Noah ist mit dem Pa­pa je­den Tag auf dem Spiel­platz

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Die Dritte Seite -

nach 10 Uhr. Höchs­te Zeit, dass der fast zwei­jäh­ri­ge Noah sein zwei­tes Früh­stück be­kommt. Noah sitzt im Hoch­stuhl, patscht mit sei­ner Hand auf den lee­ren Tel­ler vor sich und fi­xiert mit sei­nen blau­en Au­gen die Sem­mel­hälf­te. Gab­ler, 31, und sein Sohn sind ge­ra­de vom Spiel­platz zu­rück­ge­kehrt. Wenn das Wet­ter es zu­lässt, sind sie um die­se Zeit im­mer dort. Und im­mer ei­ne Aus­nah­me. Der Va­ter, der sich vor­mit­tags um sein Kind küm­mert, statt zu ar­bei­ten, ist ei­ne Sel­ten­heit. Oder?

Zu­min­dest den Zah­len nach nicht. Denn in Bay­ern neh­men pro­zen­tu­al so vie­le Vä­ter El­tern­zeit wie in fast kei­nem an­de­ren Bun­des­land. Die aktuellsten Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­am­tes be­zie­hen sich auf Vä­ter, de­ren Kin­der 2014 ge­bo­ren wur­den. Und die zwi­schen 2014 und 2016 in El­tern­zeit wa­ren. Un­ter ih­nen lag die Quo­te im Frei­staat bei 41,7 Pro­zent. Seit 2008 lie­fert sich Bay­ern ein Du­ell mit Sach­sen, das 2014 den ers­ten Platz be­leg­te. Zum Ver­gleich: Deutsch­land­weit war nur je­der drit­te Va­ter in El­tern­zeit. Ob­wohl es gut 82 Pro­zent der Be­völ­ke­rung gut­hei­ßen, dass sich Vä­ter um die Kin­der­be­treu­ung küm­mern. Das hat das Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­ri­um für sei­nen Vä­ter­re­port her­aus­ge­fun­den.

Aus­ge­rech­net im tra­di­tio­nel­len Bay­ern al­so scheint sich das Bild ei­ner gleich­be­rech­tig­ten Part­ner­schaft, in der sich Ma­mas und Pa­pas die Kin­der­er­zie­hung und das Geld­ver­die­nen tei­len, ge­lebt zu wer­den. Denn es gibt noch ei­ne an­de­re Zahl: Im Frei­staat ist auch der An­teil der Frau­en, die ar­bei­ten, hö­her als in an­de­ren Bun­des­län­dern. Wie passt das zu­sam­men?

Zu­rück im Wohn­zim­mer. Noah hat die Frisch­kä­se-sem­mel schon fast ver­tilgt und ver­sucht nun, mit dem Mes­ser sei­nes Pa­pas zu spie­len. Was den gar nicht freut. Er nimmt ihm das Mes­ser ab und gibt ihm ei­nen Schlüs­sel­bund. Wie fühlt man sich als Bay­er und Voll­zeit-va­ter? Wo­bei Gab­ler in Teil­zeit noch ar­bei­tet. Bei der Deut­schen Bahn, die fle­xi­ble Ar­beits­zeit­mo­del­le an­bie­tet. Gab­ler hat noch nie dar­über nach­ge­dacht, ob er ein Kli­schee bricht. Denn für ihn war von An­fang an klar, dass er sich um sei­nen Sohn küm­mern will, wenn der auf der Welt ist. Schon vor Noah ha­ben sich Gab­ler und sei­ne Frau Lo­re­na die Haus­ar­beit ge­teilt.

War­um soll­te sich das durch ein Kind än­dern? Ei­ne Ein­stel­lung, die die meis­ten jun­gen Paa­re in Deutsch­land ha­ben. Wirk­lich um­set­zen tun das aber die we­nigs­ten. So wün­schen sich dem Vä­ter­re­port zu­fol­ge fast zwei Drit­tel der Vä­ter mit un­ter drei­jäh­ri­gen Kin­dern, dass sich bei­de Part­ner gleich­mä­ßig in Be­ruf und Fa­mi­lie ein­brin­gen. Aber nur 14 Pro­zent der Paa­re ver­wirk­li­chen das. Das heißt: Im Nor­mal­fall geht der Va­ter wei­ter­hin in Voll­zeit ar­bei­ten und die Mut­ter küm­mert sich um die Kin­der­er­zie­hung und den Haus­halt.

So­bald die Kin­der drei Jah­re alt sind, ar­bei­ten Müt­ter meist als Zu- ver­die­ner, stellt Jo­han­na Pos­sin­ger in ei­ner Ana­ly­se zur Rol­le von Vä­tern für das Deut­sche Ju­gend­in­sti­tut fest. Die Pro­fes­so­rin be­schäf­tigt sich mit Ge­schlech­ter­fra­gen und Rol­len­ver­tei­lung.

