„Die Hä­me in Deutsch­land regt mich auf“

In­ter­view Frank The­len in­ves­tiert in der Show „Die Höh­le der Lö­wen“in Start-ups. Jetzt hat er sei­ne Bio­gra­fie vor­ge­legt – und spricht über die Zeit als Ska­ter, die Mut­lo­sig­keit vie­ler Wirt­schafts­len­ker und den größ­ten Feh­ler sei­nes Le­bens

Allgäuer Zeitung (Kaufbeurer Tagblatt) - - Wirtschaft -

Herr The­len, ste­hen Sie ei­gent­lich noch ab und zu auf dem Skate­board? Frank The­len: Viel zu sel­ten, lei­der. Und ehr­li­cher­wei­se meis­tens nur noch für Fern­seh­auf­nah­men. Aber gera­de gibt es ein­fach zu vie­le an­de­re wich­ti­ge The­men für mich. Ich hof­fe, dass ich ir­gend­wann wie­der mehr Zeit ha­be – und mei­ne Kno­chen dann noch mit­spie­len.

Sie schrei­ben in Ih­rer Bio­gra­fie, beim Skate­boar­den viel fürs Le­ben ge­lernt zu ha­ben. Die wich­tigs­te Lek­ti­on? The­len: Gera­de am An­fang fällt man im­mer wie­der or­dent­lich hin. Das ge­hört da­zu. Aber man lernt auch, die Zäh­ne zu­sam­men­zu­bei­ßen und wie­der auf­zu­ste­hen.

Mit An­fang 20 sind Sie – um im Bild zu blei­ben – als Un­ter­neh­mer ziem­lich auf die Na­se ge­fal­len. Wie kam es da­zu? The­len: Mit mei­ner Fir­ma ha­be ich da­mals ei­nen Rou­ter ent­wi­ckelt, der lo­ka­le Netz­wer­ke mit dem In­ter­net ver­bun­den hat. Ich ha­be wie wild pro­gram­miert, aber da­bei ir­gend­wie ver­ges­sen, mein Pro­dukt zu ver­kau­fen. Als die Bank auf mich zu­kam und mir ei­nen gro­ßen Kre­dit an­ge­bo­ten hat, ha­be ich den ein­fach blind un­ter­zeich­net, ob­wohl ich per­sön­lich da­für bür­gen soll­te.

Ganz schön leicht­sin­nig... The­len: Das war si­cher­lich der größ­te Feh­ler in mei­nem Le­ben. Aber es war die Zeit des Neu­en Mark­tes. Da herrsch­te Par­ty­stim­mung, man­che Grün­der brach­ten ihr Geld wie wild durch. Ich ha­be zwar nicht so viel Par­ty ge­macht, mich aber trotz­dem von die­ser Stim­mung an­ste­cken las­sen. Das Geld ha­be ich dann in Mit­ar­bei­ter und neue Pro­duk­te in­ves­tiert, oh­ne mich zu fra­gen, ob ich mir das leis­ten kann. Als die Ne­we­co­no­my-bla­se platz­te, ging die Fir­ma plei­te und ich stand plötz­lich mit fast ei­ner Mil­li­on D-mark Schul­den da.

Mit 25 Jah­ren sa­ßen Sie plötz­lich wie­der in Ih­rem Kin­der­zim­mer. Wie fühlt man sich da? The­len: Wie ein ech­ter Ver­lie­rer. Ich hat­te Na­sen­blu­ten, Haut­aus­schlä­ge und so wei­ter. Da­mals dach­te ich: Mei­ne Freun­de fan­gen jetzt ih­re Kar­rie­re an und ich ste­he vor dem Schei­ter­hau­fen mei­nes Le­bens.

Am En­de ha­ben Sie ei­nen Deal mit der Bank ge­schlos­sen, viel Geld zu­rück­ge­zahlt und wie­der Start-ups ge­grün­det. Ver­su­chen Sie heu­te, jun­ge Grün­der in „Die Höh­le der Lö­wen“vor sol­chen Feh­lern zu be­wah­ren? The­len: Auf je­den Fall. Ich ver­lan­ge zwar, dass der Grün­der al­les gibt und hart ar­bei­tet. Aber ich er­lau­be nicht, dass er ei­nen Schul­den­berg an­häuft, den er nicht mit ei­nem nor­ma­len Job in­ner­halb von drei bis vier Jah­ren wie­der ab­zah­len könn­te.

