Wie zeit­ge­mäß ist die Braun­koh­le noch?

Hin­ter­grund Po­li­zis­ten ha­ben be­gon­nen, den Ham­ba­cher Forst von De­mons­tran­ten zu räu­men. Der Ener­gie­kon­zern RWE pocht auf sein Recht, dort auch in Zu­kunft Bo­den­schät­ze ab­zu­bau­en. Kri­ti­ker be­zwei­feln, ob das sinn­voll ist

Allgäuer Anzeigeblatt - - Politik - VON SI­MON KAMINSKI Fo­tos: Bernd Lau­ter, Im­a­go: Hen­ning Kai­ser, Oli­ver Berg, dpa

Augs­burg Muss ein ve­ri­ta­bler Dom für ei­ne um­strit­te­ne Ener­gie­po­li­tik wei­chen? Ja. Ak­ti­vis­ten hat­ten sich im Ja­nu­ar die­ses Jah­res an Bag­ger­schau­feln ge­ket­tet, An­woh­ner leg­ten vor St. Lam­ber­tus Blu­men und Krän­ze nie­der. Doch am En­de war al­les ver­ge­bens: Der 1891 ein­ge­weih­te Im­merather Dom steht nicht mehr. Das ka­tho­li­sche Bau­werk mit sei­nen mar­kan­ten Zwil­lings­tür­men wur­de von Ab­riss­bag­gern aus­ge­löscht – ein Fix­punkt für Ge­ne­ra­tio­nen in der Re­gi­on süd­lich von Glad­bach. Seit Donnerstag wird der von De­mons­tran­ten be­setz­te Ham­ba­cher Forst ge­räumt.

Doch Ex­per­ten zwei­feln die Sinn­haf­tig­keit die­ses Kahl­schlags an. So wie Ex­per­tin Clau­dia Kem­fert: Die Lei­te­rin der Ab­tei­lung Ener­gie am Deut­schen In­sti­tut für Wirt­schafts­for­schung (DIW) ist sich si­cher, dass „der Ham­ba­cher Forst nicht in vol­lem Um­fang ge­fällt wer­den muss. Deutsch­land ha­be zu spät da­mit be­gon­nen, die selbst ge­setz­ten Kli­ma­zie­le 2020 zu er­rei­chen. Jetzt zei­ge sich in Nord­rhein-West­fa­len, dass die „Ver­schlep­pung der groß an­ge­kün­dig­ten Ener­gie­wen­de für al­le teu­er“wer­de, sag­te Kem­fert un­se­rer Zei­tung. Bei al­len Dis­kus­sio­nen um Kli­ma­zie­le und Ener­gie­po­li­tik wird oft ver­ges­sen, dass Deutsch­land vor Chi­na und Russ­land das Land mit dem größ­ten Braun­koh­le­ab­bau auf der Welt ist.

Um die letz­te Chan­ce auf ei­nen Er­halt des Wal­des und der Kul­tur­land­schaft kämp­fen noch im­mer vie­le Men­schen. Die ei­nen spre­chen an­er­ken­nend von Idea­lis­ten, an­de­re hal­ten die Pro­test­ler für Links­ra­di­ka­le. Mit ei­nem mas­si­ven Po­li­zei­auf­ge­bot ha­ben die Be­hör­den da­mit be­gon­nen, die Baum­häu­ser der Um­welt­ak­ti­vis­ten zu räu­men.

Für die Braun­koh­le­geg­ner ist das ei­ne Zä­sur. Denn die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren er­rich­te­ten Baum­häu­ser sind längst ein Sym­bol des Wi­der­stands ge­wor­den. Ak­ti­vis­ten kün­dig­ten als Re­ak­ti­on auf den Po­li­zei­ein­satz „zi­vi­len Un­ge­hor­sam“und ei­ne „bun­des­wei­te Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung“an. Die Po­li­zei stellt sich auf ei­nen ta­ge­lan­gen und schwie­ri­gen Ein­satz ein. Nach und nach müs­sen die Kräf­te des „Höhen­in­ter­ven­ti­ons­team“– so heißt die Trup­pe tat­säch­lich – die rund 50 bis 60 Baum­häu­ser räu­men und ab­bau­en. Der Ener­gie­kon­zern RWE will noch im Herbst mehr als die Hälf­te des noch ver­blie­be­nen Wald­stücks zwi­schen Köln und Aa­chen ro­den, um wei­ter Braun­koh­le bag­gern zu kön­nen.

