Ma­gi­sche Ge­schich­ten.

Ein Miss­ge­schick hat mir die gro­ße Lie­be ge­schenkt.

Astrowoche - - Inhalt - Ma­ria W. aus Ham­burg

Als mei­ne ma­gi­sche Ge­schich­te be­gann, hat­te ich ge­ra­de mei­ne Prü­fung als As­sis­tenz­ärz­tin be­stan­den. Mein Chef, der mit Pa­pier­kram so gut wie nichts am Hut hat­te, ver­miss­te ei­nes Ta­ges das Be­wer­bungs­schrei­ben ei­nes jun­gen Dok­tor­ran­den. Ein Kol­le­ge von ei­ner an­de­ren Sta­ti­on, der den jun­gen Mann of­fen­bar nicht brau­chen konn­te, hat­te mei­nem Chef den Brief­um­schlag mit der Be­wer­bung auf dem Kran­ken­haus­flur in die Hand ge­drückt. „Du suchst doch ei­nen neu­en Dok­tor­ran­den“, sag­te er. Lei­der war der Brief­um­schlag spä­ter spur­los ver­schwun­den, ein­fach un­auf­find­bar. Auf Ge­heiß mei­nes Chefs stell­te ich das gan­ze Bü­ro auf den Kopf. Als ich schon auf­ge­ben woll­te, lös­te sich mein Na­mens­schild und rutsch­te un­ter den Schreib­tisch. Als ich es auf­he­ben woll­te, fiel mein Blick un­will­kür­lich in den Pa­pier­korb. Der ver­miss­te Brief­um­schlag lag gleich oben auf. Ich öff­ne­te ihn und fand dar­in ne­ben dem Be­wer­bungs­schrei­ben das Fo­to ei­nes gut aus­se­hen­den Man­nes, in das ich mich auf An­hieb ver­lieb­te. Er hieß Ma­xi­mi­li­an und war fünf Jah­re äl­ter als ich. Mein Chef stu­dier­te das Be­wer­bungs­schrei­ben sehr ge­nau und stell­te ihn auch tat­säch­lich ein. Schon ein paar Ta­ge spä­ter hat mich mein neu­er Kol­le­ge, und auch gleich­zei­tig neu­er Vor­ge­setz­ter, heim­lich zum Abend­es­sen ein­ge­la­den. „Ich glau­be, wir ha­ben die­sel­be Wel­len­län­ge“, flüs­ter­te er mir zu. Zu­erst war ich un­si­cher, ob er es ernst mein­te, aber da hat­te ich die Rech­nung oh­ne Ma­xi­mi­li­an ge­macht. Es wur­de ein wun­der­schö­ner Abend und ich war un­sag­bar glück­lich. Ma­xi­mi­li­an war in mich ge­nau so ver­liebt wie ich in ihn. Tags­über im Di­enst war es nicht im­mer so ganz leicht, un­se­re Lie­be zu ver­ste­cken. Denn un­ser Chef sah so ein Ver­hält­nis gar nicht gern. Und nicht nur ich, auch un­ser Chef fand Ge­fal­len an sei­nem jun­gen Dok­tor­ran­den. Mit 68 Jah­ren stieg er aus und über­ließ ihm den Pos­ten als Chef­arzt. Zwei Jah­re spä­ter mel­de­te sich un­ser ers­tes Kind an, und wir ha­ben ge­hei­ra­tet. In­zwi­schen fei­ern wir bald Sil­ber­hoch­zeit und un­se­re bei­den Söh­ne sind längst ver­hei­ra­tet. Den al­ten Pa­pier­korb, in dem ich einst die Lie­be mei­nes Le­bens fand, gibt es noch im­mer, er hat in un­se­rem Haus ei­nen Eh­ren­platz.

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