Re­den wir über die Sen­dung. Am ers­ten Dreh­tag sind Sie – ich zi­tie­re – ins Stu­dio ge­stapft „wie ein schlecht an­ge­zo­ge­ner It-ge­ek in die Os­car-ver­lei­hung“. So schlimm? The­len (lacht): Das ist na­tür­lich ein biss­chen Sto­ry­tel­ling. Ich ha­be ein­fach die glei­chen Kla­mot­ten wie im­mer an­ge­zo­gen. Ich hat­te kei­ne Sty­le­be­ra­ter wie die an­de­ren, und schon gar kei­nen Maß­an­zug. Noch mehr ge­schockt hat mich aber der Tru­bel im Stu­dio.

Was war da los? The­len: Es war ein­fach un­fass­bar, wie vie­le Leu­te da rum­ge­rannt sind. Ich bin es ge­wohnt, in klei­nen Teams zu ar­bei­ten, wo je­der al­les macht. Aber bei „Die Höh­le der Lö­wen“wa­ren 100 Leu­te am Set und ei­ner war zum Bei­spiel nur da­für zu­stän­dig, das Feu­er im Ka­min an­zu­zün­den. Wenn ich dar­über nach­den­ke, krie­ge ich ei­nen Herz­in­farkt. Aber gut, der Sen­der ist noch nicht in­sol­vent, das scheint zu funk­tio­nie­ren.

Die Ju­ry­mit­glie­der ha­ben seit der ers­ten Staf­fel der Sen­dung ein paar Mal ge­wech­selt. Jo­chen Schwei­zer ist mitt­ler­wei­le nicht mehr da­bei. Trau­rig schei­nen Sie über den Ab­gang nicht ge­we­sen zu sein. The­len: Ich bin ein Typ, der Frie­den mag und in Ru­he ar­bei­ten will. Jo­chen hat viel er­reicht und ein tol­les Un­ter­neh­men auf­ge­baut. Aber bei un­se­ren Auf­nah­men stand er sich manch­mal selbst im Weg, das war zu­min­dest mein per­sön­li­cher Ein­druck.

Was mei­nen Sie? The­len: Er hat sich, so­weit ich mich er­in­ne­re, auf Fo­tos plötz­lich nach vor­ne ge­drängt. Oder mein­te, schla­fen zu müs­sen, ob­wohl das gan­ze Team wei­ter­dre­hen woll­te. Mir hat das ir­gend­wann ein­fach kei­ne Freu­de mehr ge­macht. Hät­te Jo­chen nicht auf­ge­hört, wä­re ich aus­ge­stie­gen. Dar­über ha­be ich auch Vox und So­ny in­for­miert. Aber dann ist Jo­chen ja von selbst ge­gan­gen und al­les war gut. Ich will aber auch noch mal sa­gen, dass ich gro­ßen Re­spekt vor sei­nem Le­bens­lauf und Er­fol­gen ha­be, nur in der täg­li­chen Zu­sam- men­ar­beit hat es für mich nicht ge­passt.

Im Sep­tem­ber geht „Die Höh­le der Lö­wen“in die fünf­te Staf­fel. Was sind das für Leu­te, die heu­te da­hin kom­men? The­len: Im Ver­gleich zum An­fang hat sich die Sen­dung sehr gut ent­wi­ckelt. In der ers­ten Staf­fel gab es zum Teil un­fass­ba­ren Blöd­sinn. Heu­te kom­men die Grün­der auf den Punkt und ha­ben ih­ren Kram drauf. Wir ha­ben mitt­ler­wei­le ech­te Un­ter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten da, mit de­nen das Dis­ku­tie­ren

Spaß macht.

Ein neu­er Mark Zu­cker­berg oder Elon Musk war aber noch nicht da­bei? The­len: Nein, aber da muss man auch rea­lis­tisch blei­ben. Ein hoch­kom­ple­xes tech­ni­sches Pro­dukt kann man nicht in­ner­halb ei­ner St­un­de ein­schät­zen. Wenn je­mand al­so ei­nen neu­en Ener­gie­spei­cher oder ein flie­gen­des Au­to baut, dann müss­ten wir als In­ves­to­ren ei­gent­lich in Bau­plä­ne oder Soft­ware-ar­chi­tek­tur hin­ein­schau­en. Das kann die Show nicht lie­fern.

