„Die Bun­des­re­gie­rung ist im Tief­schlaf“

Näch Pro­zes­sä/ftäkt fe­fen Me­sä­le Tol/: Kri­tik än ,er Tür­kei /n, De/tschlän, wächst

Aller-Zeitung - - MEDIEN - VON DO­MI­NIK SPECK

Nach dem Auf­takt des Pro­zes­ses ge­gen die in der Tür­kei in­haf­tier­te deut­sche Jour­na­lis­tin Me­sa­le To­lu mehrt sich die Kri­tik an den Um­stän­den des Ver­fah­rens. Der Ge­schäfts­füh­rer von „Re­por­ter oh­ne Gren­zen“in Deutsch­land, Chris­ti­an Mihr, sag­te, die Staats­an­walt­schaft ha­be kei­ne glaub­wür­di­gen Be­le­ge prä­sen­tiert, die die An­schul­di­gun­gen recht­fer­tig­ten. „Die Ent­schei­dung, die Haft zu ver­län­gern, zeigt er­neut, dass von ei­ner un­ab­hän­gi­gen Jus­tiz in der Tür­kei kei­ne Re­de sein kann“, er­klär­te Mihr in Ber­lin.

Der Pro­zess ge­gen To­lu und 17 wei­te­re An­ge­klag­te hat­te in Si­li­vri bei Istan­bul be­gon­nen. To­lus deut­scher Un­ter­stüt­zer­kreis kri­ti­sier­te, der Vor­sit­zen­de Rich­ter im Pro­zess ge­gen To­lu sei der­sel­be Rich­ter, der auch über die Un­ter­su­chungs­haft der Jour­na­lis­tin ent­schie­den ha­be. Nach der tür­ki­schen Straf­pro­zess­or­dung sei dies rechts­wid­rig.

Das Ge­richt hat­te ent­schie­den, To­lu nicht aus der Un­ter­su­chungs­haft zu ent­las­sen. Sie sitzt mit ih­rem zwei­jäh­ri­gen Sohn im Frau­en­gefäng­nis im Istan­bu­ler Stadt­teil Ba­kir­köy – nur wäh­rend des Pro­zes­ses ist der klei­ne Jun­ge bei Freun­den der Fa­mi­lie un­ter­ge­bracht. Der 33-Jäh­ri­gen wer­den Mit­glied­schaft in ei­ner Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on und die Ver­brei­tung ter­ro­ris­ti­scher Pro­pa­gan­da vor­ge­wor­fen. Die An­kla­ge stützt sich un­ter an­de­rem auf ei­nen an­ony­men Zeu­gen, der nicht vor Ge­richt er­scheint.

