„Hier bin ich da­heim“

Le­bens­we­ge Der Ka­me­ru­ner Va­len­tin Pe­ka braucht Aus­gleich zu sei­ner Ar­beit als Sys­temin­ge­nieur. Die fin­det er bei der Stall­ar­beit. Und manch­mal ver­kauft er auf Ver­brau­cher­mes­sen auch All­gäu­er Kä­se

Allgäuer Zeitung (Kempter Tagblatt) - - Allgäu-rundschau - VON ALEX­AN­DER VUCKO

Kal­ten­tal Die Schwei­ne sprin­gen grun­zend am Gat­ter hoch, so­bald Va­len­tin Pe­ka mit dem Trog den Stall be­tritt. Auch die Kü­he schei­nen das Ri­tu­al zu lie­ben, wenn er die Rei­hen ab­schrei­tet und je­dem Tier ei­ne Hand­voll Bi­o­fut­ter an­bie­tet. Am En­de klopft Pe­ka An­ni und den an­de­ren Da­men noch ein­mal auf den ge­lock­ten Schopf. „Ab­klat­schen“nen­nen sie das auf dem Hof der Ho­fers im Ost­all­gäu­er Kal­ten­tal. Wie bei ei­ner Fuß­ball­mann­schaft. Wenn Alois Ho­fer Te­am­ma­na­ger ist, dann ist Pe­ka so et­was wie der Mo­ti­va­ti­ons­künst­ler, der im Stall nicht nur Hand an­legt, son­dern al­le paar Ta­ge für Stim­mung sorgt.

„Mir macht es ein­fach rie­sen Spaß, hier mit­zu­ar­bei­ten“, sagt Pe­ka, 29 Jah­re alt, aus Ka­me­run. „Und au­ßer­dem schla­fe ich bes­ser.“Er füt­tert und melkt die Tie­re, mis­tet den Stall aus, spal­tet Brenn­holz, ern­tet Äp­fel, macht Saft dar­aus und manch­mal ver­kauft er auch den All­gäu­er Kä­se aus der Ho­fer Ma­nu­fak­tur, so wie jüngst auf Mes­se Food & Li­fe in Mün­chen. In Le­der­ho­se. „Die Leu­te wa­ren to­tal be­geis­tert“, sagt Ho­fer. Pe­ka ver­kör­pe­re sei­ne Phi­lo­so­phie des öko­lo­gi­schen Land­baus per­fekt. Da wir­ke es auch nicht auf­ge­setzt, wenn ein Afri­ka­ner bei ei­ner Mes­se mal baye­ri­sche Tracht trägt. Na ja, lus­tig war es schon. „Wir ha­ben uns als Va­ter und Sohn aus­ge­ge­ben“, sagt Ho­fer. „Die Leut’ ha­ben ge­brüllt vor La­chen.“

Für Pe­ka ist die Ar­beit auf dem Bau­ern­hof ein Hob­by. „Ich brau­che die kör­per­lich har­te Tä­tig­keit als Aus­gleich“, sagt der Sys­temin­ge­nieur, der im Kauf­beu­rer Prüf­la­bor In­ter­tek elek­tri­sche Ge­rä­te tes­tet, ob sie den An­ga­ben der Hersteller ent­spre­chen. „Ich muss mich ein­fach be­we­gen“, sagt er. Ein paar Mal war er im Fit­ness­stu­dio. Aber das war nicht, was er such­te. „Bo­dy­buil­ding ma­chen wir hier auch“, sagt Ho­fer. Pe­ka kennt zu­dem die Land­wirt­schaft aus Ka­me­run, wo sei­ne Fa­mi­lie für den Ei­gen­be­darf pro­du­zier­te. „Das ist mir al­les sehr ver­traut.“

Va­len­tin Pe­ka ver­ließ sei­ne Hei­mat vor zwölf Jah­ren, um in Bre­men zu stu­die­ren. Ein Teil sei­nes Un­ter­halts ver­dien­te er dort als Li­ni­en­bus­fah­rer. Als Tes­tin­ge­nieur ging er nach sei­nem Ab­schluss zu In­ter­tek nach Kauf­beu­ren, leb­te in ei­ner Wohn­ge­mein­schaft auf dem Dorf. Was Bi­o­bau­er Alois Ho­fer er­zählt, könn­te aus ei­nem Dreh­buch für ei­ne sehr fan­ta­sie­voll ge­strick­te Vor­abend­se­rie stam­men. Im ver­gan­ge­nen Jahr stand Pe­ka je­den­falls auf dem Hof und frag­te, ob er ab und zu ein paar St­un­den mit­hel­fen kön­ne. „Das pas­siert schon mal“, sagt Ho­fer.

Das sind aber kei­ne Afri­ka­ner, die ein Hob­by als Aus­gleich für ih­ren La­bor­job su­chen. Ho­fer ließ sich erst ein­mal ei­nen hand­ge­schrie­be- nen Le­bens­lauf vor­le­gen und ihn pro­be­wei­se mit­hel­fen. „Da müs­sen wir noch üben“, mein­te Ho­fer, nach­dem Pe­ka den 30 Tie­ren an­fangs noch mit zu­rück­hal­ten­dem Re­spekt ge­gen­über­trat. „Re­spekt hat er heu­te noch, aber im bes­ten Sin­ne“, sagt der Land­wirt. „Be­rüh­rungs­ängs­te gibt es kei­ne mehr.“Im Ge­gen­teil, Pe­ka wis­se mitt­ler­wei­le ge­nau, wie es den Tie­ren geht und was sie brau­chen. Nach zwölf Jah­ren in Deutsch­land hat er auch mit Ho­fers Dia­lekt kein Pro­blem. Nur spre­chen kann er ihn noch nicht.

„Ich möch­te, dass mei­ne drei Kin­der wis­sen, wo Milch und Kä­se her­kom­men“, sagt Pe­ka. Sei­ne Fa­mi­lie be­wohnt mitt­ler­wei­le ei­ne Woh­nung auf dem Hof. Er selbst hat zwi­schen­zeit­lich ei­nen Melk­kurs in Kemp­ten ab­sol­viert. „Die ha­ben’s am An­fang nicht ge­glaubt“, sagt Pe­ka la­chend. „Das war ein High­light.“An­fäng­li­che Ir­ri­ta­tio­nen? Ja si­cher. Vor­be­hal­te? „Ich ge­he im­mer of­fen und un­vor­ein­ge­nom­men auf die Men­schen zu“, sagt Pe­ka, der mitt­ler­wei­le die deut­sche Staats­bür­ger­schaft an­ge­nom­men hat. „Das än­dert vie­les.“So hält er es bei der Ar­beit wie auch an sei­nem Wohn­ort, wo er in der AH-Mann­schaft kickt und ger­ne das Bier aus dem Kal­ten­ta­ler Brau­haus ge­nießt. „Das All­gäu ist mei­ne Hei­mat“, sagt er. „Hier bin ich da­heim.“

Bun­tes Trio auf ei­ner Le­bens­mit­tel Mes­se in Mün­chen: Va­len­tin Pe­ka in Le­der­ho­se mit Da­ni­el und Alois Ho­fer (links).

Fo­tos: Ho­fer/Wild

Tier­lie­ber In­ge­nieur: Die Stall­ar­beit ist für Va­len­tin Pe­ka der Aus­gleich für die Ar­beit im Prüf­la­bor.

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