LE­BENS­HIL­FE MA­GIE

Was wir von den Bäu­men ler­nen kön­nen.

Astrowoche - - Inhalt -

Oft schon bin ich von Gar­ten­be­sit­zern ge­fragt wor­den, ob ih­re Bäu­me nicht zu dicht ne­ben­ein­an­der stän­den. Schließ­lich wür­den sie sich ge­gen­sei­tig Licht und Was­ser weg­neh­men. Die­se Sor­ge stammt aus der Forst­wirt­schaft. Dort sol­len die Stäm­me mög­lichst schnell dick und ern­ter­eif wer­den, und hier­für brau­chen sie viel Platz und ei­ne gleich­mä­ßig run­de gro­ße Kro­ne. Da­zu wer­den sie in re­gel­mä­ßi­gem Tur­nus von fünf Jah­ren im­mer wie­der von ver­meint­li­chen Kon­kur­ren­ten be­freit, in­dem man die­se fällt. Klingt es nicht lo­gisch, dass ein Baum bes­ser wächst, wenn er von läs­ti­ger Kon­kur­renz be­freit wird, viel Son­nen­licht in der Kro­ne und je­de Men­ge Was­ser um die Wur­zeln zur Ver­fü­gung hat? Für Ex­em­pla­re, die ver­schie­de­nen Spe­zi­es an­ge­hö­ren, trifft das tat­säch­lich zu. Sie kämp­fen wirk­lich ge­gen­ein­an­der um die lo­ka­len Res­sour­cen. Bei Bäu­men der­sel­ben Art hin­ge­gen ist die La­ge an­ders. Et­wa Bu­chen sind zu Freund­schaf­ten fä­hig und füt­tern sich so­gar ge­gen­sei­tig. Ein Wald hat of­fen­bar kein In­ter­es­se dar­an, schwä­che­re Mit­glie­der zu ver­lie­ren. Je­der Baum kann sich frei ent­fal­ten und sein Le­ben in­di­vi­du­ell füh­ren. Meis­tens, denn zu­min­dest die Bu­chen schei­nen gro­ßen Wert auf aus­glei­chen­de Ge­rech­tig­keit zu le­gen. Die Bäu­me syn­chro­ni­sie­ren sich der­ar­tig, dass al­le die glei­che Leis­tung er­brin­gen. Und das ist nicht selbst­ver­ständ­lich. Je­de Bu­che steht auf ei­nem ein­zig­ar­ti­gen Platz. Ob der Bo­den stei­nig oder sehr lo­cker ist, viel Was­ser oder kaum et­was spei­chert, ein rei­ches Nähr­stoff­an­ge­bot be­reit hält oder ex­trem karg ist – die Be­din­gun­gen kön­nen in­ner­halb we­ni­ger Me­ter stark von­ein­an­der ab­wei­chen. Die Bäu­me glei­chen Schwä­chen und Stär­ken un­ter­ein­an­der aus. Egal ob dick oder dünn, al­le Art­ge­nos­sen pro­du­zie­ren pro Blatt mit­hil­fe des Lichts ähn­lich gro­ße Men­gen an Zu­cker. Der Aus­gleich ge­schieht un­ter­ir­disch durch die Wur­zeln. Wer viel hat, gibt ab, wer ein ar­mer Schlu­cker ist, be­kommt Hilfs­lie­fe­run­gen. Hilft man ein­zel­nen Ex­em­pla­ren, ih­re ver­meint­li­che Kon­kur­renz los­zu­wer­den, dann wer­den die ver­blei­ben­den Bäu­me zu Ein­sied­lern. Die Kon­tak­te zu den Nach­barn lau­fen ins Lee­re, da dort nur noch Stümp­fe ste­hen. Da­durch wach­sen sie zwar bes­ser, sind fit und le­ben doch nicht be­son­ders lang. Denn ein Baum kann im­mer nur so gut sein wie der ihn um­ge­ben­de Wald. Und dort ste­hen nun auch vie­le Ver­lie­ren. Schwä­che­re Mit­glie­der, die frü­her von stär­ke­ren un­ter­stützt wur­den, ge­ra­ten auf ein­mal ins Hin­ter­tref­fen. Sie wer­den nun leich­ter Op­fer von In­sek­ten und Pil­zen. Ist so et­was nicht im Sin­ne der Evo­lu­ti­on, wo nur die Stärks­ten über­le­ben? Bäu­me wür­den dar­über nur den Kopf be­zie­hungs­wei­se die Kro­ne schüt­teln. Ihr Wohl hängt von der Ge­mein­schaft ab. Auch star­ke Bäu­me er­kran­ken im Lau­fe ih­res Le­bens mehr­mals und sind in sol­chen Si­tua­tio­nen auf die Un­ter­stüt­zung schwä­che­rer Nach­barn an­ge­wie­sen. Gibt es die­se nicht mehr, dann reicht ein harm­lo­ser In­sek­ten­be­fall, um das Schick­sal so­gar von Gi­gan­ten zu be­sie­geln.

