Von An­stich bis Zap­fen­streich

No­agerl? Gs­pu­si? Ita­lie­ner-wo­che­n­en­de? Ein Wiesn-abc zum mor­gen be­gin­nen­den Ok­to­ber­fest in Mün­chen

Aller-Zeitung - - PANORAMA - VON SA­BI­NE DO­BEL

Los geht es ganz klas­sisch: Um Punkt 12 Uhr am Sonn­abend sticht der Münch­ner Ober­bür­ger­meis­ter in der An­zapf­bo­xe im Schot­ten­ha­mel-zelt das ers­te Fass an und ruft im Er­folgs­fall: „O’zapft is!“

Bei­de bil­den ei­ne Art Cor­po­ra­te Iden­ti­ty des Fes­tes. Kein Wiesn-pla­kat kommt oh­ne Bil­der von Brezn und Bier­krü­gen aus.

Ein Hots­pot ist wäh­rend des Fes­tes der Cam­ping­platz in Thal­kir­chen. Vor­zugs­wei­se Aus­tra­li­er le­ben dort in Zel­ten. Mit zu­neh­men­der Fest­dau­er lo­ckern sich Sit­ten und Sa­ni­tär­dis­zi­plin.

Gibt es bil­lig über­all am Fest­ge­län­de. Mit Land­haus­mo­de hat­te der Trach­ten­hype be­gon­nen und über un­tra­di­tio­nel­le Mi­ni­dirndl zu­letzt zu ei­nem et­was ge­ho­be­ne­ren Stil ge­führt. In­si­der mei­nen al­ler­dings: Die Pracht der Tracht ver­blasst lang­sam wie­der.

Mehr als hun­dert Och­sen, fast 60 Käl­ber, gut 360 000 Hendl und mehr als 28 Ton­nen ge­brann­te Man­deln ver­speis­ten die Gäs­te im Jahr 2016.

Flir­ten ge­hört zur Wiesn wie Brezn, Bier und Blas­mu­sik. Die lie­bes­tech­ni­schen Spon­tan­vor­gän­ge in den Park­an­la­gen wer­den tra­di­tio­nell gern von Rtl-ka­me­ras do­ku­men­tiert.

Klappt es mit dem Flir­ten, hat man – für min­des­tens ei­nen Abend – ein Gs­pu­si (Lieb­schaft).

Im Win­ter fah­ren Kin­der mit dem Schlit­ten hin­un­ter, zur Wiesn-zeit geht es auf dem Hü­gel hin­ter den Zel­ten nicht ge­ra­de ju­gend­frei zu

(sie­he F wie Flir­ten).

Das mitt­le­re der drei Wiesn-wo­chen­en­den gilt tra­di­tio­nell als be­su­cher­stärks­tes – und Zehn­tau­sen­de ita­lie­ni­sche Gäs­te tra­gen ih­ren Teil da­zu bei.

Bran­det auf, wenn der Ober­bür­ger­meis­ter pan­nen­frei an­ge­zapft hat. End­lich darf ge­trun­ken wer­den.

Hier knutsch­ten die Ef­fen­bergs, und zum tra­di­tio­nel­len Wiesn-be­such des FC Bay­ern brin­gen die Spie­ler ih­re Frau­en mit.

„Spatzl, „Mau­si“oder schlicht „Gruß vom Ok­to­ber­fest“steht mit an­ti­kem Zu­cker­guss auf dem tei­gähn­li­chen Grund­roh­stoff, der den Na­men „Leb­ku­chen“nur noch aus nost­al­gi­schen Grün­den trägt.

Die Maß ist weib­lich und wird mit kur­zem a und schar­fem s ge­spro­chen, aber ge­schlech­ter­über­grei­fend ge­trun­ken. Wer „ein Maaaß Bier“be­stellt, ou­tet sich als Zu­g­ro­as­ter. 6,6 Mil­lio­nen Maß tran­ken die Gäs­te 2016.

