Die Ach­se der Eta­b­lier­ten

Wenn es für den Welt­meis­ter mit der Ti­tel­ver­tei­di­gung et­was wer­den soll, müs­sen vor al­lem Er­folgs­ga­ran­ten von 2014 wie­der funk­tio­nie­ren. Ei­ner un­ter ih­nen ganz be­son­ders

Allgäuer Zeitung (Marktoberdorfer Landbote) - - Fußball-wm 2018 - VON CHRIS­TOPH FI­SCHER

Mos­kau Nur noch zwei Ta­ge, aber Joa­chim Löw hat sich lan­ge fest­ge­legt. Bei al­lem In­no­va­ti­ons­wil­len des Bun­des­trai­ners sind die Er­folgs­ga­ran­ten im­mer doch die­je­ni­gen, die vom Tri­umph in Rio de Janei­ro 2014 üb­rig ge­blie­ben sind. Manuel Neu­er, Mats Hum­mels, Jé­rô­me Boateng, Sa­mi Khe­di­ra, To­ni Kroos und Tho­mas Mül­ler. Wenn die Welt­meis­ter funk­tio­nie­ren, funk­tio­niert viel­leicht auch die Mis­si­on Ti­tel­ver­tei­di­gung bei der Welt­meis­ter­schaft in Russ­land. Und von al­len könn­te To­ni Kroos am En­de der Wich­tigs­te sein.

Kroos ist der er­folg­reichs­te deut­sche Na­tio­nal­spie­ler der Ge­gen­wart. Drei­mal hin­ter­ein­an­der hat er die Cham­pi­ons Le­ague mit Re­al Ma­drid ge­won­nen, ein­mal mit dem FC Bay­ern Mün­chen. Kroos drängt sich nie in den Vor­der­grund, aber sein Wort gilt in der Mann­schaft und auf dem Po­di­um. Wenn er den man­geln­den Ein­satz der nach­drän­gen­den Na­tio­nal­spie­ler kri­ti­siert, wird das ernst ge­nom­men. „Das wür­de ich auch in Russ­land sa­gen, wenn ich es für not­wen­dig hal­te. Das war kei­ne grund­sätz­li­che Kri­tik nach dem Spiel ge­gen Bra­si­li­en in Ber­lin, aber die Ein­stel­lung hat nicht ge­stimmt, und das geht nicht. Ich bin aber si­cher, dass in Russ­land die Ein­stel­lung stim­men wird.“Kroos ist ei­ner, der auf dem Platz die Rich­tung be­stimmt, er ist es, der das Spiel schnell macht. Und es ver­lang­samt, wenn das ge­bo­ten er­scheint. Nichts ist wirk­lich neu an sei­nem Spiel, aber es bleibt die Ori­en­tie­rung für die an­de­ren. Jupp Heynckes er­kann­te das schnell, kei- ner för­der­te Kroos mehr als er. Kroos ver­dankt Heynckes viel, aber auch Joa­chim Löw hat sei­nen An­teil: „Löw ist ein ab­so­lu­ter Top­trai­ner. Und er hat sich per­ma­nent ver­bes­sert, seit ich ihn 2010 ken­nen­ge­lernt ha­be, sei­ne An­spra­che, sein De­tail­wis­sen, wie er die Mann­schaft ein­stellt, op­ti­mal.“

Nur noch zwei Ta­ge bis zum Auf­takt­spiel ge­gen Me­xi­ko im Lu­sch­ni­ki Sta­di­on am Sonn­tag (17 Uhr). Kroos hält es wie Löw für ei­nen gro­ßen Vor­teil, dass es im deut­schen Spiel ei­ne Ach­se der Eta­b­lier­ten gibt. „Es ist wich­tig, mit Spie­lern zu­sam­men zu spie­len, die schon gro­ße Ti­tel ge­won­nen ha­ben.“Und Kroos hat auch nach größ­ten Er­fol­gen noch das Ver­mö­gen, sich im­mer neu zu mo­ti­vie­ren: „Die Fra­ge nach der Mo­ti­va­ti­on ist schon wich­tig. Und na­tür­lich braucht es nach ei­nem Sieg in der Cham­pi­ons Le­ague ein paar Ta­ge, bis man wei­ter­denkt. Aber ei­ne Welt­meis­ter­schaft ist kei­ne schlech­te Mo­ti­va­ti­on. Wenn man Bra­si­li­en er­lebt hat, will man das noch mal er­le­ben.“