Vi­sio­nä­re wie Zu­cker­berg oder Musk kom­men meist aus den USA. Fehlt den deut­schen Un­ter­neh­mern die nö­ti­ge Por­ti­on Grö­ßen­wahn? The­len: Vie­le deut­sche Grün­der den­ken eher klein und ver­su­chen, Lö­sun­gen für all­täg­li­che Pro­ble­me zu ent­wi­ckeln. Da geht es dann um Fut­ter für Haus­tie­re oder so et­was. Tat­säch­lich brau­chen wir aber Un­ter­neh­mer, die grö­ßer den­ken und sich The­men wie Mo­bi­li­tät oder Ener­gie an­neh­men – so wie die am An­fang oft als ver­rückt be­zeich­ne­ten Grün­der aus den USA. Aber in Deutsch­land feh­len nicht nur die mu­ti­gen Grün­der, son­dern auch mu­ti­ge In­ves­to­ren.

Den­ken die eben­falls zu klein? The­len: Un­se­re Wag­nis­ka­pi­tal-sze­ne ist für sol­che In­ves­ti­tio­nen heu­te nicht be­reit. Die In­ves­to­ren wol­len lie­ber BWLER mit Ex­cel-ta­bel­len und kla­ren Bu­si­ness­plä­nen. Al­so müs­sen wir auf der ei­nen Sei­te wie­der ler­nen, groß zu den­ken. Auf der an­de­ren Sei­te muss aber das Ven­ture Ca­pi­tal mit­zie­hen und re­vo­lu­tio­nä­ren Ide­en ei­ne Chan­ce ge­ben.

Sie rüh­men sich, mit Ih­rer In­vest­ment­fir­ma Frei­geist ge­nau das zu tun. Ha­ben Sie kei­ne Angst, je­de Men­ge Geld in den Sand zu set­zen? The­len: Angst vi­el­leicht, Re­spekt auf je­den Fall. Wir ge­hen ho­he Ri­si­ken ein und wer­den oft­mals un­ser Geld ver­lie­ren. Aber dar­um geht es: Dass man sich traut. Al­so nicht mit Tem­po 120 über die Au­to­bahn fährt, son­dern mal schaut, was bei Tem­po 320 pas­siert. Ich hal­te das für ex­trem wich­tig, denn wir ha­ben die Ent­wick­lung der gro­ßen tech­no­lo­gi­schen Trends zu­letzt oh­ne Aus­nah­me an die USA und Chi­na ab­ge­ge­ben.

Das klingt düs­ter. Lässt sich ein sol­cher Rück­stand über­haupt auf­ho­len? The­len: Ja und nein. Bei den be­ste­hen­den Tech­no­lo­gi­en ha­ben wir kei­ne Chan­ce mehr. Aber es kom­men neue Tech­no­lo­gi­en: Quan­ten-com­pu­ting, künst­li­che In­tel­li­genz, Ro­bo­tik, E-trans­por­ta­ti­on, Flug­ta­xis. Wir müs­sen ver­su­chen, die­se neu­en Tech­no­lo­gie-wel­len mit­zu­neh­men und end­lich mal wie­der Welt­markt­füh­rer zu wer­den.

Von Flug­ta­xis hat zu­letzt auch Do­ro­thee Bär ge­träumt – und viel Hä­me ein­ge­steckt. Sie ha­ben schon vor drei Jah­ren in Li­li­um Avia­ti­on in­ves­tiert, ei­ne Fir­ma, die ge­nau dar­an ar­bei­tet. So übel kann die Idee al­so nicht sein? The­len: Ich glau­be, Flug­ta­xis wer­den deut­lich frü­her und um­fas­sen­der star­ten, als fast al­le das heu­te den­ken. Die­se Hä­me regt mich auf. Das ist der glei­che Spott, den wir jetzt bei Elon Musk er­le­ben, und der mich wirk­lich är­gert. Da sind wir end­lich mal wie­der füh­rend bei ei­ner neu­en Tech­no­lo­gie. Und dann neh­men die Leu­te je­man­den wie Doro Bär aus­ein­an­der und sa­gen: Mach doch erst ein­mal Breit­band. Na­tür­lich brau­chen wir Breit­band. Aber es kann doch nicht sein, dass je­der, der et­was nach vor­ne brin­gen will, im­mer so ne­ga­tiv be­han­delt wird.

Ist das ty­pisch deutsch? The­len: Auf je­den Fall. Wir Deut­schen sind die Welt­meis­ter un­ter den Be­den­ken­trä­gern. Da­bei bräuch­ten wir mehr Men­schen wie Doro Bär, Chris­ti­an Lind­ner oder Jens Spahn. Al­so Po­li­ti­ker, die aus sich her­aus ehr­lich und au­then­tisch kom­mu­ni­zie­ren. Kaum ein Po­li­ti­ker traut sich noch, kla­re Kan­te zu zei­gen oh­ne vor­her al­les mit sei­nem Be­ra­ter­stab ab­zu­seg­nen. Des­halb sind AFD und Link­s­par­tei doch so stark in Deutsch­land.