Der un­ap­pe­tit­li­che Rest in der Maß heißt No­agerl.

Kom­pli­ziert. Ab 9 Uhr dür­fen Gäs­te aufs Fest­ge­län­de. Der Bier­aus­schank be­ginnt an Wo­chen­en­den um 9, un­ter der Wo­che um 10 Uhr. Fahr­ge­schäf­te ma­chen um 10 Uhr auf. Schluss mit Mu­sik und Bier ist je nach Zelt zwi­schen 22.30 Uhr und 0.30 Uhr, bei den Schau­stel­lern en­det der Be­treib zwi­schen 23.30 und 24 Uhr.

Der Amü­sier­be­fehl ist der Wiesn-gas­sen­hau­er schlecht­hin.

ha­ben es – ähn­lich wie beim Köl­ner Kar­ne­val – schwer. Wer die ur­baye­ri­schen Be­spa­ßungs­ri­ten nicht mit der Mut­ter­milch auf­ge­so­gen hat, fühlt sich fremd, je­den­falls oh­ne Al­ko­hol.

Sie ist kos­ten­frei, die meis­ten Zel­te ver­lan­gen aber den Kauf von Ver­zehr­gut­schei­nen, et­wa für zwei Maß Bier und ein Hendl. Im In­ter­net wer­den Re­ser­vie­run­gen aber zu as­tro­no­mi­schen Prei­sen ge­han­delt: 3000 bis 6000 Eu­ro für ei­nen Zeh­ner­tisch.

Seit 2016 sind Ta­schen und Ruck­sä­cke mit mehr als drei Li­tern Vo­lu­men ver­bo­ten. Zu den Neue­run­gen 2017 zählt ei­ne Laut­spre­cher­an­la­ge, um Gäs­te bei Alarm bes­ser zu lei­ten.

Das Ter­ror­netz­werk Al-kai­da hat­te 2009 in ei­nem Droh­video den Haupt­ein­gang des Volks­fes­tes ge­zeigt. Pol­ler und Be­ton­sper­ren wur­den da­mals als Schutz vor Au­to­bom­ben in­stal­liert. Heu­te gilt die Sor­ge auch Last­wa­gen oh­ne Spreng­stoff.

Wer wie viel ver­dient auf der Wiesn, ist ein gro­ßes Ge­heim­nis. Selbst klei­ne­re Zel­te sol­len ei­nen Ge­winn von bis zu 1,5 Mil­lio­nen Eu­ro pro Sai­son ma­chen.

Auch wenn die Ver­ant­wort­li­chen gern den tra­di­tio­nel­len Cha­rak­ter der Wiesn be­to­nen: Für vie­le ist sie das größ­te Bier­fest der Welt. Prost.

Kaum zu glau­ben, aber nicht über­all auf der Wiesn gibt es Bier aus Maß­krü­gen. Im Wein­zelt trinkt man – wie der Na­me schon sagt – Wein. Aber im­mer­hin: nicht aus dem Maß­krug.

Nicht die ge­bräuch­lichs­te Schreib­wei­se. Aber wenn es zur Wiesn wie­der heißt „oans, zwoa...“, dann kann der bier­se­li­ge Münch­ner „gsuf­fa“ru­fen oder eben auch „xuf­fa“. Rein gram­ma­ti­ka­lisch ist es das Par­ti­zip Per­fekt von „sau­fen“. Fak­tisch ist es ein Im­pe­ra­tiv und for­dert auf, die Maß Bier kra­chend ge­gen ei­ne an­de­re zu don­nern und ei­nen tie­fen Schluck zu neh­men.

Die Wiesn ist ein Ex­port­schla­ger. So­gar in Yan­gon (Myan­mar) und Yo­ko­ha­ma (Ja­pan) gibt es ein Ok­to­ber­fest.

Die letz­te St­un­de der Par­ty ver­brin­gen die Ord­nungs­kräf­te vor al­lem da­mit, Be­trun­ke­ne aus den Zel­ten zu trei­ben.

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