Was von der WM üb­rig bleibt

Allgäuer Anzeigeblatt - - Wm 2018 - Fo­to: Mar­cus Brandt, dpa VON AN­TON SCHWANKHART as@azv.de

Noch zwei Ta­ge, und das Le­ben kehrt voll­ends in sei­ne al­ten Bah­nen zu­rück. Dann ist die­ser wun­der­ba­re Rhyth­mus aus Nach­mit­tags­und Abend­spie­len, in de­ren Zwi­schen­räu­me ein we­nig Kör­per­pfle­ge, Nah­rungs­auf­nah­me und so­zia­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ge­scho­ben war, end­gül­tig ge­stor­ben. Vor­bei die WM, die dem Le­ben Struk­tur ge­ge­ben hat – auch wenn Hund und Gar­ten dar­un­ter lei­den muss­ten. Da­bei ist es nicht lan­ge her, dass gro­ße Teil der Mensch­heit sehn­lichst auf den ers­ten An­pfiff ge­war­tet ha­ben. Noch im al­ten Jahr die Ta­ge her­un­ter­ge­zählt ha­ben.

28-mal schla­fen bis Weih­nach­ten,

201-mal bis zur WM.

Al­les war auf den Tag aus­ge­rich­tet. Er kam – bald dar­auf ging die deut­sche Mann­schaft. Der Schmerz dar­über hielt sich in Gren­zen. Kei­ne Trä­nen, kei­ne Fah­nen auf halb­mast, kein Trau­er­flor beim Bä­cker. War ja auch kaum zu er­tra­gen ge­we­sen, was Jo­gis Aus­wahl in Russ­land ab­ge­lie­fert hat­te. Und schon gar nicht die Lei­den­schaft wert, mit der das Land sei­ne Welt­meis­ter be­glei­tet hat­te. Die WM ging trotz­dem wei­ter. Sie hat auch oh­ne Deutsch­land Spaß be­rei­tet.

Was bleibt? Die Er­kennt­nis, dass der Ball­be­sitz­fuß­ball spa­ni­scher und deut­scher Prä­gung ab­ge­wirt­schaf­tet hat. Nicht, wer den Ball lan­ge kreuz und quer schiebt, geht als Sie­ger vom Platz, son­dern wer kühl das ei­ge­ne Ge­häu­se schützt und das frem­de oh­ne Um­we­ge be­stürmt.

Und sonst? Sel­ten wur­de bei ei­ner WM der­art hart zu­ge­langt. Ef­fi­zi­enz ist ge­fragt. Für Kunst ist kein Platz mehr. Auch die größ­ten Fuß­ball­göt­ter schrump­fen in die­ser Ge­men­ge­la­ge auf ir­di­sches For­mat.

Das führt zu Ney­mar, der mit der vier­fa­chen Ney­mar-Rol­le ein neu­es Ele­ment im Er­schlei­chen von Frei­stö­ßen prä­sen­tier­te. Hat nicht für das Fi­na­le ge­reicht. Dort ste­hen am Sonn­tag die bei­den Mann­schaf­ten, die für un­ter­schied­li­che We­ge zum Er­folg ste­hen. Hier die lu­xu­ri­ös aus­ge­stat­te­ten Fran­zo­sen mit ih­rer Qua­li­tät, Küh­le und Ef­fi­zi­enz – dort die lei­den­schaft­li­chen Kroa­ten, die mit dem Geist des Au­ßen­sei­ters re­gel­mä­ßig über sich hinauswachsen.

Das ver­spricht ein gro­ßes Fi­na­le, dem an­dern­tags in vie­len WMKöp­fen ei­ne furcht­ba­re Lee­re fol­gen wird? Man könn­te sie mit Gar­ten und Hund fül­len. Dar­über hin­aus gilt für die Welt­meis­ter­schaft, was auch für Weih­nach­ten gilt. Nach der WM ist vor der WM. Das Wun­der­ba­re am Fi­na­le in Ka­tar: Wer 2022 sei­nen Christ­baum am 18. De­zem­ber auf­stellt, kann ne­ben­bei End­spiel schau­en.

Fo­to: Wit­ters

Das gro­ße Auf­räu­men: ein eng­li­scher Fan beim Müll­sam­meln.

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