Ihr klei­ner Sohn Ser­kan hat Deutsch ver­lernt

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Die Dritte Seite -

Toch­ter und den En­kel ge­küm­mert, ist mo­na­te­lang en­er­gisch und wort­ge­wal­tig auf­ge­tre­ten. „Ein gro­ßer Tag“, freut er sich. Der Bru­der ist da, die Schwes­ter, die hoch be­tag­te Groß­mut­ter Gü­ley. Sie möch­ten die Schwes­ter, die En­ke­lin be­grü­ßen. Doch jetzt über­nimmt die Bun­des­po­li­zei die Re­gie und lotst die Fa­mi­lie in ei­nen ab­ge­schlos­se­nen Be­reich. Die al­ler­ers­te St­un­de nach der An­kunft ha­ben An­ge­hö­ri­ge und engs­te Freun­de für sich, sind von der Öf­fent­lich­keit ab­ge­schirmt. Erst da­nach wen­det sich die 33-Jäh­ri­ge an die Pres­se­ver­tre­ter.

Über ih­re Rück­kehr in die Hei­mat kön­ne sie sich nicht wirk­lich freu­en, sagt die ge­bür­ti­ge Ul­me­rin. „Weil ich weiß, dass sich in dem Land, in dem ich ein­ge­sperrt war, nichts ver­än­dert hat.“Sie sei zwar wie­der hier, aber hun­der­te Jour­na­lis­ten, Op­po­si­tio­nel­le, An­wäl­te und Stu­den­ten sei­en im­mer noch in der Tür­kei in­haf­tiert. To­lu kün­dig­te an, sich wei­ter für die­se Men­schen ein­set­zen zu wol­len. Die Jour­na­lis­tin, die für die lin­ke Nach­rich­ten­agen­tur Etha ar­bei­te­te, war mehr als sie­ben Mo­na­te lang we­gen Ter­ror­vor­wür­fen im Ge­fäng­nis – die Tür­kei wirft ihr Un­ter­stüt­zung der ver­bo­te­nen links­ex­tre­men Grup­pe MLKP vor. Nach ih­rer Frei­las­sung im De­zem­ber durf­te sie nicht aus­rei­sen.

Jetzt, wo sie wie­der da­heim ist, wer­den To­lu und ihr Sohn erst ein­mal beim Va­ter der jun­gen Frau im Haus der Groß­fa­mi­lie in Neu-ulm woh­nen. To­lu ist deut­sche Staats­bür­ge­rin, sie sagt, es sei für sie un­ge­wohnt, nach 17 Mo­na­ten wie­der in Deutsch­land zu sein. Sie will nun mal Fa­mi­lie und Freun­de tref­fen und al­les ver­ar­bei­ten. Ihr Sohn Ser­kan müs­se in den Kin­der­gar­ten. Er ha­be die deut­sche Spra­che ver­lernt und müs­se al­les neu ler­nen. Sie hof­fe, dass ih­re Fa­mi­lie bald wie­der ver­eint sei, sagt sie mit Blick auf die wei­ter­hin be­ste­hen­de Aus­rei­se­sper­re für ih­ren Mann Suat Cor­lu, der tür­ki­scher Staats­bür­ger ist.

Me­sa­le To­lu will trotz der lan­gen Ge­fan­gen­schaft für ih­ren Pro­zess wie­der in die Tür­kei rei­sen. Der nächs­te Ver­hand­lungs­ter­min ist für den 16. Ok­to­ber an­ge­setzt. Sie wol­le teil­neh­men, weil sie ih­re Un­schuld be­wei­sen wol­le und der Mei­nung sei, dass sie im Recht ist. Sie ge­he nicht da­von aus, noch­mals in­haf­tiert zu wer­den. „Na­tür­lich ist es ei­ne will­kür­li­che Herr­schaft, die re­giert, die wie­der al­les ma­chen kann. Aber ich den­ke, ich bin ein­fach erst mal ein biss­chen mu­tig“, sagt To­lu. Sie wer­de sich aber nicht blind ei­ner Ge­fahr aus­set­zen. Eben we­gen ih­res klei­nen Soh­nes.

