DIE GREN­ZEN ER­KEN­NEN UND SIE ÜBER­WIN­DEN

All About Italy (Germany) - - Editorial -

Lu­i­gi Bor­ga­to ist ei­ner der wich­tigs­ten Kla­vier­bau­er, aber er ist auch ein Er­fin­der un­se­rer Zeit. Ihm ver­dan­ken wir das längs­te Kla­vier der Welt, das er, Stück für Stück, in sei­ner Werk­statt ge­baut hat.

Ei­ne sei­ner Cha­rak­te­ris­ti­ken ist, dass er die Lat­te im­mer hö­her legt, im­mer ein biss­chen mehr. Lu­i­gi Bor­ga­to lang­weilt sich nie, oder zu­min­dest ver­sucht er, Wie­der­ho­lun­gen zu ver­mei­den: mög­li­cher­wei­se macht er das auch in sei­nem Pri­vat­le­ben, ganz si­cher je­doch in sei­nem Be­ruf. Als Hand­wer­ker und Kla­vier­stim­mer hat er in Soss­a­no, in der Pro­vinz Vi­cen­za, sei­ne Werk­statt ein­ge­rich­tet, aus der die bes­ten Kla­vie­re der Welt kom­men. Wäh­rend sei­ner Lauf­bahn hat er zwei Pa­ten­te er­hal­ten, das BOR­GA­TO L 282 und das DOPPIO BOR­GA­TO L 282 – P 398, und im letz­ten Sep­tem­ber hat er das BOR­GA­TO GRAND PRIX 333 vor­ge­stellt, den längs­ten Flü­gel der Welt. Zu­sam­men mit sei­ner Frau Pao­la hat er schon als ganz jun­ger Mann be­schlos­sen, die­se Her­aus­for­de­rung an­zu­neh­men, die aus Wahn­sinn und Lei­den­schaft be­steht, was zwar of­fen­sicht­lich ge­gen­sätz­lich, je­doch le­bens­wich­tig für ein so gro­ßes Pro­jekt ist. Wenn uns Lu­i­gi Bor­ga­to von sei­ner Ar­beit er­zählt, sind die­se bei­den Ge­füh­le leicht aus sei­nen Wor­ten her­aus­zu­hö­ren, die­sel­ben Wor­te, mit de­nen er be­schreibt, wie schwie­rig und auch müh­se­lig es ist, die­ses Hand­werk aus­zu­üben, das in sei­nem We­sen sehr kom­pli­ziert, aber letzt­end­lich un­ge­heu­er be­frie­di­gend ist. In sei­ner Wun­sch­lis­te hat er ei­nen Traum, ei­ne Zu­kunft und ein Werk, das er rea­li­sie­ren will. Für wen, das hat er uns in die­sem In­ter­view er­klärt. Hin­der­nis­se ich sto­ßen wür­de. Und dann hat­te auch das Al­ter ei­ne ent­schei­den­de Rol­le ge­spielt: wenn je­mand mit 23 Jah­ren be­schließt, ei­nen Flü­gel zu bau­en, dann ist er of­fen­sicht­lich ziem­lich na­iv, aber auch sehr zielstrebig. Wenn man heu­te zu­rück­blickt, kann man si­cher ei­ni­ges an­ders se­hen, aber als ich be­gon­nen ha­be, war ich vol­ler Be­geis­te­rung und Neu­gier: oh­ne das hät­te ich nie an­ge­fan­gen.

Wo ha­ben Sie ge­lernt? Wer hat Ih­nen die­ses Hand­werk bei­ge­bracht? Wie­so ha­ben Sie die­sen Be­ruf ge­wählt, der heu­te ei­nem 20-Jäh­ri­gen wahr­schein­lich nie in den Sinn kä­me?

Das ist wahr­schein­lich wahr, und das fin­de ich sehr scha­de: heu­te gibt es kaum jun­ge Leu­te, die die­ses Hand­werk er­ler­nen wol­len, denn vie­le ken­nen es nicht ein­mal und wis­sen nicht, was dar­aus ent­ste­hen kann. In Ita­li­en gibt es lei­der kei­ne ein­zi­ge Schu­le, die es er­mög­licht, die Kunst des Kla­vier­bau­ens zu er­ler­nen; man muss Au­to­di­dakt sein. Ich ha­be das so ge­macht, ich bin her­um­ge­wan­dert, um zu ler­nen: als ich zum ers­ten Mal mei­nen ers­ten Rah­men aus Guss­ei­sen her­stel­len muss­te, wuss­te ich, dass es in Deutsch­land, in Wei­ßen­burg in der Nä­he von Nürn­berg, ei­ne Gie­ße­rei gibt, und dort bin ich hin­ge­gan­gen, um zu ler­nen, wie man das macht; dann bin ich nach Stutt­gart zu ei­ner Fa­b­rik ge­fah­ren, die me­cha­ni­sche Ele­men­te für Kla­vie­re her­stellt, und dort ha­be ich Rat­schlä­ge und Tipps be­kom­men. Ich hat­te so­zu­sa­gen ei­ne „Wan­der­aus­bil­dung“, die ich mir selbst ge­sucht ha­be. Ita­li­en hat sei­ne Ge­schich­te, aber lei­der hat es nie ei­ne rich­ti­ge Kla­vier­in­dus­trie ge­habt.

Das liegt an mei­nem Cha­rak­ter: ich will nichts ma­chen, was be­reits exis­tiert, son­dern et­was Neu­es er­fin­den oder et­was, das das be­reits Exis­tie­ren­de ver­bes­sert.

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