Der Va­ter woll­te sich noch ein­mal ver­ab­schie­den

Astrowoche - - Magische Geschichten -

Mei­ne ma­gi­sche Ge­schich­te ha­be ich nicht selbst er­lebt, mei­ne Mut­ter hat sie mir er­zählt. Sie hat­te als Kind die Schre­cken des Zwei­ten Welt­kriegs mit­er­lebt. Vie­le Näch­te lang kau­er­te sie mit ih­rem Bru­der zit­ternd an der Sei­te mei­ner Groß­mut­ter im Luft­schutz­kel­ler und hoff­te und bang­te, dass sie auch dies­mal un­be­scha­det durch die Nacht kom­men wür­den. Mei­ne Oma muss­te das al­lein durch­ste­hen, wie die meis­ten wehr­fä­hi­gen Män­ner war auch mein Opa als Sol­dat im Ein­satz. Die An­grif­fe ka­men im­mer häu­fi­ger, ir­gend­wann ging mei­ne Oma auf das An­ge­bot von Ver­wand­ten ein, zu ih­nen aufs Land zu zie­hen. Oma, Mut­ter und mein On­kel mach­ten sich auf den be­schwer­li­chen Weg ins Sau­er­land und fan­den dort tat­säch­lich ein klei­nes biss­chen mehr Ru­he. Im Früh­jahr 1945, kurz vor En­de des Krie­ges, passierte dann das Un­ge­wöhn­li­che: Mei­ne Mut­ter war auf dem Weg in den Kel­ler, als sie plötz­lich ei­nen Mann vor sich ste­hen sah. Sie schrie auf, dann blick­te sie ge­nau­er hin: Der Mann in Uni­form war ihr Va­ter. Sie rief: Pa­pa, du bist da? Doch es kam kei­ne Ant­wort und als sie das Licht an­knips­te, war die Gestalt ver­schwun­den. Trau­ri­ger­wei­se soll­te mein Opa nicht mehr aus dem Krieg heim­keh­ren. Er galt jah­re­lang als ver­misst, bis die Nach­richt kam, dass er im Früh­jahr 1945 ge­fal­len war. Mei­ne Mut­ter ist, wie üb­ri­gens auch mei­ne Oma, da­von über­zeugt, dass sich der Va­ter noch ein­mal von ihr ver­ab­schie­den woll­te.

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