In all der schwe­ren Zeit schöpf­te Me­sa­le To­lu viel Kraft aus der gro­ßen Un­ter­stüt­zung aus der Hei­mat. Am 22. De­zem­ber 2017 bei­spiels­wei­se, als die fro­he Bot­schaft über ih­re Frei­las­sung im Club Oran­ge in Ulm ge­fei­ert wur­de. In dem Raum der Ul­mer Volks­hoch­schu­le ste­hen be­quem ge­pols­ter­te Scha­len­ses­sel. An dem reg­ne­ri­schen Abend rei­chen sie bei wei­tem nicht. Es herrscht Volks­fest­stim­mung. Cdu-stadt­rat Tho­mas Ki­en­le und die Lin­ken­bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Hei­ke Hän­sel ste­hen auf der nied­ri­gen Büh­ne. Sie sind sich ei­nig in dem, was sie sa­gen: Jetzt muss ge­fei­ert wer­den. Seit vier Ta­gen ist Me­sa­le To­lu frei, jetzt wird sie über Vi­deo­te­le­fo­nie nach Ulm zu­ge­schal­tet.

Kon­ser­va­ti­ve und Lin­ke, Freun­de und Fa­mi­lie, Stadt­rä­te und Leh­rer, Mi­gran­ten und Alt­ein­ge­ses­se­ne: Die Un­ter­stüt­zer aus Ulm und Neuulm sind zahl­reich und un­ter­schied­lich. Wenn es um Me­sa­le To­lu geht, kom­men sie zu­sam­men, aus vie­len Ecken der Ge­sell­schaft. Sie de­mons­trie­ren für die Jour­na­lis­tin. Der Neu-ul­mer und der Ul­mer Stadt­rat for­dern in ei­ner Re­so­lu­ti­on die Frei­las­sung der Frau. Zu ei­nem So­li­da­ri­täts­kon­zert im Ul­mer Korn­haus im Ok­to­ber kom­men 400 Zu­hö­rer. Fast al­les fin­det in Ulm statt. Dass die Fa­mi­lie To­lu ei­gent­lich in Neu-ulm lebt, geht bis­wei­len un­ter.

Als Me­sa­le To­lus Ge­sicht auf der Lein­wand zu se­hen ist, bran­det im Club Oran­ge Ju­bel auf. To­lu lacht, winkt und wirft ih­rer frü­he­ren Leh­re­rin An­ge­li­ka Lan­nin­ger ei­ne Kuss­hand zu. Lan­nin­ger hat To­lu am Ul­mer An­na-es­sin­ger-gym­na­si­um un­ter­rich­tet. Jah­re spä­ter ge­hört die zier­li­che Frau zu den un­er­müd­li­chen Kämp­fern für ih­re früerst he­re Schü­le­rin. Lan­nin­ger stellt ei­ne Pe­ti­ti­on ins In­ter­net, in der sie die Frei­las­sung der Jour­na­lis­tin for­dert, und schreibt an Ex-au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el. Als ih­re frü­he­re Schü­le­rin das Frau­en­gefäng­nis ver­las­sen darf, passt Lan­nin­ger die Pe­ti­ti­on an. Die soll nun ei­ne Platt­form sein, auf der al­le Un­ter­stüt­zer ih­re So­li­da­ri­tät mit der Neu-ul­me­rin aus­drü­cken kön­nen. Mehr als 112 000 Men­schen ha­ben das ge­tan.

