Buf­fons Trä­nen, Ita­li­ens Trä­nen

Es ist Zeit für ei­nen Neu­an­fang – zu­min­dest im Fuß­ball

Aller-Zeitung - - TAGESTHEMEN - VON SE­BAS­TI­AN HARFST

▶ Der Tor­hü­ter, ein ge­stan­de­ner Mann von 39 Jah­ren, ei­ne Le­gen­de des Fuß­balls, war sich so­fort im Kla­ren dar­über, wel­che Fol­gen die­se Bla­ma­ge für sein Land ha­ben dürf­te. „Es tut mir nicht für mich per­sön­lich leid, son­dern für die gan­ze Mann­schaft und das gan­ze Land. Wir ha­ben et­was ver­passt, das auf so ver­schie­de­nen Ebe­nen viel be­deu­tet hät­te“, sag­te Gi­an­lu­i­gi Buf­fon nach der ver­pass­ten Qua­li­fi­ka­ti­on der ita­lie­ni­schen Na­tio­nal­mann­schaft für die Fuß­ball-welt­meis­ter­schaft 2018. Da­bei wein­te der Pro­fi, der in sei­ner Kar­rie­re vom Zwangs­ab­stieg mit sei­nem Klub Ju­ven­tus Tu­rin bis zum Wm-ti­tel 2006 so ziem­lich al­les mit­ge­macht hat, was ein Fuß­bal­ler mit­ma­chen kann.

Buf­fons Trä­nen, Ita­li­ens Trä­nen. Zwar ist es wohl­feil, vom Fuß­ball ei­nes Lan­des auf sei­nen all­ge­mei­nen Zu­stand schlie­ßen zu wol­len. Doch im Fall der Squa­dra Az­zur­ra wird ak­tu­ell ge­wahr – gera­de we­gen der rie­si­gen in­ter­na­tio­na­len Be­deu­tung des Fuß­balls – , wie schlecht es Ita­li­en ins­ge­samt geht.

Im Fuß­ball hat das Land zum ers­ten Mal seit 1958 ei­ne Wm-end­run­de ver­passt. In an­de­ren Be­rei­chen ist es längst ab­ge­hängt. Bei den Oecd-pro­gno­sen fürs Wirt­schafts­wachs­tum ist Ita­li­en Ta­bel­len­letz­ter in Eu­ro­pa. Die Ar­beits­lo­sig­keit un­ter den 15bis 24-Jäh­ri­gen lag im Sep­tem­ber bei 35,7 Pro­zent, in Deutsch­land gera­de mal bei 6,4 Pro­zent.

Die Per­spek­ti­ven sind zu­dem schlecht. Klei­ne Un­ter­neh­men wer­den auf­grund ho­her Steu­er­sät­ze ih­rer In­ves­ti­ti­ons­kraft be­raubt. Die Kauf­kraft ist ge­ring, das Brut­to­in­lands­pro­dukt nied­ri­ger als vor dem Start der welt­wei­ten Wirt­schafts­kri­se. Wenn sich die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank, wie all­ge­mein er­war­tet, in den nächs­ten Jah­ren nach und nach von ih­rer Nied­rig­zins­po­li­tik ab­kehrt, muss Ita­li­en so­gar um sei­ne bis­her so güns­ti­gen Kre­di­te fürch­ten. Längst gilt der Stie­fel als Nach­fol­ger Grie­chen­lands im eu­ro­päi­schen Kri­sen­ran­king.

Jetzt liegt aus­ge­rech­net auch noch die Fuß­ball-na­tio­nal­mann­schaft des vier­ma­li­gen Welt­meis­ters am Bo­den. Sie ist der Kitt zwi­schen den in Ab­nei­gung ver­bun­de­nen Lan­des­tei­len Nord und Süd. Wenn die Squa­dra Az­zur­ra spielt, sind für 90 Mi­nu­ten Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­den in der Lom­bar­dei und Ve­ne­ti­en ver­ges­sen. Dann kom­men kurz­zei­tig Fans des AC Mailand und des SSC Nea­pel auf ei­nen Nen­ner. Ent­spre­chend dra­ma­tisch klingt das Weh­kla­gen über das WM-AUS.

Denn die nächs­te Prü­fung steht an. Bei den Par­la­ments­wah­len im nächs­ten Jahr wird ein ge­wal­ti­ger an­ti­eu­ro­päi­scher Ruck er­war­tet. Ei­ne Fuß­ball-wm als an­schlie­ßen­der na­tio­na­ler Stim­mungs­auf­hel­ler fällt weg.

Tor­wart Buf­fon hat sei­ne Kar­rie­re in der Na­tio­nal­mann­schaft wie ei­ni­ge an­de­re alt­ge­dien­te Re­cken nach dem Play-off-de­sas­ter von Mailand üb­ri­gens be­en­det. Es ist Zeit für den Neu­an­fang in Ita­li­en. Zu­min­dest im Fuß­ball soll­te man das end­lich ver­stan­den ha­ben.

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