nei der vor­bei­zie­hen­den Zeit ken­nen­ge­lernt ha­ben, sind heu­te in der La­ge, den Zu­schau­ern ei­nen Aus­bund an Schön­heit, an blen­den­den Um­ris­sen und glän­zen­den Ka­ros­se­ri­en zu­rück­zu­ge­ben, die gan­ze un­glaub­li­che und an­ste­cken­de Me­lo­die ei­ner le­ben­di­gen und kräf­ti­gen­den Ener­gie ei­nes Trau­mes aus Ge­schwin­dig­keit, Flie­gen und Unend­lich­keit.

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