Mei­ne Spe­zi­al-The­ra­pie

Astrowoche - - Das Titelthema Der Woche -

In man­chen Se­mi­na­ren füh­re ich ei­ne Übung durch, um das „Dis­tanz-Nä­he-Pro­blem“zu de­mons­trie­ren. Die­se Übung ist dann be­son­ders sinn­voll, wenn in ei­ner Be­zie­hung Pro­ble­me auf­tre­ten. Sie geht fol­gen­der­ma­ßen: Ich bit­te die bei­den Part­ner – sa­gen wir Part­ner A und Part­ner B – sich in ei­nem grö­ße­ren Ab­stand von­ein­an­der auf­zu­stel­len. Dann bit­te ich bei­de, sich für ei­ne Mi­nu­te lang an­zu­se­hen. Auf mein Zei­chen hin be­ginnt Part­ner B sich lang­sam in Rich­tung Part­ner A zu be­we­gen. Er soll da­bei ge­nau spü­ren, was er emp­fin­det. Genau­so bit­te ich Part­ner A zu spü­ren, was in ihm vor­geht, wäh­rend sich der an­de­re ihm nä­hert. Zu­vor ha­be ich den Teil­neh­mern ge­sagt, dass man nur so­weit ge­hen soll, wie es sich gut an­fühlt. Das gilt für bei­de Part­ner. In al­ler Re­gel pas­siert Fol­gen­des. Part­ner B, der sich dem an­de­ren nä­hert, be­kommt ir­gend­wann von Part­ner A si­gna­li­siert, dass er nicht wei­ter­ge­hen soll. Er hät­te jetzt ge­nau den Ab­stand er­reicht, der als an­ge­nehm emp­fun­den wird. Jetzt kommt es dar­auf an, ob Part­ner B da­mit ein­ver­stan­den ist oder, ob er von sich aus ei­gent­lich wei­ter hät­te ge­hen wol­len. Ist dies der Fall, ver­weist das auf ein Pro­blem und zwar der­art, dass bei­de ein un­ter­schied­li­ches Dis­tanz-Nä­he-Ver- hält­nis be­sit­zen. Der ei­ne will mehr Nä­he als der an­de­re. Das er­staun­li­che nun ist Fol­gen­des: Wenn man die­se Übung um­kehrt, al­so B bleibt ste­hen und A nä­hert sich ihm, ge­schieht das Glei­che in um­ge­kehr­ter Form : Part­ner A will jetzt, wo er auf B zu­geht, mehr Nä­he, als für Part­ner B an­ge­nehm ist. Wie ge­sagt, sol­che Dif­fe­ren­zen ver­wei­sen auf Pro­ble­me in der Be­zie­hung und kön­nen dann, wenn sie über die­se Übung sicht­bar ge­macht wur­den, an­ge­spro­chen und ge­klärt wer­den. In der Zwi­schen­zeit füh­re ich die­se Übung auch dann durch, wenn je­mand ge­ra­de kei­nen Part­ner hat. Ich bit­te so je­man­den, sich vor­zu­stel­len, ein ima­gi­nä­rer Part­ner wür­de an die­sem Be­zie­hungs­spiel teil­neh­men. Man stellt sich al­so vor, man wür­de auf je­man­den zu ge­hen, der gar nicht re­al exis­tiert, bzw. man stellt sich vor, dass je­mand auf ei­nen zu­kommt, der nicht re­al exis­tiert. Auch da­bei er­ge­ben sich häu­fig in­ter­es­san­te Din­ge: Meis­tens ist der Im­puls, auf je­man­den (auch wenn er nur ima­gi­när exis­tiert) zu­zu­ge­hen, stär­ker als der, wenn der an­de­re auf ei­nen zu­kommt. Im rea­len Le­ben führt das dann da­zu, dass man Men­schen ab­wehrt, aber zu­gleich sich wünscht, dass sie nä­her kom­men. Aber auf die­se Wei­se wer­den po­ten­ti­el­le Be­geg­nun­gen ver­hin­dert.

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