Die Ga­blers sind al­so eher Aus­nah­me als Re­gel­fall. Als die bei­den er­fuh­ren, dass sie ein Kind be­kom­men, steck­te Lo­re­na mit­ten im Staats­ex­amen. Sie wird Leh­re­rin. Und es war klar: Wenn das neue Schul­jahr be­ginnt, fängt ihr Re­fe­ren­da­ri­at an. Al­so nahm Gab­ler ab dem Ge­burts­tag sei­nes Sohns El­tern­zeit – bis heu­te. Auch das ist eher ei­ne Aus­nah­me, sagt Fran­zis­ka Zim­mert. Sie küm­mert sich beim In­sti­tut für Ar­beits- und Be­rufs­for­schung in Nürn­berg um das The­ma El­tern­geld. In Bay­ern, sagt sie, ge­hen zwar vie­le Män­ner in El­tern­zeit. Aber nur für zwei Mo­na­te. Als der Bund 2007 das El­tern­geld ein­führ­te, leg­te er es so an, dass bei­de El­tern ei­ne ge­wis­se Zeit lang im Job pau­sie­ren müs­sen, um die Leis­tung vol­le 14 Mo­na­te lang zu be­kom­men. In­ner­halb die­ser Zeit müs­sen Mut­ter und Va­ter je­weils min­des­tens zwei und höchs­tens zwölf Mo­na­te nicht ar­bei­ten. Wie die Part­ner sich das auf­tei­len, ist ih­nen über­las­sen.

In der Pra­xis sieht das so aus: Meist neh­men die Müt­ter ein Jahr lang ei­ne Aus­zeit. Die Vä­ter für zwei Mo­na­te – und die­se dann oft gleich­zei­tig mit den Müt­tern. „Fast 85 Pro­zent der baye­ri­schen Vä­ter ge­hen zwei Mo­na­te in El­tern­zeit“, sagt Zim­mert. Nur knapp un­ter drei Pro­zent der Vä­ter küm­mern sich – wie Gab­ler – ein Jahr oder län­ger um ihr Kind. Das hat Fol­gen, hat So­zio­lo­gie-pro­fes­so­rin Pos­sin­ger her­aus­ge­fun­den: Denn die Rol­len­ver­tei­lung in der Fa­mi­lie bleibt die al­te. Frau­en ar­bei­ten im Haus­halt, Män­ner ver­die­nen das Geld – ob­wohl das bei­de Part­ner un­zu­frie­den macht.

Na­tür­lich ste­hen hin­ter die­ser Ent­schei­dung oft fi­nan­zi­el­le Grün­de. Wie hoch das El­tern­geld aus­fällt, wird auf der Grund­la­ge des Net­toein­kom­mens vor der Ge­burt des Kin­des be­rech­net. Es be­trägt min­des­tens 300 und höchs­tens 1800 Eu­ro im Mo­nat. Meist wird je­doch nicht das vol­le Ein­kom­men er­setzt. Des­halb kön­nen es sich vie­le Fa­mi­li­en schlicht nicht leis­ten, dass der Haupt­ver­die­ner – und das sind im­mer noch mehr­heit­lich die Män­ner – über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum we­ni­ger ver­dient. Die Er­war­tung, ih­re Fa­mi­lie al­lei­ne er­näh­ren zu müs­sen, setzt Vä­ter laut Pos­sin­ger un­ter Druck. Sie ver­brin­gen meist so­gar mehr Zeit in der Ar­beit als ih­re männ­li­chen Kol­le­gen oh­ne Kin­der.

Die Ga­blers ha­ben ei­nen an­de­ren Plan: „Lo­re­na soll ihr Re­fe­ren­da­ri­at so gut wie mög­lich ma­chen. Da­für schaf­fe ich ihr den Frei­raum“, sagt ihr Mann. „Wenn sie ir­gend­wann Be­am­tin wird, ist sie die Haupt­ver­die­ne­rin in der Fa­mi­lie.“Mar­tin

Fo­to: Ul­rich Wa­gner

Mar­tin Gab­ler mit sei­nem Sohn Noah: Der 31 Jäh­ri­ge hat El­tern­zeit ge­nom­men, wäh­rend sei­ne Frau ih­re Aus­bil­dung zur Leh­re­rin ab­schließt. Da­mit ist er in gu­ter Ge­sell­schaft: Denn mehr als 40 Pro­zent al­ler baye­ri­schen Män­ner küm­mern sich in­zwi­schen für meh­re­re Mo­na­te um ih­ren Nach­wuchs.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.