Us-pas­tor Brun­son darf nach Hau­se

Wun­der­sa­me Wen­de: Nach Dro­hun­gen Aus Wa­shing­ton lässt die tür­ki­sche Jus­tiz Ter­ror­vor­wurf fal­len

Aller-Zeitung - - TAGESTHEMEN - VON SU­SAN­NE GÜSTEN

ISTAN­BUL. Was ha­ben sie ihm nicht al­les vor­ge­wor­fen: Zu­sam­men­ar­beit mit Ter­ro­ris­ten, Spio­na­ge, Un­ter­gra­bung der staat­li­chen Ein­heit der Tür­kei. Bis zu 35 Jah­re Haft for­der­te die tür­ki­sche Staats­an­walt­schaft für den ame­ri­ka­ni­schen Mis­sio­nar And­rew Brun­son. Doch am Frei­tag war vor Ge­richt in Alia­ga bei Iz­mir plötz­lich al­les an­ders. Rei­hen­wei­se wi­der­rie­fen die Zeu­gen der An­kla­ge ih­re Aus­sa­gen ge­gen den Geist­li­chen, der seit zwei Jah­ren in Haft saß. Am En­de ent­schied der Rich­ter, dass Brun­son heim­keh­ren darf. Im Vor­feld be­rich­te­ten US-ME­di­en von ei­ner Ab­ma­chung zwi­schen Wa­shing­ton und An­ka­ra, die ei­ne Frei­las­sung mög­lich ge­macht ha­be.

Der Sin­nes­wan­del der tür­ki­schen Sei­te hat­te sich schon vor dem vier­ten Ver­hand­lungs­tag ge­gen Brun­son am Frei­tag an­ge­deu­tet. Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan, der Brun­son zu­vor mehr­mals öf­fent­lich at­ta­ckiert hat­te, be­ton­te dies­mal, er kön­ne sich nicht in die Ent­schei­dun­gen der Jus­tiz ein­mi­schen.

Brun­son, der seit mehr als 20 Jah­ren ei­ne klei­ne pro­tes­tan­ti­sche Kir­che in Iz­mir lei­tet, war im Ok­to­ber 2016 fest­ge­nom­men wor­den. Die An­kla­ge warf dem Pries­ter vor, mit der Be­we­gung des is­la­mi­schen Geist­li­chen Fe­thul­lah Gü­len ko­ope­riert zu ha­ben, der für den Putsch­ver­such im Ju­li des­sel­ben Jah­res ver­ant­wort­lich ge­macht wird. Auch für die ver­bo­te­ne Ar­bei­ter­par­tei Kur­dis­tans (PKK) soll der 50-jäh­ri­ge Brun­son ge­wirkt ha­ben – ob­wohl die PKK zu den Fein­den Gü­lens zählt. Ei­ne re­gie­rungs­na­he Zei­tung be­haup­te­te, Brun­son sei als Chef des Us-ge­heim­diens­tes CIA vor­ge­se­hen ge­we­sen.

Er­do­gan schlug öf­fent­lich ei­nen Tausch von Brun­son ge­gen Gü­len vor, der in den USA lebt, doch Wa­shing­ton lehn­te ab. Trotz­dem ver­such­te An­ka­ra, sich die Frei­las­sung des Pas­tors mög­lichst teu­er ab­kau­fen zu las­sen. Als das Ge­richt in Alia­ga im Au­gust ent­ge­gen den ame­ri­ka­ni- schen Er­war­tun­gen den Geist­li­chen nicht nach Hau­se ent­ließ, ver­füg­te Us-prä­si­dent Do­nald Trump wirt­schaft­li­che Sank­tio­nen ge­gen die Tür­kei, die den Sturz­flug der tür­ki­schen Li­ra be­schleu­nig­ten.

Laut Me­dien­be­rich­ten hat­te Trump neue Sank­tio­nen für den Fall vor­be­rei­tet, dass Brun­son auch am Frei­tag nicht nach Hau­se ent­las­sen werden soll­te. Doch dann kam die plötz­li­che Wen­de beim Ge­richts­ter­min am Frei­tag.

Der Kron­zeu­ge der An­kla­ge, Levent Kal­kan, hat­te bis­her be­haup­tet, Brun­son ha­be Gü­len-an­hän­ger be­her­bergt. Jetzt wi­der­rief er die­se Aus­sa­ge. Ein wei­te­rer Zeu­ge hat­te zu Pro­to­koll ge­ge­ben, Brun­son ha­be mit ei­nem Pkk-mit­glied ko­ope­riert. Nun sag­te der Mann, er ha­be das auch nur vom Kron­zeu­gen Kal­kan ge­hört. Am En­de stand ei­ne Ent­schei­dung des Ge­richts, die sehr nach Ge­sichts­wah­rung aus­sah: Die Rich­ter ver­ur­teil­ten Brun­son zu drei Jah­ren Haft, rech­ne­ten aber sei­ne be­reits ab­ge­ses­se­ne Haft­zeit an und setz­ten ihn auf frei­en Fuß.

Auch nach Brun­sons Frei­las­sung sind vie­le Streit­punk­te zwi­schen der Tür­kei und den USA un­ge­löst. Be­son­ders schwer wie­gen die In­ter­es­sen­kon­flik­te zwi­schen bei­den Län­dern in Sy­ri­en. Dort un­ter­stüt­zen die USA die Kur­den­mi­liz YPG, die von der Tür­kei als Ter­ror­grup­pe be­kämpft wird. Auch in der Iran-po­li­tik gibt es er­heb­li­che Dif­fe­ren­zen.

Den­noch brach­te das Ur­teil vom Frei­tag für die Tür­kei ei­ne wich­ti­ge Er­leich­te­rung. In Er­war­tung der Frei­las­sung des Pas­tors hat­te der Kurs der kri­sen­ge­plag­ten Li­ra be­reits in den St­un­den vor der Ent­schei­dung zu­ge­legt. Noch am Frei­tag wur­de mit der Auf­he­bung der Us-sank­tio­nen ge­rech­net. Über wei­te­re Ge­gen­leis­tun­gen der USA war zu­nächst nichts be­kannt.

Dass nach Brun­son nun auch an­de­re west­li­che Bür­ger oder tür­ki­sche Re­gie­rungs­geg­ner frei­kom­men, ist nicht si­cher. Der­zeit sit­zen Dut­zen­de Bür­ger­recht­ler und Po­li­ti­ker so­wie rund 20 Us-bür­ger und ein hal­bes Dut­zend Deut­sche we­gen po­li­ti­scher Vor­wür­fe im Ge­fäng­nis. Wäh­rend Brun­son frei­ge­las­sen wur­de, lehn­te ein Ge­richt im süd­tür­ki­schen Ada­na die Frei­las­sung ei­nes in­haf­tier­ten tür­ki­schen Mit­ar­bei­ters des USKon­su­lats ab.

FO­TO: EM­RE TAZEGUL/AP

Haus­ar­rest auf­ge­ho­ben: Us-pas­tor And­rew Brun­son muss doch nicht we­gen Zu­sam­men­ar­beit mit Ter­ro­ris­ten oder Spio­na­ge ins Ge­fäng­nis.

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