Und sei­ne po­ten­zi­el­len Nach­fol- ger hat er auch schon im Blick: „Jos­hua Kim­mich und Le­on Go­retz­ka wer­den ab­so­lu­te Welt­klas­se­spie­ler.“Der ab­so­lu­te Wil­le und das Selbst­ver­trau­en ei­nes je­den Ein­zel­nen ent­schei­den ei­ne Welt­meis­ter­schaft. Fin­det Kroos. „Der Wil­le, über sich hin­aus­wach­sen zu wol­len, ist ent­schei­dend. Und das Selbst­ver­trau­en. Je­der von uns hat die not­wen­di­ge Klas­se, um ein Tur­nier zu ge­win­nen, aber ent­schei­dend blei­ben Wil­le und Selbst­ver­trau­en.“Kroos ver­fügt über bei­des nach vier Er­fol­gen in der Cham­pi­ons Le­gaue. Und dem Ti­tel von Rio de Janei­ro. Auch Jé­rô­me Boateng ver­strömt in Mos­kau Selbst­be­wusst­sein. Sei­ne Stim­me klingt zwar wie im­mer, stil­bil­dend wird er im­mer erst auf dem Platz. Auf dem Po­di­um be­wegt sich sein Ton oh­ne je­den Aus­schlag nach oben und un­ten. Dar­auf soll­te man den Ab­wehr­stra­te­gen aber nicht re­du­zie­ren. „Wir sind in Mos­kau, um er­folg­reich Fuß­ball zu spie­len. Vor ei­nem Tur­nier wird im­mer über vie­le Din­ge viel ge­re­det, und des­halb ist es gut, dass es am Sonn­tag los­geht“, sagt er.

Spe­ku­la­tio­nen über sei­nen be­vor­ste­hen­den Wech­sel und die Frei­ga­beer­klä­rung von Bay­ern-Vor­stand Karl-Heinz Rum­me­nig­ge in­ter­es­sie­ren Boateng nicht: „Ich weiß nicht, war­um sol­che Aus­sa­gen ge­tä­tigt wer­den. Ich bin bei der Na­tio­nal­mann­schaft, al­les an­de­re in­ter­es­siert mich mo­men­tan über­haupt nicht. Die letz­ten Tur­nie­re ha­ben ge­zeigt, wie wich­tig das ers­te Spiel ist. Wir wol­len auch am Sonn­tag gut aus den Start­lö­chern kom­men.“Al­le sind fit, al­le trai­nie­ren 100 Pro­zent. Dass es zu­letzt in der un­mit­tel­ba­ren Vor­be­rei­tung nicht be­son­ders funk­tio­nier­te, Boateng will das nicht über­be­wer­ten: „Freund­schafts­spie­le sind et­was an­de­res als Tur­nier­spie­le.“Der Rück­griff auf Be­währ­tes muss auch für ei­nen am­tie­ren­den Welt­meis­ter nichts Un­mo­der­nes sein. Der Bun­des­trai­ner weiß, dass er sich auf die Ach­se der Eta­b­lier­ten ver­las­sen kann. In Ka­tar 2022 sol­len es dann die Nach­fol­ger rich­ten. Aber in Russ­land geht es noch mal um Neu­er, Hum­mels, Khe­di­ra und Mül­ler – und Boateng. Und vor al­lem um Kroos.

Fo­to: Pa­trik Stol­larz, dpa

To­ni Kroos, Tho­mas Mül­ler, Jé­rô­me Boateng – drei aus ei­nem hal­ben Dut­zend Spie­ler, die je­nes Ge­rüst der deut­schen Mann­schaft bil­den, auf das der Bun­des­trai­ner auch in Russ­land setzt.

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