Sie wa­ren ei­ni­ge Zeit lang Cdu-mit­glied. In Ih­rer Bio­gra­fie ha­be ich kein Wort dar­über ge­fun­den. Ist Ih­nen das heu­te pein­lich? The­len: Nein. Ich ha­be mich da­mals von An­ge­la Mer­kel be­geis­tern las­sen, die ich bis heu­te sehr schät­ze. Ich hat­te das Glück, sie mehr­mals zu tref­fen und mit ihr zu dis­ku­tie­ren. Sie ist ei­ne groß­ar­ti­ge Frau. Des­halb woll­te ich Flag­ge zei­gen und in die Par­tei ein­tre­ten. Das war aber zu kurz ge­dacht.

War­um? The­len: Ich will Deutsch­land vor­an­brin­gen. Und das geht nur, wenn ich völ­lig frei Leu­te aus al­len Par­tei­en un­ter­stüt­zen kann. Ich möch­te auch wei­ter­hin im­mer klar sa­gen, wen ich für gut hal­te und wen nicht. Je­der Wäh­ler von AFD und Lin­ke tut mir zum Bei­spiel rich­tig weh, das fin­de ich grau­sam.

Sie­mens-chef Joe Ka­e­ser hat sich zu­letzt sehr klar ge­gen die AFD und ge­gen Ras­sis­mus ge­stellt. Wie po­li­tisch darf ein Un­ter­neh­mer sein? The­len: Noch viel po­li­ti­scher, als die meis­ten heu­te sind. Wir al­le soll­ten un­se­re Mei­nung sa­gen. Als Wirt­schafts­len­ker ge­nau­so wie als Arzt, als Mu­si­ker oder als Kran­ken­pfle­ger. Aber na­tür­lich soll­te man kei­ne Stamm­tisch­pa­ro­len raus­hau­en, son­dern sich mit dem The­ma be­fasst ha­ben, über das man re­det.

Wä­re ein Wech­sel in die Po­li­tik et­was für Sie – zum Bei­spiel als par­tei­lo­ser Kan­di­dat? The­len: So wie Ma­cron? Okay, das wür­de mich jetzt wirk­lich rei­zen. Aber ich ha­be ei­nen Plan für mei­ne nächs­ten zehn Jah­re, den will ich jetzt um­set­zen. Vi­el­leicht da­nach.

Steht auch im Raum, noch mal ein Un­ter­neh­men zu grün­den? The­len: Kann ich nicht sa­gen. Bei Frei­geist ha­ben wir uns ver­pflich­tet, zehn Jah­re nur dar­an zu ar­bei­ten. Mög­li­cher­wei­se im An­schluss noch mal. Ge­fühlt aber nein.

In­ter­view: Sa­rah Schier­ack

Frank The­len, 42, ist Un­ter­neh­mer und Start up Grün­der. In sei­ner Ju­gend war er be­geis­ter­ter Ska­te boar­der. Er brach­te sich selbst das Pro­gram­mie­ren bei, mit 18 grün­de­te The­len sei­ne ers­te Fir­ma. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren hat er sie­ben Tech Fir­men ge­grün­det und ei­ni­ge da­von er­folg­reich ver­kauft. Seit 2014 sitzt er in der Ju­ry der Sen­dung „Die Höh­le der Lö­wen“, in der In­ves to­ren um die Gunst von Start up Fir­men buh­len. Mit sei­ner Wag­nis ka­pi­tal Fir­ma Frei­geist in­ves­tiert er in jun­ge Un­ter­neh­men. The­len lebt mit sei­ner Frau in Bonn, die bei den ha­ben drei Kin­der. An die­sem Mon­tag er­scheint sei­ne Au­to­bio gra­fie „Star­t­up DNA“(Mur­mann Pu­blis­hers, 288 Sei­ten, 22 Eu­ro).

Fo­to: Rolf Ven­nen­bernd, dpa

Kri­ti­scher Blick, ehr­li­che Wor­te: Frank The­len sagt den Grün­dern, die in die Sen­dung „Die Höh­le der Lö­wen“kom­men, auch schon mal un­ge­schönt sei­ne Mei­nung.

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