Ja, wo lau­fen sie denn

Allgäuer Anzeigeblatt - - Sport - VON ANTON SCHWANKHART as@azv.de

Was der­zeit an Er­bärm­li­chem an­läss­lich der Welt­rei­ter­spie­le im ame­ri­ka­ni­schen Tryon statt­fin­det, führt in ge­streck­tem Ga­lopp zu Lo­ri­ot auf die Renn­bahn. „Ja, wo lau­fen sie denn“, be­läs­tigt in die­sem Sketch ein auf­ge­reg­ter Pfer­de­sport-No­vi­ze sei­nen ge­nerv­ten Nach­barn. Und jam­mert, das Fern­glas ver­kehrt her­um in Hän­den, wei­ter: „Mein Gott, bei mir ist al­les dun­kel.“Tref­fen­der lässt sich die Si­tua­ti­on für die WMTeil­neh­mer nicht aus­drü­cken. In den Zel­ten und Not­un­ter­künf­ten, in de­nen die Be­treu­er schla­fen, gibt es kein Licht und wo die Pfer­de lau­fen, ver­sin­ken sie im Schlamm der Bau­stel­len. Die WM in Tryon hat in­zwi­schen be­gon­nen, aber es herrscht noch im­mer Cha­os – und das nicht nur bau­lich.

Das Dis­tanz­ren­nen über ur­sprüng­lich 160 Ki­lo­me­ter wur­de zu­erst neu ge­star­tet, weil ei­ni­ge Rei­ter den fal­schen Weg ein­ge­schla­gen hat­ten – und dann kom­plett ab­ge­bro­chen. Hit­ze und Luft­feuch­tig­keit in North Ca­ro­li­na brems­ten Rei­ter und Pfer­de aus. Die bis­lang bes­te WM-Ent­schei­dung. Noch bes­ser wä­re es, Dis­tanz­rei­ten un­ter Wett­be­werbs­be­din­gun­gen kom­plett zu strei­chen. Bei den Welt­rei­ter­spie­len vor vier Jah­ren hat­ten 38 von 170 ge­star­te­ten Pfer­den das Ziel er­reicht.

Et­li­che Pfer­de hat­ten das Ren­nen nicht über­lebt. Im Dis­tanz­rei­ten do­mi­nie­ren Män­ner, de­nen ihr Pferd egal ist, die es für den Er­folg in den Tod trei­ben. Nicht sel­ten kom­men sie aus ara­bi­schen Staa­ten, in de­nen die­se Art der or­ga­ni­sier­ten Tier­quä­le­rei gro­ßes An­se­hen ge­nießt. 2015 hat der Welt­ver­band FEI die Ver­ei­nig­ten Ara­bi­schen Emi­ra­te we­gen bru­ta­ler Me­tho­den sei­ner Dis­tanz­rei­ter aus sei­nem Kreis aus­ge­schlos­sen. So ge­se­hen war es für die Pfer­de ein Glück, dass in Tryon nichts funk­tio­niert. Es ka­men al­le le­bend nach Hau­se. Das muss in­zwi­schen auch der An­spruch der Rei­ter sein. Mo­na­te­lang ha­ben sie sich auf das größ­te Reit­sport-Er­eig­nis der Welt vor­be­rei­tet – und er­le­ben ein De­sas­ter. Sie be­zah­len jetzt den Preis für den kurz­fris­ti­gen Rück­zug des ur­sprüng­li­chen Aus­rich­ters, des ka­na­di­schen Bro­mont.

Tryon ist kurz ent­schlos­sen ein­ge­sprun­gen, hat mit ei­ner be­ein­dru­cken­den In­fra­struk­tur ge­wor­ben und den Welt­ver­band über­zeugt. Nun stellt sich her­aus, dass die Freu­de über den kurz ent­schlos­se­nen Er­satz­gast­ge­ber den kri­ti­schen Blick auf die Um­stän­de ge­trübt hat. Be­son­ders bit­ter ist das für den Deut­schen Rei­ter­ver­band. Die deut­schen Pfer­de­freun­de ha­ben Är­ger mit al­ko­ho­li­sier­tem und se­xu­ell über­grif­fi­gem Nach­wuchs, der ih­ren Ruf ram­po­niert. Ei­ne glän­zen­de WM könn­te hel­fen, ihn wie­der auf­zu­po­lie­ren. Aber in Tryon ist noch al­les dun­kel.

Foto: dpa

Bis zu 160 Ki­lo­me­ter le­gen Pferd und Rei­ter bei ei­nem Ein­ta­ges-Dis­tanz­ritt zu­rück.

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