Zum Auf­takt des Ver­fah­rens hat­te To­lu al­le Ter­ror­vor­wür­fe ge­gen sie zu­rück­ge­wie­sen und ih­re Frei­las­sung ge­for­dert. Die Jour­na­lis­tin ist seit An­fang Mai in Un­ter­su­chungs­haft. Ihr dro­hen laut ih­rer An­wäl­tin bis zu 20 Jah­re Haft. To­lu hat tür­ki­sche Wur­zeln, be­sitzt seit 2007 al­ler­dings nur noch die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit. Ihr Ehe­mann sitzt eben­falls in Un­ter- su­chungs­haft. Vor Ge­richt be­schrieb sie, wie be­waff­ne­te Po­li­zis­ten die Woh­nung stürm­ten und die Waf­fe zeit­wei­se auch auf das zwei­jäh­ri­ge Kind rich­te­ten. Seit dem Putsch­ver­such in der Tür­kei im Ju­li 2016 sind meh­re­re Deut­sche in dem Land ver­haf­tet wor­den, dar­un­ter der „Welt“-kor­re­spon­dent De­niz Yücel und der Ber­li­ner Men­schen­rechts­ak­ti­vist Pe­ter Steudt­ner. To­lu ist die ers­te die­ser Ge­fan­ge­nen, die vor Ge­richt kommt. Der frü­he­re deut­sche Bot­schaf­ter in der Tür­kei, Eck­art Cuntz, warn­te, die in der Tür­kei in­haf­tier­ten deut­schen Jour­na­lis­ten dürf­ten nicht zum Spiel­ball po­li­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen wer­den. In Be­zug auf den Pro­zess ge­gen To­lu sei es zu­min­dest po­si­tiv, dass das Ver­fah­ren über­haupt in Gang ge­kom­men sei, sag­te er ges­tern. Vie­le an­de­re sä­ßen seit Mo­na­ten oh­ne An­kla­ge in Haft. Der Fa­den der Di­plo­ma­tie dür­fe nicht ver­lo­ren ge­hen, sag­te er dem SWR. „Das muss nicht die lau­te, in öf­fent­li­chen Äu­ße­run­gen ge­äu­ßer­te Em­pö­rung al­lei­ne sein“, son­dern es ge­he dar­um, mit der tür­ki­schen Sei­te be­harr­lich zu re­den, auch wenn das den Deut­schen nicht ge­fal­le. Bei den Ver­fah­ren müs­se „dar­auf ge­setzt wer­den, dass die Tür­kei ih­rem ei­ge­nen An­spruch ge­recht wird, ein Rechts­staat zu sein“, sag­te Cuntz. So kön­ne man zu­min­dest ei­nen Schim­mer Hoff­nung ha­ben, „dass es zu Ur­tei­len kommt, die dem Rechts­staats­prin­zip ent­spre­chen“. Das sei der ein­zi­ge Weg. Es wer­de nicht so lau­fen, „dass Prä­si­dent Er­do­gan ei­nes Tages sagt, so jetzt sind al­le frei“.

To­lus Va­ter Ali Ri­za To­lu kri­ti­sier­te die Bun­des­re­gie­rung, von der er sich mehr En­ga­ge­ment für die Frei­las­sung sei­ner Toch­ter wünscht. Im Wahl­kampf sei viel ge­re­det wor­den, nun sei Ber­lin aber wie­der „in Tief­schlaf ver­fal­len“. Die Bun­des­re­gie­rung war bei dem Pro­zess­auf­takt ge­gen To­lu mit der Lei­te­rin der Rechts- und Kon­su­la­rab- tei­lung im Istan­bu­ler Ge­ne­ral­kon­su­lat ver­tre­ten. Die Bun­des­re­gie­rung hat Spe­ku­la­tio­nen zu­rück­ge­wie­sen, die Tür­kei wol­le mit der In­haf­tie­rung deut­scher Staats­bür­ger die Aus­lie­fe­rung mut­maß­li­cher tür­ki­scher Put­schis­ten und Ter­ror­ver­däch­ti­ger aus Deutsch­land er­zwin­gen. „Der Bun­des­re­gie­rung lie­gen kei­ne In­for­ma­tio­nen über ei­ne sol­che For­de­rung der Tür­kei vor“, hieß es in ei­ner Ant­wort des Aus­wär­ti­gen Am­tes auf ei­ne An­fra­ge des Grü­nen-ab­ge­ord­ne­ten Öz­can Mut­lu von ges­tern. Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el selbst hat­te in­haf­tier­te Deut­sche in der Tür­kei als „Gei­seln“be­zeich­net. Den nächs­ten Ver­hand­lungs­ter­min ge­gen To­lu setz­ten die Rich­ter für den 18. De­zem­ber an.

Jour­na­lis­ten dür­fen nicht zum Spiel­ball po­li­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen wer­den.

Eck­art Cuntz, frü­he­rer ,e/tscher Bot­schäf­ter in ,er Tür­kei

FO­TO: DPA

„Im Wahl­kampf ist viel ge­re­det wor­den“: Me­sa­le To­lus Va­ter Ali Ri­za To­lu (mit Sie­ges­zei­chen) auf dem Weg zum Pro­zess ge­gen sei­ne Toch­ter.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.