„Die Welt war­tet nicht auf uns“

Bun­des­agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner über Gen­tech­nik und die di­gi­ta­li­sier­te Land­wirt­schaft

Aller-Zeitung - - TAGESTHEMEN -

Frau Mi­nis­te­rin, rund 80 Pro­zent der Deut­schen leh­nen Gen­tech­nik in Le­bens­mit­teln ab. Sie auch?

Ge­ne­rell gilt: Auf den Markt kommt nur, was ge­sund­heit­lich un­be­denk­lich ist. Aber Gen­tech­nik ist zum ver­kürz­ten Kampf­be­griff ge­wor­den. Das hilft der De­bat­te nicht.

Trotz­dem be­rei­tet das The­ma Gen­tech­nik vie­len Men­schen Un­be­ha­gen.

Weil es zu we­nig Trans­pa­renz gibt. Der Ver­brau­cher weiß nicht um­fas­send, ob und was in der Pro­duk­ti­ons­ket­te ver­än­dert wur­de. Wir bräuch­ten ei­ne trans­pa­ren­te­re Kenn­zeich­nung, die den gan­zen Pro­zess in den Blick nimmt. Aber noch ein­mal, das soll­te man nicht mit der Ge­sund­heits­fra­ge ver­mi­schen.

Mit neu­en Ver­fah­ren lässt sich das Erb­gut so ziel­ge­nau ver­än­dern, dass es kaum noch von na­tür­li­chem zu un­ter­schei­den ist. Se­hen Sie die­se „Gen­sche­ren“als Ge­fahr?

Wir soll­ten neue Me­tho­den wie Cris­pr-cas nicht re­flex­ar­tig ab­leh­nen. Neue Züch­tungs­me­tho­den kön­nen Chan­cen bie­ten: in Re­gio­nen, in de­nen die Bö­den zu tro­cken sind, die Ern­te ge­fähr­det ist. Dür­re-to­le­ran­te­re Pflan­zen kön­nen hel­fen, das Hun­ger­pro­blem an­zu­ge­hen. Wir müs­sen auf­pas­sen, dass wir uns nicht aus ei­ner Lu­xus­po­si­ti­on des Über­flus­ses her­aus dem Fort­schritt ver­wei­gern, der für an­de­re Re­gio­nen der Welt le­bens­ret­tend sein kann.

Muss auch die Land­wirt­schaft mehr für den Schutz des Kli­mas tun?

Kli­ma­schutz ist ei­ne ge­samt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be. Die Land­wirt­schaft leis­tet ih­ren Bei­trag, auch wenn das man­che nicht wahr­ha­ben wol­len. Ich möch­te Um­welt und Land­wirt­schaft mit­ein­an­der ver­söh­nen. Im Mo­ment wird ja über die künf­ti­ge Ge­mein­sa­me Eu­ro­päi­sche Agrar­po­li­tik be­ra­ten. Zah­lun­gen an die Land­wir­te wer­den noch stär­ker an Um­welt- und Na­tur­schutz­leis­tun­gen ge­bun­den. Ich neh­me wahr: Auch die Bau­ern wol­len ei­ne nach­hal­ti­ge, um­welt­scho­nen­de Be­wirt­schaf­tung. Da­bei wird auch die Di­gi­ta­li­sie­rung hel­fen.

Wie das?

Künf­tig muss der Trak­tor zum Bei­spiel nur ein­mal übers Feld fah­ren: Sen­so­ren er­ken­nen, wel­che Pflan­zen Dün­ger und wel­che Pflan­zen­schutz­mit­tel brau­chen. Das Gan­ze ist zen­ti­me­ter­ge­nau. So kön­nen Res­sour­cen ein­ge­spart wer­den.

Wie soll das ge­hen, wo doch vie­ler­orts der Breit­band­an­schluss fehlt?

Ge­ra­de des­halb brau­chen wir im länd­li­chen Raum ei­ne Ver­sor­gungs­of­fen­si­ve. Es gibt noch of­fe­ne Fra­gen – et­wa bei der Ver­net­zung von Land­ma­schi­nen oder wem wel­che Da­ten ge­hö­ren. Die Welt war­tet nicht auf uns. In den ab­ge­le­gens­ten Re­gio­nen Chi­nas steu­ern die Land­wir­te schon vie­les mit dem Han­dy di­rekt vom Acker. Ich wer­de mein Mi­nis­te­ri­um neu or­ga­ni­sie­ren und stär­ker auf Di­gi­ta­li­sie­rung fo­kus­sie­ren–zum Bei­spiel durch Di­gi­ta­li­sie­rungs­re­fe­ren­ten in je­der Ab­tei­lung und ei­nen Steue­rungs­kreis. Die­ser Streit ist ein mus­ter­gül­ti­ges Bei­spiel für die Pro­duk­ti­on von Po­li­tik­ver­dros­sen­heit.

Was hat Sie an der De­bat­te be­son­ders ge­stört?

Es ist gut, dass wir um Lö­sun­gen rin­gen. Aber der Bür­ger muss nach­voll­zie­hen kön­nen, wor­um es ge­nau geht. Ab ei­nem ge­wis­sen Punkt sind Aus­ein­an­der­set­zun­gen die­ser Art dem Bür­ger nicht mehr ver­mit­tel­bar.

Ist im Streit um die Asyl­po­li­tik ein Stück Hu­ma­ni­tät ver­lo­ren ge­gan­gen?

Wenn wir kein von Hu­ma­ni­tät ge­präg­tes Land wä­ren, wä­re Deutsch­land nicht das Ziel vie­ler Mi­gran­ten. Ei­nen Man­gel an Hu­ma­ni­tät kann man Deutsch­land nun wirk­lich nicht vor­wer­fen.

FO­TO: KOEHLER/PHOTOTHEK

„Gen­tech­nik ist zum ver­kürz­ten Kampf­be­griff ge­wor­den“: Bun­des­agrar­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner (CDU). The­men­wech­sel: Wie bli­cken Sie als Cdu-vi­ze­che­fin auf den Streit zwi­schen CDU und CSU zu­rück?

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