Mein Va­ter

gab mir das ver­spro­che­ne Zei­chen

Astrowoche - - Magische Geschichten - S. Sch. aus Fl­int­bek

Es war im Früh­som­mer vor ein paar Jah­ren. Mein Va­ter und ich sa­ßen bei ei­nem Glas Wein zu­sam­men und ge­nos­sen den Abend, un­se­re Ge­sprä­che, un­ser La­chen und un­ser gu­tes Ein­ver­neh­men. Das Ge­spräch kam auf das The­ma Le­ben nach dem Tod. Mein Va­ter war der An­sicht, dass es kein Le­ben nach dem Tod ge­ben kann und der Mensch ein­fach mit sei­nem letz­ten Atem­zug „ab­ge­schal­tet“wird wie ei­ne Ma­schi­ne. Ich war da ganz an­de­rer Mei­nung. Ich be­rich­te­te ihm von den vie­len Ge­schich­ten Hin­ter­blie­be­ner, die glaub­haft von Zei­chen ih­rer ver­stor­be­nen An­ge­hö­ri­gen er­zähl­ten. Sol­che Ge­sprä­che ge­hör­ten da­mals zu mei­nem Be­ruf als Pfle­ge-Ma­na­ge­rin da­zu. Mein Va­ter wie auch ich hat­ten bei­de den glei­chen sar­kas­ti­schen Hu­mor und be­schlos­sen, dass der­je­ni­ge von uns, der zu­erst geht, dem an­de­ren ein Zei­chen ge­ben wird – vor­aus­ge­setzt, dass es mög­lich ist. So schlug mein Va­ter schmun­zelnd vor, dass er aus dem Jen­seits mei­nem al­ten Ted­dy ei­nen or­dent­li­chen Klaps auf den Hin­ter­kopf ver­pas­sen wür­de, so­dass er um­fällt. Mein al­tes Bär­chen sitzt seit Jah­ren auf ei­nem klei­nen Holz­pferd am Fens­ter. Wir hat­ten un­se­re Ver­ein­ba­rung längst ver­ges­sen, als mein Va­ter ganz un­er­war­tet im Früh­ling 2010 ver­starb. Ich konn­te die Nach­richt, dass er am frü­hen Mor­gen sanft ein­ge­schla­fen war, kaum fas­sen. Ein lan­ger, nach­denk­li­cher Spa­zier­gang folg­te und als ich mei­ne Woh­nung wie­der be­trat, muss­te ich la­chen: Mein Ted­dy aus Kin­der­ta­gen war seit­lich vom Holz­pferd ge­fal­len und lehn­te nach vorn ge­beugt am Fens­ter­rah­men! Noch nie hat­te sich der Bär in sei­ner Hal­tung ver­än­dert, kein Stoß, Wind­hauch oder Ähn­li­ches hat­te ihn je­mals vom Pferd ge­wor­fen. So ist es auch heu­te noch. Nur an die­sem ei­nen Früh­lings­tag kipp­te mein Bär­chen um, ei­ni­ge St­un­den, nach­dem mein Va­ter ge­gan­gen war. Ich bin mir heu­te si­cher, dass sich mein Va­ter an un­se­re Ver­ein­ba­rung er­in­nert und mir das ab­ge­spro­che­ne Zei­chen ge­ge­ben hat. Noch im­mer läch­le ich bei die­ser Er­in­ne­rung und freue mich, dass er gut an­ge­kom­men ist.

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