Je­der Baum ist al­so wert­voll für die Ge­mein­schaft und ver­dient es, so lan­ge wie mög­lich er­hal­ten zu wer­den. Da­her un­ter­stützt man so­gar kran­ke Ex­em­pla­re und ver­sorgt sie mit Nähr­stof­fen, bis es ih­nen wie­der bes­ser geht. Beim nächs­ten Mal ist es viel­leicht um­ge­kehrt und der Un­ter­stüt­zer­baum bracht sei­ner­seits Hil­fe. Mich er­in­nern di­cke, sil­ber­graue Bu­chen, die sich so ver­hal­ten, an ei­ne Ele­fan­ten­her­de. Auch sie küm­mert sich um ih­re Mit­glie­der, hilft Kran­ken und Schwa­chen auf die Bei­ne und lässt selbst to­te An­ge­hö­ri­ge nur un­gern zu­rück. Die­se Baum-Freund­schaf­ten sind teils so in­nig, sie sind so über die Wur­zeln ver­bun­den, dass sie manch­mal so­gar ge­mein­sam ster­ben.

Mög­li­cher­wei­se sitzt in den Wur­zeln das Ge­hirn des Baums. Ge­hirn? Ist das nicht zu weit her­ge­holt? Mög­li­cher­wei­se, doch wenn wir wis­sen, dass Bäu- me ler­nen kön­nen, mit­hin al­so Er­fah­run­gen ab­spei­chern, dann muss es da­für auch ei­nen ent­spre­chen­den Ort ge­ben. Für ein Ge­hirn braucht es nach un­se­rem Ver­ständ­nis neu­ro­na­le Pro­zes­se und zu die­sen ge­hö­ren ne­ben Bo­ten­stof­fen auch elek­tri­sche Strö­me. Kön­nen Pflan­zen al­so den­ken, sind sie in­tel­li­gent? Dar­über ist seit vie­len Jah­ren ein hef­ti­ger Streit un­ter Wis­sen­schaft­lern ent­brannt. Fran­ti­sek Ba­lus­ka vom In­sti­tut für zel­lu­lä­re und mo­le­ku­la­re Botanik der Uni­ver­si­tät Bonn ist der Mei­nung, dass sich in den Wur­zel­spit­zen ge­hir­n­ähn­li­che Struk­tu­ren be­fin­den. Ne­ben der Si­gnal­lei­tung gibt es et­li­che An­la­gen und Mo­le­kü­le, die so ähn­lich auch bei Tie­ren zu fin­den sind. Tas­tet sich die Wur­zel im Bo­den vor­wärts, so kann sie Rei­ze auf­neh­men. Sto­ßen sie auf gif­ti­ge Sub­stan­zen, un­durch­dring­li­che St­ei­ne oder zu nas­se Be­rei­che, dann ana­ly­sie­ren sie die La­ge und ge­ben die not­wen­di­gen Än­de­run­gen an die Wuchs­zo­ne wei­ter. Sit­zen hier al­so In­tel­li­genz, Er­in­ne­rungs­ver­mö­gen und Emo­tio­nen?

Ver­wischt hier die Gren­ze zwi­schen Pflan­zen und Tie­ren? Die Tren­nung ist oh­ne­hin will­kür­lich ge­wählt und an der Art der Nah­rungs­be­schaf­fung auf­ge­hängt: Die ei­ne be­treibt Fo­to­syn­the­se, das an­de­re frisst Le­be­we­sen. Gro­ße Un­ter­schie­de gibt es letzt­end­lich nur noch in der Zeit­span­ne, in der In­for­ma­tio­nen ver­ar­bei­tet und in Hand­lun­gen um­ge­setzt wer­den. Doch sind lang­sa­me We­sen au­to­ma­tisch min­der­wer­ti­ger als schnel­le?

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