Abrech­nung mit den So­zi­al­de­tek­ti­ven

Die Schweiz will So­zi­al­be­trü­ger mit har­ter Über­wa­chung über­füh­ren – doch es gibt Pro­test

Aller-Zeitung - - ERSTE SEITE - VON ALEX­AN­DER DAHL

HANNOVER. Der Schutz der Pri­vat­sphä­re ist in der Schweiz mit­un­ter ei­ne Fra­ge des Gel­des. Mil­lio­nä­re, gern auch aus dem Aus­land, kön­nen oft auf die Ver­schwie­gen­heit der Al­pen­re­pu­blik zäh­len.

Wer arm ist und staat­li­che Un­ter­stüt­zung be­zieht, der muss hin­ge­gen da­mit rech­nen, dass öf­fent­li­che Stel­len sein trü­bes Da­sein mit ei­ner hel­len Lam­pe aus­leuch­ten. Vor Kur­zem hat das Par­la­ment in Bern ein Ge­setz ver­ab­schie­det, dass es So­zi­al­ver­si­che­run­gen schon bei ge­rin­gem Ver­dacht er­laubt, Vi­de­os, Ton­auf­nah­men oder Be­we­gungs­pro­fi­le von Leis­tungs­be­zie­hern zu er­stel­len. Ge­gen den neu­en Über­wa­chungs­staat bran­det nun Pro­test auf. Ein Volks­ent­scheid soll das Spit­zel­ge­setz zu Fall brin­gen. Zehn­tau­sen­de Schwei­zer ha­ben be­reits ei­ne ent­spre­chen­de Initia­ti­ve un­ter­schrie­ben.

Da­bei ist das ri­go­ro­se Vor­ge­hen ge­gen So­zi­al­be­trü­ger so neu nicht. An­ge­fan­gen hat­te al­les in Zürich am 1. Mai 2007. Da­mals wur­de bei Kra­wal­len von Links­au­to­no­men ein teu­rer BMW an­ge­zün­det – als Fa­nal ge­gen den Ka­pi­ta­lis­mus. Dumm nur, dass we­nig spä­ter her­aus­kam, dass der Wa­gen ei­ner So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ge­rin ge­hör­te.

Die Stadt re­agier­te schnell: Nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter nah­men „So­zi­al­de­tek­ti­ve“ih­re Ar­beit auf. Sie brach­ten so­gar heim­lich Funk­sen­der an Au­tos an, um ver­meint­li­che Tä­ter über­füh­ren zu kön­nen. 2016 kipp­te dann der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te die Über­wa­chungs­pra­xis. Zu un­klar sei die Ge­set­zes­la­ge, ur­teil­ten die Rich­ter. Ge­klagt hat­te ei­ne Schwei­ze­rin, die von ih­rer Un­fall­ver­si­che­rung über­wacht wor­den war.

Auch die Job­cen­ter in Deutsch­land hat­ten frü­her über Jah­re hin­weg Hartz-ivemp­fän­ger über­wa­chen las­sen – bis hin zu Ob­ser­va­tio­nen durch pro­fes­sio­nel­le De­tek­ti­ve. 2009 wur­de die Pra­xis, die nur in ei­ner in­ter­nen Di­enst­an­wei­sung ge­re­gelt war, aber ein­ge­stellt. Ein Volks­ent­scheid war nicht nö­tig; die öf­fent­li­che Em­pö­rung reich­te da­mals aus.

FO­TO: DPA

Sit­zung des Na­tio­nal­rats im gro­ßen Saal in Bern.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.