Die Stra­te­gie der ge­ziel­ten Pro­vo­ka­tio­nen

„Es fehlt Ge­rät an al­len Ecken und En­den.“Spit­zen­kan­di­da­ten Der na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ve In­tel­lek­tu­el­le Alex­an­der Gau­land und die Öko­no­min Ali­ce Wei­del wol­len die AFD in den Bun­des­tag brin­gen. Sie wis­sen, wie sie mit Ta­bu­brü­chen auf sich auf­merk­sam ma­chen kön

Augsburger Allgemeine (Ausgabe Stadt) - - Politik - VON MAR­TIN FER­BER Fo­tos: Se­bas­ti­an Goll­now, dpa

Der Wehr­be­auf­trag­te der Bun­des­wehr, Hans Pe­ter Bar­tels, auf die Fra­ge, wie gut die Trup­pe für Aus­lands­ein­sät­ze aus­ge­stat­tet ist Ber­lin/mag­de­burg Der Kampf um die Vor­herr­schaft auf dem alt­ehr­wür­di­gen Mag­de­bur­ger Dom­platz wird mit Laut­spre­chern aus­ge­tra­gen. Die AFD schickt ei­ne Mez­zo­so­pra­nis­tin ins Ren­nen, die mit ih­rer Stimm­ge­walt Volks­lie­der wie „Kein schö­ner Land in die­ser Zeit“oder „Die Ge­dan­ken sind frei“vor­trägt. Trotz der ge­wal­ti­gen An­la­ge auf der Büh­ne dringt sie nur schwer durch. Denn die Ge­gen­de­mons­tran­ten, die mit „Na­zis raus“-ru­fen auf­mar­schie­ren, stel­len ei­nen Klein­trans­por­ter auf, des­sen La­de­flä­che mit gro­ßen Bo­xen ge­füllt ist, und kon­tern mit laut­star­kem Hard­rock oder Punk.

„Die­ser Wahl­kampf ist schwie­rig für uns“, stöhnt Afd-spit­zen­kan­di­dat Alex­an­der Gau­land, der sich trotz sei­ner 76 Jah­re ein stram­mes Pro­gramm zu­mu­tet und seit Mit­te Ju­li durch Deutsch­land tourt. Die Stim­mung sei ag­gres­siv bis feind­lich, die „Sys­tem­me­di­en“hät­ten sich ge­gen sei­ne Par­tei ver­schwo­ren und die „Kon­senspar­tei­en“wür­den al­les tun, um die un­lieb­sa­me Kon­kur­renz zu ver­hin­dern. Doch das sta­chelt Gau­land erst recht an: „Hal­tet zu­sam­men und lasst euch von de­nen, die um ih­re Sit­ze und ih­re Pf­rün­de fürch­ten, nicht weis­ma­chen, wir sei­en die Schlech­ten. Wir sind die Gu­ten!“, ruft er sei­nen An­hän­gern zu, die sich trotz ei­nes Re­gen­gus­ses vor der Ku­lis­se des go­ti­schen Doms ver­sam­melt ha­ben.

Ger­ne in­sze­niert sich Alex­an­der Gau­land, der seit sei­ner Zeit als Pres­se­at­ta­ché am Ge­ne­ral­kon­su­lat in Edin­burgh in den 70er Jah­ren ger­ne wie ein ge­pfleg­ter eng­li­scher Land­lord auf­tritt, als na­tio­nal­kon­ser­va­ti­ver In­tel­lek­tu­el­ler. Da­bei ge­hör­te er einst dem li­be­ra­len Flü­gel der CDU an. An der Sei­te von Wal­ter Wall­mann, dem Gau­land als per­sön­li­cher Re­fe­rent und Chef der Staats­kanz­lei dien­te, mo­der­ni­sier­te er in den spä­ten 70er und 80er Jah­ren die Uni­on und öff­ne­te sie ein Stück dem Zeit­geist. Wall­mann war einst Frank­fur­ter OB, Bun­des­um­welt­mi­nis­ter und hes­si­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent. „Das wa­ren an­de­re Zei­ten“, sagt Gau­land da­zu. Heu­te ge­he es dar­um, Deutsch­land zu ret­ten. „Wir wol­len nicht die Fuß­ab­tre­ter der Welt sein. Wir ver­tei­di­gen die­ses Land ge­gen mil­lio­nen­fa­che Ein­wan­de­rung.“Der Is­lam ge­hö­re nicht zu Deutsch­land, man wol­le kei­ne of­fe­nen Gren­zen und man las­se sich nicht weg­neh­men, „was un­se­re Vä­ter und Vor­vä­ter ge­schaf­fen ha­ben“.

Das ist es, was vie­le hö­ren wol­len. Nicht nur in Mag­de­burg, wo die AFD bei den Land­tags­wah­len aus dem Stand auf fast 25 Pro­zent kam, son­dern über­all in Deutsch­land gibt es Angst vor der Zu­kunft und hef­ti­ge Kri­tik an der Flücht­lings­po­li­tik der Bun­des­kanz­le­rin. Und Gau­land, der mit al­len Was­sern ge­wa­sche­ne Po­li­tik-pro­fi, weiß ge­nau, wie man die­se Stim­mun­gen für sich nut­zen kann. In der AFD, zu de­ren Grün- dungs­mit­glie­dern er ge­hört, ist der seit der Wen­de in Bran­den­burg le­ben­de frü­he­re Her­aus­ge­ber der Mär­ki­schen All­ge­mei­nen längst der ei­gent­lich star­ke Mann. Zu­sam­men mit Björn Hö­cke aus Thü­rin­gen und An­dré Pog­gen­burg vom rech­ten Flü­gel bil­det er das ei­gent­li­che Kraft­zen­trum. So gilt als si­cher, dass Gau­land nach der Wahl Frak­ti­ons­chef der AFD im Bun­des­tag wird, wo­mit er sei­ne Macht noch aus­baut.