Da­ge­gen gibt es seit lan­gem Pro­tes­te. Ak­ti­vis­ten ha­ben in bis zu 25 Me­tern Hö­he rund 50 bis 60 Baum­häu­ser er­rich­tet und hal­ten den Wald da­mit seit sechs Jah­ren be­setzt. Be­grün­det wur­de die Räu­mung al­ler­dings nicht mit dem ge­plan­ten Braun­koh­le­ab­bau. Viel­mehr ar­gu­men­tiert das NRW-Bau- un­ter an­de­rem mit dem feh­len­den Brand­schutz in den Baum­häu­sern. Für die Po­li­zei ist es ei­ner der größ­ten Ein­sät­ze in der jün­ge­ren NRW-Ge­schich­te. Aus dem ge­sam­ten Bun­des­ge­biet wur­den Ein­satz­kräf­te zur Ver­stär­kung in den Ham­ba­cher Forst ge­holt. Auch Was­ser­wer­fer und schwe­res Rä­um­ge­rät wur­den zum Ham­ba­cher Forst ge­bracht.

Aus Sicht von RWE ist die Ab­hol­zung un­ver­meid­bar, um die Strom­pro­duk­ti­on in den Braun­koh­le­kraft­wer­ken zu si­chern. Ein RWE-Spre­cher be­ton­te, der Kon­zern sei nicht „un­mit­tel­ba­rer Ver­an­las­ser“des Ein­sat­zes. „Die Ro­dungs­ar­bei­ten auf un­se­rem wi­der­recht­lich be­setz­ten Grund­stück sol­len wie ge­plant erst im Ok­to­ber be­gin­nen.“Mit­ar­bei­ter der zu­stän­di­gen Stadt Ker­pen in­for­mier­ten die Baum­be­set­zer per Laut­spre­cher über den Räu­mungs­be­schluss und for­der­ten sie auf, die Baum­häu­ser in­ner­halb von 30 Mi­nu­ten frei­wil­lig zu ver­las­sen. Dann be­gan­nen Po­li­zis­ten die Räu­mung.

In Bay­ern oder Ba­den-Würt­tem­berg fällt der Blick auf den um­strit­te­nen Ener­gie­trä­ger na­tur­ge­mäß re­ser­viert aus. Kein Wun­der, im Sü­mi­nis­te­ri­um den Deutsch­lands kommt der Bo­den­schatz fast nir­gend­wo in ab­bau­ba­rer Kon­zen­tra­ti­on vor. Doch ein Blick in die deut­sche Ge­schich­te zeigt, dass der Auf­stieg des Lan­des zu ei­ner der dy­na­mischs­ten In­dus­trie­na­tio­nen welt­weit oh­ne Brau­n­und St­ein­koh­le nicht denk­bar ge­we­sen wä­re. Vie­le Ge­ne­ra­tio­nen von Berg­leu­ten – vie­le da­von aus Po­len – ha­ben das „brau­ne Gold“im Schwei­ße ih­res An­ge­sichts aus dem Bo­den ge­holt.

Das ist der Stoff, aus dem Stolz und Hei­mat­ver­bun­den­heit auf die in­dus­tri­el­le Tra­di­ti­on er­wach­sen sind. Und das war der Stoff, oh­ne den Deutsch­land den Sprung an die Spit­ze der Welt­wirt­schaft im 20. Jahr­hun­dert kaum ge­schafft hät­te. Das The­ma eig­net sich für Nost­al­gie, ist aber nach wie vor ak­tu­ell. Deutsch­land ist bis heu­te der größ­te Braun­koh­le­för­de­rer welt­weit. Sinn­bild für Ef­fek­ti­vi­tät, aber auch Bru­ta­li­tät des Ab­baus sind die 220 Me­ter lan­gen und über 13000 Ton­nen schwe­ren Bag­ger, die sich durch die Land­schaft frä­sen – oh­ne Rück­sicht auf Dör­fer und Wäl­der. Doch die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob es öko­no­misch und vor al­lem öko­lo­gisch tat­säch­lich sinn­voll ist, die größ­ten Land­ma­schi­nen der Welt mit ih­ren ge­wal­ti­gen Schau­fel­rä­dern auf die ge­wach­se­ne Land­schaft los­zu­las­sen.

Denn zu­rück blei­ben rie­si­ge Mond­land­schaf­ten, die spä­ter ein­mal auf­wen­dig re­kul­ti­viert wer­den müs­sen.

Un­ter Pro­test von Koh­le­geg­nern muss­te An­fang des Jah­res der Im­merather Dom wei­chen, da­mit Braun­koh­le für die Ener­gie­ver­feue­rung ab­ge­baut wird. Jetzt geht es um die Res­te des einst mäch­ti­gen Ham­ba­cher Fors­tes. Vie­le De­mons­tran­ten leis­ten ge­gen den Ta­ge­bau Wi­der­stand.

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