An­ge­li­ka Lan­nin­ger ge­hört zu de­nen, die für Me­sa­le To­lu auf die Stra­ße ge­hen. 30 Wo­chen lang tref­fen sich die Un­ter­stüt­zer an der Ul­mer Hirsch­stra­ße, kaum 100 Me­ter vom Müns­ter ent­fernt. Je­den Frei­tag um 18 Uhr ste­hen sie dort, bei Hit­ze und bei strö­men­dem Re­gen. Auch nach der Frei­las­sung von Me­sa­le To­lu ge­hen die De­mons­tra­tio­nen wei­ter – ein­mal pro Mo­nat, für al­le an­de­ren po­li­ti­schen Ge­fan­ge­nen in der Tür­kei. Cen­giz Do­gan ist ei­ner der Spre­cher des „So­li­da­ri­täts­krei­ses Frei­heit für Me­sa­le To­lu“. Der Elek­tro­in­ge­nieur aus Laichin­gen kommt zu je­der der Kund­ge­bun­gen nach Ulm, 30 Ki­lo­me­ter hin, 30 zu­rück. Be­vor To­lu in Istan­bul von ei­ner Spe­zi­al­ein­heit fest­ge­nom­men wird, kann­te er die Fa­mi­lie nicht. Doch das, was mit der jun­gen Frau pas­siert, will Do­gan nicht ein­fach hin­neh­men. Der Un­ter­neh­mer schließt sich mit den Freun­den und der Fa­mi­lie zu­sam­men. Sie or­ga­ni­sie­ren die De­mons­tra­tio­nen und sam­meln Geld, um Es­sen und Spiel­sa­chen für Me­sa­les Sohn zu kau­fen.

Nicht al­les läuft rei­bungs­los. Cem To­prak, of­fi­zi­el­ler Ver­an­stal­ter der Kund­ge­bun­gen, steht im Mai 2018 vor dem Ul­mer Amts­ge­richt. Er will ei­ne Geld­stra­fe nicht ak­zep­tie­ren. Die ist ihm auf­ge­brummt wor­den, weil die Ord­ner bei vier De­mons­tra­tio­nen kei­ne Wes­ten oder Arm­bin­den ge­tra­gen ha­ben. To­praks Ein­spruch hat kei­nen Er­folg. Er muss 1200 Eu­ro Stra­fe be­zah­len. Geld be­rei­tet auch der Fa­mi­lie To­lu Sor­gen. Me­sa­les Va­ter Ali Ri­za To­lu woll­te sei­nen Ru­he­stand ei­gent­lich in der Tür­kei ver­brin­gen. Statt­des­sen pen­delt er zwi­schen Neu-ulm und Istan­bul. Die Rei­sen sind teu­er.

Jetzt neh­men sie ein En­de. Die Fa­mi­lie holt Me­sa­le am Stutt­gar­ter Flug­ha­fen ab. Die Po­li­ti­ker der bei­den Do­n­au­städ­te hal­ten sich zu­rück. „Wir wol­len uns nicht auf­drän­gen“, sagt ei­ne Spre­che­rin der Stadt Neuulm. „Jetzt geht es erst mal dar­um, dass sie an­kommt“, be­tont Ulms Ober­bür­ger­meis­ter Gun­ter Czisch. Bei­de Städ­te ha­ben die Fa­mi­lie ein­ge­la­den. „Wir freu­en uns, dass sie heim­kommt. Den wei­te­ren Zeit­plan be­stimmt sie“, sagt Czisch. Die Fa­mi­lie ist nur schwer zu er­rei­chen, man­che Ver­wand­te sind im Ur­laub. Da­mit, dass Me­sa­le so plötz­lich zu­rück­dür­fen

Fo­tos: Chris­toph Schmidt und Lin­da Say, dpa

Me­sa­le To­lu lan­de­te zu­sam­men mit ih­rem klei­nen Sohn ges­tern Mit­tag auf dem Stutt­gar­ter Flug­ha­fen. In ei­ner Pres­se­kon­fe­renz be­ton­te sie, dass sie sich nicht wirk­lich über die Aus­rei­se freue. Denn in der Tür­kei sei­en im­mer noch hun­der­te Jour­na­lis­ten, Op­po­si­tio­nel­le und Stu­den­ten in­haf­tiert.

Me­sa­le To­lu mit ih­rem Mann Suat Cor­lu im April 2018 im Istan­bu­ler Ge­richt.

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