Da­ge­gen ist of­fen, was aus der Co-spit­zen­kan­di­da­tin Ali­ce Wei­del nach der Wahl wird. Ei­gent­lich war die 38-jäh­ri­ge Öko­no­min mit dem stets streng nach hin­ten ge­bun­de­nen blon­den Pfer­de­schwanz, die in ei­ner ein­ge­tra­ge­nen Le­bens­part­ner­schaft mit ei­ner aus Sri Lan­ka stam­men­den Fil­me­ma­che­rin in der Schweiz lebt, nur ge­kürt wor­den, um die um­strit­te­ne Frau­ke Pe­try zu ver­hin­dern.

Zu­dem soll­te sie ein an­de­res Ge­sicht der AFD ver­kör­pern: jung, gleich­ge­schlecht­lich, li­be­ral, ge­bil­det, kos­mo­po­li­tisch. Oder doch ein Fei­gen­blatt, das den Vor­wurf, die AFD sei ei­ne rein rück­wärts­ge­wand­te, völ­ki­sche und aus­län­der­feind­li­che Par­tei, al­lein durch die Bio­gra­fie wi­der­le­gen soll­te? Bei den Wahl­kampf­auf­trit­ten zeigt sich ei­ne an­de­re Wei­del: we­der li­be­ral noch welt­of­fen, son­dern in man­chen An­sich­ten noch ra­di­ka­ler als der bür­ger­li­che Gau­land. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nennt sie mit Ver­ach­tung „Ex­tre­mis­mus­kanz­le­rin“. Un­ter dem Ju­bel der An­hän­ger („Mer­kel muss weg!“) for­dert sie laut­stark, die Re­gie­rungs­che­fin müs­se vor ein Ge­richt ge­stellt wer­den, weil sie Deutsch­land ei­nem „Mob“aus­ge­lie­fert ha­be, als sie 2015 die Gren­zen ge­öff­net hat. Man müs­se nur mal im In­ter­net die bei­den Wor­te „Mann“und „Mes­ser“ein­ge­ben, um zu se­hen, was in Deutsch­land mitt­ler­wei­le los sei.

Die Kunst der ge­ziel­ten Pro­vo­ka­tio­nen und der gut plat­zier­ten Ta­bu­brü­che, die der AFD zu­sätz­li­che Auf­merk­sam­keit be­sche­ren und die Rei­hen nach in­nen schlie­ßen, be­herr­schen Gau­land wie Wei­del per­fekt. Die Me­tho­de, die be­reits in ei­nem in­ter­nen Stra­te­gie­pa­pier für die Bun­des­tags­wahl emp­foh­len wur­de, folgt stets dem glei­chen Mus­ter: Erst kommt es zum Eklat, da­nach will man es nicht so ge­meint ha­ben. So war es, als Gau­land sag­te, man wol­le ei­nen wie Jé­rô­me Boateng nicht als Nach­barn ha­ben, als er for­der­te, die Staats­mi­nis­te­rin im Kanz­ler­amt, Ay­dan Özo­guz (SPD), in Ana­to­li­en zu „ent­sor­gen“oder als er sich jetzt da­für aus­sprach, mit „Stolz“auf die Wehr­macht zu bli­cken. Und so war es auch, als Wei­del wut­ent­brannt ei­ne Wahl­sen­dung des ver­ließ und den „Staats­me­di­en“Par­tei­lich­keit vor­warf. An der Ba­sis kommt das an. In den so­zia­len Netz­wer­ken wer­den die bei­den Spit­zen­kan­di­da­ten ge­fei­ert. Der öf­fent­li­che Sturm der Ent­rüs­tung ist die bes­te Wahl­wer­bung – und kos­ten­los da­zu.

Die Stra­te­gie der AFD, sich als An­walt der klei­nen Leu­te, der Zu­kurz­ge­kom­me­nen und der Be­nach­tei­lig­ten so­wie als Be­wah­re­rin der deut­schen Wer­te und Tra­di­tio­nen zu prä­sen­tie­ren und sich gleich­zei­tig als Op­fer ei­ner Kam­pa­gne der eta­b­lier­ten Par­tei­en und der Me­di­en zu in­sze­nie­ren, geht auf. Ver­pass­te die Par­tei vor vier Jah­ren noch knapp den Ein­zug in den Bun­des­tag, könn­te sie die­ses Mal dritt­stärks­te Par­tei wer­den, in ei­ni­gen ost­deut­schen Län­dern so­gar zweit­stärks­te Kraft.

Das AFD Dop­pel: Ali­ce Wei­del, 38, und Alex­an­der Gau­land, 76, ha­ben es ge­schafft, die Schlag­zei­len zu be­herr­schen. Dass sie ih­re Par­tei in den Bun­des­tag füh­ren wer­den, gilt als ge­si­chert.

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